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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-27 · 43 (27.10.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
43 (27.10.1899)
Date
1899-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 802 Nr. 43 '-ßxo Bloch's WvchrnzchrM sich für unterdrückt ausgeben. Sie fühlen es am tiefsten, "tote w.-he ungerechter Druck thut und wollen ihn am wenigsten Anderen zugefügt wissen. Was haben also die Juden mit der Aufhebung der Sprachenverordnung zu schaffen, die sie gewiß nicht herbeigeführt haben. Und dennoch ist die erste Regung der angeblichen Aufregung über die Aufhebung der Sprachenverordnung gegen die Juden gerichtet? Da fehlt doch jede logische Verbindung. Aber diese logische Verbindung zwischen der Volkswuth und den Juden wird sofort hergestellt, wenn man sich erinnert, in welch' grenzenloser Weise speciell in Böhmen und zum Theile auch in Diahren und selbst in Wien die antisemitische, zum Theile auch die clericale Presse der Volksstimmung eine gewisse Richtung gab. Wir wollen gar nicht einmal hervorheben, welch' entsetzliche Wirkung das Wort „Ritualmord" allein schon üben muß und wir brauchen nur auf die Nnthaten von Corfu hinzuweisen, um in Erinnerung zu bringen, welche Folgen die erfundenen bildlichen Darstellungen nach sich ziehen. Sind nicht solche Prämissen auch in Böhmen zum Vorschein gekommen? Wie kann man sich nur verwundern, wenn die Consequeuz solcher Prämissen — Blut ist, das Blut von Holleschau? Wer also anklagen will, der richte seine Klagen an die richtige Adresse und bezeichne die wahren Schuldigen. Sie sind es, die das Volk verführt, seine Phantasie mit den scheußlichsten Bildern erfüllt, die erbärmlichsten Instinkte in ihm wachgerufen haben. Auf sie paßt daß Dichterwort: Ihr läßt den Armen schuldig werden und überläßt ihn dann der Pein. Mit lügnerischer Heuchelei verdrehen dann dieselben Hetzer und Volksverräther die eigenen Worte und wollen das Wort „Ritualmord" durch „Christenhaß" ersetzen. Vergebliche Mühe. Ihr erbärmliches Treiben liegt am Tage und Holleschau heißt das Ziel, wohin es führt. Sie hatten sich freilich vorgestellt, es werden „nur" ein Paar Juden verfolgt werden, aber ihre eigenen Glaubensgenossen haben sie in den Tod gejagt. Ueber sie komme das Blut der unseligen Opfer von Holleschau. „Proretzarten" aus dem Zeitalter nach dem Knaben Simon von Trient. In kurzen Strichen haben wir in der letzten Nummer nach den Acten einzelne Folterfcenen gezeichnet, mit Hilfe deren die unglücklichen Märtyrer von Trient zu jenen sogenannten „Geständnissen" gebracht wurden, aus welche Herr Deckert und das „Vaterland" mit so hohem Nachdruck als auf unanfechtbare historische Zeugnisse unablässig verweisen. Die „Proceßacten" jener Epochen enthalten aber „Geständnisse" noch ganz anderer Art, von welchen weder Herr Deckert noch das Wiener „Vaterland" gerne reden. Die Tortur war eiu Mittel Alles zuwege zu bringen, Bekenntnisse und Geständnisse der widersinnigsten Gestaltung zu erzwingen. Es war kein Zufall, daß ein geborener Jude — der große Sonne nfels — aus dem österreichischen Strafproceß die Tortur beseitigt hat. Auch die alte Kirche, in der noch semitischer Geist lebte, kannte und billigte die Folter nicht; die Kirche war dazumal noch in voller Uebereinstimmung mit Bibel und Talmud. Der heil. Orig in es verschmähte es nicht, bei einem Talmudjuden in die Schule zu gehen, über schwierige Stellen der Bibel bei chm Rath zu holen. Seinen talmudischen Lehrer nennt Origines den Patriarchen I e l l o s oder H u i l u s (Selecta in Psalmos I. S. 414) und er gesteht oft, daß der Jude sein Lehrmeister war in der Kenntniß der richtigen Schriftauslegung; daß er während seines abwechselnden längeren Aufenthaltes in Judäa viel erfahren habe. Als er die Psalmen commentiren wollte, gab er sich Mühe, von einem Juden das Verständniß derselben vermittelst der Traditionen sich eröffnen zu lassen. Oiigines, epist. ad Africanum 1, Contra Ceisum I. 45. 