Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 852 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 45 Kindes vom Vater desselben ertapptes Weib, bezichtete auf der Folter die Juden Trotzdem d i e st ä d t i s ch e n B e h ö r d e n und der F ü r st mit den: Vollgewichte ihrer Autorität jeden Angriff auf dieJuden verbieten29), treibt das Volk, „ohne Gerichtsverfahren o d e r U r t h e i l s s p r u ch a b z u w a r L e n" 30), die Juden in ihre Synagoge, legt Feuer au dieselbe und verbrennt sie mit den in den oberen Theil geflüchteten 180 Juden. Den Tag der Unthat, 12. Marcheschwan 12. October, nennen die Memorbücher, welche auch einen Theil der Namen der Ermordeten überliefern 3I). Ist etwa das Münchener Vorkommniß einer der »sechzig historisch erwiesenen Fälle der Ermordung von Christen durch Juden aus Religionshaß"? Wiederum bestätigt das Verhalten der Behörden das Gegentheil; wiederum ist keine gerichtliche Untersuchung, geschweige denn Constatirung erfolgt; ja, das Kind, dessen „Ermordung" die Juden büßen mußten, i st überhaupt nicht ermordet worden! (Fortsetzung folgt.) Professor Steinthal über den Antisemitismus und über die Beschuldigung des Ritualmordes. Professor Steinthal, der an Sanstmuth und Milde mit dem Patriarchen Hillel verglichen werden konnte, ist niemals öffentlich gegen den praktischen Antisemitismus aufgetreten. Es widerstrebte seinein Zartgefühl, mit den rohen und robusten Marktschreiern und Volksverhetzern in die Arena zu treten. Steinthal, der Sprachkenner und Sprachforscher, hatte es nicht nöthig, bei den Antisemiten eine Anleihe zu machen und aus ihrem Schmäh- und Schimpflexikon Krast- und Sastausdrücke zu entlehnen, um die Antisemiten in ihren: Tone und in ihrer Redeweise zu bekämpfen. Herr Steinthal vermochte ganz andere Waffen zu führen, um'seine Geißelhiebe wuchtig zu schwingen und die Feinde des Judenthuuls empfindlich zu -treffen. Steinthal unternahm es, den Antisemitismus auf dem Katheder, bei den Männern der Wissenschaft, wenn auch nicht mit Stumpf und Stiel auszurotten, so doch wenigstens zu erschüttern und wankend zu machen, indem er ihn auf seinen Ursprung zu prüfen und seine Entstehungsquelle aufzudecken sich bestrebte. Es ist dies eine wissenschaftliche Abhandlung über den Antisemitismus, die an Gediegenheit, Vortrefflichkeit und Klarheit Ihresgleichen sucht. Diese Abhandlung ist betitelt: „Ueber religiöse und nattonäle Vorurtheile", und ist in seinem Werk: „Zu Bibel und Religionsphilosophie", abgedruckt. In dieser vorzüglichen Abhandlung schreibt Steinthal auf Seite 206 wörtlich: „Gegner in Wort und Schrift bekämpfen, ist eine That, etwas Praktisches; und ich ttete ungern aus meiner friedlich-stillen Theorie heraus. Ich denke also auch hier nicht im mindesten daran, gewisse Vorurtheile oder gar die von solchen Vorurtheilen Beherrschten anzugreifen. Nur rein theorettsch möchte ich die Frage austverfen (und möchte damit einen Beitrag zur Naturgeschichte der Vorurtheile liefen:): Woher stammen nationale und religiöse Vorurtheile? Das sind weitverbreitete Krankheften, deren Ursache wir kennen lernen wollen, vielleicht, daß dadurch die Heilung hin und wieder ermöglicht wird." Im Verlaufe dieser Abhandlung beweist Steinthal, daß der Anttsemitismus ein Vorurtheil sei, und daß jedes Vorurtheil Liebe oder Haß zur Ursache habe. „Und wer erzeugt die vorurtheilsschwangere Liebe und Haß? Idiosynkrasien, persönliche oder Nationaleitelkeit, Rechthaberei, kurz