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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · page 21

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift« Seite 821 Wir armen Zionisten. Von H. Jork-Steiner. Zwei werthvolle Errungenschaften muß man dem Zionismus schon heute zugestehen. — Von der einen großen, ja geradezu wunderbaren, wollen wir vorläufig nicht sprechen. Sehen wir uns die andere an. Viele Juden, die sich ums Judenthum wenig kümmerten, die nie eine jüdische Zeitung zur Hand nahmen, die weder die Vergangenheit ihres Volkes kannten, noch sich um dessen Zukunft kümmerten; sie sind aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt worden. Sie hörten, daß man sie nach Palästina schleppen wolle — da regte sich das jüdische Blut in ihnen — sie widersetzten sich, sie constituirten sich als „Antizioniften". Sodann goßen sie die Schale ihres Zornes über uns aus, und seien wir gerecht, manchmal wurden wir auch mit viel Uebelriechenderem begossen. Es gibt aber auch andere Gegner dieser Bewegung, Männer, die mit sachlichen Argumenten kämpfen. Ich will nicht von den Rabbinern sprechen, deren Gegnerschaft bei den zionistischen Führern jene starke Erbitterung hervorgerufen hat, die das böse Wort vom „Protestrabbiner" formte. Jene Herren, die öffentlich gegen den Zionismus austraten, haben sich und ihrer Stellung so viel geschadet, wie der jungen Bewegung, denn die Masse der Gleichgiltigen, d. h. jene, die nicht im Antizionismus ihr Judenthum entdeckten, sie sehen befremdet auf ihre Seelenhirten, auf die jüdischesten Männer ihrer Stadt die sich mit so viel Eifer gegen eine Strömung stemmen, die ihnen, den Gleichgiltigen, zu jüdisch ist. Mit der Heranwachsenden Jugend aber haben sie sich in schroffen Gegensatz gebracht, denn diese ist zionistisch, soweit sie jüdisch fühlt. Aber es scheint, als ob man in beiden Lagern etwas ruhiger geworden wäre. Rennes und Polna beweisen auch unseren Gegnern, daß die zionistische Theorie unanfechtbar ans Thatsachen sich entwickelt. Im Schatten des Galgens und im glühenden Sonnenbrand der Teufelsinsel reiften unwiderstehliche Argumente für die zionistische Idee, Argumente, die umso packender wirken, je weniger die Zionisten sich bemühen, sie auszuschroten und auszunützen. Wir Zionisten empfinden nicht minder schwer die Erniedrigung, die der jüdischen Gemeinschaft durch die Verurtheilnng der Einzelnen zugedacht ist, aber wir sehen darin weder etwas Neues noch etwas Ueberraschendes. So geschah es seit jener Zeit, da wir als Minorität unter anderen Völkern lebten, und so wird es bleiben, so lange wir als heimatlose Minderheit in der Diaspora leben müssen. Wir kennen die Geschichte unseres Volkes und ziehen daraus unsere Consequenzen. Nun behaupten unsere Gegner — es würde zu weit führen alle ihre Behauptungen zu widerlegen — aber auf einige möchte ich eingehen, vor allem auf jene, die Herr M. L. in der Nummer 36 und 39 der „Oesterreichischen Wochenschrift" niedergelegt hat. Denn Herr M. L. greift Niemand von uns persönlich an, er bestreitet auch nicht die Richtigkeit unserer Folgerungen: er beschränkt sich darauf, die Ausführbarkeit unserer praktischen Absichten als schädlich zu erklären^ Und darüber läßt sich st r e i t e n. Herr M. L. benützt das Buch des Grafen Gubernatis: „In Terrasanta“, um sich eine Ansicht über das heilige Land zu bilden, die ihn zu dem Schluffe leitet, daß die Juden nicht nach Palästina gehen sollen. Freilich begeht Herr M. L. einen kleinen Fehler. Dort, wo ihm die Ansicht des Herrn Grafen nicht paßt, ersetzt er sie durch seine eigene, um nur zu seinem gewollten Resultate zu gelangen. Der Herr Graf erklärt, daß die Juden das Einwanderungsverbot nach Palästina einer christlichen Macht verdanken: Herr M. L. widerspricht dem Autor und sagt wörtlich: Uns scheint, daß eher das ungeschickte Auftreten der Zionisten es war, welches dieses Verbot provocirte. Darüber läßt sich nicht debattiren. Der politische Zionismus trat mit dem Baseler Congreß ins Leben. Das war genau vor zwei Jahren und etwa zwei Monaten; das Verbot ist mehr als dreimal so alt. Vielleicht genügt diese Feststellung, um dieses — Märchen wenigstens aus diesen Blättern endlich zu verbannen. Aber auch sonst macht mir Herr M. L. den Kampf sehr unangenehm — unsere Waffen sind zu ungleich. Herr M. L. kennt, wie aus seinen Darlegungen hervorgeht, das heilige Land nur aus den Büchern, ich pflege nur die Dinge über die ich spreche — anzusehen. Herr M. L. kennt aber den Zionismus nicht einmal aus guten Büchern, den