Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021320--09289-3033711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 795 als ob diese Arbeiten im Armendepartement gemacht worden wären. Das Circular, das vor irns liegt, appellirt an unsere Glaubensgenossen, dem Vereine für seine Zwecke eine Spende widmen zu wollen, oder demselben als unterstützendes oder ausübendes Mitglied beizutreten. Die warme Empfehlung Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Toctor Adolf S ch m i e d l, sowie die bisherige Thätigkeit des Vereines ruft edem Einzelnen zu: Der humanitäre Verein „Rudolfsbund" verdient eine Unterstützung, um sein Wirken fortsetzen zu können. Jnsolange nicht die Armenpflege soweit vorgeschritten ist, daß die Gemeinden selbst diesem so wichtigen Zweige derselben ihr Augenmerk zuwenden, sind derartige Vereine berufen, die armen Kinder unter ihre Obhut zu nehmen, und das speciell der oben genannte Verein diese Aufgabe mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln thut, dafür bürgt uns seine bisherige Thätigkeit, sein zehnjähriger Bestand und vor Allem dessen Funktionäre. Darum der Appell an alle Wohlthäter, dem Vereine seine Existenz zu ermöglichen. Graz. (Israelitische Cultusgemeinde.) Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde in Graz hat in seiner Plenarsitzung vom 8. October 1899 einstimmig beschlossen, dem Herrn Ministerpräsidenten, dem Herrn Justizminister, dem Herrn Cultusminister und der hohen k. k. Statthalterei in Graz nachstehenden Protest zu überreichen. In dem Polnaer Processe ist das Judenthum verdächtigt worden, als lehrte oder übte oder gestattete es den sogenannten Ritualmord, um für religiösen Zwecke Menschenblut in Anwendung zu bringen. Wir empfinden diese Verdächtigung als eine uns zugefügte Schmach, die umso kränkender und beunruhigender auf uns wirken muß, als sie unsere Religion verunglimpft, unsere Geschichte fälscht und geeignet ist, die Leidenschaft der gedankenlosen Bolksmasse gegen uns aufzureizen. Wir protestiren gegen die Unbill, die uns angethan worden, auf das Entschiedenste, protestiren gegen eine Beschuldigung, welche die Böswilligkeit im Dienste des Menschenhasses ersonnen, um unser Heiligstes, dieselbe Religion, welche die Lehren dec Sittlichkeit und Moral in die Welt getragen, herabzuwürdigen und unsere Glaubensgenossen in den Augen der Mitmenschen zu ächten. Indem wir diesem Proteste in unserer gerechten Entrüstung Ausdruck geben, erwarten wir zuversichtlich, daß die hohe k. k. Regierung unserer altehrwürdigeu Religion, gegenüber ebenso niedrigen als unsinnigen Verdächtigungen und Verleumdungen den gesetzlichen Schutz angedeihen lassen wird. Graz, am 8. October 1899 Jsr. Cultusgemeinde Das Rabbiuat Der Präses: Dr. Sam. Mühsam m. p. Bernhard Biller m. p. Krakau. (Iu Folge der Fabel des Ritualmorde s.) Wir erhalten aus Krakau, 14. October, folgende Zuschrift: „Geehrter Herr Redacteur! Gestatten Sie, daß ich Ihnen anläßlich des mit der Polnaer Mordaffaire wieder wachgewordenen Märchens vom Ritualmvrde folgenden Beitrag zur Illustration der Folgen systematischer Volksverhetzung biete: Am 12. d. kamen um 6 Uhr Abends in mein hier, Zwierzynieckagasse Nr. 7 befindliches Geschäftslocal zwei christliche Frauen, von denen eine (wie ich später erfuhr, mit Namen Josephine Gebauer, wohnhaft in Debniki bei Krakau Nr. 127) ein kleines, etwa sechsjähriges Mädchen an der Hand führte, für welches sie Zuckerwerk zu kaufen wünschte. Nachdem die Frau das Gewünschte erhalten und bereits mit dem Kinde das Geschäft verlassen hatte, kehrte sie nach einer Weile zurück, erklärte, sie hätte das Kind nicht mehr, und sprach in gereiztem Tone direct den Verdacht aus, ich hätte das Kind „des Blutes wegen" beiseite geschafft. Trotzdem ich und die oberwähnte Begleiterin die Frau versicherten, sie habe ja zusammen mit dem Kinde das Local verlassen, und das Kind habe wohl allein den Heimweg angetreten, ließ sich die Frau nicht beruhigen, wurde immer heftiger und schrie am Ende so laut, daß es auf der Straße vor dem Locale weit vernehmbar war: „Er hat mir das Kind wegen des Blutes ermordet, ich werde ihn lehren!" Die sonst stille Straße wurde in Folge dessen recht lebhaft, und es bildete sich vor dem Locale eine große Menschenansammlung, bestehend Haupt,'ächlich aus den um diese Zeit von den benachbarten Bauten heimkehrenden Arbeitern, welche der Frau