Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Nr. 43 Vr» Bloch's Wochenschrift. Seite 827 wurden die Herren: Berstting, Ton, Elias, Gimpel, Heber, Klingcr, Aörner, Kolieb, Krng, Patzieck. Snlzrnann, Sperling, Voglhut, Wägern und Weinstein. Tiefen Eindruck machten folgende Tankesworte des Schriftführers Herrn D. L Lewin: „Meine Herren! Ich will nur einer Pflicht hier Nachkommen und unserem Vereinsarzt Herrn Tr- Isidor Braun für die pflichteifrige und erfolgreiche und uneigennützige Behandlung, die er nur seit 3 Jahren zutheil werden ließ, den Dank aussprechen Diesen mit rührender Stimme gesprochenen Worten des greisen Mannes schloß sich der Vorsitzende in einer znstimmenden Ansprache, sowie die Versammlung durch Beifallrufe an. Wien. (Todesfall.) Bei der am Samstag stattgesundenen Beerdigung der Frau Friederike, Gattin des Herrn Jul. Kohn, die im frühen Alter von 48 Jahren verschied und einen guten Ruf als Philantrophin hinterließ, fungirte Herr Obercantor Singer im Trauerhause und auf dem Gottesacker, wo Oberrabbiner Dr. Güdemann der edlen Verblichenen einen warmen Nachruf widmete. Wien. Herr Cultusvorsteher Oberingenieur Arthur Edler von Mises hat einen schweren Verlust erlitten. Am 16. d. M. ist in Lemberg dessen Mutter Marie Edle von Mises ged. N i r e n st e i n, Tochter des berühmten Rabbi Mendel Rirenstein aus Brody und Schwester des hiesigen Banquiers und Vorstandsmitgliedes der israel. Allianz Heinrich Nirenstein, im Alter von 77 Jahren verschieden. Die Verblichene war eine selüne Erscheinung in jeder Hinsicht, voll Bildung, Weisheit und Tugend. Jeder, der sie gekannt — und wer ist in Lemberg und Umgebung, der sie nicht gekannt — hat sie verehrt und hochgeschätzt. An ihrer Bahre trauern die Söhne Dr. Felix Edler von M i s e s, Emil Edler von Mises, Arthur Edler von Mises, die alle eine hohe Stellung einnehmen, Schwiegertöchter und zahlreiche Enkel. Hannover. Bei dem hier abgehaltenen Parteitage der deutschen Socialisten, sprach Socialdemokrat Hoch über das Ansinnen der Thierschutzvereine bezüglich der Abschaffung des rituellen Schlachtens. Redner steht principiell auf dem Standpunkte der Toleranz in religiösen Dingen, diesen Grundsatz müsse man festhalten, solange nicht von den Schächtgegnern der evidente Beweis erbracht ist, daß das Schlachten eine Thierquälerei rnvolvire und eine andere Methode richtiger sei. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von G a b r i e l. (Fortsetzung.) „Nein!" erwiderte Brack, „trotz Deiner Jugend habe ich großes Vertrauen zu Dir. Meine Absicht ist unverändert geblieben; und deshalb bin ich auch entschlossen, kein Opfer zu scheuen, Dich an Dein Ziel zu führen. Du, mein armer Michael, ein Vaterlandsloser, Deine neue Heimat Mähren erkennt Dich nicht als ihren Sohn an. Die Zahl der jüdischen Gemeinden in Mähren ist auf 55, jene der jüdischen Familien auf 5400 festgesetzt. In Mähren darf von den Juden nur der erstgeborene Sohn eines Familianten heiraten. Ausnahmen gestattet das Gesetz nur, wenn ein ausländischer Jude ein Vermögen von zehntausend Gulden ins Land bringt und mit demselben eine Fabrik anlegl. Ein solches Vermögen besitzen wir nicht und wenn uns Gott nicht ein Wunder erweist, weiß ich auch nicht, wie wir es redlich erwerben sollten. Darum ist es für unser Aller Zukunft am Besten, wenn Du Arzt wirst, an einer österreichischen Universität zum Medicinae-Toctor promovirst. Ich hoffe, daß man Dir dann gestattet, Dich an einem Orte, in einer Gegend, wo es an Aerzten mangelt, und Du in der Ausübung Deines Berufes nützlich und segensreich wirken kannst, niederzulasseu und Du kannst dann vielleicht von der Hofstelle die Ehebewilligung erlangen; und wenn auch der allerärgste Fall einträte, daß man jetzt, nachdem Kaiser Josef zu früh gestorben, sich an den todten Bnchstaben verrottteter Gesetze hielte, steht Dir als Arzt die ganze Welt offen. Den Linderer menschlichen Elendes empfängt nian überall mit offenen Armen; — dann gründest Dn Dir in der Ferne ein Heim, einen häuslichen Hrrd, mein Kind folgt Dir gerne in die Ferne." „Uud Du Vater, Du?" frug Michael dringend. „Was liegt an mir? — Mein Kind und Du, Ihr seid mir die Liebsten, die Einzigen auf der Welt. Wenn ich Gutes von Euch von der Ferne höre, so wird mich dies darüber trösten, daß ich einsam lebe." „Nein, nein!" rief Michael, „wir verlassen Dich nicht! Wenn es kein Mittel gibt, daß wir in