Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Bloches Woärenfchrifl, Seite 769 Golzinger's Hause war eine hochgradig uirgemüthlich gewordene. Allein nach einem alten guten, wenn auch etwas trivial klingenden Sprichworts: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich", vereinigte die allseitig anerkannte Nothwendigkeit einer Versöhnung die drei Familienglieder, Vater, Mutter und Sohn, schon im nächsten Tage, und ihr Grimm lenkte sich auf jene, welche sie in höchst sonderbarer Verblendung als die Urheber des ganzen höchst unangenehmen Vorfalls betrachteten. Intuitiv von dem Bestreben geleitet, denselben in einer Persönlichkeit, die wenn auch nicht in dem gegenwärtigen, so doch einem eintretenden Zeitpunkte von ihrer Rache erreicht werden konnte, zu suchen, waren die Mitglieder der wohllöblichen Golzingerschen Familie mit der krankhaften Logik eines halb oder ganz Verrückten zu dem überraschenden Resultate gelangt, der Hauptschuldige sei Michael Klein, und da Aron Brack, ganz überflüssiger Weise, den verlassenen elternlosen Knaben ausgenommen, dieser auch ein Mitschuldiger. Da es einem mit Vernunft begabten Wesen völlig unglaublich erscheinen muß, daß man zu solchen Denkresultaten gelangen kann, halten wir es für angezeigt, eine der vielen sinnreichen Argumente für diese Behauptung anzuführen: Lorenz schrie: „An dem ganzen Unheil ist Niemand anderer als der kecke, zudringlich Lump der Michael Schuld. Hätte ich mir die Reitpeitsche nicht in die Lateinstunde mitgenommen, ich Hab' sie ja nur seinetwegen mitgenommen, — hätte mich der böse Husarenofficier mit derselben nicht ins Gesicht geschlagen, der schlechte Bub, der Michael sie nicht zerbrochen und Dir Schaden zufügen können ... Und, daß ich Dir lieber Vater gesagt, ich Hab' den Schlag von Michael und nicht vom Andrassy bekommen, das Hab' ich wirklich nicht aus Lügenhaftigkeit, das Hab' ich nur aus großer Liebe zu Euch gethan, weil ich Euch nicht kränken, weil ich meine dumme Uebereilung um jeden Preis vor Euch verheimlichen wollte." „Ich sage ja immer", rief Frau Golzinger in überströmendem Gefühle ihres Mutterglückes ihr wohlgerathenes Söhnchen heftig an sich pressend, „er ist ein bischen lebhaft, aber hat ein Goldherz! .... Er will seine Eltern nicht kränken, der Prachtjunge Und den konntest Du schlagen l? Dominik, das vergebe ich Dir auf meinem Sterbebette nicht!" As letztes Resultat dieser rührenden Familienversöhnung ergab sich der einstimmige Beschluß: Geeigneter Zeit sich an Michael und seinem Pflegevater nach besten Kräften zu rächen. II. C a p i t e l. Seit dem letzterzählten Ereignisse waren sechs Jahre verflossen, während welcher Alles in Brack's Hause seinen regelmäßigen Gang nahm. — Die Lage der Juden hatte sich im Allgemeinen gebessert. Kaiser Josef war nicht stehe» geblieben. Er hatte eine ganze Reihe von Verordnungen erlassen, welche ihre Stellung menschenwürdiger machten, ihnen früher verschlossene Bahnen eröffneten, neue Berufszweige zugänglich machten, Gesetze, welche gleichzeitig bezweckten, ebenso ihren Sinn für die Wissenschaft zu wecken, als auch sie den andern Staatsangehörigen näher zu führen, eine Amalgamation der verschiedenen Bevölkeruugsschichten zu erzielen, den Bekennern des jüdischen Glaubens die Möglichkeit zu bieten, ibre Naturanlagen unbeschränkt auszubilden, ihre Kräfte zu ihrem eigenen und dem Gemeinwohl zu verwerthen, sie selbst zu nützlichen Menschen und Staatsbürgern heranzubilden. Wenn auch Kaiser Josef nicht so rasch vorwärts schreiten konnte, als er gemocht hätte, so war der doch sehr hoch zu schätzende Vortheil erlangt, daß ein Theil der Beamtenschaft von dem milderem Geiste, der jetzt iu den höheren Staatsregionen wehte, ergriffen wurde. Die kaiserlichen und die Patrimonialbeamten, ja auch die Grundherren hatten früher die leibeigenen Bauern und die Juden als eine Art Mastvieh betrachtet, das der liebe Gott zu ihrem Nutz und Frommen geschaffen, welches sie nach bester Möglichkeit aussaugen, nach Herzenslust quälen und drangsaliren konnten. Jetzt fanden — was früher nicht geschehen war — die Beschwerden der Bauern und der Juden bei den Oberbehörden Gehör, und diese entschieden in mehreren Fällen zu Gunsten der Bedrückten. — Brack freute sich des Anbruchs der neuen Aera doppelt, der Allgemeinheit, seiner Glaubensgenossen willen, und auch weil hierdurch seines Pflegesohnes und seiner leiblichen Tochter Glück gefördert werden konnte. Auch sein Amt als Vorsteher der jüdischen Gemeinde, das er mit großer Gewissenhaftigkeit und Aufopferung