Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 793 die Mitte des zweiten christlichen Jahrhunderts eine Entwicklung erreicht hatte, wie sie erst nach Jahrhunderten erzielt werden kann, ein Product des Urchristenthums! Da muß man nur an Wunder glauben: er kam plötzlich, sah und siegte! So beurtheilt man diese trotz aller häßlichen Auswüchse großartige, und über alle Maßen complicirte Erscheinung, diese geistige Riesenarbeit von Jahrhunderten, welche von Juden in der griechischen Welt geleistet wurde! Würden sich aber unsere jüdischen Theologen von dieser einseitigen, jedoch herrschend gewordenen Auffassung emancipiren können und sich mehr in die ä l t e st e n talmudischen Ueberlieferungen über die Minim vertiefen, dann würden sie weniger wegwerfend von „obscuren gnostischen Secten" sprechen, sie würden vielmehr zur Ueberzeugung gelangen, daß die talmudische Ueberlieferung: „Israel ist erst ins Exil geschickt worden, als in seiner Mitte 24 Gattungen von Minäer - Secten sich gebildet hatten", keine leere Phrase oder phantastisches Geflunker sei. Warum ich meine Anfrage nicht in der Uevue ckes Ütuäes Juives veröffentlichte? Nun, weil ich keine Zeit habe, ein halbes Jahr zu warten, bis in den Vierteljahrheften Frage und Antwort erledigt" sind, wie mir denn auch mein abseits von der Wissenschaft liegender und meine ganze Zeit und Thätigkeit beanspruchender Beruf den Luxus, Wortklauberei und Silbenstecherei zu treiben, nicht gestattet. M. F r i e d l ä n d e r. Correspondenzen. 'Wien. (Plenarsitzung des Eultusvorst a n d e s der israelitischen G e m e i n d e) Beginn 10 Uhr Vormittags. Herr I. Vicepräsident Dr. Alfred Stern eröffnet die öffentliche Sitzung mit der Mittheilung, daß der seit einigen Wochen erkrankte Präsident kais. Rath Kling er auf dem Wege der Besserung sich befinde und gibt der Hoffnung und dem Wunsche Ausdruck, daß der Präsident, der fortwährend den Gemeindegeschäften seine Obsorge zuwendet, baldigst wieder in der Lage sein werde, deren Leitung wie früher zu übernehmen. (Lebhafter Beifall und Zustimmung). Sodann fährt Redner fort: Bevor wir in die Tagesordnung eingehen, obliegt es mir, eines Ereignisses zu gedenken, welches ich als ein denkwürdiges in der Geschichte der Judenschaft, zumindest in der Geschichte der Wiener Judenschaft bezeichnen kann — es ist die Versammlung, welche am 7. October l. I. im Musikvereinssaale über Einberufung und in Anwesenheit des Cultusvorstandes stattfand. Sie alle, meine Herren, wissen, welche schmachvolle Verleumdung gegen uns in neuester Zeit im Gerichtssaale ihren Ausdruck gefunden hat. An einer der Rechtspflege gewidmeten Stätte konnte man es wagen, gegen uns die schmachvolle Verleumdung des Blutmärchens vorzubringen. Unter solchen Umständen war es Pflicht des Cultusvorstandes als solchen, eine Protestversammlung der Gemeindemitglieder einzuberufen. Der Cultusvorstand. mußte in dieser Weise Stellung nehmen. Es ist damit dasjenige, was wir Juden in dieser Angelegenheit zu thun haben, gewiß noch nicht erschöpft. Vor einiger Zeit ist ein Allgemeiner österreichisch-israelitischer Bund ins Leben gerufen worden. Ich habe Veranlassung genommen, sämmtliche jüdische Gemeinden Oesterreichs und auch sonst hervorragende Personen des Judenthums zu einer allgemeinen Tagung nach Wien einzuberufen (Bravo!). Es wird Aufgabe nicht allein der Gesammtheit der jüdischen Gemeinden, sondern auch der Gesammtheit der Rabbiner in Oesterreich sein, mit einer Collectiverklärung hervorzutreten, worin jene schmachvolle Verläumdung mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen wird. Der Einzelheiten des Wiener Protestmeetings erwähnend, erklärt Redner: Den Glanzpunkt der Versammlung bildete unstreitig die nach Form und Inhalt gleich ausgezeichnete, ganz hervorragende Rede unseres hochverehrten Oberrabbiners Herrn Dr. Güdemann, eine Rede, welche nicht blos in der Versammlung selbst, sondern in ganz Oesterreich und nach dem Urtheile der Blätterstimmen — so der „Times" — auch im Auslande Anklang und Anerkennung gefunden hat. Das Ansehen, welches dieser Mann bei uns Allen und auch bei Andersgläubigen in hohem Grade genießt, seine nach ihrem Inhalte tief wissenschaftliche, begeisterte und Begeisterung erweckende Rede hat in uns einen unauslöschlichen Eindruck hervorgerufen. Herr Vicepräsident Dr. Stern stellt den Antrag, zu beschließen, dem Oberrabbiner Dr. Güdemann den Dank des Gesammtvorflandes für seine hervorragende Leistung auszusprechen. (Einhellig