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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 835 wohl berechtigt fühlen dürfen, wenden sich an die maßgebenden Factoren im Staate, an die österreichische Regierung, an die staatlichen und autonomen Verwaltungen, an die öffentlichen Vertretungskörper und überhaupt an alle anständigen, rechtlichen denkenden Kreise der Bevölkerung aller Confessionen mit der dringenden Mahnung, jenem verhetzenden, unheilvollen Treiben mit aller Energie entgegenzutreten; es nicht weiter zu dulden, daß eine Million österreichischer Staatsbürger um ihres Glaubens willen geächtet werde, es nicht zu dulden, daß am Schluffe des XIX. Jahrhunderts unser Vaterland Oesterreich unter der glorreichen Regierung unseres unendlich gütigen, weisen, erhabenen Monarchen Kaiser Franz Joseph I. der Schauplatz einer schmachvollen religiösen Verfolgung werde/ (Lebhafter Beifall.) Der Redner schildert in bewegten Worten die unausgesetzten Anstrengungen des Wiener israelitischen Cultusvorstandes in Sachen der Abwehr im Laufe des letzten Jahrzehntes. Vor mehr als zehn Jahren, führte er aus, wurde seitens des Wiener Cultusgemeinde-Vorstandes der Regierung eine Denkschrift überreicht, in der die jetzigen Ereignisse vorhergesagt wurden. Besondere Divinatiön gehörte auch nicht hiezu. Die Drohungen von der „gewaltsamen Abwicklung auf der Straße", vom „Sturm auf die Juden", vom „Masfakriren derselben" haben ihre Früchte getragen, die Leidenschaften breiter Massen wurden in zügelloser Weise entfesselt, und schließlich zeigte es sich, was eine bedauerliche Verrohung zu leiden vermag. Der Vorsitzende gedachte noch all' der Vorstellungen und Audienzen, die angesichts der bedenklichen Erscheinungen ein energisches Einschreiten der Behörden verlangten, wenn gleich nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Die Wiener Gemeinde, die größte des Reiches, war sich ihrer Aufgabe als Vorhut unter den Gemeinden wohl bewußt, und stets bemüht ihr gerecht zu werden. Wo aber einer einzelnen zu leisten die Kraft erlahmt, sollen und wollen Alle zusammen und gemeinsam eintreten. Redner würdigte die Bedeutung eines sich über ganz Oesterreich erstreckenden Bundes und gab der Erwartung Ausdruck, daß ausnahmslos alle Gemeinden, daß aber auch die Besitzenden sich den Abwehrbestrebungen ihrer schwer leidenden Volksgenossen anschließen werden und erinnerte sie an das Wort, welches Mordechai an die Königin Esther in der Zeit der Roth erboten hat. „Bilde Dir nicht ein, aus dem allgemeinen Untergänge Dich zu retten, wenn Du in dieser gefahrvollen Zeit Deinem Volke Dich entziehest, so wird uns Rettung von anderwärts kommen. Du aber und Dein Vaterhaus werden zu Grunde gehen. Wer aber weiß, ob Du nicht gerade für das Rettungswerk in dieser Zeit wardst erkoren". (4, 13. 14.) (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Rabbiner Dr. Schmied! ergreift das Wort als einer der ältesten Rabbiner Oesterreichs, der zudem auch in jener Gemeinde, aus welcher in den letzten Tagen so schreckliche Nachrichten gekommen sind, vor Jahren amtirt hat. Redner weist die Berechtigung des Ausspruches nach: „Es gibt nichts Nenes unter der Sonne". Zur Zeit des Maimonides wandten sich viele Gemeinden aus Jemen, die unter grausamen Judenverfolgungen zu leiden hatten, an diesen großen Gelehrten mit der Bitte, er möge ihnen rathen, was sie angesichts der allseitigen Bedrückungen thun sollen. Das Antwortschreiben des Maimonides nimmt einen Ehrenplatz in der jüdischen Literatur ein und eine Stelle in demselben lautet: „Hören, dulden, schweigen!" Das war auch lange Zeit die traurige Devise unseres Stammes. Jetzt haben sich die Anschanungen geändert und die Juden sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß man nicht mehr schweigend dulden dürfe. Dieser Ueberzeugung entsprang der heute zur Constituirung tagende „allgemeine österr. Bund". Allein es kam schon in früheren Jahren einmal zur Gründung eines Gemeindebundes, der aber nur auf dem Papier blieb. Möge nun der neue Bund zu wirklichem Leben ersprießen. Der Vorsitzende läßt die eingelangten Entschuldigungen zur Verlesung bringen, unter anderen von den Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk und Dr. Straucher nnd betont, daß viele Vorsteher aus Böhmen und Mähren ihr Fernbleiben damit entschuldigen, daß sie in Folge drohender Excesse nicht vom Hause fortkommen können. (Bewegung.) Es erbittet sich sodann Reichsraths-Abgeordneter Hofrath K a r e i s das Wort. „Die Ereignisse, die sich in