Zionismus, der uns so vertraut ist. Er schreibt wörtlich: „So gönnt er (Graf Gubernatis) denn auch den Juden die Wiederherstellung des Reiches David's und Salomon's, aber, setzt er hinzu, mit Ausnahme aller von der evangelischen Tradition geheiligten Stätten". Herr M. L. macht uns Zionisten darauf aufmerksam, was selbst der toleranteste Christ von uns verlangt und sagt weiter, wir mögen uns im heiligen Lande Umsehen, ob nicht in jeder Stadt irgend ein christliches Etablissement vorhanden sei, daß die Unabhängigkeit von der jüdischen Regierung verlangen werde. Dieselbe Ausnahme werden die Mohammedaner begehren, schließlich könnten wir nicht einmal die „Zionshauptstudt" Jerusalem in Besitz nehmen. Vor Allem sei daher klargestellt, daß die Zionisten es sind, die Jerusalem allen Confessionen und Religionen gönnen, die ihr Herz an diese wahrhaft ewige Stadt bindet und daß der Herr Graf nur die zionistische Formel copirte und acceptirte, als er die „von der evangelischen Tradition geheiligten Stätten" den Christen Vorbehalten wissen wollte. Nun denn, ich habe mich im heiligen Lande umgesehen und kann dem Herrn M. L. versichern, daß ich glücklich wäre, wenn das übrige Land den Juden zugeeignet würde, denn die vom Gubernatis genannten Stätten zählen als Flüche gar nicht mit. Es hat zwar das Programm des Grafen und das von ihm gewünschte Terrain wesentlich erweitert, vielleicht in das Hundertfache vergrößert, indem er alle ch r i st l i ch e n Besitzthümer kirchlicher Provenienz als exterritorial erklärt wünscht — aber selbst dann bliebe noch ein so reicher Besitz, daß man den Tag segnen dürfte, an dem er in jüdische Hände übergehen würde. Was die Mohammedaner betrifft, so sind ihre religiösen Besitzthümer außerhalb Jerusalems gleich Null. Damit sollte man meinen, seien die religiösen Bedenken des Herrn M. L. einigermaßen beschwichtigt. Wir wollen nun über seine politischen Ansichten sprechen — da werden wir uns leicht einigen-, weil die Bedenken des Herrn M. L. auch die unseren sind. Ich kann zwar nicht für die „Sendlinge des Zionismus" eintreten, weil ich auf eigene Rechnung und Gefahr als zionistisch fühlender Jude in Palästina war, aber ich glaube Folgendes sagen zu dürfen: Wir haben es gleich dem Grafen Gubernatis gesehen, daß die Russen so viel Unterthanen als nur irgend möglich nach Palästina warfen, wir haben das genau betrachtet, obwohl wir keine Katholiken sind — und demgemäß nicht bei den Franziskanern wohnten — und sonderbarer Weise hat diese Thatsache, die sich auf der Heerstraße ausruft, sogar die — türkische Regierung bemerkt. Und da sie zu ihren großen Schmerz diese Invasion nicht verbieten konnte, diese Anhäufung fremder, ihrer Jurisdiction nicht unterstehender Besitzer nicht zu hindern vermochte, da nahm sie die Reclamation einer anderen christlichen Macht, wie es heißt der französischen, zum Vorwände — und arbeitete ein Verbot der Judeneinwanderung aus. Die einwanderuden Juden waren zumeist Russen; sie blieben russische Unterthanen auch in Palästina, der russische Consul nahm sie liebevoll in seinen Schutz, dieselben Juden, die man zu Hause verachtet und mißhandelt. Diese Vermehrung der russischen Unterthanen störte die türkische Regierung. Ein Russenverbot könnte man nicht wagen — aber ein Judenverbot — dafür waren alle Mächte zu haben. Das Verbot gilt nicht den Juden — sondern den Ausländern. Und wenn der Jude türkischer Unterthan werden will, dann stehen ihm die Pforten des heiligen Landes weit offen. Wir beobachteten gleich dem Herrn M. L. die politische Eifersucht der Mächte, die sich gegenseitig den Besitz von Palästina nicht gönnen und nie gönnen werden, und darauf basiren wir unsere Hoffnung, daß man das Land neutralisiren und den Juden überlassen wird. Wir zittern gleich Herrn M. L. vor den russischen Tschinovniks, die einst in Palästina die Knute schwingen könnten, aber auch vor den Paschas und Kamaikams ist uns bange. Und weil wir uns der großen Verantwortung bewußt sind, die wir auf uns laden würden, wollen wir keine jüdische Auswanderung provociren, ehe nicht das Territorium völkerrechtlich gesichert ist. W i r sind es, die davon abrathen, das Land fett und fruchtbar zu machen, ehe es uns gehört. Das sagen wir, trotzdem es einen Segen bedeutet, in einigen der Colonien der Welt beweisen zu können, daß der Jude mit Geschick und Ausdauer den Boden zu bearbeiten versteht und Producte wie die Karmelweine erzeugt, die bei Jud und Christ in so hohem Ansehen stehen.

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