Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 43 (27.10.1899)
- Date
- 1899-10-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 820 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 43 Großartige Bäder, ein ungewöhnlich großes, noch sehrgut erhaltenes Theater und die Ruinen anderer Gebäude zeugen von dem Wohlstand und dem römisch-hellenischen Charakter der Stadt, die eine Industrie- und Badestadt war. Sie hatte eine jetzt 35 Grad Celsius warme, an Kohlensäure, Chlor, Calcium und Natrium reiche Quelle, die zu Heilzwecken benutzt wurde. Eine berühmte Sehenswürdigkeit war das Plutonium, eine Höhle, aus der Kohlensäure ausströmte, von der Vögel und andere kleine Thiere, auch Menschen die zu tief Hinabstiegen, getödtet wurden. Sie scheint den dabei den Fremden Experimente vormachenden heidnischen Priestern eine gute Einnahmequelle gewesen zu sein'). Das heiße Wasser der Quellen lief in zahlreichen Canälen durch die Stadt und diente zur Bewässerung von Gärten und Weinbergen. Andererseits setzte sich aber der Kalk massenhaft ab und hat im Laufe der Jahrhunderte die südliche Hälfte der Stadt mit einer 2 Meter dicken Versteinerung überzogen. Die drei im Alterthume so bedeutenden Nachbarstädte Hierapolis, Larodicea und Colossus liegen jetzt in Ruinen; unweit von ihnen befindet sich die türkische Ortschaft Denisli, deren Einwohner Hierapolis Tambuk Kalessi nennen, was „Burg der Tröge" bedeutet. Unter den Trögen sind wohl die vielen frei dastehenden Sarkophage zu verstehen. Besser bekannt sind diese Alterthümer erst in neuerer Zeit geworden, seit Erbauung der Eisenbahn von Smyrna nach Dineir, von deren Station Gondscheli man in ungefähr 3 Stunden nach Hierapolis gelangt. Die Hauptindustrien des alten Hierapolis waren die Purpurfärberei und Teppichweberei, mit deren Producten ein lebhafter Ausfuhrhandel, besonders nach Italien, über den Hafen von Ephesus getrieben wurde?) Für den heimischen Verbrauch arbeiteten vorzüglich die Steinmetze und die Gärtner, da in Hierapolis sehr viel Blumen zum Schmucke der Gräber verwendet wurden. Auch wachten die Hierapvlitaner sorgfältig über chre Familiengräber und verboten durch Androhung hoher Geldstrafeu die Beisetzung Fremder in ihnen. Die Bevölkerung der Stadt, deren Hauptgott Apollo war, ist eine, überwiegend griechische gewesen. Die phrygischen Ureinwohner sind entweder ganz verschwunden oder hatten sich präcisirt. Doch, wie neben Apollo auch andere griechischrömische Götter verehrt wurden, so hatten sich auch Reste von phrygischem Cultus erhalten. Neben den Griechen lebten viele Römer — meistens Kaufleute oder Soldaten — und Juden als Handwerker und Fabrikanten in der Stadt. Ja, Renan vermuthet sogar,- daß die Teppich fabrication und andere Industrien von den Juden aus Babylon in Phrygien eingeführt wurden4). Bei den Grabmälern in dem Hierapolis benachbarten Colossus findet er auffallende Aehnlichkeit mit semitischen Grabanlagen, und den in Larodicea verehrten Zeus aseis mit seiner Ziege möchte er mit Asasel (Leviticus Cap. 16) identificiren?) Nach Hierapolis dürften die Juden aber erst in der Makkabäerzeit gekommen sein, und dort scheinen sie dieselbe Lebensweise wie die anderen Einwohner geführt, dieselben Beschäftigungen gehabt zu haben. Aus dem Worte Archiv (arollion) auf einer Grabschrift auf eine besondere abgeschlossene Colonie der Juden zu schließen, scheint mir indessen zu weitgehend. Selbst von irgend einer Synagogenwürde findet sich keine Spur auf den Grabschriften. 2) Dio Cassius, Römische Geschichte LXVIII 27. 3) Strabo, Geographie XIH 4, Mommsen Römische Geschichte V2 3 4 S. 232. 