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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-03 · 44 (3.11.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
44 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 834 Dr. Blocht Wochenschrift. Nr. 44 Mit hohem Interesse folgte die unter dem Eindrücke der letzten Ereignisse in Böhmen und Mähren stehende Versammlung der Eröffnungsrede des Bundespräsidenten Herrn Dr. Alfred Stern und nahm einhellig die von demselben beantragte Resolution an, in welcher der Zeiten Schmach markigen Ausdruck fand. Von praktischem Werthe war ein Antrag des Herrn Sieg. Mayer, betreffend die gesetzliche Feststellung der Entschädigungspflicht der Gemeinden an alle Opfer öffentlicher Exceffe. In längerer inhaltsvoller Rede entwickelte im Laufe des Abends Herr Dr. Hermann Fialla den großen Abwehrgedanken, dessen Ausgestaltung nnd Verwirklichung Ausgabe und Zweck des Bundes sei. Die umfassenden und reichen Gesichtspunkte dieser Rede, welche den Höhepunkt der Discussionen bezeichnete, begegneten der verständnißvollen Zustimmung der Anwesenden, welche sich durch Kundgebung stürmischen Beifalles mit diesen grundlegenden Anschauungen identificirten. Der Vorsitzende Herr Dr. Alfred Stern eröffnete die Versammlung, begrüßte mit herzlichen Worten die Delegirten der Gemeinden aus allen Gauen der Ostmark und fährt dann fort: Nach dem Statute, welches Ihnen vorliegt, ist der Verein, der heute hier definitiv constituirt werden soll, nicht etwa ein einfacher Verband physischer und moralischer Personen, ein Verband, zu welchem Jeder ohneweiters den Zutritt hat, der irgend einen bestimmten Jahresbeittag erlegt. Der Verein ist, ich möchte sagen, ein qualificirter Verein, in dem nämlich als dessen Mitglieder nur ausgenommen werden können einerseits die Cultusgemeinden, andererseits als Einzelnpersonen nur solche, welche Vorstände einer Cultusgemeinde oder einer Gemeinde-Institution sind, oder sich durch ihre literarische, wissenschaftliche Bedeutung oder im öffentlichen Leben um das Judenthum verdient gemacht haben. Unter der Voraussetzung eines den gehegten Erwartungen entsprechenden Beitrittes kann sonach dieser Verein sür sich das Recht in Anspruch nehmen, als Repräsentanz der österreichischen Judeuschaft angesehen zu werden und dies umsomehr, als alle rituellen, politischen und sonstigen Divergenzen, wie sie in den Anschauungen unserer Glaubensgenossen bestehen, statutarisch und in praxi für jetzt und für alle Zukunst beiseite gelassen, Erörterungen nach diesen Richtungen vollkommen ausgeschlossen sein sollen. Obgleich das Bundesstatut, welches unter Mitwirkung der Repräsentanzen der hervorragenden Cultusgemeinden Oesterreichs aus gearbeitet wurde, bereits vor mehr als Jahresfrist die Genehmigung der Staatsregierung erhalten; obgleich seit dieser Zeit von der Vereinsleitung eine intensive Propaganda geübt wurde, konnte doch bisher die leider nur zu bekannte Indolenz unserer Glaubensgenossen nicht bewältigt und konnte nicht früher an die erste ordentliche Tagung des Bundes gegangen werden. Nun aber haben, durch die Ereignisse gedrängt, bereits 150 Cultusgemeinden formell ihren Beitritt erklärt, zahlreiche andere Gemeinden ihre Zustimmung zu den Zielen unseres Bundes und schon im Vorhinein zu den heute von uns zu fassenden Beschlüssen uns mitgetheilt, und auch ihren formellen Beitritt in sichere Aussicht gestellt. Und eine ganze Reihe von Glaubensgenoffen, welche, den statutarischen Voraussetzungen entsprechend, Mitglieder des Vorstandes der Gemeinden oder Gemeindeanstalten sind, oder sich sonst auf literarischem, auf wissenschaftlichem Gebiete, im öffentlichen Leben um unsere Glaubensgenossenschast verdient gemacht haben, drängt sich zum Beitritte. Aus Böhmen sind dem Bunde bisher in aller Form Rechtens 52 Gemeinden beigetreten, aus der Bukowina 5, aus Galizien 30, aus dem Küstenlande 2, aus Mähren 24, aus Niederösterreich 11, aus Oberösterreich 2, aus Schlesien 6, aus Steiermark und Tirol je 1. Der Vorsitzende läßt die Namen der Gemeinden, welche ihren Beittitt angemeldet haben zur Verlesung bringen. Nach namentlicher Aufzählung der 24 Gemeinden aus Mähren wurden Rufe laut: „Wo blieb denn Brünn?" Der Vorsitzende Herr Dr. Alfred Stern antwortet : „Aus Brünn ist der Beittitt in Aussicht gestellt. Große Aufgaben hat der Bund auf sich genommen. Sie finden dieselben im Paragraph 1 des Statutes tiev* zeichnet: Förderung der Verwaltungs-, Bildungs- und