Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 42 (20.10.1899)
- Date
- 1899-10-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021320--09286-3033708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 792 Vr. Bloch's Wochenschrift Nr. 42 weg nach seinem Hotel antrat, liefen hunderte Menschen hinterher, die besonders am C a r l s p l a tz, wo sich die Menge staute und wo ein betrunkener Schnapsbruder aufreizende Reden hielt, eine bedrohliche Haltung annahmen, so daß der Schutzmann mit seinen Schützlingen noch kurz vor dem Gasthaus in das Geschäft von Leopold M a i z n e r flüchten mußte. Erst als sich die Menge einigermaßen verlaufen hatte, langten Vater und Kind glücklicherweise unversehrt in ihrem Absteigequratier an. Dem Schutzmann, welcher sie dahin geleitet, gebührt für sein besonnenes Verhalten angesichts der aufgeregten Menschenmassen ein volles Lob. In Bramtschweig ist dieser Tage ein Mordproceß verhandelt worden, dessen Vorgeschichte auf antisemitischer Seite zur Cultiviruug des Ritualmord-Rummels benutzt wurde. Es handelt sich um die I e t t a Seiden, die in Gemeinschaft mit ihrem Bruder ihr Kind auf der Landstraße ausgesetzt hatte. Die Geschworenen erkannten nach dreitägiger Verhandlung auf Nichtschuldig des Mordes, Todschlages oder der Beihilfe, dagegen Schuldig der Aussetzung mit tödtlichem Erfolge. Der Staatsanwalt beantragte zwölfjährige Zuchthausstrafe. Der Gerichtshof cassirte das Verdict, weil die Geschwornen sich zum Nachtheil der Angeklagten geirrt haben. Die Sache wird deshalb in der nächsten Sitzungsperiode des Schwurgerichts noch einmal zur Verhandlung gelangen. Ein weiterer Beitrag zum Ritualmärchen. Bor einigen Jahren starb in Schlan Herr Ignatz Kellner im hohen Alter von 91 Jahren. Derselbe wohnte früher in dem Dorfe Peletz, wo er eine große Landwirthschaft und ein Geschäft betrieb. In seinem Hause lebte sein alter Onkel, ein Junggeselle, der wegen seiner Güte und Freundlichkeit allgemein geschätzt wurde. In der Osterwoche des Jahres 1847 kam ein etwa fünfjähriges Mädchen mit einem dreijährigen Knaben an der Hand in den Laden des Herrn Kellner, um eine Kleinigkeit zu kaufen. Der alte Junggeselle, der eben anwesend war, fertigte die Kinder ab, worauf sich dieselben entfernten. Kurze Zeit darauf kam die Mutter der Kinder und fragte nach dem Knaben, der nicht heimgekommen war. Man sagte ihr, beide Kinder seien gleichzeitig weggegangen. Das Weib entfernte sich, kam aber bald wieder und verlangte unter Weinen und Schreien ihren Knaben, den nach der Angabe des Mädchens der alte Herr mit der rvthen Kappe zurückbehalten habe. Vergebens suchte man das Weib zu beruhigen, das schreiend hinausstürzte und den Dorfbewohnern erzählte, die Juden hätten ihr das Kind geraubt, um es für Ostern zu schlachten. Bald sammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Hause an und bedrohte die Bewohner mit dem Tode, wenn sie das Kind nicht sofort auslieferten. Herr Kellner ließ das feste mit eisernen Nägeln beschlagene Thor schließen und schickte den Hauslehrer durch ein Hinterpförtchen nach Peruz, um den gräflich Thun'schen Amtmann um Hilfe zu bitten. Die Männer bewaffneten sich mit Gewehren, begaben sich in das obere Stockwerk, um die Menge zu beobachten und sich uöthigenfalls aufs äußerste zu vertheidigen. Immer größer wurde die Menge, und schon flogen einzelne Steine gegen das Gebäude, da kam aus dem etwa eine halbe Stunde entfernten Dorfe Wrbiean ein Mann und fragte nach der Ursache des Aufruhrs. Als man ihm von dem verschwundenen Knaben berichtete, erzählte er, es sei vor einigen Stunden in seinem Heimatsdorfe ein kleiner Knabe umherirrend gefunden worden. Da er weder Name noch Heimat anzugeben wußte, habe man ihn einstweilen beim Hirten untergebracht. Sofort liefen alle nach dem bezeichneten Dorfe, wo man wirklich den vermißten Knaben fand. Hätte die göttliche Vorsehung diesen Mann nicht zur rechten Zeit herbeigeführt, wäre die Familie Kellner dem Aberglauben des Volkes zum Opfer gefallen! „Eine alte Prophezeiung über die Weltherrschaft des Christenthums." Unter diesem Titel hat Herr Prof. B a ch e r in der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes meine an ihn gerichtete Frage beantwortet, wofür ich ihm meinen verbindlichsten Dank aussprcche. Wenn auch diese Antwort meine Frage verschoben und das Unwesentliche und Nebensächliche derselben zur Hauptsache gemacht hat, um gegen dieselbe einen ganzen, die Draußenstehenden mehr verwirrenden als aufklärenden wissenschaftlichen Apparat aufznführen, so hat sie dennoch mich für