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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 857 nichtig erwies. Das Interessanteste in diesem Falle ist aber die Bemerkung eines intelligenten christlichen Bürgers von Piwniczna, der bei Besprechung der Affaire — die ja das dortige Tagesgespräch bildet, sagte: Wie dumm die Bauern diese Sache angestellt haben, denn wenn sie der kleinen Widomska einfach den Hals durchschnitten hätten, wäre nie der Verdacht auf sie gefallen, und man würde blos die Juden hiefür verantwortlich machen. Eine Broschüre Professor Masaryk s eonfiseirl. Aus Prag wird uns gemeldet: Eine Broschüre des Professors Dr. M a s a r y k über den Mädchenmord in Polna und den Proceß in Kuttenberg ist c o n f i s c i r t worden. Den Anlaß zur Confiscation gaben die Anschauungen, zu denen Professor Masaryk auf Grund juristischer und psychologischer Betrachtung über die Polnaer Mordthat gelangt ist und welche von den Annahmen, auf Grund welcher das Kuttenberger Schwurgericht sein Urtheil gefällt hat, wesentlich abweichen. Auch das „Prager Tagblatt", das einen Auszug aus der Broschüre veröffentlicht hatte, wurde c o n f i s c i r t. Professor Masaryk weist nach, daß der Mord nicht an der Stelle verübt worden, wo man die Leiche fand, sondern zuhause im Dorfe. Ausruf! Die traurigen Vorkommnisse in Mähren, sowie, daß unser kleiner Cultusverein, bestehend aus 25 Mitgliedern, hart betroffen wurde, sind aus den Tagesblättern genügend bekannt. Nicht nur, daß sämmtlichen Glaubensgenossen die Fensterscheiben zertrümmert und vielen die Fensterrahnen herausgerissen und die Hausthore demolirt wurden, sind auch denselben von dem wüthenden Pöbel die Maaren in ihren Geschäftslocalen vernichtet, geraubt und geplündert worden. Auch an unserem Gotteshause, welch»s wir vor 3 Jahren mit großen Opfern erbauten, sind durch Steinwürfe sämmtliche Fenster zertrümmert und beschädigt worden. Bei Erbauung unseres Gotteshauses gaben wir uns der Hoffnung hin, daß wir bei normalen Verhältnissen im Laufe der Jahre die hiebei entstandenen Schulden von 8000 fl. aus eigenen Mitteln abstatten werden, weshalb wir seinerzeit die öffentliche Wohlthätigkeit nicht in Anspruch nahmen. Durch die heute eingetretenen unglücklichen Zustände, und zwar infolge Boycotts gewissenloser Agitatore sind wir in unserer Existenz derart geschädigt, daß wir leider nicht in der Lage sind, unseren Verpflichtungen bezüglich Tilgung der Schuldenlast von 8000 fl. nachzukommen. Wir richten daher an alle jüdisch fühlenden Glaubensgenossen die inständigste Bitte, uns durch Zuwendung von Spenden in den Stand zu setzen, um den mit großen Opfern gebildeten Cultusverein und Tempel erhalten zu können. Gott lohne es allen tausendfach, die sich unser in der Bedrängniß annehmen. Allfällige Spenden beliebe man an die löbliche Redaction dieses Blattes oder directe an den Präses des Cultusvereines, Herrn Josef Reiß in Wsetin zu senden. Israelitischer Cultusverein Wsetin, am 5. November 1899. Jos f Reiß. Aufruf! In der Nacht vom 28. auf den 29. d. M. wüthete in unserem Städtchen eine verheerende Feuersbrunst, deren Opfer über 150 der ärmsten Classe angehörendc Familien wurden. Das geringe Hab und Gut dieser Leute wurde total von den Flammen verzehrt, so daß jetzt diese Unglücklichen aller Mittel entblößt und des Daches über ihrem Haupte beraubt, mit Schrecken dem herannahenden Winter entgegensehen. Niemals war eine helfende Hand nöthiger als in diesem Unglücksfalle! Gewiß finden sich in dem großen Kreise der Leser Ihres geschätzten Blattes hochherzige Menschen, die, dieser armen Unglücklichen gedenkend, denselben zu Hilfe kommen werden! Selbst die kleinste Gabe wird mit großem Danke aufgegenommen, denn das Elend ist unbeschreiblich. Spenden sind an die Redaction Ihres geschätzten Blattes einzusenden. Für das Hilfs-Comite: Franke. Gerson H ö n i g. U st r z y k i d o l n e, am 31. October 1899. (Bezirk Lisko) Seitens des Bürgermeisteramtes wird der Inhalt vollkommen bestätigt. Franke, Bürgermeister. Generalversammlung des Centralvereines jm; Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag abgehalten am 5. November 1899. Der Obmannstellvertreter Herr Dr. Ludwig P i ck eröffnet die Generalversammlung, begrüßt die zahlreich erschienenen Mitglieder, worauf der Geschäftsleiter Herr Dr. Friedrich Duschenes nachstehenden Geschäftsbericht erstattet: Wir alle stehen heute unter dem Eindrücke der die Gemüther tief ergreifenden und aufregenden Polnaer Proceßsache u. d der in diesen Tagen erfolgten feindlichen Angriffe gegen unsere Glaubensbrüder in Böhmen, sowie der Verfolgungen und Plünderungen in Mähren, welche Dimensionen annahmen, wie wir sie in unserer Zeit außer den