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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · page 24

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 796 Dr. Bloch's Wochenschrift. dessen Ohr germanische Laute provocirend sind, ist es nachfolgender Fall, der sich am 8. d. M. hier abspielte und der wohl hier, vor der Oeffentlichkeit, Zeugniß gibt von der Cultur und ihres gewaltigen Aufschwunges, wie sie die Czechen in so auffallender und prahlender Weise überall zur Schau tragen. Am oben genannten Tage wurden 10 Zöglinge der hiesigen deutschen Handelslehranstalt, welche Nachmittags in den Anlagen des nahen Parkes „Lochotin" weilten, von ungefähr 20 mit Stöcken bewaffneten czechischen Realschülern überfallen. Die aus dem Geschrei vernehmlichen Worte, wie „Verfluchte Deutsche", „Judenhunde" und „Hülsnerove" lockten noch ungefähr dieselbe Anzahl czechischer Mittelschüler an, welche die sich gegen das Badehaus flüchtenden Handelsschüler mit großen und schweren Steinen bewarfen und einen derselben, welcher fiel, arg zurichteten. Der Verwundete, namens Schulhof, welcher aus mehreren Löchern am Kopfe sehr stark blutete, mußw nach Hause geschafft werden und steht derselbe unter ärztlicher Behandlung und muß das Bett hüten. Von diesem Vorfälle wurde natürlich die Strafanzeige erstattet. Wünschenswerth wäre, wenn die Direction der deutschen Handelsschule in Pilsen, die eine überaus stattliche Zahl jüdischer Frequentanten besitzt, in geeigneter Weise Maßregeln ergreife, um solchen bedauerlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Und diese Ereignisse und Vorfälle sollen vielleicht dem fortschreitenden Geist der slavisch-czechischen Cultur, die das Aushängeschild aller böhmischen Parteien bildet, anderen Culturnationen vor Augen führen? Wenn ja, nun dann wäre noch ein Mittel, um die um ihre Cultur kämpfende böhmische Nation zu beruhigen, nämlich daß Herr Dr. Baxa ein allgemein geltendes „Staatsrccht" verfasse, nach dem Hülsner und alle seine Mitschuldigen (momentan weiß ich leider nicht, wie viele Israeliten in Böhmen wohnen) gerichtet werden! — O arme Juden Ergebenst ein Angerempelter. Prerau. (Eine unwürdige Demonstration.) Am 12. October gegen 8 Uhr Abends sammelten sich einige Hundert Czechen zumeist junge Leute, verschiedenen Vereinen angehörig, zu welcher sich die obligate Schaar von Lehrjungen gesellte, um eine Demonstration gegen die Aufhebung der Sprachenverordnung zu insceniren. Sie marschirten durch die belebtesten Straßeil Nationallieder singend, känba und na zdar rufend. Diese politische Demonstration auf den Straßen ist Geschmackssache. Was aber zu beklagen ist, bleibt, daß einige Demonstranten mehreren Israeliten, den friedliebendsten in der Gemeinde, die gar keine Politik treiben, und in die Sprachenfrage sich nicht einmengten, die Fenster eingeschlagen haben. Zum Lobe des ebenso ausgezeichneten als energischen Bezirkshauptmannes Herrn L. Abendroth sei constatirt, daß er sofort gegen die tobende Menge mit sicherer Hand einschritt, sie geschickt, ohne Anwendung von Gewalt, mit beredten Worten zum Auseinandergehen bewog, und einige Anführer der behördlichen Gewalt überantwortete. In Folge dessen haben sich die gefürchteten erneuerten Demonstrationen nicht mehr wiederholt und das in Bereischaft gehaltene Militär kam zur Freude der sonst friedfertigen Bewohner von Prerau nicht in Action. Berlin. Nachdem kürzlich das Vorstandsmitglied Herr Isaak begraben wurde, entbehrt die hiesige jüdische Gemeinde des Row und des Chasen, des Parnes und des Schammes, und es wird schwer zu entscheiden sein, welcher Mangel am schmerzlichsten empfunden wird. In fünf großen Synagogen mit vier Rabbinern auszukommen, hat man sich allmälig gewöhnt; zur Noth kann sich die Gemeinde mit 6, statt den vorgeschriebenen 7 Vorstandsmitgliedern genügen lassen. Der fehlende Chasen läßt schon eine fühlbare Lücke. Selbst wenn ein sangeskundiger Ersatzmann helfend einspringt — es ist doch nur ein Lückenbüßer, und der Andächtige verliert seine Andacht, wenn er nicht weiß, ob er auch in Zukunft aus der gleichen Kehle die gleichen Melodien hören wird. Ganz unersetzlich aber ist der Schammes, der Ordner der Gebetsparade, der mit discreten Winken anzeigt, wann die Gemeinde sich erheben soll, und mit leisem Commandowort aufmerksam macht, wenn die Schicklichkeit gebietet, daß die Gemeinde sich setze. Ohne diese Andachts-Wachtmeister geht es einfach nicht, sie sind unentbehrlich, bei ihrem Fehlen geht alles aus Rand und Band. Herr Isaak, der kürzlich begraben worden, war ein prächtiger Mann von großer Herzensgüte uitb echt jüdischem Empfinden. Er vertrat im Vorstand das conservative Element, das zur Geltung zu bringen