Deiner Heimat bleiben, so mußt Dn mit uns ziehen, unser Glück wäre nur halb, wenn Dn es nicht mit uns theilen würdest; — und wenn Dn Dich nicht glücklich fühlen solltest, so wollen auch wir nicht glücklich sein . . . Willst Du nicht von der Heimat scheiden, bleiben wir bei Dir, so wie wir jetzt sind, nur als Deine Kinder!" Brack mußte unter Thräuen der Wehmuth lächeln. Es hatte wohl noch nie, seitdem der allmächtige Gott die Welt durch seinen Willen ins Dasein rief, der Vater eines achtjährigen Mädchens mit einem fünfzehnjährigen Knaben in gleicher Weise gesprochen. Brack wußte es, daß die Lebensverhältnisse noch verhüllt vor Michael's Augen lagen, und trotz alledem fühlte er sich dadurch beruhigt, daß der fünfzehnjährige Bewerber der achtjährigen Braut sich treu und standhaft erwies. Der kluge, denkende Mann wußte wodl, daß die Neigung, welche zwei zwei Menschen in der Blüthezeit des Lebens zu einer echten, festen, unlöslichen Verbindung führt, eine andere sein müsse, als die eigenthümliche, welche zwischen seinem Pflegesohne und seinem Kinde bestand; aber bei der ungewöhnlichen körperlichen Schönheit der beiden Menschenknospen schien es kriutm Zweifel zu unterliegen, daß jene sich in diese verwandeln würde. — Schon im nächsten Momente war Brack wieder vollkommen ernst und sprach: „Ich wiederhole es, ich habe zu Dir und Deinem Worte volles Vertrauen, als wärest Du schon ein gereifter Mann. Du hast mich vollkommen beruhigt .... Jetzt aber Michael verrichte Dein Nachtgebet und gehe zu Bette. Wir müssen morgen Früh aufstehen." Bon dem Gespräche «it seinem Pflegevater aufgeregt, konnte Michael erst sehr spät einschlafen. Ec hatte alle Erinnerungen seines noch jungen Lebens wach gerüttelt, alle Bilder seiner Zukunft, wie er sich sie in seiner Kuabenphantasie ausgemalt, heraufbeschworen, und diese verschwammen in seinem Halbschlaf und in seinen Träumen in einander. Er sah sich als Kind an dem Todteubette seines Vaters, — da in an der Hand der zärtlichen Mutter ans der weiten, ermüdenden.Reise nach ihrem Geburtslande — wie sie zu Tod erschöpft in W. anlangten, wie er seine Mutter verlor — wie er unerwartet durch Gottes große Huld edle Menschen gefunden, die ihm die Eltern ersetzt, — wie er an dem Grabe seiner zweiten Mutter gestanden — wie ihn Pfarrer Willibald als seinen Schüler ausgenommen — auch die wüste Scene, als ihn Lorenz Golzinger mit der Reitpeitsche zu schlagen drohte, er ihm diese entriß uud zum Fenster him uswarf . . . . dann wieder Zukunftsbilder: Wie er in dem großen Saale in der Universitätsstadt zum Doctor der Heilkund promovirt wurde, was damals mit größter Feierlichkeit geschah. Pfarrer Willibald hatte ihm diese so deutlich geschildert, daß es nicht zu verwundern war. daß ihm in seinem Traume alle Einzelheiten derselben vorschwebten .... dann sah er sich als Doctor von ^er Universität heimkehrend und wie ihn sein Pflegevater und Sara, zur Jungfrau aufgeblüht, empfingen und Sara im vollen Brautstaate, und der Rabbiner in seiner Amtstracht anwesend war und man sie, ihn und Sara zu der Chuppe, die nach der Sitte jener Zeit in dem Synagogenhofe unter freiem Himmel aufgt stellt war, geleitete. In seinem Traume erschien es ihm zuerst verwunderlich, aber dann plötzlich so einfach und begreiflich als irgend etwas auf dieser Ecde, daß seine todten Eltern ihn erwarteten und bereit waren als seine Unterführer zn fungiren, und daß auch Sara's verstorbene Mutter anwesend war, — und so wechselte Vergangenes und Erhofftes rasch kaleidoskopartig. Am nächsten Morgen weckte ihn sein Pflegevater. Es war noch tief dunkel. Sonst gingen sie täglich in die Synagoge, um das Morgengebet zu verrichten; aber es war die Zeit zu diesem noch nicht angebrochen. Brack, der mit Sara Michael ein Stück Weges begleiten wollte, nahm sich ebenso wie dieser seine T'fillin ') mit. Alle drei setzen sich schweigend in den Wagen, und fuhren bis nach einem zwei Wegstunden entfernten Dorfe, in welchem inmitten von Bauern nur ein einziger Jude, Freiwel Butschowitz, wohnte, der an den hohen Feiertagen nach W. kam, u n in der dortigen Synagoge seine Andacht zu verrichten, und stets Reb Aron Brack's gerngesehener Gast war. Dort wurde programmgemäß angehalten, und sollte, da mittlerweile der Tag ang brachen, das Frühgebet verrichtet und dann bei Reb Feiwel ') Philakterien, Gebetriemen, welche die Inden an Wochentagen bei dem Gebete anlegen.