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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 840 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 Schulter zusammenzurücken beginnen — diese sollten den Gegnern in ihrer Münze zahlen, handeln wie s i e, Vorgehen wie s i e, exclusiv sein wie s i e, wie s i e ihren Bedarf ausschließlich bei Kaufleuten und Handwerkern der nächsten Zugehörigkeit decken und die vacanten Dienstposten mit Religionsgenosseu besetzen! Es ist nicht der Standpunkt der Engherzigkeit, den ich einnebme und der mir zum Vorwurf gemacht werden könnte, sondern der Nothwehr und des Selbsterhaltungstriebes. Wenn die von allen Seiten gehetzten, aus den meisten Stellungen verdrängten Juden nicht bei Juden einen Rückhalt fänden — wo denn sonst? Und warum sollten wir uns geniren? Treten doch nicht nur Religion« genossenschasten, sondern gewöhnliche Vereine für die Interessen ihrer Mitglieder ein! — Du schöne Sitte, zu Sabbath einen armen Reisenden an seinen Tisch zu ziehen — am Sederabend die Thüre zu öffnen und hinauszurufen: „Wer hungerig ist, möge kommen und sich mit uns satt essen \“ — Das Verbot, einem Blinden, einem Krüppel fein Gebrechen vorzuwerfen — die Vorschriften der Thierschlachtung und der Behandlung von Leibeigenen zeigen vom Geiste der Humanität und der Nächstenliebe bei einem Volke, dem man in niederträchtiger Weise den Ritualmord andichtet! Aber diese Humanität schulden wir in erster Linie Jenen, die mit uns glauben, kämpfen, leiden und auf unsere werkthätige Unterstützung angewiesen sind. Nicht Almosen, die nur demüthigen und demoralisiren, Arbeit und B eschäftigung geben wir ihnen, auf daß die Opfer des Hasses und der Verleumdung halbwegs leben können und bessere Zeiten erleben, die doch der bösen, finsteren Gegenwart folgen müssen, wie der Tag der Nacht, wie der Frühling dem Winter folgt. Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel. Vom Jahrmarkt des Lebens. „Die Logik des Unrechts." „Der 17. October, der Tag der Aufhebung der Sprachenverordnung reiht sich an die denkwürdigen Tage von Königgrätz und Solferino." Das sagte der Abgeordnete Dr. Stransky am 25. October. Der beschnittene Czeche streute Asche auf sein Haupt, tiefe Trauer erfüllte ihn, weil am 17. October die Sprachenverordnungen in den Staub gesunken. Wenn aber in Dr. Stransky noch ein Funke von Ehrgefühl leben würde, dann würde er von tiefer Trauer erfüllt fein, ob des Unheils, welches er über die mährische Judenschaft gebracht. Den Hetzereien in seinem Leibblatte haben es die I u d e n i n M ä h r e u z u d a n k e n, daß solch' schweres Ungemach über sie h e r e i n g e b r o ch e n. Ter Renegat, der der Feind seiner Brüder wird, den Quell besudelt, dem er entsprungen, er ist fluchwürdig. Ja, die Octobertage, sie reihen sich den Tagen von Königgrätz und Solferino an, nur mit dem Unterschiede, daß an jenen Tagen Provinzen im ehrlichen Kampfe verloren gingen, während in den Octobertagen des Jahres 189» durch Plünderung und Brandstiftung viele Existenzen zu Grunde gerichtet wurden. Und angesichts solcher Schreckensthaten, verhüllt der Genius der Menschheit schaudernd das Haupt. Der Abgeordnete Dr. Stransky spricht von einer Logik des Unrechts, die in der Obstruction gesiegt. Es gibt eine Logik des Unrechts, des Unsinns und der Vernunftlosigkeit, doch diese ist in Holleschau und Napagedl, in Wall.-Meseritsch und Wsetin zu suchen. Tie Sprachenverordnung wird aufgehoben. Dagegen muß demonstrirt werden, so denken die Ezechen. Haben doch auch die Deutschen gegen die Erlassung derselben demonstrirt und den Juden die Fenster eingeschlagen. Doch die Demonstrationen wenden sich nicht gegen die Deutschen, gegen die Urheber der Aufhebung der Sprachenverordnung, sondern gegen die zumeist czechisch gesinnten Juden in Holleschau und Wsetin. Es lebe das böhmische Staatsrecht, das ist der Kriegsschrei der entmenschten, fanatisirtcn Menge. Doch nicht den Deutschen, den Feinden des czechischen Staatsrechtes gilt dieser Ruf, nein, er ist das Zeichen, das «teinbombardement gegen die Häuser und Tempel der Juden zu beginnen. Ja das nationale Moment, die Aufhebung der Sprachenverordnung, die Unterdrückung des böhmischen Staatsrechtes tritt in den Hintergrund, verschwindet ganz und gar, die Triebfeder der Plünderung wird der roheste Judenhaß. Man zeigt der Menge ein blutig Hemd, ein Hetzbild, das wirkt auf sie ein, gleich dem rothen Tuche auf den Stier. Die Anführer, sie kennen ihren Mob, wissen, daß das Nationalgesühl in ihnen nicht so stark, um sie zu wilden Excessen Hinzureißen, sie zeigen ihm den Juden und seine Habe, das reizt, das zieht, stachelt auf und reißt