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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · page 23

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 823 Wir leben in Kriegszeiten. Wehe dein, der jetzt an Anderes denkt, als an die Abwehr der großen Schmach. Die Einen denken für den Tag, wir glauben für die Zukunft vorzuforgen. Aber gesegnet sei die Zeit — in der die Juden anfangen sich auf sich selbst zu besinnen. Correspondenzen. Die schamlose Lüge unter dem Schutze der Immunität. In allen civilisirten Staaten wird es als ein selbstverständliches Gebot erachtet, nur Thatsachen von zweifelloser Gewißheit im Parlamente vorzutragen. Die Abgeordneten lassen die ihnen zukommenden Mittheilungen der genauesten und gewissenhaftesten Prüfung unterwerfen, um nicht in die Gefahr zu kommen, den Schutz der ecceptionellen Immunität einer Lüge zu verleihen. Bei uns in Oesterreich ist das anders. Hier flüchtet sich die Lüge auf die parlamentarische Tribüne. Sie flüchtet sich vor der Justiz unter den Schutz der parlamentarischen Immunität um diejenigen wehrlos zu machen, gegen welche ihre Giftpfeile gerichtet sind. Wochenlang halten antisemitische Redacteure mit gewissen Verläumdungen zurück, aus Besorgniß auf gerichtlichem Wege zur Wahrheit gerufen zu werden, man wartet die Eröffnung des Parlamentes ab und läßt durch sogenannte „Volksvertreter" denen Wahrheit und Gerechtigkeit nie ein Pfifferling werth war, die gemeinen und bodenlosen Lügen im Volkshause in Form einer Interpellation vortragen, um die Urheber der Lüge, die gemeinen, ehrlosen Verläumder straflos zu machen. So wird in Oesterreich seit Jahren systematisch die Immunität mißbraucht, das Parlament entehrt. Wir erhalten folgende Zuschriften: Hochgeehrter Herr Redacteur! Seit Monaten von einer gewissenlosen Presse und von durch dieselbe fanatisicten Pöbelmassen irgend einer Mitschuld an der Polnaer Mordthat fälschlich beschuldiget, schimpflichen Erfindungen immer wieder von Neuem preisgegeben, durch Bedrohung meines Lebens und meiner persönlichen Sicherheit sogar aus meinem Domicile und Amte in Goltsch-Jenikau verdrängt und derzeit Schutz und Unterhalt bei meinen Glaubensgenossen in Wien suchend, mußte ich die äußerste Schmach und Verunglimpfung durch eine Reihe von Interpellationen über mich ergehen lassen, welche unter dem Vorwände des Polnaer M ä d ch e n m o r d e s am 20. October d. I. im Abgeordnetenhause an die hohe Regierung gerichtet und in ihrem vollen Wortlaute in der Nummer des „Deutschen Volksblattes" vom 21. October d. I. abgedruckt worden sind. Es ist nur natürlich, wenn mein gequältes Herz und meine grenzenlos bedrohte Ehre und Existenz nach einer so langen Zeit der Marter nach einem öffentlichen Aufschrei drängen, der von dieser Stelle aus meine Nebenmeuschen und insbesondere auch meine Glaubensgenossen einigermaßen über den diabolischen Frevel orientiren soll, der unablässig und immer wieder von Neuem an mir verübt, wird. Darum gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr Redacteur, den durchaus erlogenen Details dieser Interpellationen insoweit sie meine Person betreffen, wahrheitsgetreu mindestens nur Nachfolgendes entgegenzusetzen: 1. Auf das böswillig ersonnene und in die Volksmassen gestreute Gerücht hin, daß ich als jüdischer Schächter der Eultnsgemeinde Goltsch-Jenikau, welcher Ort mehrere Meilen weit von Polna entfernt ist, an dem Morde der Agnes Hruza betheiliget sei, wurden seitens des k. k. Bezirksgerichtes Habern, sowie seitens des k. k. Kreisgerichtes Kuttenberg umfassende Erhebungen gepflogen, welche zu meinen wiederholten Einvernehmungen, jedoch weder zu einer Beschuldigung, noch zu meiner Verhaftung, vielmehr zur völligen E i n st e l l u n g führten. 2. Der Zeitpunkt des Mordes fällt auf Mittwoch, den 29. März d. I. somit in jene Woche, in welcher am 25. März Abends die jüdischenOsterfeiertage begonnen und erst Sonntag, den 2. April geendigt haben. In dieser ganzen Woche habe ich täglich des Morgens und Abends in dem Tempel vor der versammelten Gemeinde in Goltsch-Jenikau als Borbeter den Gottesdienst verrichtet, ferner Dienstag den 28. und Freitag den 31. März die mir obliegenden Thierschlachtungen der Gemeinde vorgenommen, all' dies ist amtlich und actenmäßig durch die gerichtliche Einvernehmung von mehr als zwanzigZeugen und durch Zeugnisse des B ü r g e r m e i st e r a m t e s Goltsch-Jenikau festgestellt, und es wäre übrigens überaus auffallend und der rituellen Pflicht arg widersprechend, wenn ein Tempelsnnctionär in dieser Festwoche sein Domicil und Amt aus welchem Grunde immer — wenn auch nur auf Stunden — verlassen würde. 