Novemberereignisien im Jahre 1897 noch nicht erlebt haben. Wir stehen diesen entsetzlichen Ereignissen völlig rathlos gegenüber und fragen uns, ob in einem civilisirten Staate solche Vorkommnisse überhaupt möglich sein können. Alle unsere Vereinsangelegenheiten treten in Anbetracht dieser sensationellen, die gesammte Judenheit tief ergreifenden Schreckensscenen in den Hintergrund. Bei dieser Sachlage müssen wir uns darauf beschränken, unseren Bericht über unsere sonstigen Vereinsangelegenheiten nur summarisch zu erörtern, um ihnen speciell über unsere eingeleiteten Schritte in der Polnaer Sache eingehender zu berichten. Zunächst gedenken wir aller jener Mitglieder und Genossen, die uns der unerbittliche Tod entrissen, darunter eines unserer besten Freunde, des Nestors unseres Ausschusses, Herrn Simon Engel. Ein reiches Gemüth, ehrlicher uud redlicher Sinn, verbunden mit dem Streben, nur Gutes und Gemeinnütziges zu stiften, zeichneten diesen wackeren Mann im reichlichsten Mäße aus. Wir werden ihm ein stetes, dankbares Andenken bewahren. Möge ihm die Erde leicht werden! Was die geschäftlichen Agenda unseres Vereines anbelangt, berichten wir Nachstehendes: Im letzten Vereinsjahre hat der Verwaltungsgerichtshof eine für unsere Eonfession wichtige und principielle Entscheidung gefällt, indem er zu Recht erkannte, daß überall dort, wo Juden wohnen ohne Rücksicht auf ihre Seelenzahl dieselben berechtigt sind, eine Vertretung im Ortsschulrathe anzusttebeu. Diese Entscheidung füllt nunmehr eine Lücke in unserer Schulgesetzgebung aus. Wir werden hiedurch in die Lage gesetzt, allerorten für das einzige Gut, das uns in diesen stürmischen Zeiten geblieben ist — die Schule der Neuzeit — um so kräftiger und nachhaltiger einzutreten. Wir haben sowohl in dieser Sache als auch in einer Reihe neuerer Angelegenheiten des jüdischen Gemeinwesens den Eultusgemeindevorständen und einzelnen Personen eingehende Aufklärungen ertheilt und sind jedem, der an uns herantrat, mit Rath und That zur Seite gewesen. Was das Gebiet der Vorträge betrifft, die wir statutenmäßig zu unserer Aufgabe machten, müssen wir zunächst jenes geistanregenden Vortrages gedenken, welcher von dem hervorragenden Gelehrten Prof. Dr. Geiger in unserer Mitte gehalten wurde; wir sehen ms verpflichtet, diesem erleuchteten Manne - einer der schönsten Zierden unserer Glaubensgenossen - den verbindlichsten Dank auszusprechen. Ebenso müssen wir den anregenden Vorträgen der Herren Dr. Arnold P o l l a k, Adolf M. Lederer und Docenten Dr. M. Winternitz unsere volle Anerkennung zollen, welche durch ihre instructiven Darstellungen unsere Vereinsabende auf ein höheres Niveau brachten. Wir können endlich nicht unerörtert lassen, daß an uns der Antrag gelangte, den kleineren Gemeinden Gelegenheit zu bieten, daß religiöse Vorträge und Predigten in ihrer Mitte abgehalten, mit anderen Worten sogenannte Wandervortr^ge hervorragender Rabbiner veranstaltet werden. Wir leiteten diese Anregung an den Rabbiner-Verband in Böhmen. Mit voller Genugthuung können wir constatiren, daß in der jüngst cttigehaltenen Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes der Beschluß gefaßt wurde, in jene Gemeinden, die ein solches Ansuchen stellen, Rabbiner unentgeltlich zu entsenden, eingedenk des erhabenen Berufes, den unsere Seelsorger in dieser bedrängten Zeit vor Augen haben, um durch das Wort Gottes als religiöse Berather und Lehrer das religiöse Bewußtsein zu stärken, Trost und Beruhigung den schmerzlich erregten Gemüthern zu spenden. Mit vollster Anerkennung und verbindlichem Danke begrüßen wir diesen Beschluß. Wir beginnen nun unser neues Vereinsjahr nicht mit Hoffnungsfreudigkett; sorgenerfüllt und mit Bangen sehen wir der Zukunft entgegen; nur im Vertrauen aus unsere gerechte Sache, im Vertrauen, daß an der Spitze der Regierung erleuchtete und vorurtheilsfreie Männer stehen, erhoffen wir, daß sich unsere Gemüther beruhigen, und daß unser volles Recht als gleichwerthige Staatsbürger geschützt und für die Sicherheit unserer Person und unseres Eigenthums in ausgiebigerem Maße als bisher gesorgt werden wird. Der Kampf gegen unsere Eonfession hat nun alle Grenzen überschritten. Bisher hörten wir von antisemitischer Seite das Losungswort. Nicht gegen die Religion wird angekämpft, sondern gegen unsere Race, gegen die Stellung unserer Glaubensgenossen im öffentlichen und privaten Leben; und nun mußten wir am Schlüsse des neunzehnten Jahrhundertes Zeugen sein, daß man das Heiligste, das wir besitzen, unsere Religion, in den Staub zerrt. Das Kleinod, das wir von unseren Vätern überliefert erhielten, wird in schändlichster Weise besudelt. Man

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