Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 638 Vr. Vloch's Wochenfchrifl. dir. 44 Große des Freiraumes um jeden einzelnen Schacht und Anlage von Leitern oder Stufen in den Schächten - - absolut unmöglich ist. Da mit der Nichterfüllung dieser Bedingungen, während allen anderen Vorschriften diese armen Leute nachzukommen geneigt sind, die Sperre und Verschüttung all dieser Schächte verbunden ist und auch unnachsichtlich durchgeführt werden dürfte, steht die Brodloswerdung von etwa 1300 jüdischen ^Arbeitern und der mit diesen Betrieben zusammenhängenden Gewerbsleute, Handwerker u. s. w., kurz die plötzliche Erwerbs- und Brodlosigkeit mehrerer hundert jüdischer Familien bevor, — eine Katastrophe, die wir nicht abwarten, deren Wirkungen wir nicht beheben können, deren Eintritt vielmehr vorzubeugen, als dringendes nicht nur jüdisches, sondern allgemeines Interesse erscheint. Ich lenke die Aufmerksamkeit des Ausschusses aus den mir bekannt gewordenen Umstand, daß, wenn rücksichtlich der vorbezeichneten zwei behördlichen Anordnungen eine mildere Behandlung oder eine Nachsicht erwirkt werden könnte, die drohende Gefahr zu beseitigen und großes Unheil zu verhüten wäre. (Allseitiger Beifall.) Das zweite Moment, scheinbar ferner liegend von den Bedürsnisien und Zwangslagen des Tages, gleichwohl aber vom jüdischen, wie vom wirthschaftlichen Standtpunkte der höchsten Beachtung Werth, bezieht sich auf die Förderung der p a l ä st i n i s ch e n Eolonisatiosbestrebungen, welche seit jeher dem Jndenthum als heilige Pflicht gelten und welche auch im Laufe der letzten Jahrzehnte zu überaus erfreulichen und günstigen Resultaten geführt haben. Frankreich und Deutschland gehen uns auch hier mit ermuthigendem Beispiele voran; schon wirkt auch bei uns der Verein „Ahawath Zion" in Tarnow mit rühmlichem Erfolge für den gleichen Zweck und ich erachte es als eine auch uns unabweisbare Aufgabe, in den Dienst dieser Idee zu treten und zu ihrer Verwirklichung eine besondere Organisation ins Leben zu rufen, weil nicht nur Herz und Gemüth darin ihre reinste Befriedigung finden, sondern auch die Erkenntnis nicht zurückgewiesen werden kann, daß mit jedem einzelnen Cvlonisten, der in das heilige Land entsendet wird, mit ihm und mit feiner Familie nicht nur die wirthschaftliche Aufrichtung verbunden, sondern auch ein Stück lebende nJudenthumsfür alle Zeiten und Generationen gerettet wird (Stürmischer Beifall.) Und so schließe ich meine Betrachtungen über die seitens unseres Bundes zu ergreifenden Maßnahmen mit der neuerlichen Bitte, hierin nichts Erschöpfendes und nichts Ganzes, sondern nur Anregungen und Grundlinien erblicken zu wollen, die das Fundament und das Material zu einem kräftigen und mächtigen Aufbau zu liefern geeignet sein dürften. Ich überanwtorte diese Erörterungen der Würdigung des Bundes mit dem innigen Wunsche, daß es unserer solidarischenVereimigung nach Innen und Außen beschieden sein möge, in ausdauernder und sieghafter Arbeit, im Wege muthiger Abwehr und energischer Selb st Hilfe dem Tage nahe zu kommen, an welchem endlich die Sonne der Gerechtigkeit und des Friedens gleichmäßig leuchtet über alle Bewohner unseres österreichischen Vaterlandes. (Allseitiger stürmischer Beifall.) Herr Dr. Marcel Hoffman n empfiehlt eine Organisation des Selbstschutzes und der Selbstvertheidigung der jüdischen Gemeinden gegen Ueberfälle und Plünderungen. Herr Dr. Kahn polemisirt zunächst gegen Herrn Straßberg, wird jedoch vom Vorsitzenden unterbrochen, welcher ihn ermahnt, politische und nationale Streitfragen nicht in die Discussion zu bringen.. Dr. Kahn befürwortet schließlich als Mittel zur Erreichung der Bundeszwecke eine intensive Pflege der hebräischen Sprache. Dr. Fun k-Boskowitz lenkt die Aufmerksamkeit des Bundes auf die Wanderbettler und bittet um Abhilfe dieses Uebelstandes. Der Vertreter der Gemeinde P r z i b r a m ersucht, daß der Bund mit den Juden in czechischen Gemeinden czechisch verkehren möge. So seien ihnen deutsche Broschüren gegen die Blutlüge zugesandt worden, die vom Volke nicht gelesen werden können. Vorsitzender Dr. Stern bemerkt hierauf, daß die Bundesleitung nicht wißen könne, in welcher Sprache eine Gemeinde amtire. Wenn diesbezügliche Wünsche beim Bunde angemeldet werden, werden sie