Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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Seite 826 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 43 Die Fälle, auf die sich Prof. Rohling beruft, sind nicht glaubenswürdig; denn im ersten Falle, wo es sich um den Mord eines 2'/jjährigen Kindes in Trident (1475) handelte, wurden die vermeintlichen Theilnehmer, 7 an der Zahl, gemartert und konnte man infolge dieser Procedur jedes Bekenntniß erzwingen. Im zweiten Falle ist die Ermordung des Pater Tomas in Damask (1840). Das Verhör führte der türkische Sherif- Pascha; auf die türkische Gerechtigkeit darf man sich jedoch nicht sehr verlassen, daher blieben blos ganz unsichere Sagen und Einbildungen, die von Antisemiten ausgenützt werden. Wir geben zu, daß bei dem Mord in Polna das Motiv nicht aufgeklärt ist, und daß angeblich Blut fehlte, aber an einen Ritualmord werden wir nie glauben. Brünn. (Ein phantasiereiches Dienstmädchen.) Am Sonntag erschien die seit vier Tagen im Dienste eincr hiesigen israelitischen Familie stehende Magd Francisca Bester aus Eichhorn-Bittischka beim Stadtpolizeiamte mit der Beschwerde, daß ihr ihre Dienstgeberin die Ausfolgung ihres Dienstbuches verweigere. Hierüber näher befragt, gab die Besler an, nicht länger in dem Dienste bleiben zu können, da ihr die dortselbst seit vielen Monaten bedienstete Magd Josefa Fartik erzählt hätte, es komme chr vor, als ob ihr im Schlafe ihr Dienstgeber an den Füßen Blut abzapfe. Auf Grund dieser Anzeige wurde Josefa Fartig zum Amte gerufen. Diese gab zu, an einem Abende über verschiedene Geister- und Spuckgeschichten, sowie über die Polnaer Affaire mit der Besler gesprochen zu haben, stellte jedoch entschieden in Abrede, behauptet zu haben, daß ihr von ihrem Dicnstgeber Blut abgezapft werde. Die weiteren Erhebungen ergaben, daß die Besler, welcher es gleich vom Anfänge an in dem Dienste nicht recht gefiel, die erwähnte Beschuldigung nur deshalb erhob, um ohne die übliche Kündigungsfrist aus dem Dienste treten zu können. Sie wollte bereits am Kirchweih- Sonntag den Dienst unter dem Vorwände, sie müsse zu ihrer kranken Mutter nach Hause gehen, verlassen. Gegen die phantasicreiche Magd wurde'wegen Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte beim Strafgerichte die Anzeige erstattet. Kremsier. Am 22. October l. I., 10 Uhr Vormittags, wollte Reichsrathsabgeordneter Herr Adalbert Kulp im hiesigen Eiskeller seinen Kremsierer Wählern den Rechenschaftsbericht über seine Thätigkeit im Reichsrathe erstatten, wurde aber durch die heftigen Interpellationen, die ein Oskoler Schneidermeister an ihn richtete, derart in die Enge getrieben, daß er den Bericht unterbrechen mußte und der Vorsitzende Herr Dr. Simek die Versammlung schloß. Abends gegen 7 Uhr kam es zu einer Demonstration. Gegen 1000 Leute allerlei Stände, Kinder und Studenten nicht ausgeschlossen, durchzogen schreiend und johlend die Stadt, wobei den Deutschen und Juden einige Scheiben eingeschlagen wurden. Nur der Umsicht und der Energie des Bürgermeisters Herrn Dr. Prstecky und dem Polizeicommissär Herrn Höui ist cs zu danken, daß es nicht zu gröblichen Ausschreitungen kam und daß gegen 8 Uhr die Stadt wieder ihre alte ruhige Physiognomie annahm. Berlin, 23. October. Gestern feierte Sanitätsrath Doctor N e u m a n n hier in erfreulicher Rüstigkeit seinen 80. Geburtstag. Der Bürgermeister von Berlin Namens des Magistrats und eine Anzahl von Stadtverordneten, Namens der Stadtverordneten- Bersammlung überbrachten dem verdienten Bürger die Glückwünsche der Stadt, das statistische Amt der Stadt Berlin begrüßte seinen Begründer, die zahlreichen Institute und Vereine gedachten mit ehrenden Worten ihres durch Fleiß, Wissen und Zielsicherheit ausgezeichneten Mitgliedes. Vorstand und Repräsentanz der jüdischen Gemeinde hatten es für ausreichend gehalten, ein Glückwunschschreiben abzuschicken, eine Deputation aber nicht entsandt Weshalb das nicht geschehen, ist beinahe ebensowenig erklärlich, wie daß Dr. Neumann niemals in Vorstand und Repräsentanz gewählt worden. In der Stadtvertretung ist er seit vierundvierzig Jahren. Eine Anzahl Freunde überreichten dem Förderer jüdischer Wissenschaft zehntausend Mark, die dieser Förderung dienen sollen. Das hiesige jüdische Krankenhaus, das seit Jahren an Raummangel leidet und durch diesen behindert worden ist, mit seinen Einrichtungen auf der Höhe der Zeit zu bleiben, soll in nächster Zeit die erforderliche Erweiterung