Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-20 · 42 (20.10.1899) · page 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
42 (20.10.1899)
Date
1899-10-20
Page
– (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021320--09291-3033713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 42 Dr. Blvch's Wochenschrifl. Seite 797 unterricht besuchen, völlig meiden. Der Verein habe in letzter Zeit verschiedene Erfolge, so z. B. bei der Postverwaltung mit seiner Beschwerde über die Beförderung antisemitischer Postkarten, Entgegenkommen gefunden. Die Miigliederzahl sei besonders in der Provinz erheblich gestiegen, so daß dem Centralverein jetzt an 50.000 deutsche Juden angehören. Hamburg. (Charlotte Embden gestorben.) Die Schwester Heinrich H ei n e's, Frau Charlotte Embden, ist am 15. October wie uns aus Hamburg telegraphirt wird, im Alter von 99 Jahren, vier" Tage vor ihrem Geburtstage, gestorben. Sie war am 18 October 1800 geboren, zehn Monate nach der Geburt ihres großen Bruders, der am 13. December 1799 das Licht der Welt erblickt hatte. Heinrich Heine's einzige Schwester wohnte seit vielen Jahren im Parterre des Hauses Nr. 49 an der Esplanade in Hamburg, wo ihre Mittwoch-Empfänge seit Jahren die literarische Gesellschaft der Stadt versammelten. Charlotte Embden war eine nach Charakter, Bildung und Geist hochstehende Frau, die sich ihre Regsamkeit bis in das selten hohe Alter bewahrt hatte. Heinrich Heine liebte sie nächst seiner Mutter am zärtlichsten unter allen Wesen, die ihm auf Erden nahegestanden waren, und Jedermann, der Charlotte Embden kannte, fiel denn auch die körperliche und geistige Aehnlichkeit zwischen den beiden Geschwistern auf, so daß Viele behaupten, daß, wenn Charlotte Heine ein Junge geworden und in dieselben Verhältnisse gekommen wäre, wie ihr Bruder, ein zweiter Heinrich der Welt sich in ihr geoffenbart hätte. Wie er, besaß sie scharfen Geist und ätzende Satire, aber auch einen göttlichen Humor und jene gutmütyige Schalkhaftigkeit, die man an Heinrich Heine gekannt hatte und die lebhaft an ihn gemahnte. Charlotte Heine hatte sich in Hamburg mit Herrn Embden vermählt und dieser Ehe entsprossen zwei Kinder, ein Sohn, der spätere Baron Embden, bekannt als Verfasser des 1892 erschienenen Werkes „Heinrich Heine's Familienleben", und eine Tochter, welche nachher den Fürsten della Rocca heiratete. Zwei Enkel der Verstorbenen sind die Herzoge von P e r d i f u m o, die sich am 90. Geburtstage der Großmama gleichzeitig verlobten. Bis zum letzten Tage ihres Lebens besaß Charlotte Embden eine unglaublich starke Gedächtnißkrafl und sie wurde nicht müde, Episoden und Anekdoten aus längstvergangenen Tagen, sie und Heinrich betreffend, zu erzählen. In weihevoller Erinnerung dachte sie oft an den Tag zurück, als sie ihm Jahre 1887 den Besuch unserer Kaiserin erhielt. Die erlauchte Heine-Verehrerin hatte bekanntlich eigens eine Reise nach Hamburg unternommen, um die Schwester Heine's kennen zu lernen. Bis knapp vor ihrem Tode war Charlotte Embden rüstig und gesund wie ein junges Mädchen, und die schlanke Gestalt mit den noch ganz unverfallenen, markanten, das hohe Greisenalter in keiner Linie verrathenden Gesichtszügen, die sich, wenn sie lebhafter im Gespräch war, rosig rötheten, den dichten weißen Locken, die sich fast kokett um Stirn und Wange ringelten, dem geistvollen, das Antlitz belebenden Lächeln, der ungebeugten Haltung, den schelmisch beim Erzählen eines Witzes aufblitzenden Augen, die Gedrucktes und Geschriebenes ohne Zuhilfenahme einer Brille sahen, schien für de Ewigkeit geschaffen. Das Alter machte sich bei ihr nur in einer geringen Schwerhörigkeit bemerkbar, denn, daß sie nur mit Znhilfe eines Stockes gehen konnte, war nicht auf Marasmus, sondern auf einen vor Jahren ihr zugestoßenen Unglücksfall, bei welchem sie einen Hüftbruch erlitt, zurückzuführen. Charlotte Embden entschlief denn auch nach ganz kurzem Krankenlager in schmerzloser und sanfter Weise. Sie wird ihr Grab neben der Ruhestätte ihres Gatten finden. London. Die „Board ok Guardians“ hielt am 9. October seine erste Monatsversammlung nach den Ferien ab. Wieder einmal mußte festgestellt werden, daß die Caffa ein arges Deficit aufweist, jetzt schon, ehe das Jahr um ist, 60.000 Mark. Dagegen hat die „Board“ zwei große Erbschaften gemacht, 2 Millionen Mark von der Baronin Hirsch für sein Darlehensinstitut, dann neuerdings 60.000 Mark von einem christlichen Wohlthäter, Robert Macfie in Glasgow. Dieser edle Mann hat 100.000 Mark testamentarisch vermacht für die „armen verfolgten Juden" und diese Summe ist von den Testamentsexecutoren auf die jüdischen „Board ok Guardian“ in London, Glasgow, Edinburg, Hüll, Manchester und Liverpool vertheilt worden. Rach London sind 60.000 Mark, in die Provinzstädte je 8000 Mark geflossen. London. Auf dem diesjährigen Congreß der englischen Kirche las