Oesterreich abspielen," sagte er, „schänden geradezu dieses Jahrhundert. Schaudernd erleben wir Dinge, die au die finstersten Zustände menschlicher Verrohung erinnern. Mangelhafte Intelligenz, eine beklagenswerthe Berderbniß der Charaktere, eine Feffelung der niedersten Jnstincte haben zur Plünderung, Raub, Brandlegung geführt. Hand in Hand mit diesen planmäßig organisirten Raubzügen geht ein Boycott, eine schwere wirthschaftliche Schädigung jüdischer Geschäftsleute. (Rufe auswärtiger Vertreter: Der vollständige Ruin! Die Auswanderung!) Man hindert die Leute daran, in jüdische Geschäfte hineinzugehen (Rufe: Man photographirt die Kunden der Juden!) und man erkärt vor den Angen der Behörden den Juden als vogelfrei! Die Regierung hätte im Augenblicke, wo es galt, die Gefahr abzuwenden, sofort einschreiten müsien, und die Bezirkshauptleute.müssen ihrer Verantwortlichkeit sich vollkommen bewußt sein. Energisch müsse gefordert werden, daß es mit der bisherigen Duldung schmachvoller Zustände ein Ende habe." Dr. Rosenbacher - Prag bedauert, daß nur die Anwesenden die Rede und den Bericht des Bundespräsidenten gehört haben. Wenn auch die Abwesenden davon Kenntniß nehmen könnten, würden gewiß alle Gemeinden dadurch veranlaßt werden, sofort dem Bunde beizutreten. Ec beantragt daher, die Rede in Druck zu legen und allgemein zu verbreiten. (Lebhafter Beifall und Zustimmung). Die Resolution wird sodann einstimmig zum Beschluß erhoben. Vorsitzender: Von Herrn Sigmund Mayer ist folgender Antrag eingebracht worden: „Die Reichsrathsabgeordneten jüdischer Confession werden ersucht, selbstständig einen Gesetzentwurf a u s z u arbeiten und in das Abgeordnetenhaus einzubringen, durch welchen in subsidärer einander ergänzender Reihenfolge Gemeinde, Land, Staat für vorgefalle ne Plünderungen haftbar gemacht werden." Zur Begründung des Antrages aufgefordert, sagt der Antragsteller im Wesentlichen Folgendes: Zweifellos, meine Herren, werden Sie von den nachfolgenden Rednern ganz ausgezeichnete Erörterungen allgemeiner Art hören. Ich glaube aber mit Allgemeinheiten ist in praktischen Fragen — und Plünderungen sind eine sehr praktische Frage — nicht geholfen. Ich habe mich darum bemüht, mit diesem meinem Anträge die Sache bei einem praktisch wirksamen Zipfel anzufassen. Eine Motivirung des Antrages an sich halte ich, und Sie meine Herren wohl mit mir, für überflüssig. Ich möchte nur mit einigen Worten einem eventuellen Einwande zuvorkommen. Man wird die Chancen der Annahme eines solchen Antrages durch das Haus für schwach finden. Nun ist es allerdings wahr, daß gerade solche Anträge, welche nicht aus den Wünschen politischer Parteien hervorgehen, sondern einzig Postulate allgemeiner Gerechtigkeit sind, in der Regel von diesen Parteien am ungerechtesten behandelt werden, und am längsten zur Durchsetzung brauchen. Aber sie gelangen, wenn auch später, immer zum Siege. Ich erinnere beispielsweise daran, daß der Gedanke des Dr. Jaques, ungerecht Berurtheilte zu entschädigen, trotzdem gar keine Partei ein Interesse daran gehabt hat, nur kraft der ihm zu Grunde liegenden Gerechtigkeit durchgedrungen und Gesetz geworden ist. Ich halte aber die Aussichten des Antrages darum für nicht so schlecht, weil wir für ihn ein im allgemeinen Interesse entscheidendes Argument geltend machen können. Dieses Gesetz nämlich wäre ein solches, welches uns Juden nur im Besitze, die Nichtjuden aber im Leben schützt. DiesesGesetz wäre nämlich das einzige wirksame Mittel, um das Schießen zu verhüten! Denn es ist ganz sicher, daß in dem Momente, als diese Bürgermeister und Gemeindefunctionäre der Stadt- und Landgemeinden, welche heute vielfach ganz gleichmüthig den Plünderungen zusehen, wüßten, daß sie, die Wohlhabenden, dieses Vergnügen des besitzlosen Pöbels bezahlen müssen daß, sage ich, sie dann sicher die eifrigsten und ersten wären, rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen, alle Excesse zu verhindern. Im März des Jahres 1848 hatten di: deutschen Bauern in einer Reihe von elsässischen Dörfern sich von dem Beispiele, welches damals Preßburg, Waag- Neustadtl und andere Orte in Oesterreich gegeben hatten, verlocken lassen, ihre jüdischen Mitbürger — more austriaco — zu plündern. Die Juden klagten und die Gemeinden wurden in drei Instanzen — das Urtheil des Cassationshofes erfloß erst im November 1850 — verurtheilt, den vollen Schaden zu bezahlen. Seit dieser Zeit ist es keinem Elsässer Bauern mehr eingefallen,

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