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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 859 wir nicht stehen. Die Persönlichkeit des Angeklagten und dessen Confessio« kommt gar nicht in Betracht. In Betracht kommt nur, ob wirklich ein solches Motiv zur That in der Rechtsordnung angenommen werden darf. Nach Pflicht und Gewissen muß ich aber entschieden sagen: Nein. Ein solches Motiv, durch welches eine Confession aufs Höchste verletzt und gekränkt wird, weist Recht und Gesetz entschieden zurück, gegen ein solches Motiv, wurzelnd in feindseligen Triebfedern, dem Aberglauben und dem Vorunheile, empört und bäumt sich das Rechtsgefühl. Der Vorsitzende jener Verhandlung bemerkte in seiner an die Geschwornen gerichteten Rechtsbelehrung Folgendes: Meine Herren Geschwornen! Es ist noch ein Gedanke, den ich aussprechen muß: Sie alle wissen, daß in der gegenwärtigen Zeit ein scharfer Riß durch unsere Bevölkerung geht, betreffs der „Judenfrage". Sie wissen, daß die Parteien sich schroff und unvermittelt gegenüberstehen, die Partei der Semiten und die der Antisemiten, zu deutsch die „der Judenfreunde und Judengegner". Wir erleben es täglich in der Unterhaltung, den Zeitschriften u. s. w., daß die gegenwärtige Strafsache nicht nach ihrem inneren Gehalte, sondern je nach der Parteistellung beurtheilt wird. Man hielt sofort den Angeklagten als den Schuldigen, weil er Jude ist, ohne Grund zu haben. Es sind an Sie meine Herren Geschwornen und an uns — Richter — Zuschriften, aufreizende Notizen, tendenziöse Nachrichten und Correspondenzen gekommen. Ich muß Ihnen ans Herz legen, daß Sie Alles dies nicht zu beachten haben. Alles, was Sie auswärts, sei es durch Zeitungen oder in welcher Art inimer gehört haben, müssen Sie abstreifen Der Richter steht aus einer höheren Warte, als auf den Zinnen der Partei. Wir haben in dieser Beziehung die schönen Worte der Bibel zu beachten: „Die Gottheit läßt die Sonne aufgehen über alle Menschen ohne Ausnahme und ohne Unterschied, so rst auch das irdische Recht das gleiche für Alle! So sprachen Staatsanwalt und Vorsitzender m Xantner Processe! Nun zum Schlüsse noch ein Wort: Eigenartig und von kulturhistorischer Bedeutung bleibt aber zur Neige des XlX. Jahrhunderts immerhin der Polnaer Fall; der Haß gegen die Juden hat der verläumderischen Behauptung des Ritualmordes von Neuem Nahrung zugeführt. In den unteren Schichten des Volkes lebt dieser Argwohn noch heute so ungeschwächt fort, wie zur Zeit des Mittelalters und selbst in den intelligenteren Classen hat er Anhänger gefunden — eine höchst beklagenswerthe Erscheinung — ich möchte sagen ein krankhafter Zustand, der die Errungenschaften des XlX. Jahrhundertes verdunkelt. Was unter diesen Umständen bei diesem Processe auf dem Spiele steht, ergibt sich ganz deutlich. Hier kämpft wieder einmal die vorgeschrittene Cultur nicht nur mit den geistig und sittlich zurückgebliebenen Elementen, sondern es kämpft die Lüge mit der Wahrheit. Unwillkürlich erinnern wir uns aber der Worte Zola's, die er seinen Freunden zur Zeit des zweiten Processes Dreyfus zurief: Die Wahrheit ist im Gange, sie läßt sich nicht aufhalten. Ja, meine Hochgeehrten, die Wahrheit bricht sich in unserer Zeit allerdings schwer Bahn, aber sie gelangt endlich doch siegreich zum Durchbruche, die Wahrheit kämpft für uns und der Boden, auf dem wir stehen, ist fest und unerschütterlich. So wie es zu allen Zeiten geschah, so werden wir auch Lug und Trug zu Schanden machen und unser Banner, auf welchem das biblische Wort „Gotteskämpfer" hell erglänzt, wollen wir Hochhalten und in diesem Zeichen ruht unser Sieg. Hierauf wurden die Berichte der einzelnen Sectionen der H a n dw erkerabtheil ung durch deren Obmann Herrn S. L i e b e r s, der Section zur H e r a n b i l d u n g israelitischer Krankenpflegerinnen durch d ren Präsidentin Frau Julie Leisten und endlich der Studentenabtheilung verlesen und beifällig ausgenommen. Bei Vornahme der Ergänzungswahlen in den Ausschuß wurden nachstehende Herren gewählt: Herr Böhm Benedict, Prag „ Buchbinder Leopold, Prag „ Denhof Heinrich, Prag „ Duschenes Friedrich I. U. Dr., Prag „ Fürth Ludwig I. U. Dr., Schüttenhofen „ Glücksmann I., Prag „ Herrenheiser Isidor M. U. Tr., Prag „ Klatscher L. S., Prag „ Mautner Jakob, Prag „ Neustadt! Sig. B., Prag „ Oppenheimer Adolf I. II. Dr., Prag „ Popper Marcus, Prag „ Saar Karl M. II. Dr., Prag „ Schönberger Ignatz, Karolinenthal „ Sommer Leopold, Prag „ Utitz Gotthold. Prag „ Weltsch Theodor I. 1l. Dr., Prag. Ersatzmänner: - Herr Herschmann Philipp, Beneschau „ Stern Philipp M. U. Dr., Lieben. Correspondenzen. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 5. November 1899.) Unter dem Borsitze des Präsidenten kais. Rath H. Kling er. Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben der Preßburger orthodoxen Cultusgemeinde für die durch Herrn Baurath Stiaßny erfolgte Vertretung der Wiener isr. Cultusgemeinde bei der feierlichen Eröffnung einer neuen Schule, und ein Bericht des Herrn Baurathes Stiaßny über den besonders würdigen Verlauf dieser Feier. (Zur Kenntniß.) Im Präsidialberichte gedenkt der Vorsitzende der in der Vorwoche erfolgten definitiven Constituirung des „Allg.-Oest.- Jsr. Bundes" und der ausgezeichneten Leitung dieser Versammlung durch Herrn Dr. Stern, welche in weitesten Kreisen lebhafteste Befriedigung hervorgerufen hat. Der Präsident beglückwünscht den Bund zur Wahl seines Präsidiums. Unter Hinweis auf § 96 des Statutes, welcher die Festsetzung des Budgets spätestens einen Monat vor Ablauf des Jahres verlangt ersucht der Präsident die Herren Obmänner der Sectionen. die Vorarbeiten in den Sectionen zu beschleunigen. Ueber Antrag des Vertreter-Collegiums wird in Uebereinstimmung mit dem Anträge der l. Section dem Herrn Rabbinats- Assessor Fleißig die angesuchte Versetzung in den Ruhestand aus Rücksicht auf sein hohes Alter unter dem Ausdrucke der wärmsten Anerkennung für sein langjähriges hervorragendes Wirken im Wiener Rabbinats-Collegium gewährt. Dem Tempelverein im X. Bezirk wird pro 1899 außer der budgetirten Subvention per fl. 600'— zur Deckung des Gebahrungsdeficites und mit Rücksicht auf die vorgebrachten Umstände, unter bestimmten Bedingungen ausnahmsweise eine außerordentliche Subvention von fl. 700'— bewilligt. Behufs Besetzung der Obercantor-Stelle im Leopoldstädter- Tempel wird beschlossen, einen Concurs mit kurzem Termin auszuschreiben und zwar unter der Voraussetzung, daß der Vorstand an die Ergebnisse dieses Concurses nicht gebunden sei und sich eventuell auch im Berufungswege vorzugehen Vorbehalte. Die Festsetzung der Modalitäten wird dem Vertreter-Collegium im Einvernehmen mit der I. Section überlassen. Nach Erledigung von Personalien wurde die Sitzung geschloffen. Wien. Geehrter Herr Redacteur! In Ihrem Berichte über die Constituirung des Oest. Israel. Bundes wird erwähnt, daß ich mittheilte, „die Jewish-Colonisation habe im Vereine mit der Allianz 40 Boryslawer Familien nach Amerika expedirt". Gestatten Sie mir richtig zu stellen, daß ich sagte, die „Jewish Colonisatkon Association" habe Hunderte von Personen behufs Gründung neuer Existenzen aus Boryslaw in entfernte Länder geschickt und daß die Israel. Allianz in Wien eben jetzt eine recht erhebliche Anzahl in Boryslaw zurückgebliebener Frauen und Kinder ihren Familienvätern nach Amerika nachsendet. Zugleich erlaube ich mir zu bemerken, daß ich nicht — wie es aus Ihrem Berichte hervorgehen könnte — von Wien, sondern als Delegirter der isr. Cultusgemeinde Neu-Sandec in den Ausschuß des Bundes gewählt wurde. Für die Aufnahme dieser Zeilen bestens dankend. Hochachtungsvoll Wilhelm Pappenheim. Przibram. (Ein edler katholischer Priester.) In unserer Zeit ist es wohl wichtig, das humane Benehmen eines katholischen Priesters, das so wohlthuend und geradezu erfrischend im Gegensatz zu ihren dortigen Hetzcaplänen absticht, zu veröffentlichen. Bei dem am 21. October ausgebrochenen Brand in AiroWitz fiel das angrenzende Object des dortigen Tempels, einem Christen gehörend, als Opfer, aber auch der Tempel fing schon Feuer, da die anwesende Menge nicht die geringsten Anstalten traf, zu helfen, und schadenfroh müßig zuschaute. Da kam der katholische Geistliche Pater S m r t dazu und, indem er selbst den Wassereimer ergriff, bat er die Menge, seinem Beispiele zu folgen mit dem Rufe: „Liebe Leute, es ist unsere Ehrensache, daß wir ein Gotteshaus erhalten." Im Laufe einer Viertelstunde war der Tempel auch ganz außer Gefahr. Strakonitz, 6. Noveniber 1899. Die heute beendeten Cultusgemeindewahlen find folgend : Gewählt in den Vorstand: Moritz Saxl. Adolf Fürth, Eduard Fuchs, Edmund Zucker, Heinrich Benisch Abraham Schwarz, Jacob Kraus, Gottlieb Hofmann, Friedrich Kafka, Josef Ehrmann; in den verstärkten Vorstand: Marcus Benisch, Moritz Hollub, Josef Kafka, Karl Anscherkik,

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