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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 845 ziehungsanstalten jeder Art, den höheren wie den Volksschulen, durchaus unzulässig". Diese Forderungen scheitern in einem paritätischen Staat schon an ihrer Undurchführbarkeit. Wenn die „Kreuzzeitung" hinznfügt: „Confessionslose Schulen sind eine Vergewaltigung unseres christlichen Volkes, denn wir Christen haben ein Recht darauf, daß unsere Kinder im Staate als christliche Kinder unterrichtet und erzogen und nicht als heidnische oder jüdische Kinder angesehen werden", so übersieht sie — wohl nicht ohne Absicht — daß auch die confessionslose Schule nicht des Religionsunterrichtes entbehrt. Vor einiger Zeit hat sich der Augustinerpater Pius M o r t a r a, der einem Krakauer Kloster angehört, in Berlin aufgehalten und im katholischen Gesellenverein einen Vortrag gehalten. Die „Germania" berichtet über ihn und seine Geschichte wie folgt: „Bon jüdischen Eltern 1852 in Bologna geboren, wurde der kleine M o r t a r a durch eine christliche Dienstmagd, da er in den letzten Zügen zu liegen schien, getauft. Wieder genas er aber und wurde bis zu seinem sechsten Lebensjahre in der jüdischen Religion erzogen. Durch einen Zufall kam die Nothtaufe zu Ohren verschiedener Personen, von denen es das damalige Staatsoberhaupt Pius IX. hörte. Dieser befahl, den Knaben in der katholischen Religion zu erziehen. Aus diesem Umstande wurden in der Folge eine Haupt- und Staatsaction, ähnlich wie aus dem Dreyfus - Schwindel gemacht." Eine kleine Ergänzung ist nöthig: Der Knabe Mortara ist seinen Eltern mit Gewalt entrissen, der Judenknabe ist zwangsweise in der katholischen Religion erzogen worden. Diese That, die wir nicht zu charakterisiren brauchen, schrie zum Himmel, und — der Himmel hat's gehört! Hamburg. Charlotte Embden, geb. Heine ist am 18. October, ihrem 100. Geburtstage, zur letzten Ruhe gebettet worden. So schön ihre Angehörigen und die vielen Freunde und Verehrer der Schwester des vielbewunderten und vielgeschmähten Dichters Heinrich Heine sich den heutigen Tag auch gedacht hatten — es kam anders. Vier Tage vor diesem großen Festtage schloß die von ihrem genialen Bruder so im ig geliebte Schwester Lotte die Augen zum ewigen Schlummer und heute um 10 Uhr standen Alle, die ihr glückwünschend nahen wollten, tief trauernd um ihren Sarg, um ihr die letzte Huldigung zu erweisen. Auf der Straße, vor dem Sterbehause in der Esplanade, drängten sich die Massen, um einen Blick auf den Sarg der Entschlafenen zu thun, und von allen Seiten kamen Wagen herbei, die Leidtragende brachten und mitten im frohgeschäftigen Treiben zur Vorbereitung des Kaiserempfanges bildete das Trauerhaus in der Esplanade eine Oase tiefster Stille. Unter den in den Wohnräumen zur Trauerandacht Versammelten bemerkte man u. a. den Herrn Prediger Dr. Leimdörfer, den Herrn General- Consul der Argentinischen Republik Dr. Lopez, Herrn Rechtsanwalt Dr. Embden, einen Vertreter des Landesverbandes Hamburg des Deutschen Schriftsteller-Verbandes, Vertreter des Journalistenvereincs u. v. a. Eine unzählige Menge von Kränzen, die von nah und fern u. a. vom genannten Verbände, aus New- Mrk rc. gesandt waren, schmückten als letzte Gaben der Liebe und Verehrung den Sarg der Verblichenen. Von den Kindern der Verblichenen waren der einzige Sohn Herr Baron Embden und zwei Schwestern anwesend. In formvollendeter meisterhafter Rede führte Herr Prediger Dr. Leimdörfer den Anwesenden die Bedeutung Charlotte Emden-Heine's den Zuhörern vor das geistige Auge. Der Name „Charlotte Embden-Heine", so bemerkte der Redner, hat einen Klang des Ruhmes weit über den Rahmen dieses Hauses, dieser Stadt, ja des Vaterlandes hinaus. Wer hier sonst an einem Mittwoch erschien, der wurde von der ehrwürdigen Patriarchin begrüßt und zur Zwiesprach der Seele eingeladen; heute, am historisch wichtigen Mittwoch, dem 100. Geburtstage Charlotte's habe man sich hier zum traurig ernsten Todtenamt versammelt. Redner legte dann seinen weiteren Ausführungen das Wort zu Grunde: Ehe sich kühlet der Tag und die Schatten weichen lasset mich hinaufziehen zu den Bergen der Myrrhen. Redner schildert dann den Lebensgang der Verblichenen. Mit den geliebten Brüdern kam das Kind des Südens nach Norden, zuerst nach Oldenburg, dann nach Lüneburg und schließlich nach Hamburg, wo sie unter Schwenke die Gejangskunst Pflegte und die Sympathien ihres Onkels Salomon Heine sich erwarb. 