Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 822 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 43 Herr M. L. fürchtet aber auch die Gründung des „Zionsstaates", weil die Juden dadurch ein Spielball der Politik, ein Zankapfel der europäischen Mächte werden könnten. Kennt Herr M. L. den kleinen autonomen Staat im Libanon, der den dortigen Christen unter der Garantie Europas gegründet wurde. Hat er seither von politischen Einmengungen der Mächte gehört? Stört die Existenz dieses Gottesfrieden-Reiches irgend eine europäische Macht? Warum soll in Judäain Samarien, in Galliläa unmöglich sein, was im Nachbarlande geschehen ist und sich bewährt? O, ich weiß, es gibt tausend Einwendungen — aber Herr M. L. möge es ruhig glauben auch Eintausend und eine Entgegnung. Eine läßt Herr M. L. auch durchschimmern. Wir sind keine einheitliche Nation, denn Graf Gubernatis lobt die spanischitalienischen Juden mit ihrem patriarchalischen Aussehen, voll Anstand und Würde, und spricht mit Bedauern und Mitleid von den Armen aus Polen und Rußland ausgewanderten. die „heruntergekommen, schmutzig und zerlumpt, mehr wie slavischkalmücktsche Bauern als wie Semiten aussehen." Der Herr Graf ist zwar ein Italiener, dennoch lade ich ihn ein, mit mir einen Gang durch das Ghetto von Venedig zu unternehmen und durch ein reichliches Almosen die Armuth aus ihren Höhlen zu locken, oder die krankhaften zerlumpten Hausirer auf der Piazza-Signoriain Florenz nach ihrer Abstammung zu sondern — vielleicht ändert er sein Urtheil. Wünscht er es aber ernstlich zu corrigiren, dann möge er sich wohlhabende und gebildete Juden im Osten anzusehen belieben, oder eine Versammlung zionistischer Delegaten aus Rußland. Als ich alle Ghetti Amerikas und Europas mit Ausnahme der holländischen in ihren charakteristischen Typen kennen gelernt hatte, da erschien mir der Zionismus als einnge Erlljsung von dem drückenden Gefühl, das sie in mir znrückg-'lassett hatten. Daun fuhr ich nach Palästina, wo ich den Juden am Pfluge und an der Arbeit im Weinberge kennen lernte, zumeist jene russischen Inden von denen Gubernatis so abfällig spricht. Das bestärkte mich in meiner Ueberzeugung. Wenn wir in den östlichen Juden eine gemischte Race scheu, so darf man nicht blos an Slaven, an die halbmythischen Chasaren denken, sondern auch an das edle Juden-Blut der deutschen Einwanderer, jener Großkaufleute und der großen Gelehrten, die zur Zeit der Kreuzzüge das Talmudstudium nach Polen brachten und das Mittelhochdeutsch, aus dem die „vierte Weltsprache", der Jargon geformt wurde. Wenn es Gegensätze gibt, wenn sich Stammesunterschiede fühlbar machen, der Zionismus hat die Kraft alles Trennende zu entfernen und ein einigendes Baud um alle jene Juden zu schlingen, die nicht feige nach einer schützenden Ecke ausblicken, hinter der sie — auskneifen können. Man soll zu jenen „slavisch-kalmückischen" Juden dankbar ausblicken, denn sie haben unter hartem Druck und in tiefster Erniedrigung das Judenthum bewahrt, das Judenthum, das in seiner Echtheit Zionismus bedeutet. Nicht den politischen Zionismus, der ist eine Idee des Westens, sondern den latenten Zionismus haben sie bewahrt, das Judenthum, dem es Ernst ist mit dem Leschono habo be Jeruscholaim, jenen Zionismus, der die Knechtschaft der Jahrtausende als Schmach empfindet und der nie aufgehört hat, sich nach der heimatlichen Scholle zu sehnen. Die moderne gebildete Jugend fand in den Schriften von Pinsker und Smolensky den Keim zu nationaler Empfindung — zum Zionismus. Aus dieser Empfindung heraus erstand in Rußland der „colonisatorische Zionismus", auch philantropischer Zionismus genannt. Man sammelie Geld und sandte Pionniere nach Palästina, das sind die Colonisten des heiligen Landes, Männer und Frauen, deren Heroismus nach der Feder eines starken Dichters ruft. Als Herzl seinen politischen Zionismus formulirte, da fand er im Osten beackerten Boden. Dort, wo das jüdische Volk lebt, das Volk, das trotz polnischer oder russischer Cultur keine andere Nationalität als die jüdische für sich anerkennt, dort wird der Zionismus immer größere Fortschritte machen und nicht mehr aufhören, diese Menschen zu beglücken. Ob Herr M. L. Zionist ist, ob wir es sind, das ist nunmehr für die Entwicklung der Frage ganz gleichgiltig. Sie ist nicht gleichgiltig für unsere eigene Kraft, für die Echtheit unseres eigenen Charakters, für die Zukunft unserer