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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 766 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 41 wiederholt Vorsteher der jüdischen Gemeinde war und an der Spitze mehrerer jüdischer Wohlthätigkeits-Anstalten steht, ist eine Zierde nicht nur der italienischen, sondern der gesammten Judenheit. Hamburg. Hier lebt bekanntlich das einzige noch am Leben befindliche Mitglied der Heine'schen Familie, Frau Charlotte Embden, eine Schwester des Dichters. Am 18. October wird dieselbe 100 Jahre und, obwohl sie begreiflicherweise etwas schwach ist, so besitzt sie doch noch ihr Augenlicht und ihr Gehör vollkommen, und erfreut sich eines beneidenswerthen Gedächtnisses. Frau Embden ist dem Glauben ihrer Väter treu geblieben. In ihrem langen Leben ist sie als die Schwester des gefeierten Dichters oft Gegenstand großer Verehrung gewesen, speciell die Kaiserin von Oesterreich hat sie zu wiederholten Male besucht. London. Am Mittwoch 1. October fand die Hochzeit der einzigen Tochter von Lord Rothschild, Lady Evelina, mit dem Lieutenant Olive Behrens in der neue Westend-Synagoge statt. Die Feier trug ganz familiären Charakter, dennoch waren fast alle Spitzen der jüdischen Gemeinde Londons anwesend. Der Rev. Singer vollzog auf besonderen Wunsch der Braut die Trauung, während der Oberrabbiner den Segen hebräisch und englisch sprach. Der Brautvater spendete bei dieser Gelegenheit namhafte Summen durch die United Synagogues und den Board of Guardians an die jüdischen Armen Londons. Besonders die Kinder der Jews Free School erhielten Gelegenheit zur Feier der Hochzeit, denn Lord Rothschild, der der Präsident der Schule ist, ließ alle 3400 Kinder auf seine Kosten in der Schule bewirthen und jedem derselben in den unteren Classen ‘/2 Schilling, in den höheren 1 Schilling außerdem überreichen. Auch für das Amüsement der Kinder war reichlich gesorgt und dieselben werden »och lange mit Vergnügen an die Hochzeit der Lady Rothschild denken. Die Juden in Rußland. Petersburg, 16. September. Die mannigfachen Bedrückungen, welche die russischen Unterthanen jüdischer Confessio» in Rußland zu erfahren haben, beginnen allmählich vor dem bessern Theil der russischen Intelligenz als ein arger Anachronismus empfunden zu werden. Die Mißstimmung über die Vrrwaltungschikanen, welchen die Juden täglich ausgefetzt sind, hat sich bereits so fühlbar gemacht, das sich das Hauptorgan der orthodoxen Kirche, der „Zerkowny Wjestnik" veranlaßt gefühlt hat, einen Beitrag zur „Lösung der jüdischen Frage" zu bringen. Diese orthodox-russische Lösung ist so originell, daß wir sie unfern Lesern nicht vorenthalten wollen. Wir erfahren, daß sich der „Schlüssel" zur Lösung dieser Weltfrage in den „Händen der orthodoxen Kirche" befindet. Das Leben des Judenthums und die Grundgesetze des russischen Staates als eines christlichen und orthodoxen Reiches gründeten sich auf die Offenbarung, und deshalb könne sich der Zutritt der Juden zum russischen Staatsthum nicht eher vollenden, als bis der Jude die in der Offenbarung niedergelegten Grundlagen des Staats- und Gesellschaftslebens durch das „Prisma des orthodoxen Bewußtseins" sehen wolle. „Hieraus ergibt sich der Imperativ, nach welchem die russischen Juden zuerst orthodox werden müssen, ehe sie vollberechtigte russische Staatsbürger werden können." — Zugleich macht das leitende russische Kirchenblatt die Enthüllung, an welche wohl bisher kein Mensch in Rußland gedacht hat, daß die Masse des jüdischen einfachen Volkes eine wahre und aufrichtige Hinneigung zur katholischen Orthodoxie habe. Ihr gefalle das patriarchalische Leben der russischen Geistlichkeit, die Pracht des russischen Gottesdienstes, sie sei ergriffen von den „Segnungen Gottes, die auf der russischen Kirche ruhen und so deutlich hervortreten, daß sie selbst der größte jüdische Skeptiker nicht zu leugnen wagt." Nun, wir möchten der Redaction des „Zerkowny Wjestnik" nicht anrathen, die einfachen polnischen Juden über ihre „Hinneigung zur orthodoxen Kirche" zu befragen; sie könnte zu grausam ans allen ihren Himmeln gerissen werden! Daß bei dieser „Hinneigung" nicht große Massenübertritte der Juden zur Orthodoxie stattgefunden haben, erklärt das Blatt einfach daraus, daß die reichen Inden ihre armen Volksgenossen unter Androhung materieller Nachtheile daran