seinem mehr zur Milde als zur Energie neigenden Charakter nur selten gelang. An seine Stelle rückt jetzt Herr Goldschmidt, auch der conservativen Richtung angehörig. Seine Wahl als dritten unter drei Vorstand-Stellvertretern hatten vor drei Jahren die Conservativen durchgesetzt, die damals im Repräsentantencollegium eine Zweidrittelmehrheit hatten. Herr Goldschmidt ist nicht vergeblich Vorstandsmitglied — stellvertretendes — gewesen; er hat erlangt, daß die Thüren im Gemeindeverwaltungshaus und in den Religionsschulen . mit Mesusaus versehen worden sind. Diese Pfostenschilder bilden sein Denkmal. Im Uebrigen hat Herr Goldschmidt mit seiner Vorstandschaft Pech. Nach drei Jahren ist er unter den Stellvertretern von der dritten an die erste Stelle gerückt, und nun hat ihm Jsaak's Tod einen Platz im Allerheiligsten selbst verschafft — aber nur auf zwei Monate. Das Mandat des Stellvertreters dauert nur so lange, als das Mandat des Vertretenen gedauert haben würde, wenn dieser am Leben geblieben wäre. Als Stellvertreter hatte Herr Goldschmidt noch eine dreijährige. Amtsdauer vor sich, als Vorstandsmitglied ist ihm nur eine zweimonatliche beschieden. Nach zwei Monaten ist er nicht Stellvertreter mehr, noch Vorsteher, wenn er nicht aufs Neue gewählt wird, und das ist zweifelhaft, sehr zweifelhaft. Denn die liberalen Repräsentanten, die ganz allein entscheiden, obwohl sie nicht die Mehrheit für sich allein haben, gehen mit großen Dingen um. Zunächst wollen sie das Vorstandsmitglied neu auf den Schild erheben, das vor drei Jahren dem Zorn der Conservativen weichen mußte, weil er durch seine intellectuelle Potenz sie im tiefsten Gemüth gekränkt hatte. Nicht seine liberale Gesinnung machte Herrn Director Hermann in ihren Augen für die Mitgliedschaft im Vorstand ungeeignet, denn sie haben drei Stock- Liberale gewählt ulld selbst unter den Stellvertretern zwei den Liberalen eingeräumt; aber er genirte sie durch sein jüdisches Wissen, seine Sachkunde und namentlich durch seinen schlagfertigen Witz. Das konnten sie ihm nicht verzeihen. Jetzt werden sie ihn sich von den Liberalen gleichwohl wiederbringen lassen. Für die kommenden Vorstandswahlen werden sonst noch manche Namen genannt. Denn diesmal ist unbedingte Wiederwahl nicht dib Parole. Zwar Herrn Justizrath Mayer hebt man abermals auf den Schild, wenn es nicht gelingen sollte, ihn zu freiwilligem Verzicht zu bestimmen. Man wäre bereit, ihn zum Ehren-Vorsteher zu machen — ganz nach dem Grundsatz: prornoveatur ut arnoveatur — aber es scheint: er will bleiben, wie er ist. Auch Herr Jacobi gilt für einen sicheren Candidaten. Ec ist, sagt man, der unübertreffliche Etatsarbeiter. Gewiß ist, daß außer ihm keiner den Gemeindeetat versteht. Im Uebrigen wird nach einigen Vorstandsmitgliedern wie mit Licht gesucht. Was aber am meisten auffallen muß, das ist nicht das Suchen nach einem Vorstand, sondern das geflissentliche Vermeiden eines bestimmten Namens. Die Liberalen verdanken ihren vorjährigen Wahlsieg — und zugleich die Niederlage ihrer besten Männer — der Bundesgenossenschaft des Herrn Gustav Löwenstein und seiner Anhänger, die für Einführung sonntäglichen Predigtgottesdienstes schwärmten. Wie kommt es, daß die Liberalen ihres Protectors jetzt gar nicht gedenken und ihn nicht für die Vorstandsmitgliedschaft präsentiren? Das ist kein Zeichen dankbarer Gesinnung, auch kein Zeichen für einen besonderen Erkenntnißmuth. Wir sind darüber nicht erstaunt; aber Höflichkeit verlangt, daß man sich erstaunt stellt. Berlin. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt vorgestern seine erste Versammlung nach den Ferien ab. Nach einem einleitenden Vortrage Dr. Alexander Meyer's über „Spinoza und Goethe" erstattete der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Horwitz den Geschäftsbericht über die letzten Monate. Er streifte zunächst die beiden Proccsse in Rennes und Kuttenberg. In der Ausbeutung beider Fälle habe, so führte er aus, der Antisemitismus seinen internationalen, anarchistischen Charakter bewiesen. Selbst das deutsche Vaterland und dessen Ehre werde preisgegeben, wenn man nur einen Juden verurtheilen könne. Der Polnaer Mordproceß sei durch die Verurtheilung Hülsner's keineswegs erledigt, die Untersuchung werde fortgesetzt und das Endresultat dieser Ritualmordgeschichte dürfte wohl kaum den Wünschen der Antisemiten entsprechen. Angesichts der Zurückweisung jüdischer Schülerinnen sollten die Juden energischer auftreten und solche Institute, die, wie der vielerörtete Brief einer Schulvorsteherin im Westen beweist, jüdische Kinder nur unter der Bedingung aufnehmen, wenn sie den christlichen Religions-

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