Kinder. Zionismus — oder Taufe — es gibt keinen anderen Weg aus dem Jammer von zwanzig Jahrhunderten. Wir können uns den östlichen Brüdern nähern und sie uns nahe bringen — ihnen genügt, wenn sie mit den Führern hier die Richtung besprechen — zum Marsche brauchen sie uns nicht; sie sind gut zu Fuße. Seitdem ich zu dieser Einsicht gekommen bin, ist mein Eifer für die zionistische Propaganda im Westen etwas erkaltet, mein Glücksgefühl, an den Ereignissen der letzten drei Jahre betheiligt gewesen zu sein, gestiegen. Der jüdische Osten gravitirt nach Palästina. Das Volk mit seiner ganzen Kraft, mit seinen Greisen, die im Talmud ergrauten, mit seinen Jünglingen, denen keine moderne Disciplin fremd ist, sie sind zionistisch von selbst und werden Politisch zionistisch durch den Westen. Sie erwecken die „tobte" Sprache zum Leben und sprechen mit ihren Frauen und Mädchen im biblischen Idiom, sie lesen die europäische Literatur in hebräischer Uebersetzung und schaffen sich auch ein originales Schriftthum bis zur Tageszeitung in hebräischer Sprache . . . Sie bereiten sich vor ... und sie werden gehen — ob Herr M. L. warnt oder zustimmt, und sie werden, wenn sie gehen, nur nach Palästina gehen. Denn, daß sie auswandern sollen, oder doch, daß ihrer Viele sich eine neue Heimat gründen mögen, darüber sind alle Juden einig, auch Herr M. L. Nur möchte er sie dorthin leiten, „wo sie auf friedliche von dem Concurrenzkampf der europäischen Mächte ungestörte Zustände rechnen können." Derselbe Autor aber schildert in seinen Artikeln die Kämpfe, die den Samoanern, den Philippinern, den Boeren aufgedrungen werden. Will er vielleicht ein Land, einen Welttheil nennen — für deren absolut friedliche Zukunft — er die Haftung übernehmen kann? Er möge uns ein solches Gebiet nennen. Wir wollen warten und seine Vorschläge hören. Oder soll man die proletarischen Massen unseres Volkes im Osten verkümmern lassen, weil sie vielleicht einmal in die Lage kommen könnten, für ihre eigene Nation für ihren Heimatsboden das Schwert zu ziehen? Herrn M. L., der so thut, als ab wir uns nicht die Mühe nehmen wollten, die Geschichte Palästinas kennen zu lernen, frage ich, was er von der That „Bar Kochba's" hält? Wissen Sie, Herr M. L., daß sein Name zu schlechten Witzen mißbraucht wurde, daß man ihn einen Sohn des Verderbens nannte? Und es war die That eines Wahnwitzigen, die letzten Streiter des kleinen Judenreiches gegen das übermächtige, weltbeherrschende Rom zu führen. Aber aus dem Boden vom Bether, wo die letzren hunderttausend Judenkrieger für ihr Vaterland fielen, zog sieghaft eine große Kraft, ein heiliger Odem mit uns in die Verbannung. In der letzten Schmach im niedrigsten Jammer, tönte es wie erlösende Sphärenmusik. — „Bar KochbaEs war einmal — und es kann wieder einmal kommen. Lachen Sie nicht Geehrter Herr, es kann so kommen, denn so geschah es einmal. Was Bar Kochba nicht gelungen war, der große Makkabäer hat es einst zustande gebracht. Er hat das jüdische Volk geeinigt und ihm das Land der Väter zurückerobert, Bar Kochba und Jehuda der große Makkabäer. Wenn sie nicht alles und alles gewagt hätten, woher hätten wir den Muth genommen an unsere Kraft zu glauben? In der letzten großen Judenversammlung im Musikvereinssaal, die zugleich die erste war in dieser Art, hat ein Redner seine stärkste Wirkung damit erzielt, daß er den Geist dieses großen Ahnherrn heraufbeschwor, den Schutzpatron des jüdischen Muthes anrief. Vielleicht erfahre ich da Widerspruch, aber ohne die aufrüttelnde Wirkung des Zionismus hätte man eine solche Versammlung in Wien nicht einzuberufen gewagt hatte. So wirken ethische Thaten fort und fort bis in die fernsten Jahrhunderte, heute höhnt man sie und morgen geben sie der Nation Mark und Kraft. Das ist jene andere große Errungenschaft des Zionismus, über die wir in diesen Blätterrn noch einmal sprechen sollten, wenn die Rede sein wird von jenen, die charaktervolle Volksjuden bleiben wollen und doch nicht nach Palästina ziehen möchten. Denn wenn ich auch den Zionismus als die einzig logische Consequenz des selbstbewußten Judenthums anerkenne, so stehe ich doch keinesfalls jenen feindlich gegenüber, die sich zu dieser Doctrin nicht bekennen. Und da die unerquickliche Epoche der persönlichen Angriffe vorüber ist, so benütze ich gerne den mir zur Verfügung gestellten Raum, unsere Gegner aufzuklären, sofern sie geneigt sind, sich ausklären zu lassen.