Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 44 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Hlvch's Wochenftlzrifi. Seite 833 angeblich von den Juden getödtete gute Werner, welcher von einigen einfältigen Christen als heilig verehrt wurde, im Feuer verbrannt, seine Asche in alle Winde zerstreut und zu Nichte gemacht werden solle" 32). Wird das „Vaterland", trotz dieser Entscheidung des Kaisers, fortfahren, den „Fall" von Wesel zu den „historisch erwiesenen" zu zählen? (Fortsetzung folgt.) „Eine jüdische Serke". Von Dr. U. 2. Stern. Das Unsinnigste ist nun wieder einmal aufgerollt, das Gemeinste ist an die Oberfläche getreten, die leibliche Schwester der gesetzesschäuderischen Hexenverbrenmmgen, das Ritualm'ärchen erhebt das scheußliche Haupt mit grinsendem Angesichte aus dem schmutzigsten Schutte des gräulichsten Mittelalters und befleckt mit seinem giftigen Geifer den Kulturboden der schönen österreichischen Lande. Ein toller Gespensterspuk treibt am hellen Tage in den Gassen sein Unwesen und verführt leicht bethörte Volksschichten zum rasenden Höllentanz. Das Schauspiel ist fürwahr gar zu widerlich, aber dennoch Vielen, deren Gefühl für eine gewisse Anständigkeit noch nicht völlig überwunden ist, aus atavistischem Judenhasse sehr erwünscht. Diese legen sich deshalb eine wunderbare Logik zurecht, die es auch ihnen gestatten soll, mitzuthun. Diese können sich's doch nicht verhehlen, daß den vielen Juden ihres täglichen Umganges, so vielen ausgezeichneten Männern der Wissenschaft und ausnahmslos allen so herrlichen Geistesproducten der aller Welt bereits bekannten jüdischen Literatur eine solche gräuliche Mordlust und ein solch' entsetzlicher Durst nach Menschenblnt nicht zugemessen werden kann, darum meinen diese Ueberlegenen, daß nur irgend eine jüdische Secte Christenblut trinke, nicht aber alle Juden; denn etwas sei doch sicher daran. Mit dieser neuesten Ueberzeugungszurichtung müssen wir zu Gericht sitzen. Sie birgt eine Böswilligkeit in sich, die uns nicht weniger beschimpft und bedroht als das Märchen im Allgemeinen. Man gebe sich ja nicht der Täuschung hin, daß diese Einschränkung zu Gunsten der Juden oder der Aufklärung und Gerechtigkeit gemacht wird, sie ist erfunden, um das Verdammungsurtheil vom Haupte der verrufensten und verlogensten Hetzer abzuhalten. Diese Erdichtung einer jüdischen Secte ist ein Kunstgriff, um nur das blöde Mordritualmärchen in den Hafen der Möglichkeit für alle Ewigkeit einführen zu können. Es ist damit die Ehrenrettung mittelalterlicher Schreckensthaten beabsichtigt. Es ist eine Hinterhältigkeit, weil man sich dabei sehr wohl bewußt ist, daß alle Inden preisgegeben sind, wenn erst das Kainszeichen des Brudermordes auch nur einer jüdischen Secte aufgedrückt wäre. Denn wenn schon die noch ganz und gar fragliche Schuld eines einzigen verkommenen Hülsner hinreicht, die ganze Race zu bedrohen, wie erst, wenn eine ganze schuldige jüdische Secte erfunden und erdichtet werden könnte! Durch diese Erdichtung soll die rührendste Märtyrerkrone, der ergreifende Strahlenkranz der unschuldsvollen verfolgten Gerechtigkeit vom verklärten Haupte der Judenheit hinabgezerrt werden, sollen die Juden des Mitgefühles aller Edlen, der Theilnahme aller Gutgesinnten beraubt werden für so viele unschuldig erlittene Qualen durch die Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag. Diese neu erdachte jüdische Secte soll der Reaction