Wohlthätigkeits-Angelegenheiten der israel. Cultusgemeinden Oesterreichs; Sammlung und Mittheilung von Erfahrungen auf dem Gebiete der Gemeinde-Verwaltung; Förderung lüdischer Geschichtsschreibung und Verbreitung von Kenntnissen über Wesen und Geschichte des Judenthums; Förderung des Religionsunterrichtes u. s. w. u. s. w. Alle diese Dinge lassen sich aber nur succeffive nach Maßgabe der vorhandenen Mittel erreichen, alle die sich hieran knüpfenden Fragen müssen und werden dem Bundestage seinerzeit vorgelegt werden, sie erfordern eine reifliche Borberathung und Vorbereitung im Schoße des Ausschusses und thatsächlich haben auch derartige Vorberathungen im Vorstande bereits stattgefunden. Alles dies aber muß heute zurücktreten vor der einen Angelegenheit, die uns beschäftigt und deren Bedeutung auch in unserer Berathung durch die Verquickung mit anderen, wenn auch noch so bedeutenden Fragen nicht abgeschwächt werden darf. Es hat die Protestversammlung in Wien stattgefunden, deren Glanzpunkt die Ihnen Allen wohlbekannte Rede des hochverehrten Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann war, eine Rede, der wir nicht allein Wort für Wort beipflichten, sondern auf Grund deren zugleich unser Aller Solidarität mit dem hochverehrten Sprecher wir heute hier bekunden. (Lebh. Zustimmung.) Es haben ferner vor und nach der Wiener Versammlung viele andere Gemeinden derartige Protestversammlungen abgehalten, deren Anzahl und Inhalt wir nicht einmal wissen, da keineswegs von allen Gemeinden, welche Versammlungen abhielten, dies in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Alle diese Kundgebungen, so werthvoll sie sind, so nothwendig sie waren, waren aber doch immer nur Aeußerungen einzelner, wenn auch noch so bedeutender Gemeinden, ihrer Vorstände und Corporationen. Heute aber soll hier eine Versammlung von Juden zn Worte kommen, welche im Sinne meiner obigen Ausführungen, mehr oder weniger schon dermalen die österreichische Judenschaft als solche repräsentirt und für diese Versammlung wird Ihnen nun folgende Resolution vorgeschlagen: „Die seit 15 Jahren und länger in Oesterreich bettiebene Hetze gegen unsere Glaubensgenossen hat die dem positiven und dem natürlichen Rechte entsprechende Repression nicht gefunden. Eine Million österreichischer Staatsbürger jüdischen Glaubens war all' die Jahre hindurch fortwährend Beschuldigungen, Beschimpfungen und Schmähungen, auch materiellen Schädigungen und sonstigen schweren Angriffen auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens, des socialen und geschäftlichen Verkehres ausgesetzt. Die Fortentwicklung zeigt, daß dieser feindseligen Bewegung, welche sofort bei ihrem Auftreten mit leichten Mitteln hätte eingedämmt werden können, nichts Anderes als der durch den culturellen Fortschritt längst überwunden geglaubte, jedoch zu neuem Leben erweckte Religionshaß mit allen seinen Begleiterscheinungen zu Grunde liegt. Erscheint es doch kaum faßbar, was alles in unsere seit Jahrtausend bestehende Religion — die Mutterreligion des Christenthums — hineingedichtet, welche Fälschungen, welche Ungereimtheiten herausgelesen, welche niemals bestandenen Traditionen erfunden, welche tausend- und tausendmal widersprochene und widerlegte Lügen immer wieder von Neuem vorgebracht werden. Nun ist auch die schmachvollste, gefährlichste und >. 'rei allerdümmste Lüge, die „B l u t l ü g e", wieder zu neuem Leben erweckt worden. Sie durfte, so unglaublich dies am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts erscheinen mag, in einem österreichischen Gerichtssaale ungeahndet vorgebracht werden. Sie bildet heute eine stehende Rubrik in gewissen Journalen, ohne daß dagegen die erforderliche Repression geübt wird. „Ritualmord" ist heute ein so geläufiges Schlagwort geworden, wie es in vergangenen Jahrhunderten „H e x e r e i und Zauberei" waren. Die Folgen dieses unheilvollen Treibens sind mit blutigem Griffel in der österreichischen Culturgeschichte der Gegenwart eingetragen. All dem gegenüber erhebt nun der zum erstenmale zu ordentlicher Tagung zusammengetretene „Allgemeine Oesterreichisch-Israelitische Bund" seine warnende Stimme. Hundertfünfzig israelitische Cultusgemeinden in Oesterreich, die große Zahl österreichischer Israeliten, welche vermöge ihrer öffentlichen und Vertrauensstellungen als Repräsentanten "der österreichischen Judenschaft zu erscheinen sich

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