Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 770 Dr. Bloch's Wochenschrift« Nr. 41 drei philosophischen Jahrgänge absolvirt haben und unserem Plane gemäß Medicin studiren wird, muß er nach einer Universitätsstadt gehen. Ich glaube, daß wir bei der Wahl derselben nicht länger schwanken werden. In Wien leben nur wenige Ihrer Glaubensgenossen, während Prag eine alte, große Judengemeinde besitzt. Dort wird sich unser Michael mit seinem religiösen Sinne wohl fühlen, und wird auch durch Unterrichtertheilen so viel erwerben, daß er nicht nur während seiner Studienzeit Ihrer Unterstützung nicht bedürfen, sondern während der langen Züt, welche das Studium der Medicin erfordert, so viel erübrigen wird, um die namhaften Kosten des Doctorates zu bestreiten. — Obwohl das Studienjahr erst im Herbste beginnt, halte ich es doch für zweckmäßig, daß Michael so bald als möglich nach Nikolsburg geht, damit er dort die nöthigen Schritte thue, die Bewilligung zur Ablegung der Prüfung aus den sechs Gymnasialclassen zu erlangen, was immerhin einige Zeit in Anspruch nehmen wird — dann das Examen bestehe und sich während dieser Zeit auch Lectionen verschaffe. Wenn Sie, der Sie in Ihrer Jugend in Nikolsburg gelebt und dort wohl Bekannte haben werden, ihn begleiten, wäre das allerdings am Besten, sollten Sie aber Ihre kleine achtjährige Sara nicht allein zu Hause lassen wollen, oder anderweitig an eine längere Abwesenheit verhindert sein, dürften einige Empfehlungsbriefe an Jugendfreunde und Bekannte sich wirksam genug erweisen, Michael eine freundliche Aufnahme, eine angenehme Existenz zu verschaffen, um so mehr, als Sie Vorsteher sind und Ihr Name in allen Gemeinden des Landes mit Achtung genannt wird. Was mich betrifft, will ich ihm mit Vergnügen ein Privatzeugniß geben, daß er bei mir die Gymnasialgegenstände mit bestem Erfolge erlernt habe; doch hat selbstverständlich dieses Zeugniß nicht die Giltigkeit eines öffentlichen."^) Brack entschloß sich dem weisen Rathe des edlen Geistlichen zu folgen. Er schrieb zuerst an einen Jugendfreund in Nikolsburg, mit dem er gleichzeitig die Jeschiwa dort besucht hatte, und der im Laufe der Zeit ein wohlhabender Mann geworden, und bat ihn, eine passende Unterkunft fü»- seinen Pflegesohn, den er wie sein leiblich Kind liebe, zu ermitteln. Als nun die Antwort von Reb Avigdor Tauber — so hieß Brack's Jugendfreund — anlaugte, wurde Michael zur Reise ausgerüstet. — Am Abend vor derselben ging Michael in Begleitung seines Pflegevaters zu seinem würdigen Lehrer, Pfarrer Willibald, um ihm seinen innigsten, herzlichsten Dank, für all' die Güte, die er ihm erwiesen, für den Unterricht, den er ihm ertheilt, auszusprechen. Bei dem Abschiede waren Lehrer und Schüler gleich tief erschüttert. Der Pfarrer küßte Michael und sprach: „Wenn uns vom gütigen Gotte ein Wiedersehen bestimmt ist, möge es ein frohes, ein glückliches sein, wenn nicht — ich bin siebenundsechzig Jahre alt und weiß nicht, wann Du zurückkehrst, — gedenke meiner, werde, wie ich es mit Gewißheit erwarte, ein guter edler Mensch, vergiß nie, was Du Deinem zweiten Vater dankst und — Gott segne Dich auf allen Deinen Lebenswegen!" Pater Willibald konnte vor Rührung nicht weiter sprechen. Michael führte des Pfarrers Hand ehrerbietig an seine Lippen, aber auch er brachte kein Wort hervor. . . . Brack ergriff nun seines Pflegesohnes Hand und wortlos schieden Lehrer und Schüler von einander. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Bischofs, Dr. Erich. Kritische Geschichte der Talmud-Uebersetzungen aller Zeiten und Zungen. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffman n 1899. Preis 3 Mark. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat der Antisemitismus den Talmud wieder populär gemacht, zu einem beliebten Thema nicht blos der Volksversammlungen sondern auch der Wirthshausgespräche. Die Pamphlete gegen den Talmud mit den unglaublichsten Dummheiten und Lügen werden täglich neu pro- 5) Zur Erklärung der in der Gegenwart und namentlich außerhalb Oesterreichs schwer verständlichen Verhältnisse, bemerken wir, daß es damals in Oesterreich nur sechs Gymnasialclassen gab. Jeder der Jus, Medicin oder Theologie studiren wollte, mußte, nachdem er die sechs Gymnasialclaffen absolvirt hatte, zuerst die philosophische Facultät, die zu jener Zeit aus drei Jahrgängen (später nur ans zweien) bestand, besuchen. ducirt, in 100.000 von Exemplaren verbreitet und gierig gelesen. In dem Proceffe Rohling-Bloch wurden