1823 vermählte sie sich mit dem Kaufmann Moritz Embden, mit dem sie 43 Jahre ein glückliches Familienleben führte. Hier entwickelte sie die Anlagen ihres geliebten Sohnes und ihrer drei Töchter, von denen eine in der Ferne weilt. Um sie trauern ferner 8 Enkel und 16 Urenkel, trauern viele, viele Verehrer, Bewunderer und Freunde. Sie, die den herrlichen Zauber der deutschen Frau offenbarte, die dem Pulsschlag Alldeutschlands folgte, war die Seele des von ihr so heiß geliebten, von Vielen tief gehaßten Bruders. Sie lebte und webte ganz in ihm, sein Urtheil war ihr Orakel; ja sie opferte bei dem großen Brande 1842 einmal beinahe ihr Leben, um Papiere von ihm zu retten. Und dann zog es sie hin zu ihm, als er gebrochen auf Frankreichs Erde in der „Matratzengruft" seufzte. Worin lag nun die magnetische Kraft, die sie auf den Bruder ausübte? Er litt an Heimwrh nach dem geliebten deutschen Vaterlande und sie gab ihm ein Stück der Heimath wieder. Manches an ihm wäre gewiß anders geworden, wenn sie an seiner Seite gewesen wäre. Sie stand mit Denkern und Dichtern und Fürsten in Verbindung. Sie wollte nicht alt sein; immer kehrten Laune und humoristische Anwandlungen bei ihr wieder und bei den Besuchen aus Nah und Fern traten die lebhaften Geistesblitze und Schlagfertigkeit hervor. Einmal erwiderte sie einem Besucher aus dem Süden auf seine schnelle Frage nach dem Heine-Museum: „Das Heine-Museum bin ich", und von dem Redner wünschte sie vor 2 Jahren, daß er ihr die Leichenrede vorlesen möge, die er ihr halten solle, worauf Redner bemerkte: Ich komme mit einem Geburtstags-Gruß; andere Menschen besuchen die Schwester Heine's; ich komme zu ihr selbst". Außer glühender Liebe zu Vater und Mutter, zum Gatten und zu Kindern und zum Bruder besaß sie die Kraft eines deutschen Herzens und eines treuen Weibes, dem der Glaube von Vater und Mutter heilig war; sie blieb aus Ueberzeugung treu ihrem Glauben, ihrer Religion. Jetzt ist der letzte Mittwoch da und es ist ein Dialog, der mit ihrer Seele geredet wird. Sie pflegte zu sagen: Die Bibel ist die Hausapotheke Gottes für die leidende Seele. Aus dieser Apotheke wolle Redner die süßeste Pastille herausholen für die trauernden Hinterbliebenen: den Glauben an die Ewigkeit. Redner schloß mit den Worten: „Ziehe hin in Frieden, gesegnet von Deiner Familie, von Deiner Vaterstadt, von Alldeutschland und vor Allem auch von dem Vater im Himmel, dem Du die Treue hieltest. Amen". — Nach Beendigung der Predigt wurde der Sarg in den Leichenwagen getragen und der Trauerzug setzte sich nach Ottensen in Bewegung, wo die Verblichene ihre letzte Ruhestätte fand. Paris. (Die Rehabilitirung Dreyfus'.) Die Angehörigen des gewesenen Hauptmannes Dreyfus haben die Absicht, mit allen gesetzlichen Mitteln dessen Rehabilitirung zu erwirken, nicht aufgegeben. Es bieten sich verschiedene Wege dar, um dieses Ziel zu erreichen. Man hat davon gesprochen, daß gewisse Documente, die im „Bordereau" aufgezählt wurden, und die sich in den Händen fremder Regierungen befinden, veröffentlicht werden sollen, weil ihr Inhalt die Schuld des Majors Eszterhazy unzweifelhaft erweisen würde. Es wurde ferner dieser Tage angekündigt, Zola habe sich nach Berlin begeben, um in dem angedeuteten Sinne dringende Schritte zu unternehmen. Allein diese Mittheilung ist. wie in unterrichteten Kreisen versichert wird, unbegründet. Zola hat Frankreich nicht verlassen und bereitet sich vor, am 23. November d. I. vor der Jury der Seine und Oise zu erscheinen. Der Familie Dreyfus stehen jedoch andere Wege offen, um die Revision des Proceffes und infolge derselben die Rehabilitirung des gewesenen Hauptwannes zu erlangen. Als das sicherste Mittel, zu welchem auch die Familie Dreyfus zu greifen beabsichtigt, erscheint die Verfolgung desHerrn Cernucki wegen falscher Zeugenaussage. Die VerurtHeilung dieses Zeugen, dessen falsche Aussage zu erweisen wäre, würde die Grundlage für eine Revisionsaction vor der Criminalkammer des Cassationshofes abgegeben. Bisher sind zwar noch keinerlei Schritte unternommen worden, in unterrichteten Kreisen versichert man jedoch, daß die Beweise für eine solche Anklage gesammelt werden und daß man dem Ausgange derselben mit vollem Vertrauen entgegensetze. Paris. Folgenden Brief empfing Frau Alfred Dreyfus von der Präsidentin der Vereinigung jüdisch - amerikanischer Frauen: Meine theuere Madame Dreyfus! Erlauben Sie mir Ihnen und Herrn Capitän Dreyfus die Sympathien einer Bereinigung zu übermitteln, die in 60 Sectionen getheilt ist und über 5000 Mitglieder zählt. Unsere Gedanken weilen seit dem Unglückstage von 1894 bei Ihnen und

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