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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Bloch's ^Vomenschrisl. Seite 867 Cultusgemeinde in einem Memorandnm an die Regierung Alles vorher gesagt hat, wie es seither auch wirklich gekommen ist, dann drängt sich nothwendig die Frage hervor: Was haben wirJnden selbst und ans eigener Kraft g e t h a n, um die Erfüllung dieser d ü st e r e n V o r h e r s a g u n g zu verhüten oder e i n z n s ch ranken? (Lebhafter Beifall.) Wenn wir das Recht haben, das Verhalten Anderer, der Regierung, der Gesetzgebung und der sonstigen öffentlichen Organe einer Kritik zu unterziehen, so haben wir umsomehr die Pflicht, unser eigenes Verhalten in diesen Schicksalsfragen des Judenthums zu prüfen und uns -jene ungeschminkte Wahrheit einzugestehen, deren Erkenntniß allein noch den Weg zur Besserung unserer Lage zu erschließen vermag. Mit den Vorstellungen, Eingaben und Audienzen, deren der Herr Vorsitzende gedachte, und welche gelegentlich an die Regierung gerichtet und bei ihr genommen wurden, kann wahrlich die Summe dessen, was der österreichischen Judenheit zu thnn oblag, nicht erschöpft sein und mit Betrübnis; muß ich es vielmehr hier in unserem Kreise und bei diesem feierlichen Anlasse mahnend und warnend aussprechen: Die ö st e r r c i ch i s ch e I u d e u s ch a f t hat ihre Pflicht d li r ch a n s nicht e r f ii l l t. (Bewegung.) Genau fünf Jahre sind es her, daß ich Gelegenheit hatte, in einem größeren Kreise jüdischer Vertrauensmänner ans Wien in mehrfachen ' Berathungen ein umfassendes Programm der Abweh r t h ä t i g k e i t zu entwickeln, welches sich der beifälligsten Zustimmung erfreute, als wirksam und verheißungsvoll erkannt- und als das Banner bezeichnet wurde, unter welchem sich die österreichische Judenheit schaaren und ihre vereinigten Kräfte entfalten sollte. Und was ist ans diesem freudig acclamirten Programme geworden? Bis ans das R e ch t s s ch u tz b u r e a u, welches ich damals in dem Vereine der Ocst. isr. Union einrichtete und welches seither so gut und recht weiterarbeitet, als es eben die vorhandenen Mittel und — Kräfte gestatten, ist dieses Programm unerfüllt geblieben bis auf den heutigen Tag, weil die Männer und die Geldmittel fehlten, welche zu seiner Verwirklichung unerläßlich waren und sind. (Hört, 'hört!) Und nach fünf drangsalvollen und schreckensreichen Jahren, nach Raub und Plünderung, die an unseren Glaubensgenossen verbrochen werden, nach gewaltsamer Vertreibung vieler aus ihren Heimstätten, nach wirthschaftlicher Vernichtung einer Unzahl derselben im Wege der Boycottirung und gewerblichen Ausschließung, heute, in der Zeit, wo der Frevel der Blutbeschuldignng durch die Lande schreitet, Angst und Entsetzen verbreitend, Schrecken und Vernichtung znrücklassend, — heute kommen wir abermals, arg verspätet zwar, aber vielleicht noch nicht zu spät auf den eindringlichen Ruf der Abwehr zurück, der A b w ehr aus eigener Kraft neben der staatlichen Hilfe, auf die wir ein legitimes Recht besitzen, neben welcher aber S e l b st h i l f e und S e l b st v e r t h e i d i g n n g unsere oberste Pflicht ist und bleiben muß. (Stürmischer Beifall). Hiernach stelle ich mir in großem Zuge die Aufgabe des Bundes und speciell seines Ausschusses als eine solche dar, welche in der Schaffung einer großen und mächtigen A b w e h r o r g n n i s a t i o n im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes bestehen muß, als deren Centrum Wien, der Sitz des Bundes, erscheint, welches von den sämmtlichen Cultusgemeinden Oesterreichs, deren keine in dem Bunde fehlen sollte, unterstützt wird, welch' letztere wiederum von hier aus Förderung, Unterstützung