der Decan von Worcester einen Aufsatz vor über „die religiöse und sociale Lage der Juden in der Gegenwart". Der Bortrag war' zwar bemerkenswerth durch seinen wohlwollenden Ton, aber leider voller Jrrthümer über die Verhältnisse der Juden außerhalb Englands. Dies ist ein deutliches Beispiel, wie wenig man über die wirklichen Verhältnisse der Juden unterrichtet ist. So erklärte der Decan, in Rußland gäbe es zwei Secten von Juden, die Orthodoxen und die Chaffidim, welche viel freier und liberaler seien, als Jene. Niemand wird mehr darüber erstaunt sein, als die Chaffidim selber, daß man sie als Liberale bezeichnet. Dagegen sprach der Decan seine Achtung vor den englischen Juden aus, die in religiöser Beziehung, in Rücksicht auf ihre Fürsorge für den Unterricht und vor allen Dingen in ihrer generösen Wohlthätigkeit ihre christlichen Mitbürger weit übertreffen. Es macht dem christlichen Geistlichen alle Ehre, daß er so rückhaltslos die Vorzüge der Juden anerkennt. Victoria. (Britisch-Columbia). Unsere Gemeinde dürfte die westlichste und zugleich in Amerika die nördlichste in der ganzen Judenheit sein, die zur Zeit besteht. Zwar sind in Klondyke auch eine Anzahl Juden, aber sie besitzen noch keinerlei Organisation. Herr M. Marks von hier, der Ende August nach Dawson City gereist ist, hat daher eine Sefer Torah mitgenommen und wird dort wenigstens für die hohen Feiertage einen Gottesdienst organisiren. Unsere Gemeinde hat jetzt auch Aussicht wieder einen Rabbiner zu erhalten, nachdem wir uns viele Jahre ohne Rabbiner beholfen haben. Das lange erlahmte Interesse an den jüdischen Dingen hat sich in der letzten Zeit wieder mehr geregt und der Vorsitzende unserer Gemeinde Herr Salmon ist mit dem Oberrabbiner Dr. Adler in Correspondenz getreten, um ihn zu bitten, eine geeignete Persönlichkeit zur Uebernahme des Rabbinatssitzes hierher zu senden. Es besteht gegründete Hoffnung, daß sich eine solche Persönlichkeit finden wird. Seit 1864 besitzen wir eine schöne Synagoge, zu deren Baufonds auch die hiesigen Christen reichlich beigesteuert haben. Baltimore. Der Missionär Donlap, dessen provokatorisches Auftreten in den Ghettis von New-Iork und Philadelphia schon wiederholt Excesse provocirt hat, sucht letzt unsere Stadt heim. Ec fährt mit seinem Reclamewagen durch die von den Juden hauptsächlich bewohnten Straßen und haranguirt die Juden zur Taufe. Der Bürgermeister hat ihm aber gedroht, die Fuhrlicenz zu entziehen, wenn er Krawalle hervorruft, wie in New-Aork. Süd-Afrika. Die hohen Feiertage sind hier überall gebührend gefeiert worden. In Pretoria waren in der Synagoge 400—500 Personen; mehr als jemals in dieser Stadt am Gottesdienste theiluahmen. In Durban war ebenfalls die Synagoge außergewöhnlich stark besucht und znm erstenmal Chor eingerichtet, eine Neuerung, die sich sehr gut bewährt hat. Auch in kleineren Plätzen war an den hohen Feiertagen Gottesdienst. In Dortrecht fanden sich von 60 Meilen in der Runde 17 erwachsene männliche Juden zur Festesfeier zusammen, auch in Sommerset- East gelang es ein Minjan zu vereinigen. Die aufstrebende Gemeinde in Buluwayo wird nun auch bald einen Rabbiner haben, denn der durch Dr. Adler, den Oberrabbiner, ausgewählte Minister Rev. Moses I. Cohin, ein Schüler des Jews College in London, hat sich schon nach Afrika eingeschifft. Bei der rapiden Entwicklung Buluwayos und dem Wachsthum der dortigen jüdischen Gemeinde, wird er ein weites Arbeitsfeld finden. Canada. Aus den jüdischen Ansiedelungen kommen günstige Nachrichten, die Ernte ist im Gang und verspricht die beste zu werden, die die Colonien bisher gehabt haben. Leider ist am 15. September ein Prairiedrand ausgebrochen, der großen Schaden gethan hat; die Häuser und die Ernte in den Scheunen konnte zwar gerettet werden, aber auf 8 englische Meilen in der Runde ist das Land verwüstet, alles Heu verbrannt und für das Vieh die ganze Weide zerstört. Es wird den Colonisten nicht leicht sein, für ihre Thiere das Futter herbeizuschaffen. Die Schulen in den Ansiedlungen sind jetzt auch eröffnet, sie sollten nach den Intentionen der „Jewish Colonisation Association" eigentlich unentgeltlich sein, allein die Regierung hat dies nicht genehmigt und bestimmt, daß ein Schulbeilrag von 2 Dollars pro Kopf von jedem Colonisten erhoben werden soll, der ein eigenes Haus besitzt. Die Schulen stehen unter der Direktion von Herrn S. A. Goldstones, den die Regierung übrigens auch zum Friedensrichter des Bezirkes ernannt hat. Doyleslown. Pa., (Israelitische Wohlthätigkeit.) In der nicht weit von hier gelegenen „Nationalen Farmschule" fand kürzlich unter Betheilignng mehrerer Tausend Personen die Jahresfeier, verbunden mit der Einweihung von fünf neuen Gebäuden der Anstalt statt. Diese wird von Israeliten im ganzen Lande unterhalten und auch von Israeliten verwaltet,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.