Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 839 Und wie steht es denn mit der von ihm gebrochenen Macht der „Soci", „Judensoci" und wie er sonst die Arbeiterpartei zu benennen beliebt. Er hat ja auch sie zu vernichten versichert. Wir haben aber nicht bemerkt, daß er ihnen auch nur um eines Haares Breite an Terrain abgewonnen, nur einen ihrer Genossen zur Untreue bewogen hätte. Wenn man also nach solchen Prämissen den Werth der Versicherungen des Dr. Lueger ermißt, so wird man ihnen wohl nur einen sehr geringen Gehalt zuerkennen dürfen und so brauchten vielleicht auch die Juden nicht zu befurchten, daß er ihre „Macht" brechen werde! Der Juden „Macht"! Wo ist sie denn? Worin gibt sie sich kund? Wie äußert sie sich? Hat sie vielleicht in Nachod ihre Wirkung geübt? Oder ist sie in Holleschau und Wsetin zum Ausdruck gelangt? Hat sie in Wien die rechtswidrige Kränkung jüdischer Anstalten seitens der Gemeinde verhindert? Hat sie sich bei der Entziehung der Subvention für jüdische Waisenkinder erkennen lassen? Hat sie sich bei den Wiener Wahlen gezeigt, da nicht einmal die im Verhältniß zur Zahl und zur Steuerleistung der Juden stehende Zahl von Vertretern gewühlt wurden? Ist sie auf finanziellem Gebiete zum Vorschein gekommen? Ist vielleicht durch der Juden Macht die Länderbank Bankier der von Dr. Lueger verwalteten Gemeinde Wien geworden? Spielen nicht auf dem Geldmärkte die christlichen Banken und Bankquiers hier und in Belgien, in Frankreich und in ,England, die gleiche Rolle wie die nichtchristlichen? Oder macht sich diese Macht auf dem Gebiete der Gesetzgebung, der Justiz, der Verwaltung geltend? Am Ende ist gar der Verlust der von Dr. Lueger so kläglich geführten Gemeindeprocesse eine Wirkung der „Macht der Juden"? Wir brauchen erst nicht zu versichern, daß dem nicht so ist. Was wir aber hervorheben müssen ist, daß die Juden gar keine „Macht" verlangen. Ihnen ist es um nichts zu thun, als um Gerechtigkeit. Sie verlangen nichts, als daß mau ihr Menschenrecht anerkenne. Als ihnen nach langer Finsterniß mit der Februarverfassung des Jahres 186 l endlich die Sonne der Gleichberechtigung zu strahlen begann, da haben sie allerdings rasch nach den ihnen so lange vorenthaltenen Rechten zugegriffen und fick in den wohlberechtigten Besitz alles dessen zu setzen bemüht, was sie so lange entbehren mußten. Dadurch haben sie nur wieder den Brodneid aller derer erweckt, die für die wahre Freiheit noch nicht reif, es als eine ihnen zugefügte Entweihung betrachten wollen, daß früher Nichtberechtigte endlich zur Gleichberechtigung kommen sollten. Aber Macht haben die Juden nicht verlangt und wahrlich auch nicht besessen. Gerade in der Zeit der sogenannten liberalen Aera war es nicht einmal gelungen eines Juden Ernennung zum Landesgerichtsrath durchzusetzen, die erst der clericale Graf Schönborn durchzuführen wagte. Den Juden hätte jenes bescheidene Maß von Gleichberechtigung genügt, dessen sie sich bis zum Jahre 1878 zu erfreuen hatten. Von da an bis heutzutage ist aber der Jude das Opfer gewesen, das man einer hungerigen Meute vorwarf, um sie von anderen Bissen wegzulocken. So sieht der Juden Macht aus, von der wir gar nicht erst versichern müssen, daß sie in Wirklichkeit nicht existirt. Was ist nun aber doch der „Juden Macht", von der Dr. Lueger spricht? Sie ist nur ein Phantom, mit dem Lueger seine Leute in Erregung versetzt, ein Popanz für die Massen, die immer etwas hassen oder lieben müssen. Damit sie nur nicht wieder in die Stimmung verfallen, die von 1848 bis 1878 die herrschende war, hat man zum alten Mittel gegriffen, das