alle diese Lügen gerichtlich geprüft und als gemeine Fälschungen gebrandmarkt. Leider scheint dieser Proceß mit seinen Resultaten bereits der Vergessenheit anheimzufallen. In verschiedenen Vertretungskörpern wurde dem Verlangen nach einer vollständigen Talmudübersetzung Ansdruck gegeben. Wer aber sollte ein solches Werk leisten. Die Universitäten ihnen nichts zur Pflege des Talmudstudiums, wenige christliche Gelehrte sind in der Lage, einen Talmudtext correct vorzulegen und selbst bei den Juden in Deutschland droht die Talmudkenntniß sich allmählich zu verlieren. Umso verdienstlicher ist die vorliegende Arbeit, welche eine kritische Geschichte der Talmud-Uebersetzungen liefert. Es ist ein Hilfsbuch für Theologen, aber auch nützlich für die Apologeten. Der Verfasser stellt das gesammte Material zusammen, würdigt die einzelnen Arbeiten nicht ohne Sachkenntniß, nur Eisenmenger's Uebersetzungsarbeit scheint er nicht genug wissenschaftlich geprüft zu haben. Nobel, Joses, Rabbiner in Halber st ad t. Thabor, Betrachtungen über die Haftaras vom ganzen Jahre. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauf fm a u u 1899. Preis Mark 4'50. Die homeletische Act des Rabbiners Nobel ist unseren Lesern gut und hinreichend vertraut, seine feine Methode in der Auslegung des Schriftwortes und Herausschälung des intimsten und innersten Grdankengehaltes. Diese Vorzüge aller homeletischen Arbeiten des Verfassers zieren auch sein neuestes Werk über die Haftaras vom ganzen Jahre. Die Lectüre gewährt dem Leser einen hohen geistigen Genuß, und kein Homeletiker und Theologe wird das Werk ohne Nutzen aus der Hand geben. Jeder empfängt eine Fülle von Belehrung. H. Pr. Leipnik. Durch die Ereignisse bestätigt und überholt. Abonnent Prag. Allerdings ist es die Ehrenpflicht eines jeden Juden Hetzblätter wie „Narodni Listy" und „Politik" durch kein Inserat zu unterstützen. I. S. in N. Der Brief wurde der zuständigen Stelle überwiesen. S. W. Verlag der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", Wien, IX., Berggasse 20. M. H. Caslau. Berichte willkommen. Moriz Spiegel, Troppan. Ueber die Ermordung des Priesters Thomas von Damascus hat der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich, der doch gewiß kein Judenknecht war, die Berichte seines Generalconsuls veröffentlicht, daß die angeklagten Juden völlig unschuldig, und die Opfer priesterlicher Verfolgungswuth gewesen sind. G. Ws. in N. Berichte über Kanzelleistlmgen an den hohen Feiertagen gehören nicht in die Zeitung. nn. Der Talmud, dafür gibt es viele Belege, schätzt die Landwirthschaft viel höher als den Handel. Als ein Lehrer des Talmuds zwei Gelehrte frug, ob sie Reichthümer besäßen, antworteten sie: „Ja, wir besitzen jeder ein kleines Stück Feld, von dem wir uns ernähren". A. H—g. In der kaiserlichen Bibliothek in Paris findet sich ein Psalter, in welchem die Gottesnamen mit Goldbuchstaben geschrieben sind. I—W—g. Johann David Michaelis, der alles eher als ein Freund der Juden war, schrieb doch über Eisenmenger folgendes: „Wer die besten Nabbinen gelesen hat, wird wissen, daß Eisenmenger's entdecktes Judenthum zwar ein cnrioses Buch ist, daß man aber doch der jüdischen Religion groß Unrecht thun würde, wenn man sie danach beurtheilt. Schreibe Jemand nach der Art, mit Aussuchung alles Bösen, das sich bei einigen unserer Schriftsteller fände, ein entdecktes Christenthum oder Lutherthum, so würden wir es mit Bewußtsein unserer Unschuld eine Lästerschrift nennen." Jgnotus. Es ist eine bekannte Tbatsache, daß Dr. Lueger in früheren Zeiten wiederholt seiner Meinung über den Mechaniker Schneider dahin Ausdruck gab, daß er ihn für einen Söldling der Clericalen und einen — Polizeispitzel halte. Heute sind die Beiden allerdings die intimsten Freunde. A. B. Die Antisemiten verübeln es dem H i l s n e r, daß er alle Versuche macht, um nicht — gehängt zu werden. Wenn man sich erinnert, welche Anstrengungen V e r g a n i machte, um nicht als Obligationendieb verurtheilt zu werden, wird man Hilsner's Bestrebungen milder beurtheilen. I. W. Rohling hat den Eisenmenger abgeschrieben und Deckert den Rohling. Das Buch des Fälschers Eisenmenger wurde charakteristischerweise in den Decreten Leopold's I. (1704) und Josef I. (1707) als ein dem Publicum und der christlichen Religion schädliches bezeichnet und als solches confiscirt und verdammt. H. B. In der Albernheit übcrtrifft die „Deutsche Zeitung" selbst das „Deutsche Volksblatt". In der Gemeinheit ringen die