erfahren. Geeignete Grundstücke haben sich gefunden und sind erstanden worden. Die betreffenden Beschlüsse hat man in geheimer Sitzung gefaßt, damit nicht von anderer Seite ein Vorkanf eintrete. Jetzt ist die Frist abgelaufen, der Kauf ist perfect geworden. Zu den reformbedürftige» Einrichtungen des Krankenhauses gehört seine Verfassung. Der Vorstand dieses gemeinnützigen Institutes wacht mit Eifersucht über seinen veralteten Privilegien, die die Leitung des Krankenhauses vom Gemeindevorstand unabhängig machen und ihm gestatten, über Aufwendungen zu verfügen, deren nachträgliche Deckung der Gemeinde obliegt. Das ist ein ungesundes und auf die Dauer nicht erträgliches Verhältniß. Der Gemeindevorstand will im Vorstand des Krankenhauses den Vorsitz haben, nicht blos in ihm „vertreten" sein, und das ist eine billige Forderung, da bas Krankenhaus im Wesentlichen aus den Mitteln der Gemeinde erhalten wird. Rector Dr. Adler, Vorsteher einer jüdischen Gemeindeschule, folgt einem Ruf an das Philantropium nach Frankfurt a. Main. Ec leitete seit dem Tode Dr. Apolant's auch eine der jüdischen Religionsschulen, deren die Gemeinde fünf hat. Da Herr Dr. Adler fortgeht, bleibt an diesen fünf Schulen nur ein einziger pädagogisch gebildeter Schulmann an der Spitze. Ein zweihat allerdings diese Vorbildung, ist aber bereits in den Jahren des Ruhebedürfnisses. Die Gemeindeverwaltung aber sucht „unentwegt" einen Schulmann Andere Gemeinden suchen ihn auch und finden ihn in — Berlin. Für die Berliner jüdische Lehrerschaft ist Dr. Adler's Wegzug ein schwerer Verlust. Er hatte das Geschick, die recht ungleichmäßigen Elemente zusammenzuhalten und ihre Interessen mit Sachkunde wahrzunehmen, nöthigenfalls gegen sie selbst. Ein Ersatzmann für ihn auf diesem Gebiet wird schwer zu finden sein. Vermischtes. Wien. Ueber Wunsch vieler angemeldeter Theilnehmer, wurde die Tagung des „Allgemeinen Oesterreichisch- Jsraelitischen Bundes von Montag auf D i e n st a g, den 31. October 1899, 5 Uhr Nachmittags, verschoben. Tagesordnung: 1. Bericht des provisorischen Ausschusses. — 2. Angelegenheit Polna. — 3. Definitive Conftituirung und Besprechung über die zur Erreichung der Zwecke des Bundes (§ 1 des Statutes) geeigneten Maßnahmen. Wien. Sonntag den 22. October fand im israel. Tempel in Fünfhaus, Turnergaffe, die Trauung des Herrn Alexander Prager, Mitchef der Firma „Erste Oesterr. Ung. Dampf- Roßhaarsiederei und Spinnfabrik Bernhard Prager & Sohn" mit Fräulein Adele G o l d st e i n, Tochter des Realitätenbesitzers Herrn Samuel Goldstein statt. Wien-Mariahilf. Im Tempel, VI., Schmalzhofgasse 3 werden von Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. T a g l i ch t an nachfolgenden Freitag-Abenden Exhorten abgehalten werden: 1899: 27. October, 10. November. 26. November (Chanuka), 8. December. 22. December; 1900: 5. Jänner, 19. Jänner, 2. Februar, 16. Februar, 2. März, 16. März, 30. März. Wien. Die zur Genüge als ausgezeichnet bekannten Selchwaaren des Fleischselchers und Bürgers von Wien, Jakob T h e n m a n n, haben auch in der Kochkunst-Ausstellung die wohlverdienre Anerkennung gefunden, indem der Erzeuger von der Jury mit dem höchsten Preise, dem Ehrendiplom und der großen Medaille mit der goldenen Palme, ausgezeichnet wurde. Wien. Das in Ehren ergraute Ehepaar Herr Josef Schreier und dessen Ehegattin Frau Johanna geb. Wolf aus Grwitsch, doch seit vielen Jahren hier auf der Fischerstiege wohnhaft, beging dieser Tage das Fest der goldenen Hochzeit im Kreise der Kmder und Enkel und erfreute sich vieler Auszeichnungen aus diesem Anlasse. Herr Schreier, der auf politischem und humanitären Gebiete namentlich, zu Gunsten armer Studenten, bestens gekannt ist, bethätigte sich vielfach im jüdisch-religiösen Leben und genießt als Bürger von Wien in weiteren Kreisen einen wohlverdienten guten Ruf. Möge ihm der freudige Rückblick auf seine bisherige gemeinnützige und erfolgreiche Thätigkeit den Lebensabend verklären! n. Wien. (Generalversammlung des Vereines „Mechis Jeschuah", I., Josephinengasse 10.) Am 22. October l. I. fand die diesjährige Generalversammlung des Vereines „Mechis Jeschuah", Wien, I., Josephinengasse 10, statt. Der Obman, Herr Professor Salzmann begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder, sowie insbesondere den anwesenden Vereinsarzt Dr. Isidor Braun. Nach Erstellung des Rechenschaftsberichtes durh den Schriftführer Herrn Sperling, wurde die Neuwahl des Ausschusses vorgenommen. Gewählt