55. 56. II. 31.. Mit Beihilfe von Talmudisten hat Hieronymus die in der katholischen Kirche canonisch gewordene Vulgata geschaffen; sie allein haben ihm die Uebersetzungsthätigkeit möglich gemacht. Beim Buche Tobias hatte er sich die Sache so eingerichtet, daß der Talmudist den Text vorab aus dem Chaldäischen ins Hebräische übersetzte, und der Kirchenvater ihn dann ins Lateinische übertrug. In Ep. 139 gedenkt er dankbar des chaldäischen Lehrers, von dem er viel gelernt hat; er nennt die Talmudjuden Soplioi h. e. sapientes und weiß von der Art ihrer Vorträge zu referiren. tznest Algas X Wie hoch der Kirchenvater die talmudischen Traditionen gestellt hat, zeigt die Stelle: (Ad MareeUum epist.) „Dies haben wir aus der innersten Quelle der Hebräer geschöpft und folgten nicht dem Fluße der Meinungen und Jrrthümer, von denen die ganze Welt erfüllt ist. Abgefchreckt bon dieser Verschiedenheit (der Meinungen und Ansichten bei Auslegung der Schrift), streben wir nur dasjenige zu wissen und zu lehren, w a s w a h r i st." An einer anderen Stelle erinnert er: „Selbst Origines, Clemens, Eusebius und andere mehr, we> n sie irgend über Schriften disputiren, und das, was sie sagen, beweisen wollen, pflegen folgendermaßen zu schreiben: Ein Hebräer erzählte mir es; ich habe es von einem Hebräer gehört; dies ist eine Meinung der Hebräer." Auch der berühmte katholische Schriftsteller M o l i t o r (Philosophie der Geschichte Bd. 1. S. 4i7. Münster 1857) zeigt daß nicht blos die obgenannten Kirchenväter, sondern auch Tertullian bei den Talmudisten gelernt und talmudische Traditionen in seinen Schriften ausgenommen hat. „Aus diesem Allen geht hervor, daß die alten Väter der Kirche die jüdische Tradition für echt gehalten haben," sagt Molitor. „Franz Molitor war eine der vollgiltigsten Autoritäten über Judenthum und Christenthum," sagte die „Wiener Kirchenzeitung" vom 1l. April 1860. Zwischen Talmudisten und Kirchenvätern bestand ein reger Verkehr, und so sehen wir Papst Nicolaus I. (858—867) in einem Schreiben an die Bulgaren in Uebereinstimmung mit den Talmudisten gegen die Folter protestirten. „Ich weiß, daß, wenn ein Dieb ergriffen wird, ihr ihn der Folter überantwortet, bis er sein Verbrechen gesteht; aber kein göttliches und menschliches Recht gestattet dieses, denn aus freien Stücken muß das Geständniß erfolgen .... Ist die Strafe einmal verhängt und ihr entdeckt dann die Unschuld des Angeklagten, erröthet Ihr da nicht? Erkennet ihr da nicht die Ungerechtigkeit des Urtheils? . . . Verwerfet daher und verdammet solchen!" Und Gregor VII. schreibt an Harald VII. von Dänemark, der Frauen wegen des Verdachts, Seuchen und Gewitter erregt zu haben, foltern ließ: „Glaubet nicht, daß es euch zustehe, den nach menschlicher Heidensitte verurtheiltcn Weibern Leides zu thun, sondern lernt vielmehr durch angemeffene Buße den göttlichen Richterspruch abwenden als durch gräuliches Wüthen gegen jene Unschuldigen den Zorn Gottes noch mehr über euch heraufzubeschwören." (Diefenbach, Der Hexenwahn, S. 140 ff. In völliger Uebereinstimmung schärften die Talmudisten ein: „Verfolge nicht, auch nicht den Bösen, den Sünder; verfolgt der Gerechte den Frevler, dann ist Gott auf der Seite des Bedrängten und Unterdrückten, nicht des Gerechten." (Wajikra rabba 27, Tanchuma Emor 9.)

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