und die erforderlichen Directivcn finden sollen. (Allgemeiner Beifall). Vielleicht, meine Herren, daß dann das Märchen der jüdischen Solidarität, welche man so gerne gegen uns ansspielt, zur Wahrheit und praktischen Wirklichkeit wird; heute klagen und seufzen wir unter dem empfindlichen Manel dieses Zusammengehörigkeitsgefühles und dieses Zusammenschlusses; heute fehlen noch, so wie in diesem Kreise, so in den Reihen der Kämpfenden jene Mächtigen und Großen unseres Stammes, weil sie Schweigen und Duldung als Panacee betrachten, trotzdem diese Theorie uns bis — „Holleschau und Wsetin" geführt hat; heute erlahmen die Schwachen und Dürftigen, weil ihnen vom Centruin weder gutes Beispiel, noch Mittel und Kraft zugeführt werden. — vielleicht, sage ich. wird der heute geschaffene Zusammenschluß jenes Selbstbewußtsein aufrütteln und jene Solidarität herbeisühren, deren wir ach so dringend bedürfen, sollen wir nicht einzeln, sei es in Unehre und Aechtnng, sei es in wirthschaftlicher Roth und Armuth verkommen. (Bewegung und Beifall.) Was gemeinsame Abwehrthätigkeit, von welcher ich in unsereni Falle gemäß des Zwanges der Statuten jedwede politische Thätigkeit aus schließen muß, welche vielmehr anderen Vereinen und Factoren Vorbehalten bleibt, — was also die gemeinsame Abwehrthätigkeit auf allen sonstigen Gebieten zu leisten vermag, darüber kann uns die Erfahrung — leider nicht unsere eigene Wohl aber ein Blick auf unsere deutschen Glaubensbrüder belehren, denen es gelungen ist, kraft ihrer systematischen Selbstthätigkeit, kraft ihres richtigen Blickes für das Nothwendige und Nützliche, kraft einer rationellen Theilung der Arbeit unter verschiedene, innerlich jedoch zusammenhängende Corporationen und endlich, was nicht das Geringste ist, kraft unermüdlicher finanzieller Opferfreudigkeit den Erfolg zu erzielen, daß der Antisemitismus im Deutschen Reiche wesentlich zuriickgedrängt, in seinen Kundgebungen durchaus inoffensiv und speciell auch der Gemeinderath der Hauptstadt Berlin vollständig a n t i s e m i t e n r e i n geworden ist, während gerade der Gemeinderath unserer Hauptstadt in seiner seltsamen Zusamme: - setzniig die Hauptguelle der antisemitischen, blnidwüthigen und fanatischen Verhetzung ist. aus welcher die anderen Städte und Provinzen ihre schmutzige Nahrung beziehen. Und was unsere Glaubensbrüder im Deutschen Reiche vermochten, müßte trog vielfach anderer Verhältnisse auch uns gelingen, wenn nur dieselben Impulse der Selbstachtung, des Pflichtgefühlen, des Stammesbewußtseiiis und der Opferwilligreit auch bei uns vorhanden und wirksam sind. (Lebhafter Beifall). En ist hier in dieser großen Versammlung und in vorgerückter Stunde weder Ort noch Zeit, eine derlei große Organisation der Abwehr in ihren Details zu erörtern, welche mir allerdings klar und lebendig in ihrer Gliederung und in ihrer Wechselwirkung vorschweben; anzudeuten sei mir jedoch gestattet, daß diese Thätigkeit — repressiv und prohibitiv — die Schaffung eines weitaus 'mächtigeren und actionsfähigeren Rechtsschutzbureaus, eine umfassende und unermüdliche pnblicistische und literarische Propaganda, eine nnermüdliche Kontrolle und ileberwachung der feindseligen Zeitungen und Publicationen, eine nicht erlahmende Behandlung der antisemitischen Reden und sonstigen Actionen, eine unablässige mächtige Förderung des jüdischen Vereins- und Versammlungsweseiis, eine contiiiuirliche Thätigkeit der Belehrung in eigenen, wie in den anderen Kreisen, eine snccessive Beeinflußung und fachgemäße Bekehrung jener anderen Kreise der Intelligenz, in welchen nicht blinder Fanatismus, vielmehe nur Jrrthum und Verführung vorherrschen, eine rationelle