das Wort reden, welche es darauf abgesehen hat, den Wahn des Mittelalters, die fanatischen Mordprediger der Jahrhunderte, die mordenden und plündernden Volkshaufen, die grausamen Austreibungen der Juden, die auflodernden Flammen der räuberisch überfallenen Ghettos wieder zu rehabilitiren; es ist eine Zummhung an das Judenthum, sich wie Dreyfus in Rennes angesichts der bereits herangekommenen Wahrheit neuerdings unter mildernden Umständen verurtheilen zu lassen; es soll ein fauler Ausgleich sein, die jüdische Secte als Sündenbock gelten zu lassen, wofür die Anderen auf Zeit begnadigt werden dürften. Nein, fürwahr, mit gewissen Ideen des Mittelalters gibt es um des Heiles der ganzen Menschheit willen keinen Ausgleich; soll Cultur, Wahrheit, Gerechtigkeit herrschen, müssen sie mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, müssen sie in nackter, ungeschminkter Scheuß- 32) Das berichtet das Cbronicon Colmariense svgl. Böhmer fontes rerum Germanicarum II. 72; Monum. Germ. Hist., Script. XVII, 255) : „rex (Rudolphus) petitionem Judeorum exaudivit. .. illos de Wesela et Popardia . . . a mortis perieulo liberavit. Insuper fecit rex dominum arehiepiscopum Moguntinum sollempniter predicare,quod Christiani Judeis iniuriam maximam intulissent et quod bonus Wernberus, qui a Judeis oeeisus communiter dicebatur, qui pro divino a quibusdam Christianis simplicibus colebatur, deberet igne cremari et cinis corporis eins in ventnm dispergi et ad nichilum dissipari". Die Colmarer Chronik verdient schon deshalb größere Glaubwürdigkeit, als die übrigen Quellen, weil bei dem Geschehniß Erzbischof Heinrich von Mainz eine Rolle spielte, der „unzweifelhaft unserem Chronisten manche Mittheilung machte", vgl. Lorenz, „Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter", Berlin 1886, I, 22. lichkeit als Wahrzeichen menschlicher Bosheit aufgestellt bleiben. Für Inquisition, Folter, Scheiterhaufen, Bleikammern, Hexenverbrennung, Ritualmordmärchen gibt es keine Beschönigung, sie sind dem Höllenpfuhl entstiegen, dorthin müssen sie verbannt werden für alle Zeiten. Nicht blos die Juden, Alles was von Wiffen erleuchtet, für Volkswohl durchbebt ist, für Wahrheit erzittert, Menschenwürde ahnt, vor dem Gerichte der Geschichte bestehen will, einen Gottesruf anerkennt, vor heraufbeschworenem Unheil und Wehe scheu zurückweicht, muß sich da zu einem gewaltigen, lauten, die Welt durchdringenden Proteste erheben. Grelle Blitze, Raketen des Witzes und des Spottes von allen Seiten, allwo Menschengeist sich elektrisch entladet, müssen in diesen nächtlichen Spuk hineinleuchten. Im Reichsrathe wird man fragen müssen, wo ist die vielgepriesene, religiössittliche erziehende Neuschule, der Siegespreis unerhörter dreißigjähriger Parlamentskämpfe, die Bürgschaft der Zukunft, wenn in dieser Kinder idealer Familien um sich her auf den Schulbänken Schauergeschichten von durch Juden ermordeten Christenmädchen anhören muffen? Wenn diese Kinderschaaren aus der Schule herausgestürmt kommen und dem Juden, dem sie begegnen, wäre er auch noch so ideal und rein, zurufen: „Möchtest mich ermorden, Du Jud?" Wenn das im Reichsrathe nicht zur Sprache kommt, gibt es keinen Liberalismus, sind die Herbst, Kuranda, Brestel. Hasner, Unger, Bloch dem Parlamente für immer entschwunden. Das Erbe der Heroen, ihre besten Werke werden vor den Augen der blutleeren Nachfolger, den Scheinliberalen» mit Füßen zerstampft, geschändet, und