3. Erst nach Ablauf dieser Festwoche, am Ostermontag den 3. A p r i l bin ich von Goltsch-Jenikau zur Bermälung meiner Schwester nach Boskowitz abgereist und am 5. April wieder zurückgekehrt; desgleichen war ich vom 13. bis 15. April in Brandeis a. d. Elbe zu einem Vortrage abwesend und i n diesen beiden Fällen und Zeitpunkten, welche von den Hetzern und Fälschern listiger Weise in die kritische Woche des 29. März verlegt werden, hat mich in meinen Functionen als Schächter Herr Leopold Mauthner vertreten, was gleichfalls actenmäßig erhärtet erscheint, 4. Gegen das gleichwohl mit craffen Widersprüchen hervorgetretene Dienstmädchen habe ich selbst am 17. Mai d. I. d i c Strafanze.ige lveger falscher Zeugenaussage bei der Staatsanwaltschaft in Kuttenberg schriftlich erstattet und hoffe noch immer, daß diese, sowie manche andere Verfolgung gleicher Art auch wirklich stattfinden werde. 5. Gegenüber dem gewaltsamen Bemühen der Interpellationen, mich und den Rabbiner von Polna, Herrn Doctor Goldberger, zu Mitschuldigen unter einander und Hülsner's zu erheben, erlaube ich mir zu erlären, daß ich bis zur Stunde den genannten Herrn Rabbiner in meinem Leben nicht gesprochen habe und weder ihn kenne, noch von ihm gell n n t w e r d e. 6. Von der zum gleichen Zwecke erfundenen „mysteriösen Parfumsendung", welche schon Mitte Mai d. I. behördlich confiscirt, gerichtlich analysirt worden und Kügelchen ausgetrocknetem M e n s ch e n b l u t (!) enthalten haben soll, deren aber seltsamer Weise bisher in dem ganzen Gerichtsverfahren noch keiner Erwähnung geschah, habe ich absolut keine Ahnund, da ich Zeit meines Lebens keine Sendung an den mir unbekannten Herrn Dr. Goldberger vornahm oder vornehmen ließ' es ist zweifellos, daß die von mir erbetenen Amtsbestätigungen des k. k. Postamtes in Goltsch-Jenikau und des k. k. Bezirksgerichtes Habern die volle Unwahrheit und Erdichtung dieser ganzen Sendungs- und Confiscationsgeschichte constatiren werden. Ich vermöchte meine Widerlegungen noch viel weiter zu entwickeln, doch ist es nicht mein Zweck, hier mich zu vertheidigen oder Andere anzuklagen, vielmehr nur meine Ehre und Existenz als Mensch, Familienvater und als Staats, bür ger in Schutz zu nehmen, zumal meine Abwehr an jene parlamentarische Stelle nicht zu gelangen vermag, an welcher die Fälschungen wider einen Wehrlosen unter dem Schutze der Immunität vorgebracht worden sind. Mit dem Ausdrucke meines aufrichtigsten Dankes verharreich Ihr ergebener Moritz Kurzweil. Wien, 25. October 1899. „Löbliche Redaction! In der von den Abgeordneten Schneider und Genossen am 20. d. im Reichsrathe überreichten, den Polnaer Mord betreffenden Interpellation wird unter Anderein die Behauptung ausgestellt, daß ich mich vor Zeugen dahin geäußert habe, das Urtheil gegen Leopold Hülsuer werde vom Eassationshofe aufgehoben und ein weiteres Verfahren gegen denselben nicht inehr eingeleitet werden. Ich erkläre hiemit, daß diese Behauptung ans Erdichtung beruht, da ich eine derartige Aeußernng nie gethan habe. Indem ich bitte, dieser Erklärung in Ihrem geschätzten Blatte Aufnahme zu gewähren, zeichne ich hochachtungsvoll Dr. Zdeuko A u r e d n i c e k. Kutte nberg, 22. October 1899." „Wiener Mode." An die geehrte Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift" Wien. Wir lesen in Ihrer letzten Nummer unter der Überschrift „Die ,Wiener Modeauch antisemitisch" eine Notiz, die in jeder Hinsicht so unrichtig und den Thatsachen widersprechend ist, daß wir annehmen müssen, daß ihr Verfasser in Jrrthum geführt worden sei. Wer die „Wiener Mode" und ihre leitendeu Personen kennt, wird die Zumuthung, als ob bei diesem Unternehmen antisemitische oder überhaupt irgendwelche confessionelle oder politische Tendenzen Einfluß hätten, mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Was insbesondere die Angelegenheit des ehemaligen Portiers

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