angenommen durch Erhebung von den Sitzen.) Sodann fährt der Redner fort: Gewiß hat der Herr Oberrabbiner in jener Versammlung ein reiches Wiffen zutage gefördert und hat uns gezeigt, wie selbst von katholischer Seite an höchster kirchlicher Stelle von den Päpsten, jenem Märchen entgegengetreten wurde, das heute wieder zum neuen Leben erweckt werden soll. Ich habe nun vor mir eine Sammlung von Aussprüchen, die sich in den vernichtendsten Urtheilen auch der weltlichen Obrigkeiten gegen dieses Märchen wenden und ich möchte aus dieser reichhaltigen Sammlung blos zwei Enunciationen hervorheben; eine Kundgebung des Stammvaters unserer allerhöchsten Dynastie, Rudolf von Habsburg, und eine Kundgebung der ungarischen Gesetzgebung aus dem Jahre 1791. Weiters, erklärt der Redner, fühle ich mich verpflichtet, dankend zu gedenken auch der Thätigkeit unseres verehrten Vorstandsmitgliedes Dr. Heinrich S t e g e r. (Allseitiges Bravo!) Wenn ich einstimme in dieses Bravo, so geschieht dies unter einer Voraussetzung, die ich gleich Vorbringen werde. Es hat die Rede des Dr. Sieger in einem antisemitischen Blatte an zwei Stellen eine ganz empörende Fälschung erfahren. Darin heißt es, Doctor Sieger habe gesagt, der Kampf, den wir führen, „solle nicht anders als mit einem entscheidenden Siege der Juden enden"; ferner „wir erwarten eine kräftige Unterstützung von der neuen Regierung, welche als höhere Beamte seit jeher mehr auf unserer Seite standen und uns schützten", Sätze, welche Herr Dr. S t e g e r nicht gesprochen hat. Ich habe an Herrn Dr. Sieger das Ersuchen gerichtet, dem „Deutschen Volksblatt" eine Berichtigung zu senden und hat mir Herr Dr. Sieger dies zugesagt. Tags darauf aber brieflich abgelehnt. Ich begreife vollkommen feine Abneigung, mit einem solchen Blatte in Correspondenz zu treten, halte aber doch dafür, daß derartige Fälschungen nicht unberichtigt bleiben dürfen. Ich richte daher an den anwesenden Herrn Dr. Sieger in öffentlicher Vorstandssitzung nochmals die Bitte, dem „Deutschen Volksblatt" im Sinne des § 19 des Preßgesetzes eine Berichtigung zu senden. Herr Dr. S t e g e r erwidert hierauf, daß er nur zugesagt habe, das an ihn gerichtete Verlangen des Herrn Vorsitzenden in Erwägung zu ziehen, daß er aber daran festhalte, mit dem „Deutschen Volksblatle" nicht in Berührung zu kommen. Schon am Sonntag nach der Versammlung habe er dm Bericht des „D. V.-Bl." gelesen und gefunden, daß derselbe mit solch pöbelhafter Gemeinheit abgefaßt ist, daß von einer Berichtigung in inerito keine Rede sein kann. Am folgenden Montag hat das „Wiener Tagblatt" in treffender Weise einen genauen Bericht meiner Rede gebracht und die Fälschungen des „Deutschen Volksblatt" klargelegt. Auch diese Thatsache war für mich bestimmend, das „Deutsche Bolksblatt" nicht zu berichtigen. Ueberdies würde es sich komisch ausnehmen und dem Gegner Anlaß zu neuen Angriffen geben, wenn man so lange Zeit verstreichen ließe, bis zur Berichtigung. Aus den vorgebrachten Gründen hoffe er auf die Zustimmung der sämmtlichen Mitglieder des Vorstandes, wenn er seine Meinung bezüglich Unterlassung der Berichtigung nicht ändere. Vice-Präfident Dr. K o h n und Vertreter kais. Rath Hirsch sprechen sich im Sinne des Vorsitzenden aus unter Hinweis darauf, wie gefährlich die Fälschungen im „Deutschen Bolksblatt" seien, wenn denselben nicht entgegengetreten werde. Ebenso und mit der gleichen Begründung wiederholte der Vorsitzende sein Ersuchen an Herrn Dr. Sieger. Herr Dr. Maximilian Steiner gedenkt mit Dank des Vorsitzenden des Protestmeetings, Herrn Bice-Präsidenten Dr. Alfred Stern, welcher durch seine vortreffliche Leitung der Versammlung unsere Ueberzeugungen in würdigster, entsprechendster Weise zum Ausdrucke brachte. (Allgemeine, lebhafte Zustimmnng). Herr Vice-Präsident Dr. Stern: In der Nummer 41 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 13. October 1899, ist ein Schreiben des Fürstbischof von Breslau, Dr. G. K o p p an den Provincial-Rabbiner Dr. C a h n in Fulda, ddo. Fulda den 4. November 1882 zum Abdruck gebracht, worin das Ritualmordmärchen in treffender, entschiedener Weife abgethan wird. Ich habe an den Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", Herrn Dr. Bloch, welcher dieses Schreiben mit der amtlich beglaubigten Unterschrift Sr. Eminenz des Cardinals Fürstbischof Dr. Kopp besitzt, das Ersuchen gerichtet, dieses Schreiben dem Vorstände zu überlaffen, damit dasselbe in dem Archive der