in der Anwendung auf Kinder und politische Kinder sich immer als sehr erfolgreich erwiesen hat, man schreit: „der Jud kommt!" Das ist die Wahrheit über die Macht der Juden. Ein rückständiges Volk, daß die moralische Kraft nicht hat, die Ideale sestzuhalten, nach denen jede Cultur- Nation streben muß und durch' die allein dem Leben die Weihe gegeben wird, ohne die es im materiellen Streben hintaumelt, fällt leicht Gauklern zum Opfer, die aus die thierischen Instinkte des Bcodneides, den sie verschämt „Kampf ums Dasein" neuen, speculiren und dann namentlich ihre Wirkung nicht verfehlen, wenn sie in einer Zeit wiitbschaftlichen Niederganges die wahren Ursachen dieses Niederganges zu bekennen sich nicht getrauen. Diese Volk betrüger haben dann ein willkommenes Schreckbild mit dem sie stets auf ihr Publikum wirken zu können rechnen dürf in der von ihnen erlogenen „Macht der Juden!" A. W i e n e r. Inserate. ..Bewerber wollen ihre eigenhändigen, mit dem Taufschein belegten Gesuche an das gefertigte Bürgermeisteramt einsenden." „Gesucht ein Commis der Specereibranche, guter Rechner, Christ." . „Ein Auslagenarrangeur christlicher Religion gesucht." „Perfecte Bürgerköchin sucht Stelle in einem ch r i st l. Hause." „Maschinenzeichner, Christ, findet Aufnahme in einem technischen Bureau." „Alsergrund, Porzellangasse Nr. ..., möblirtes Zimmer für einzelnen Herrn (Christ)." „Ein Gemeiudewirthshaus in der Nähe eines Curplatzes, auf die Dauer von drei Jahren zu verpachten. Juden ausgeschlossen." Solchen Inseraten von confessionellem und antisemitischem Charakter begegnet man in allen Tagesblättern und zuweilen stellt es sich heraus, daß ein derartiges Inserat schändlicherweise auch von Juden ausgeht! Das löbliche Beispiel unserer erleuchteten Gegner sollte für uns bestimmend und der gerechtfertigte Anlaß zu einem gleichen Vorgehen sein, um unseren ausgeschlossenen Brüdern Dienstposten, Arbeit und Absatz zu verschaffen, an denen es ihnen in Folge des rührigen Antisemitismus gebricht. Das resignirte Znrückweicheu vor den Gegnern ist nicht Strategie, sondern zumeist Feigheit. Man hetzt uns aus allen Positionen, man drängt uns in ein sociales Ghetto, man boykottier uns — wohlan, ziehen wir uns auf uns selbst zurück, bleiben wir unter uns und trachten wir uns zu genügen! Unsere Handwerker sind nicht schlechter wie die Anderen, unsere Kaufleute nicht minder geschickt. Unsere „Judenblätter" sind ungleich mehr werth, bieten Inseraten größere Verbreitung als die gegnerischen und wir haben es nicht nöthig, unser Geld ins feindliche Lager zu tragen, wo Haß und Verfolgung gebrütet werden. Ach, wenn sie wieder die Schranke aufrichten könnten, wie sie vor 1848 bestanden, oder wenn sie gar die lustigen Scheiterhaufen anzünden könnten, wie sie in früheren Zeiten zu prasseln und glaubenstreue Juden zu rösten pflegten — welche Wonne! Ich gebe mich nicht der eitlen Hoffnung hin, daß meine Worte in den höheren jüdischen Kreisen eine Wirkung hervorbringen. Ich kenne den Jndifferentismus jener glücklich situirien Glaubens brüdec, die von ihren luftigen Söllern unserem Kampfe zuschauen, ohne niederzusteigen und theilzunehmen. Denn auch wir haben unseren Feudaladel, der nicht zum Volke und blos deshalb zum Judenthume hält, weil das Renegateuthum gegenwärtig nicht fair und auch nicht vorteilhaft ist. Aber die mittleren und unteren Schichten des Judenthums, die jetzt in Folge der vielen Bedrückungen, Beeinträchtigungen und grundloser Verleumdungen, vom Geiste der Solidarität und energischer Abwehr beseelt sind; die sich zu fühlen, zu sammeln, Schulter an