hin. Den Zusammenhang zwischen Polna und Aufhebung der Sprachenverordnung vermag kein vernünftiger Mensch zu finden, das vermag nur die Logik des Unrechts, des Unsinnes, und das ist die Logik des Dr. Stransky und feines Stabes. Der 17. October und Kuttenberg haben miteinander nichts gemein, nur eine raublustige, blutrünstige Menge konnte einen Zusammenhang finden, den die Vernunft vergebens sucht. In seiner denkwürdigen Hetzrede sagt Dr. Stransky: „Das officielle Oesterreich wird durch diesen Schritt schmachbedeckt das neunzehnte Jahrhundert verlassen und das zwanzigste eröffnen. Er hat ein großes Wort ausgesprochen. Eine Schmach des Jahrhunderts werden die Octobertage des Jahres 1899 bleiben, an denen die böse Saat der Gewaltthätigkeit, der Plünderung und Brandstiftung aufging. Dr. H. S i g m u n d s o h n. Wiener Jüdinnen in der Pariser Antisemitenbande. Aus Paris gehen dem „Berliner Tageblatt" die folgenden interessanten Depeschen zu: Der prachtvolle Saal des Luxemburg - Palais, wo der Staatsgerichtshof seine Sitzungen hält, um die oileanistifchantisemitischen Couspirateure zu richten, hat neulich Madame Jules Porges in seinen Wänden gesehen. Frau Porges kam als Zeugin, in Wahrheit ist sie eine Angeklagte. Sie ist eine Verrätherin gegen Frankreich, gegen die Republik, welche ihr Gastfreundschaft gewährt hat, aber auch eine Verrätherin gegen ihre jüdische Familie, welcher sie Alles zu danken hat: Stellung und Geld. Diese Stellung setzt sie ein für ihre Passionen, das Geld mißbraucht sie, um orleanistisch-antisemitische Agitation zu bezahlen. Für die hunderttausend Francs, welche sie dem royalistischen Comite wenige Tage vor dem Putsch Deroulede's am Begräbnißtage Faure's zurVerfügung stellte, sollte die Republik gestürzt werden. Für dieses Geld wurden die Rufe erkauft: „Nieder mit den Inden V Es wurden die feilen Buben damit bezahlt, welche in Algier jüdische Frauen peitschten. Heute sagt Frau P o r g e s lallender Stimme, daß sie gemeint habe, das Geld sei für die Gründung eines antisemitisch-orleanistischen Soublattes bestimmt. Sie fürchtet offenbar, angeklagt zu werden, wenn bewiesen wird, daß sie um die hochverrälherische Bestimmung der hunderttausend Francs gewußt. Sie erklärt gleichzeitig, ihr Gatte Herr Jules Porges, habe von der Spende nichts gewußt. Wie man uns mittheilt, hat Herr Porges soeben Paris für mehrere Monate verlassen und überläßt es seiner Frau, sich niit den- Richtern-des -Staatsgerichtshofes auseinanderzusetzen. Jules Porges weilt in Wien bei der Familie seiner Frau. Ein anderes Mitglied dieser Familie ist ebenfalls in Paris verheiratet : Gräfin Fitz-James, Frau Fitz - James ist eine Tochter des verstorbenen Präsidenten der Wiener isr. Cultusgemeinde, Wilhelm Ritter von Gutmann, eine Nichte der Frau Porges. Sie nimmt auch' an den Agitationen der roya - listischen Bande theil — aber sie gibt kein Geld dafür aus. Ihr hochgeborener Mann hat es nicht nöthig, sich durch Geldspenden die Gunst der vornehmen Kreise zu erkaufen, er ist kein Freund von Geldausgaben dieser Art. Aber Frau Gräfin Fitz- James sucht durch Sympathiekundgebungeu für die Antisemiten zu wirken. Sie versucht sogar in Wien Propaganda zu machen für die Fälscher vom Generalstab. Sie schrieb an eine Verwandte nach Wien: „Diese elenden Creatur Dreyfus sollte man in Stücke hauen, weil sie so viel Unheil über brave Officiere gebracht hat. . .!" Das sagt Alles. Ein anderes Verschwörerweib ist Frau de W a r n. Sie hat auch 100.000 Francs dem Herzog von Orleans gegeben. Ihr Geld stammt von Baron H i r s ch, der mit ihrem ersten Gatten sehr befreundet war. Dieser Mann war Marquis H a r 6 de Saint Denis. Er starb vor ein paar Jahren und ließ seine Frau in einem stattlichen Alter zurück. Aber sie fühlte sich noch sehr jung. Mit 55 Jahren heiratete Mm. Saint Denis den 24 Jahre alten Herrn Warn, welcher noch seiner militärischen Dienstpflicht oblag. Der junge Bursche ließ sich vou der Greisin käuflich erwerben. Jetzt arbeitet sie an seiner gesellschaftlichen Stellung. Die 100.000 Francs sind eine Art Einkaufsgeld, um den durch die Heirat entehrten Burschen in vornehme Gesellschaft zu bringen. Eine andere Verschwörerin, welche für den Herzog von Orleans zahlt, ist eine schwedische Witwe. Sie hat kein Vermögen, hat sich aber doch 100.000 Francs zu verschaffen gewußt, um mit Frau Porges zn rivalisiren. Sie und Frau Porges sind wieder ein Beweis für den Mißbrauch, den die französischen Antisemiten mit dem Worte treiben: La France aux Franqais. Die Verschwörung zur Rettung der Armee, zur Herstellung des Königsthums wird von Ausländern bezahlt.

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