Unbildung, die bekanntlich gar zu leicht fanattsch wird." Steinthal nennt jedes Vorurtheil, somit auch den Antisemitismus eine geistige Krankheit. „Wie nun der geistig Erkrantte von seiner Krankheit n chts weiß und sich für bevorzugt gesund hält, so auch der vom Vorurtheil Besessene." Der Hauptfehler des Anttsemitismus ist, sagt Steinthal, die falsche Generalifirung, die Verallgemeinerung, die Uebertragung der Schuld des Einzelnen auf die Gesammtheit. Der Antisemit sagt mcht, der Jude hat dies oder jenes gethan, weil er ein schlechter Mensch v. Polhaim, (Mon. G. H. SS. XL, 812); Salzv. Annal., Mon. G. H. SS. IX., 810; Annal. Augusti min. M. G. H. SS. X., 10; Annal. St. Steph. Frising., M. G. H. SS. XIII., 57; vgl. Aretin, Gesch. d. Juden in Bayern S. 18; Taußig, Gesch. d. I. i. B. S. 43; Riegler, Gesch. Bayerns IL, 193. *9) „nee magistratus auctoritate nee principis imperio ulla ratione cohibece potest“. sagt Räder Bavaria sancta I, 212. *°) „non expectato iudicio vel sententia“, heißt es ausdrücklich bei Herrn. v. Altaich L e. 3t) Vgl. Salfeld, das Martyrologium S. 21 uud 146 fg. ist, sondern weil er ein Jude ist, weil er zur jüdischen Race gehört, darum mußte er so und nicht anders handeln. Sogar Kant, der scharfe und logische Denker, konnte es nicht über sich gewinnen, diesen logischen Fehler zu überwinden. Er schrieb 1794: „Was z. B. ein Maimon mit seiner Nachbesserung der kritischen Philosophie (dergleichen die Inden gerne versuchen, um sich auf fremde Kosten ein Ansehen von Wichtigkeit zu geben) eigentlich wollte, habe ich nie recht fassen können und muß dessen Zurechtweisung Anderen überlassen." Dazu bemerkt Steinthal wie folgt: „Obwohl er also nicht erfaßt hatte, was Maimon wollte, so wußte er doch, daß Maimon ein Jude ist, und er wußte a priori was eii: Jude gern versucht, versuchen muß — a priori: denn aus Erfahrung konnte er es nicht wissen, da noch niemals ein Jude, der sich in der Lage Maimon's befunden hätte, beobachtet werden konnte, weil sich überhaupt noch niemals einer darin befinden konnte. An Philo, Spinoza und Mendelssohn konnte doch Kant bei jenen Worten nicht gedacht haben, und von den jüdischen Philosophen des Mittelalters wußte man dainals nichts. Also Kant kannte in diesem Falle die Juden nicht und kannte Maimon's Persönlichkeit, aus der sein Benehme:: zu erklären wäre, ebenfalls nicht. Aber er ergoß den Verdruß über das Unbehagen, in welches ihn Maimon versetzt hatte, so reichlich, daß er sich erleichtert und eine wohlthätige Katharsis fühlte. Und darum dachte er nicht daran, daß das, was hier zum erstenmal ein Jude gethan hatte, auch von Christen, Reinhold, Schulz, Fichte gethan und Aenliches schon längst von Griechen und Deutschen, von Männern wie Aristoteles und Anderen geübt war." Der Antisemitismus ist eben ein Vorurtheil, dessen Erzeuger der Haß ist, und nur „ein Urtheil", sagt Steinthal treffend, „laßt sich prüfen, ein Scheinurtheil ist außerhalb jedes Angriffes." An der Hand des Sprichwortes: „Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht", sucht Steinthal das Vorurtheil gegen den Juden dadurch zu erklären, daß man ihn nicht kennt. Der Jude ist unter den Völkern, unter denen er lebt, ein Fremder, aus Asien Eingewanderter. Da man in der Regel gegen alles Fremde Mißtrauen hegt, so traut man den: Juden nicht, daß er so wie sie fühlen, denken und handeln könnte. „Hienach ist es erklärlich, sagt Steinthal, daß das Vorurtheil