gewiß Berücksichtigung finden, da der Bund nach den statutarischen Bestimmungen auf keinem bestimmten nationalen Standpunkt steht. Herr Pappenheim - Wien theilt mit, die „Jewish Colonisation" im Vereine mit der Allianz habe 40 Boryslawer Familien nach Amerika expedirt, wo sie sich eine neue Existenz gründen und eine ähnliche Action sei auch in Holleschau eingeleitet. Dr. Z a l o s z e r-Kimpolung bittet den Vorsitzenden, die Anwerbungen der Gemeinden als Bundesmitglieder nicht von Wien aus, sondern durch Vermittlung der Hauptstädte der Kronländer zu veranlassen, da die Gemeinden mit den Persönlichkeiten in den Pcov'lnzhauptstädten in engerer Fühlung sind. Weiters ersucht er, die Bestimmung des Beitrages der Gemeinde selbst zu überlassen. Der Vorsitzende verspricht die Berücksichtigung dieser Anregungen. Da die Tagesordnung erschöpft ist, wird die Versammlung vom Präsidenten um '/,9 Uhr Abends geschlossen. Nach der Versammlung fand in der Restanratiou Kühner eine gesellige Zusammenkunft statt, an welcher die meisten Delegirten theilnahmen. Die Wacht der Inden. Der Wiener Bürgermeister hat wieder einmal das Bedürfniß gefühlt, vor seiner Corona von Kerzelweibern, Conductanfagern, Meßnern und noch anderern Leuten zu versichern, daß er „der Juden Macht brechen werde". Er nimmt wohl seine Versicherungen sehr ernst, und seine gläubigen Zuhörer thun das Gleiche. Miau darf zwar Zweifel hegen, daß er seine Versicherungen auch immer erfüllte, denn die Geschichte spricht nicht zu seinen Gunsten. Er hat angeblich die Macht der Engländer gebrochen und sie aus Wien vertrieben und man erzählt sich neuestens die pikante Mähr Ohm Krüger habe an Dr. Lueger aus Transvaal ein Telegramm gerichtet, in welchem er den Wiener Bürgermeister bittet, doch schleunigst nach Transvaal zu kommen und den Boeren Hilfe zu bringen, da er sich — wie man in Transvaal aber nicht in Wien glaubt— als Engländer-Vertreiber so glänzend bewährt habe. Wir aber wissen es besser als Ohm Krüger. Dr. Lueger hat nur versichert, daß er die Engländer vertreiben werde. Statt dessen hat er sie festgehalteu, hat ihnen etliche Millionen geschenkt, hat ihnen die Beleuchtung von acht Bezirken überlassen und sie nicht blos in Wien auf etliche Jahre neu angesiedelt, sondern sich sogar verpflichtet, ihnen dann erst die Gaswerke abzukaufen, wenn sie einmal selbst abziehen wollen. So sieht es in Wahrheit mit der Engländer-Vertreibung und der Versicherung des Dr. Lueger aus. Er hat auch versichert, daß er die Macht der Liberalen gebrochen habe. Nun wie sieht es mit dieser Versicherung aus? Scheinbar hätte Dr. Lueger Recht behalten; er hat im Wiener Gemeinderathe und im niederösterreichischen Landtage eine clericale Majorität, die er verschämt eine christlichsociale nennen läßt, zur Herrschaft gebracht und benutzt seine Gewalt über diese Majorität um die Minorität zu verhöheren, ihr das Wort abzuschneiden, sie von der Verwaltung so viel er kann auszuschließen — ist die Macht der Liberalen aber deshalb schon ganz gebrochen? Wie sieht es denn mit der Stellung des Dr. Lueger im Reichsrathe aus? Als es Badem zu stürzen galt, hängte sich Doctor Lueger an die Frackschössel derjenigen, die des verhaßten Ministers Sturz herbeisührten, und führte die Komödie auf der Reichsrathsrampe auf, wiewohl er zum Sturze des Ministeriums nicht so viel beigetragen hatte, was unter einen Nagel geht. Unter dem Ministerium Thun kokettirte er mit der katholischen Volkspartei, er wagte es aber doch nicht mit'der deutschen Volkspartei und mit der deutschen fortschrittlichen Partei zu brechen. Wer aber sind die Leute dieser Parteien? Die von ihm gehaßten Deutschnationalen und die von ihm „gebrochenen" Liberalen! Gerade an diejenigen klammerte sich an, als deren Feind er vor seiner Zuhörerschaft auftritt und er weiß wohl, daß er es thun muß, wenn er nicht verrathen will, daß sein Deutschthum genau so viel werth hat, wie der Liberalismus, dessen er sich einst rühmte, wie der Demokratismus, den er beschwor, wie all' die politischen Glaubensbekenntnisse, die er anlegte und ablegte, wie es ihm gerade zur Erlangung einer politischen Stellung und eines Einflusses paßte. Er gebraucht die „gebrochene" Macht der Liberalen, die er noch immer weiter bricht, um sich selbst an der Macht zu erhalten.