Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021321--09314-3033737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48 Dl'. Viuül's schm vom Blute ist, sich bei einer religiösen Mahlzeit von Blut nähre. Das ist ein monströser Blödsinn! Ich bin davon überzeugt, daß keine einzige der Erzählungen von angeblichen blutigen Ostermahlen eine reelle Grundlage habe: nicht nur müßte man, wenn ein ähnliches Verbrechen begangen worden wäre, sagen, daß der Elende, der sich desselben schuldig gemacht, alle Vorschriften des Judenthums verletzt habe: sondern ich gehe noch weiter und glaube gar nicht, daß das Verbrechen je begangen worden wäre. Die menschliche Einbildungskraft ist nicht sehr fruchtbar auf dem Gebiete der Verleumdungen. Die Fabel von mysteriösen Mahlzeiten, bei denen Menschenblut genossen wurde, war zu jeder Zeit ein Kriegsbehelf gegen Jene, die ein blindes Borurtheil zu Grunde richten wollte. Diese irämliche Verleumdung war einst auch die Ursache beklagenswerther Christenverfolgungeu. Und doch war das Liebesmahl der Christen niemals beschmutzt worden dnrch eine solche Frevelthat. Die jüdisch n Ostern sind ebenso unschuldig Es wäre des Christenthums würdig, zu verhindern, daß diese schändliche Lüge, unter welcher anfangs die Christen so viel gelitten, nun gegen Andere ausgebeutet werde. E r n st R e u n n Breslau, 25. November 1882. Durch ein Gesuch des Herrn Ober-Rabbiner Lipschitz bin ich veranlaßt, die Erklärung abzngeben, daß nach dein alten Testament Menschenblut neben dem Thierblut im jüdischen Ritus nicht nur keine Stelle hat, sondern auf das Unzweideutigste ausgeschlossen ist. Die Meinung, daß für den jüdischen Gottesdienst Menschenblut in Anwendung käme, und zu diesem Zweck von den Juden Kinder von Nichtjuden gemordet wurden, ist nach meiner Ueberzeugung ein Vorwurf, der nicht auf Thatsachen beruht, sondern aus Haß gegen das Judenthum im Mittelalter zur Förderung der Judenverfolgung erhoben wurde, wie ähnliche Vorwürfe in der altkirchlichen Zeit zu gleichem Zweck von den Heiden gegen die Christen aufgebracht wurden. Prof. D r. R a e b i g e r. Zürich, Oberstraß, 16 October 1882. Verehrter Herr! Für das ehrende Zutrauen, welches Ihr Schreiben vom 10. d. M. — erst heute in meine Hände gelangt — bezeugt, sage ich Ihnen meinen besten Dank. Die ganz absurde gegen das Judenthum geschleuderte Bezichtigung und Verleumdung des Blutgebrauches fürrituelle Zwecke ist zwar in ihrer Nichtigkeit schon wiederholt historisch aufgedeckt und klargestellt werden. Da mir aber nur allzubekannt, daß die Menschen viel lieber au die allerdummsten Lügen als an eine hellleuchtende Wahrheit glauben, so werde ich Ihrem Wunsche bei erster mir sich bietender Gelegenheit gern entsprechen. Wenn dies nicht sofort geschehen kann, ist der Grund nicht etwa übler Wille oder Lässigkeit, sondern die dermalige schlechte Beschaffenheit meiner Gesundheit. Ich vermag tagüber kaum ein oder zwei Stunden zn arbeiten und Abends ist gär nicht daran zu denken, weil meine Sehkraft traurig geschwächt ist. Indem ich schließlich die Hoffnung äußere, die ungarische Regierung, von welcher ich freilich keine sehr glänzende Meinung habe, werde gegenüber den brutalen Verfolgungen Ihrer Glaubensgenossen das thun, was Pflicht und Ehre vorschreiben, bin ich, mit aufrichtiger Ergebenheit Ihr I. Scherr. Worlrenjckirilt. s>!’ Antike jüdische Grab schritten. Ich habe schon einmal in diesen Blättern gesagt, daß sich eine vollständige Geschichte der Juden in der ganzen Welt nur auf Grund von Einzeldarstellungen, von Geschichten der einzelnen Gemeinden auferbauen läßt. Zu diesem Riesenbau, der dem nächsten — achten des sechsten Jahrtausends — Jahrhundert Vorbehalten bleibt, müssen die Bausteine aus allen Ländern, wo Juden lebten — und wo haben sie nicht gelebt und gelitten? — znsammengetragen werden, und auch das kleinste unscheinbarste Steinchen darf von dem Baumeister nicht verschmäht werden, wenn es auch nicht zum Eckstein bestimmt ist. Ein solches Steinchen oder vielleicht gar ein ganz ansehnlicher Stein, ist vor einigen Jahren von christlichen Forschern aufgefunden worden, und es ist kein figürlicher Baustein, sondern es sind wirkliche Steine, jüdische Grabsteine, mit denen sie uns bekannt machen. Grabsteine, neben welchen die von Prag und Worms ganz modern erscheinen und die wohl mit den ältesten der römischen Katakomben gleichalterig sind. Genauer gesprochen, sind es Sarkophage, die sich nicht auf einem besonderen jüdischen Friedhof, sondern unter vielen Hundert heidnischen Sarkophagen fanden und sich in Art der Textirung der Inschriften bis auf die wenigen sie als jüdische charakterisirenden Worte, in nichts von den heidnischen unterscheiden. Obwohl sich auch einige christliche Inschriften fanden, war es doch nicht das religiöse, sondern das archäologische Interesse, welches zur Untersuchung der Ruinen und des Todtenfeldes von Hierapol i's in Phrygien führte, und die Ergebnisse sind im vorigen Jahre vom kaiserl. deutschen archäologischen Institut veröffentlicht worden.') Wie mir scheint, hat noch keine jüdische Zeitung von dieser Publication, deren Titel nicht verräth, daß darin auch etwas Jüdisches zu finden ist, Notiz genommen, und so will ich denn daraus als treuer Handlanger einige Steine zum großen Bau hier abliefern. Vier deutsche Forscher haben im Jahre 1887 die Expedition nach Hierapolis unternommen und sich in die vortrefflich ausgeführte Arbeit getheilt. Der seitdem leider verstorbene Humann bearbeitete die Topographie, Cichorins das Historische, Winter beschrieb die Sculptureu, während die Hauptleistung, die 36a Inschriften, welche mehr als die Hälfte des Werkes einnehmen, von Judeich herrührt Fünf sorgfältig gearbeitete Register erleichtern den Gebranch des vornehm ausgestatteten Werkes. Und eine vornehme, reiche Stadt scheint auch Hierapolis in Phrygien im Alterthum gewesen zu sein. Eine heilige Stadt war es nicht und der Name rührt nicht von hier^s her, sondern von Hiero, der mythischen Stammmutter des pergamenischen Königshauses. Der ganze früher zum syrischen Reiche gehörende Landstrich kam um 190 vorder üblichen Zeitrechnung an das pergameuische Reich und siel mit diesem 60 Jahre später an das römische. Wahrscheinlich erst unter pergamenischer Herrschaft wurde eine phrygische Ansiedelung in eine befestigte griechische Stadt umgewandelt, die als Bollwerk gegen das anderthalb Stunde» entfernte syrisch gebliebene Larodicea dienen sollte. Von einem Erdbeben im Jahre 60 n. Chr. vollständig zerstört, wurde Hierapolis dann umso prächtiger wieder aufgebaut und hatte seine Glanzzeit unter den Kaisern Septimius Severus und Caracalla (193 — 217). Ungefähr aus dieser Zeit stammen auch die meisten der erhaltenen Inschriften. ') Alterthümer von Hierapolis, herausgegeben von Carl Humann, Conrad Cichorius, Walther Juderch, Franz Winter. Mit öl Abbildungen und einem Stadtplatt. Viertes Ergänzungsheft zum Jahrbuch des kaiserlich deutschen Archäologischen Instituts, Berlin Reimer 1898, 202 S. 4". Einzelne Inschriften, darunter auch eiue jüdische, sind schon früher von Waddinqton, Ramiay und Anderen vublicirr worden. j ii 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.