z. B. gegen die Juden in den Ländern am stärksten ist, in denen keine wohnen, wo man sie nur aus Carricaturen, Anekdoten und grausigen Geschichten kennt. An Shylok's Wirksamkeit konnte man nur glauben (und eine solche Gestalt konnte Shakespeare nur schaffen) in einen: Lande, wo es keine Juden gab. Indessen folgt hieraus nicht, daß man die Juden da, wo sie in größerer Menge wohnen, auch wirklich kenne. Vordem überlieferten Phantasiebild, des abscheulichsten, seine innere Nichtswürdigkeit auf der Stirne tragenden Juden fragt man sich: 'Wie kann dieses Volk, ein solches Volk, Gemiith haben? Dichtung? Gesang und Musik? gar Poesie im Leben? sittliche Grundsätze? Liebe aller Art? Freude an Reinlichkeit? an sauberer Umgebung? kurz, wie kann er haben, was ich habe? sein, was ich bin? Wie können, fährt der Gebildete fort, Semiten deutsch sein re.? Wie kann in der semitischen Race hellenisch-, römisch-, germanisches Gemüth sein? Verständniß für Plato, Kant, Beethoven oder gar Fähigkeit in deren Geist z:: schaffen?" Die einzige Antwort wäre, fährt Steinthal fort, „kennet sie nur erst", das aber ist ja gerade das Eigenthümliche des Vorurtheiles, daß es das Bedürfniß nach einem auf Erkenntniß beruhenden Urtheil durch ein Scheinurtheil erstickt, daß es sogar abgeneigt und unlustig macht, kennen zu lernen, daß es diese Unlust dann aufs Höchste steigert, wenn man ahnt, daß es durch Kenntniß vernichtet würde. Vorurtheile werden wie Lieblinge, Kinder der Liebe, gehegt, deren Schwäche wir kennen, von denen wir alles Schädliche fernhalten. Und wo solche Schonung nicht in Absicht liegt, da findet sie sich unabsichtlich durch die Unmöglichkeit, das zu sehen, was dem Vorurtheil gefährlich werden könnte." Und nun erzählt Steinthal, wie ein kunstvolles Bild von Knaus, von Feuilletonkritikern arg zugerichtet und ihn: mit Absicht eine Deutung gegeben wurde, an die der Maler nicht im Entferntesten gedacht hat, ja nicht denken konnte. Der Künstler bezeichnet dieses Bild mit „Salomonische Weisheit". Die Kritiker aber geben ihm einen ganz anderen Namen, den: „Wie macht mer a Geschäftche?" Nachdem Steinthal diesen Kritikern grell heimgeleuchtet und die wirkliche Deutung des Bildes ins klare Licht gerückt hat, fährt er wörtlich fort: „Ich glaube nicht, daß diese Seiten von Jemand gelesen werden, der ei:: Vorurtheil gegen den Talmud hat. Der würde mir in der Deutung des Bildes lächelnd beistimmen. Denn was ist, würde er sagen, der Talmud anders, als die 12 Folianten dicke Antwort auf d:e Frage, wie macht mer a Geschäftche? Hat nicht ein katholischer Geistlicher es gesagt, ein preußischer Stadtgerichtsrath es wiederholt? Wie ein Richter, wenn vor seinem Stuhle Leute erscheinen, gegen die er das Vorurtheil hat, daß sie durch ihr Religionsbuch verpflichtet seien, Gaunereien zu üben, es anfängt, gerecht zu urtheilen, geht uns hier nicht an; und der katholische Geistliche, Herr Professor Rohling wird in seiner Liebe wissen, was er zu thun m:d zu sagen hat, und hier soll seine Liebe nicht geprüft werden. Nur Folgendes sei bemerkt. Der Talmud war zu allen Zeiten ein offenes Geheimniß. Offen für Jeden, der Hineinblicken wollte, und ein Geheimniß für Jeden, der dies nicht wollte. Rohling ist wahrlich nicht der Erste und Einzige, der seit Eisenmenger das Judenthum im Talmud entdeckt hat. Auch wird keiner meiner Leser in Versuchung gerathen ihm zu glauben, daß die Juden durch den Talmud zum Blute christlicher Knaben verpflichtet