verwaltete, berei- . tete ihm in Folge der geänderten Verhältnisse weniger Schwierigkeit als er ursprünglich hatte. Er erlebte auch an Sara und Michael Freuden. Dieser wuchs zu einem ungemein stattlichen, schönen Knaben heran, der Jedermann, mit Ausschluß der bürgermeisterlichen Familie, liebte. Er machte unter Pater Wilübald's Anleitung in den Gymnasialgegenständeu überraschende Fortschritte, wie nicht minder auch im Hebräischen und den religiösen Studien, denen er unter der Leitung des Dajons mit Eifer und Fleiß oblag. Sara war ein Kind von seltener Anmuth und frühzeitig geistig und körperlich entwickelt. Das achtjährige Mädchen, das man seiner Größe und Klugheit nach für zwölfjährig halten konnte, führte schon mit Hilfe einer Magd die Wirthschaft, hielt die Haus- und Leibwäsche in Ordnung, ja sie war so anstellig und verständig, daß, wenn der Vater vom Hause abwesend war, sie Käufern Auskunft ertheilen konnte. In der Gegenwart hätte man Sara als ein Wunderkind bezeichnet, damals sagte man nur: Reb Aron Brack sei ein glücklicher Vater, und das kleine, schöne Mädchen würde einst einen Gatten beglücken, eine Esches- Chajil') werden. An einem Wintertage des Jahres 1790 richtete Michael seinem Pflegevater aus, Pfarrer Willibald wünsche ihn zu sprechen, er möge ihn morgen nach Tische, wo sie ungestört sein würden, besuchen. Brack stellte sich pünktlich ein und fand den würdigen Geistlichen in einer Aufregung, wie er ihn während der langen Reihe von Jahren, welche er ihn schon kannte, noch nie gesehen hatte. „Ich habe," sprach er, „soeben eine schmerzliche Nachricht, Brief von einem Jugendfreunde und ehemaligen Studiengenoffen, welcher Beichtvater des Kaisers, erhalten. Was alle Edlen schon seit Wochen befürchteten, ist eingetreten, Kaiser Josef, einer der größten Monarchen und Menschen, die je gelebt, hat am 20. dieses Monats-) früh, Morgens, seine reine Seele in die Hand seines Schöpfers zurückgelegt. — Mein Jugendfreund theilt mir die Einzelheiten seines Ablebens mit. Nachts vorher betete er mit dem Kaiser. Um Mitternacht betete dieser allein deutlich hörbar die Worte: „Herr! der Du allein mein Herz kennst, Dich rufe ich znm Zeugen an, daß ich bei Allem, was ich unternahm, nur das Wohl und das Beste meiner Unterthanen beabsichtigte. Dein Wille geschehe"'')... dann glaubte der Kaiser eine Abnahme seines Gesichtes und Gehöres zu fühlen und er sprach zum Beichtvater: „Lassen Sie mich ein wenig ruhen, ich werde Sie wieder rufen lassen." Um fünf Uhr Morgens waren die Aerzte wieder an des Kaisers Krankenbette erschienen. Leibarzt Stört fühlte nach dem Pulse, fand aber keinen mehr, und sprach : „Wäre es Euerer Majestät nicht genehm, daß der Beichtvater, der im Nebenzimmer Ihres Befehles harrt, hereinkäme?" Der Kaiser verstand den deutlichen Wink, befahl daß der Beichtiger eintrete. Sie beteten mit einander, plötzlich sprach der Kaiser: Wir wollen hier innehalten, ich fühle es, daß der Tod naht .... in Deine Hände, o Herr, empfehle ich meine Seele? und fügte mit leiser, verklingender Stimme, wie im Selbstgespräche, hinzu: „Ich glaube als Fürst und Mensch meine Pflicht redlich erfüllt zu haben." Dann wandte er sich um. Um halb sechs trat der kurze, nicht eine Minute währende Todeskampf ein, dreimal durchflog ein leichtes Beben seinen Körper, um halb sechs Uhr Morgens, rang sich seine Seele von ihrer irdischen Hülle los') .... Ah! hätte ich gewußt, daß ich mittlerweile die Nachricht von dem Tode des Kaisers erhalten würde, ich hätte unsere Unterredung verschoben .... Aber die tiefe Betrübniß, in die ich hierdurch versetzt bin, darf mich nicht abhalten, mit Ihnen Wichtiges bezüglich unseres Michael zu besprechen. Der fünfzehnjährige Knabe hat nun vollständig die Gegenstände der sechs Gymnasialclassen inne, und wird die Prüfung aus denselben, wie ich erwarten darf, glänzend bestehen. Ich glaube, daß es am zweckmäßigsten für ihn wäre, wenn er dieselbe in Nikolsburg — obwohl dieses entfernter als Brünn von hier liegt — ablegt, weil er dort an der philosophischen Lehranstalt studieren soll. Ich hoffe, daß Ihnen Michael in Nikolsburg, wo viele Ihrer Glaubensgenossen, darunter, wie ich vernommen habe, auch wohlhabende wohnen, in keinerlei Weise zur Last fallen wird. Bei seinem empfehlenden Aeußern und seinem Wissen, wird es ihm dort leicht werden, sich durch Unterrichtertheilen zu erhalten. Freilich, wenn er die '.) Wackere Hausfrau. '-) Februar. s) Historisch. Die Todesseene ist nach glaubwürdigen authentischen Berichten fast wortgetreu geschildert.