meine Person vollständig befriedigt: sie lautete ganz so wie ich sie erwartet habe. — Herr Prof. Bacher behauptete in Nr. 75, S. 45 der Revue des Etudes Juives, daß der Autor des Ausspruches: „der Sohn David's wird nicht eher kommen, als bis das ganze Reich sich den Miriuth zugekehrt haben wird" der gegen Ende des 3. und Anfang des 4. Jahrhunderts lebende R. Jizchak sei. Seine diesbezüglichen Worte lauteten: L’auteur de cette parole vivait peut — etre encore lorsque Constantia ’erigea le christianisme en religion de FEtat romain. Nun gibt Prof. Bacher bereitwillig zu — und um dieses Zugeständniß war es mir ja ausschließlich zu thun — daß R. Jizchak nicht der Autor des obcitirten Ausspruches, sondern nur der T r a d e n t sei, und daß dieser Ausspruch — wie wir darauf hingewiesen — in Wirklichkeit schon im-zweiten Jahrhundert von R. Nechemia, wohlgemerkt noch in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, tradirt wurde. — Hiemit wäre für mich die Sache erledigt, und zwar so günstig, daß ich t uch in diesem Ausspruch, der sicherlich aus vorchristlicher Zeit stammt und den ich in meinem „vorchristlichen jüdischen Gnosticismus" leider nicht herangezogen, meine dortselbst niedergelegten Ansichten vollkommen bestätigt finde. (Man vergl. hiezu meine Abhandlung „L'Anti-Messie“ in der Revue des Etudes Juives Bd. XXXVIII. S. 12—38). Aber ich bin in meiner an Herrn Prof. Bacher gerichteten Anfrage noch weiter gegangen, indem ich auf eine alte Mischna (Tractat Sota Ende) hinwies, in welcher gleichfalls dieser selbe Ausspruch sich überliefert findet. Dabei habe ich den „Jrrthum" begangen, diesen Ausspruch mit der ihm vorangehenden von R. Eliesar b. Hyrkanos mitgetheilten Ueberlieferung diesem Tannai'ten des ersten Jahrhunderts zuzuschreiben. Prof. Bacher bestreitet dies, vielleicht mit Recht, ich weiß es nicht, überzeugt hat er mich nicht. Gefaßt war ich allerdings auf seinen Einwand, daß R. Eliesar nicht der Tradent unseres Ausspruches sei; aber da ich kein Stocktalmudist bin und den Talmud so lese, wie irgend ein anderes Quellenbuch, selbstständig urtheilend und nur mit der Zeitgeschichte mir in dieses dunkle Labyrinth hineinleuchtend, so war mir darum zu thun, zu erfahren, wie die hergebrachte Auffassung dieser Mischna-Ueberlieferung lautet. Nun, Herr Prof. Bacher und zweifelsohne andere Talmudgelehrte mit ihm, behauptet, daß der Ausspruch dieser Mischna über die messianische Zeit nicht aus dem Munde R. Eliesar's komme, sondern ein anonymer sei. — Wie dem aber auch immer sein mag, mein „Jrrthum", welcher nach Prof. Bacher „den größeren Theil meiner Aeußerungen gegenstandslos macht" (sie!), tangirt in keiner Weise den Kern meiner Folgerungen. — Gut, der Ausspruch in der Mischna Sota ist nicht von R. Eliesar, sondern von einem anonymen Tradenten. Je weniger aber der Tradent bekannt ist, desto älter ist die Tradition. Das ist doch einleuchtend. Dagegen scheint es, wenigstens mir, unlogisch, mit Prof. Bacher annehmen zu wollen, daß R. Nechemia als Autor dieser Ueberlieferung vom Messias gelten dürfe. Gerade das Gegentheil ist das Richtige: R. Nechemia hat diese Ueberlieferung von dem „Anonymus" der Mischna überkommen. Wäre Nechemia der Autor, die Mischna hätte ihn als solchen gekannt und genannt. Daraus aber, daß R. Jizchak am Ende des dritten oder Anfang des vierten Jahrhunderts diese ihm überlieferte messianische Prophezeiung auf das bereits zum Antritt der Weltherrschaft ausholende Christenthum bezieht, folgt doch noch lange nicht, daß auch schon R. Nechemia in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts mit dieser selben Prophezeiung das Christenthum gemeint haben müsse; gerade so wenig wie etwa — um nur ein Beispiel anzuführen — unter den Edomiten schon von allem Anfang die Römer gemeint wurden, weil im späteren jüdischen Schrifthum die Römer unter dem Namen Edom befaßt wurden. — Aber Prof. Bacher erklärt, zu der Annahme, daß R. Nechemia mit dieser Prophezeiung das Christenthum gemeint habe, „genöthigt zu sein", da er „keine andere Möglichkeit für die Auffassung dieses Spruches habe", und doch nicht anzunehmen sei, „daß R. Nechemia die Weltherrschaft irgend einer obscuren gnostischen Secte als Vorzeichen der messianischen Zeit nenne". — Darauf erwidern wir, daß Herr Bacher und mit ihm die übrigen jüdischen Theologen den beschränkten Standpunkt der herrschenden christlichen Theologie einnehmen — und merkwürdiger Weise un verrückt einnehmen — nach welcher der Gnosticismus er st aus dem Christ ent hum hervorgegangen! Der Gnosticismus, welcher schon um