Inanspruchnahme des Petitiousreehtes nach verschiedenen Richtungen hin und viele andere Bestrebungen und Actionen zum Inhalte hätte, deren Aufzählung, wie bemerkt, sich dem Umfange meiner heutigen Erörterung und noch mehr einer vorzeitigen Veröffentlichung naturgemäß entzieht. Nicht minder jedoch ist auch das Wirt h f chaftliche G eb i e t in den Kreis dieser groß angelegten Abwehrthätigkeit einznbezieben, da die Förderung und Unterstützung der so überaus zahlreichen wirthschaftlich elenden Elemente in Zeiten ihrer allgemeinen Trangsalirnng um so unverläßlicher erscheint, als gerade diese schwächsten und wehrlosesten Mitglieder unserer Gemeinschaft die Verbrechen und Ausschreitungen des Antisemitismus am bittersten und schmerzlichsten zu fühlen und zu empfinden bekommen. (Lebhafter Beifall.) Es wird gewiß auch in diesem Kreise der Einwurf nicht fehlen, daß diese Action, so wohl gemeint und vielleicht so wohl durchdacht sie sein mag, großer Geldmittel zu ihrer Durchführung erheischt. Gewiß, meine Herren! Ich betone sogar, daß ich mir zur Durchführung dieser Aufgabe sehr große Geldmittel vorstelle, welche an sich allerdings bedeutend, im Verhältnisse zn ihrem Zwecke und zu ihrer 'Wirkung jedoch gering erschienen. Und sollten wir etwa fürchten müssen, dieser unerläßlichen Kampfesausrüstiing nicht theilhaft werden zu könnnen, sollten wirklich die Geldmittel ans unserem Kreise dort versagen, wo es sich um Rettung der vitalsten jüdischen Interessen handelt, während diese Geldmittel stets unerschöpflich zu finden sind, wo es sich um andere öffentliche Widmungen und Gelegenheiten handelt? (Bewegung.) Möchte doch die Erkenntniß endlich eine allgemeine werden, daß alle peeuniären Großthaten, die ans unseren Kreisen hervorgehen, die Geringschätzung, mit welcher unser Stamm heute behandelt wird, auch nicht um einen Grad vermindern und selbst rücksichtlich der leistenden Einzelpersonen nur den Eindruck Hervorrufen, als ob diese sich selbst etwas Mehrachtung erkaufen und durch scheinbare Patronisirung anderer Zwecke zeigen wollten, daß sie die uns Allen zugefügten Unbilden nur mit Großmnth antworten(Zustimmung, Bewegung.) Darum kann ich der Zuversicht durchaus nicht entsagen, daß uns die für den großen Zweck erforderlichen Mittel, da sie in unserer Mitte reichlich vorhanden sind, auch nicht versagt werden dürften und wir sonach in die Lage kommen werden, nebst den materiellen Mitteln auch die g e i st i g e n K r ä f t e zu sammeln und zu vereinigen, um in zweckbewußter Arbeit dem Ziele uns zu nähern, welches darin besteht, die staatsbürgerliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Inden zn erringen und zn wahren, das Unrecht abzuwehren und dem Rechte wie dem Bürgerfrieden zum Siege zn verhelfen. (Stürmischer Beifall. > Wenn, geehrte Versammlung, unsere Aufgabe nicht nur darin bestehen soll. Geschehenes zu beklagen und in seinen Wirkungen thunlichst zn bessern, vielmehr auch bevorstehende m Nebel rechtzeitig zu begegnen, so gestatten Sie mir noch die Erwähnung zweier meiner. Ansicht nach sehr erheblicher Momente. Wir alle kennen die mißlichen und traurigen Verhältnisse der jüdischen Arbeiterschaft in B o r y s l a w, denen in den letzten Monaten einigermaßen nachgeholfen wurde. Für den 20. Februar 1900 jedoch, also in etwa vier Monaten, droht eine neue furchtbare Katastrophe in eben diesen Arbeiterkreisen dadurch, daß an jenem Tage die Frist für die Erfüllung all der strengen bergpolizeilichen Vorschriften abläuft, welche den dortigen kleinen Schachtbesitzern und Schachtpächtern auferlegt worden find, und deren Erfüllung denselben in zwei speciellen Punkten — f*

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