diese schweigen, sie sind zu alltäglichen Zänkern der Obstruction ohne Ideal hinabgesunken. Sie schweigen, wo sie reden, entflammen, die Fackel entzünden könnten, die dem Volke voranleuchten, es wieder Hinreißen könnte, wie sollen sie je wieder emporkommen. Und welche jüdische Secte soll denn das sein, die da wieder ausgeheckt wird? Ist schließlich nicht auch das Christenthum nach wissenschaftlichem Begriffe eine Secte des Judenthums? Hat nicht der Puritaner Cromwell Zion, Jerusalem, Israel auf seine Secte bezogen? Gehen nicht Juden und Christen von einem und demselben grundlegenden Buche aus. Wie ist Jesus, sind die Apostel einer Race angehörig, die eine mordlustige und menschenblutftefferische Secte in sich hat? Und wenn wir von einer solchen Secte wüßten, stehen wir Juden nicht hoch genug, um diese von uns auszustoßen, sie der Verachtung, der Züchtigung der ganzen Welt preiszugeben. Die Wissenschaft sagt absolut nein, hat es schon wiederholt dargethan, es gibt keine solche jüdische Secte, und einige Buben werden sich unterfangen zu sagen: es muß doch irgendwo eine geben? Wie, sollen da nicht die Juden etwa wie im Proceffe Hülsner als Mitschuldige einer schuldigen Secte verurtheilt werden, die keinem Menschen auf Erden bekannt ist. Ehe ihr eine solche Secte behauptet, wo sind eure Studien, wie weit seid ihr in die jüdische, in die allgemeine Geschichte, Cnltur und Literatur eingedrungen? Belehret uns, lasset sehen, was ihr wisset? Ist denn die Welt auf den Kopf gestellt? Gibt es keine Universitäten und ist fortan der Pöbel für eulturhistorische Behauptungen maßgebend? Wird morgen der Pöbel decretiren, daß sich die Sonne bewegt, und die Erde stille steht, daß Galiläi mit Recht verbrannt wurde. Wenn ein Mord vorläge, und man wollte auf Voraussetzung des jüdischen Blutrituales urtheilen, müßten nicht zuvörderst die Universitäten, die Orientalisten, die Geschichtsforscher befragt werden, ehe ein Staatsanwalt oder auch ein Minister den Mund aufmachen dürfte? Von heute an, werden wir Deckert, Vergani, Baxa fragen, ob die Sonne oder die Erde stille steht. Indessen wollen wir mit Tr. Baxa der Vorsehung danken, die uns in Kuttenbeeg wieder einmal gezeigt hat, wie solche Pöbelmärchen künstlich gezüchtet, in die Welt gesetzt und verbreitet werden. Hoffentlich werden wir doch wieder zur Wissenschaft und zu den Universitäten uns zuwenden. Ser Allgemeine Vesterreichisch- Israelitifche Bund. Constituirende Versammlung. Am 31. Octobrr 1899 erfolgte im großen Sitzungssaale der Wiener israelitischen Cultusgemeinde unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Alfred Stern bei ungemein zahlreicher Betheiligung von Delegirten der österreichischen Cultusgemeinden und sonstigen Mitgliedern die statutengemäße Eonstituirung dieser großen jüdischen Vereinigung, welche, mit dem Sitze in Wien, bestimmt ist, durch Umfassung aller österreichischen Cultusgemeinden. welche die gesetzlichen Bertretungskörper der österreichischen Judenheit darstellen, die a d m i n i st r a t i v e n und Cultus-Interessen der Gesammtheit zu fördern und angesichts der Verhältnisse, welche im Laufe der letzten zwei Decennien eingetreten sind, eine wirksame Abwehr wider „rechtswidrige Angriffe gegen Juden und Judenthum" zu ermöglichen. Der große Sitzungssaal der Cultusgemeinde, sowie die Nebenräume waren gedrängt voll, aus weitester Entfernung waren Delegirte herbeigeeilt, an den Berathungen theilzunchmen