4) Saint Paul, Cap. 13, pag. 361. Ueber Juden in Phrygien, siehe auch Josephus Antiquitates XII 3, XIV 10, XVI 6. An erstangeführter Stelle berichtet Josephus von der Errichtung einer Colonie von 2000 Juden aus Mesopotamien und Babylon in Phrygien auf Befehl Antiochus des Großen, des Vaters des berüchtigten Judenferndes Epiphanes. ’J) Ebenda, S. 358 Anm., 539 Anm. Teppich- und Tapetenweberei, nicht bloS handwerksmäßige, sondern auch künstlerische, scheint im Alterthum von den Juden besonders gepflegt worden zu sein. Am Ende des IV. Jahrhunderts spricht der Dichter Claudianus (In Entropium I., 357) von jüdischen Geweben mit Malereien, die nach dem Zusammenhang der ganzen Stelle im Genre Böcklin's gewesen zu sein scheinen. Aber auch die alexandrinischen Teppiche mit bunten Thierbildern, von denen sechs Jahrhunderte früher Plautus spricht (Pseudolus Act I, 147) scheinen jüdisches Fabricat gewesen zu sein. Zu weit geht aber Zierbarth (Griechisches Vereinswesen), wenn er meint, daß die Zünfte der Purpurfärber und Teppichweber in Hierapolis ganz jüdisch gewesen seien. Die Juden waren Handwerker und Fabrikanten wie die anderen Einwohner von Hierapolis, bildeten aber keine besondere Genossenschaft, sondern gehörten den allgemeinen Zünften oder Genossenschaften an. Wie die griechischen Hierapolitaner faßten sie ihre Grabschriften in griechischer Sprache ohne jeden hebräischen Zusatz ab und verboten wie diese die Beisetzung Fremder. Ihre Sarkophage stehen wie die der Andern ganz frei auf dem Boden. Sie haben keinen figuralen Schmuck, aber der fehlt auch den der Heiden. „Ich wüßte keinen Ort zu nennen", sagt Humann, „wo man eine solch' unzählige Menge von Sarkophagen stehen sieht". Und unter allen diesen findet sich nur ein einziger aus Marmor mit Figuren, während an Gebäuden und städtischen Anlagen der figurale Schmuck nicht fehlt. Das Merkwürdigste aber ist, daß die Juden auf die Schmückung ihrer Gräber mit Blumen eben so erpicht waren wie die heidnischen Hierapolitaner und ebenso strenge die Beisetzung Fremder in ihren Familiensarkophagen verboten So widmet Publius Aelius Glykon, Sohn des Zeleukos ein Grabmal für sich, seine Frau und Kinder und verbietet die Beisetzung Anderer. Er vermacht dem „geehrten Vorstande der Purpurfärber zweihundert Denare Kranzgeld, üm von den Zinsen sein Grab am Feiertage der ungesäuerten Brote im siebenten Monat zu schmücken, ferner der Zunft der Teppichweber hundert Denare Kranzgeld zur Schmückung des Grabes am Pfingstfeiertage". (Jnscr. 343, S. 174). Aurelia Glykonida, Tochter des Ammianos, widmet eine Grabstätte sich und ihren Gatten Marcus Aurelius Alexander, genannt Asaph aus der Nation der Juden und verbietet die Beisetzung Fremder bei Strafe von tausend Denaren, die der jüdischen Nation zu zahlen sind. Ein Duplicat dieser Grabschrist wird im Archiv hinterlegt. (Jnscr. 69, S. 96). Aurelia Augusta des Sonikos widmet eine Grabstätte sich, ihrem Manne Glykonianos (genannt?) Apros und ihren Kindern, bestimmt ein der Judengemeinde (Katrikia) zu zahlendes Strafgeld für Beisetzung Fremder und hinterlegt Duplicat der Inschrift im Archiv der Juden. (Jnscr. 212, S. 138). Der Name Glykon kommt bei den Juden in Hierapolis mehrmals vor, und so mögen auch andere Grabschriften mit diesem Namen Juden gehören, wenn dies auch nicht ausdrücklich angegeben ist. Auch der Rathsherr und Purpurhändler Marcus Aurelius Alexander, Sohn des Moschianos (Moses?) der Inschrift 156 scheint mir ein Jude gewesen zu sein. Die Maria Aurelia der Inschrift 225 könnte auch eine Christin gewesen sein, denn schon in der Zeit der Apostel begann die christliche Propaganda iu Hierapolis und der Apostel Philippus soll dort gestorben sein. Unter den Grabschriften fand ich aber nur eine (Nr. 319), in welcher dst Begrabenen ausdrücklich als Christen bezeichnet sind. Kirche und Bischof scheint die Stadt erst, als das Christenthum Staatsreligion geworden, bekommen zu haben. Ueber die dortige Judengemeinde könnten vielleicht weitere Forschungen und Nachgrabungen mehr Licht verbreiten. M. L.