Glauben schenkten und eine drohende Haltung einnahmen. Nur dem Eingreifen besonnener Bürger, welche mich persönlich kennen, gelang es, Ausschreitungen und Thätlichkeiten der aufgeregten Menge zu verhindern. Mittlerweile stellte es sich heraus, daß das Kind thatsächlich zu Hause angelangt war, nachdem es den Heimweg allein zurückgelegt hatte. Die Wirkung aber blieb natürlich nicht aus; die Kinder aus der Umgebung wissen schon alle genau, „was der Jude Ztatter mit dem Christenkinde vorhatte", und meiden mein Gefcheäftslocal, wodurch mir — nebstbei bemerkt - ein nicht unbedeutender Kundenkreis verloren geht. Natürlich konnte ich es mir nicht versagen, durch meinen Rechtsfreund die Strafanzeige zu erstatten. Ich ersuche Sie, Obiges in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichen zu wollen, zumal wir hier kein Blatt haben, welches gegen die leider auch hier betriebene Volksverhetzung Stellung zu nehmen wagte. In einer Stadt mit ca. 90.00 Einwohnern erscheint ein Tagblatt, „Glos Narodu", welches. Dank einer unerklärlichen .... Gleichgiltigkeit der Behörden, fast jedem Tag die schändlichsten Beschuldigungen gegen die Juden unter dem Volke verbreitet, und unter der hiesigen Intelligenz findet sich Niemand, der den Math hätte, diesem schändlichen Treiben ein Ende zu setzen. Mit vorzüglicher Hochachtung Hermann Statter." Caslan. (Antisemitsche Excesse) find, wie „Pravo Lidu" meldet, seit längerer Zeit in Caslan an der Tagesordnung. Fast täglich werden die Firmen jüdischer Handelsleute beschmiert oder die Fenster ihrer Wohnungen eingeworfen. Vor einigen Tagen beschmierten einigen Lehrburscheu die Firmen mehrerer jüdischer Handelsleute und warfen sodann das Gefäß, in welchem sich die Farbe befand, in den Röhrkasten auf dem Ringplatze, so daß das Wasser ausgelassen und der Röhrkasten gereinigt werden mußte. In der Nacht auf Sonntag wurde durch das Fenster in die Wohnung des Herrn Goldberger eine Flasche mit Theer geschleudert; der Inhalt ergoß sich über verschiedene Gegenstände und vernichtete diese. Böhm-Aicha. Am 10. d. M.. an einem Markttage, haben hier sogenannte Bänkelsänger die Polnaer Mordgeschichte, mit allen von der böswilligen Fama den Juden angedichteten Schändlichkeiteil besungen, und den „illustrirten" Text zu Hunderten an den Mann gebracht. Als die hiesige Amtsbehörde diesem Unfuge steuern wollte, wurde ihr bedeutet „daß sie zum Verkaufe dieser Lieder seitens der k. k. Bezirkshauptmannschast die Bewilligung hätten." Wir fragen: Hat die k. k. Bezirkshauptmannschast das Recht, derartige die niedersten Bolksclassen zum Racen- und Classenhaß aufreizende Borträge und deren Colportage zu bewilligen? Pilsen. Berehrliche Redaction! Der Proceß Hülsner in Kuttenberg in Böhmen zeigte ganz offenliegend, daß der Antisemitismus, welcher in Deutsch-Oesterreich nur noch einen Zug-Artikel bildet, der so manche Partei der Gaffe über Wasser hält, nun bei den Czechen eine neue Heimat gefunden hat. Unter denjenigen Städten Czechiens, welche eine feste Hochburg des slavischen Fanatismus und des neugebackenen böhmischen Antisemitismus bilden, ist die „königliche" Stadt Pilsen nicht die letzte, deren Gastfreundschaft diese Pestbeule des 19. Jahrhunderts in nur allzu reichem Maße genießt. Die Aufregung der Bevölkerung Pilsens, die die niederträchtigen und erlogenen Berichte der czechischen, antisemitischen Preßlumpen erregten, nnd die durch die politischen Wirren noch geschürt wurden, zeigte sich schon in Straßendemonstrationen gegen die Jn^en, denen aber die Regierung durch ihr thatkräftiges Einschreiten ein vorzeitiges und schnelles Ende bereitete. Ist es aber dem Pilsener czechischen Mob nicht vergönnt, durch Radau schlagm und „Fensterln" sein Müthchen an den Juden, die ja bei ihm alle „Hülsner's" sind, zu kühlen, so sind täglich Vorfälle durch die Zütungen publicirt, welche zeigen, daß die Verrohung und der Haß gegen das Judenthum alle Schichten der hiesigen Bevölkerung durchzieht und so einem Dr. Baxa die Gewißheit geben, daß seine so ziemlich verblümten Worte bei dec Polnaer Affaire bei seinen „Landsmanns meiniges" auf fruchtbarem Boden herrliche Saat tragen. Abgesehen von den unzähligen Anremplungen, welche man in Pilsen erleben kann, sobald man sich der deutschen Sprache bedient und denen das geflügelte Wort „Hülsner!" den Stempel der „judenfreundlichen" Gesinnung des Bruders Czech aufdrückt,