verhindern. Das Blatt des Herrn Pobedonoszew schlägt deshalb Folgendes vor. Es soll zunächst ein Gesetz erlassen werden, welches verbietet, daß Juden, welche zur Orthodoxie übergetreten sind, dafür von ihren Familienangehörigen enterbt werden. Zweitens sollen arme übergetretene Juden gratis Kronland zum Eigenthum erhalten (also eine kleine Staytsprämie für den Glaubenswechsel) und drittens soll der Staat dafür sorgen, daß für die übergetretenen Juden reichlich Schulen und Kirchen errichtet, die Arbeitsunfähigen unter ihnen in Asylen verpflegt werden. So gewinnt es fast den Anschein, daß die Staatskirche sich anschickt, mit Hochdruck die Bekehrung der Juden zu betreiben. Begeistert ruft unser Kirchenblatt aus, daß gerade Rußland die göttliche Mission habe, den hohen Act der Welttheokratie zu vollziehen und das von Gott verworfene jüdische Volk wieder zu seinem Schöpfer zurückzuführen. Wkr die russischen Juden kennt, der weiß natülich, daß den Bestrebungen des „Zerkowny Wjestnik" kein Erfolg beschieden sein kann. Aber dies schließt natürlich nicht aus, daß, sobald einmal die Losung allgemein wird, der jüdischen Masse zu helfen, „ihre Hinneigung zur Orthodoxie zum Ausbruch zu bringen", die Polizeichikanen gegen die, welche eine derartige „Hinneigung" nicht fühlen, immer ärger werden. Der „Zerkowny Wjestnik" bemüht sich, das 19. Jahrhundert zu einem würdigen Abschluß in seiner Manier zu bringen. New-Nork, 25. September. In dem gestern Abend in der Madison Avenue Presbytarian-Kirche abgehaltenen Gottesdienste, predigte Dr. Howard Agnus 'Johnston auf Verlangen über die bestehenden Vorurtheile gegen die Juden. Er nahm seinen Text aus Römer XI—I: „Hat Gott sein Volk verworfen? " Er sagte: Der Jude ist das Mirakel der Geschichte. Der Unterschied zwischen Hebräer und Gentilen begann mit der Berufung Abraham's. In diesem Capitel, welches unseren Text enthält, entdecken wir. daß in Rom schon damals Vorurtheile gegen die Juden existjrten. In jener alten Stadt war schon das Ghetto unter Bann, Jahrhunderte vor dem Zeitalter Christi; das ist eine Thatsache, die nicht immer gewürdigt wird. Eine Erklärung dieser Thatsache liegt in dem Factum, daß nationale Vorurtheile in allen Landen herrschten. Jetzt das Vorurtheil gegen die Juden hatte noch andere Ursachen. Ihre religiöse Lebensweise, ihre stricte Sabbathobservauz, ihre Speisegesetze und ihr Dienst dem einen Unsichtbaren und rein geistigen Gott, all' das erregte in den Verehrern des vollgedrängten Pantheons Haß und Verachtung und reizte oft zu heftiger Verfolgung. Auch kann nicht geleugnet werden, daß der Jude manchmal eine Verachtung gegen den götzendienenden, unbeschnittenen Gentilen zeigte. Mark Twain besprach diesen Gegenstand letzhin in einer monatlichen Zeitschrift und begründete sein Urtheil, daß diese Vortheile ursprünglich nicht durch religiöse Gefühle, sondern eher aus Neid über geglückte finanzielle Erfolge herrühr-n. Ich bin dessen gewiß, daß die Geschichte der Vergangenheit die Unrichtigkeit dieses Urtheiles beweist. Während, wie er wahrhaftig sagt, diese Vorurtheile nicht dem Fanatismus nach trassirt werden können, so sind denn doch die Anfänge in den religiösen Gefühlen eingewurzelt. Jene Vorurtheile können nicht mit irgend welchen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit gerechtfertigt werden. Der Jude hat der Welt sein religiöses Erbe gegeben. Während der Jahre von Abraham zu Christus finden wir Männer und Weiber, welche ihre Seelen zu Gott erhoben, und entwickelten auf diese Art den köstlichen Segen des geistigen Lebens. Dieser Glauben, welchen sie pflegten, war die lebendige, erhaltende Kraft in der Geschichte der Menschheit bis zum heutigen Tage. Es wird klar, daß die unvermeidliche Logik der Ereignisse dahin führt, daß das Judenthum die Mutter tus Christenthums ist. Die Philosophie der Weltgeschichte manisestirt sich hier ebenso wie überall. Die volle Blume desjenigen, was im Judenthum das höchste und heiligste gilt, wird in Jesus Christus offenbart. Das neue Testament ist im alten enthalten und das alte Testament wird im neuen ausgelegt. Christus kam nicht zu zerstören, sondern auszuführen das Gesetz und den Geist der Propheten. Christus ist darum die Hoffnung beider: des Juden und des Christen (?). Aber ich will besonders die Aufmerksamkeit auf eine Behauptung Mark Twain's lenken, welche nicht correct ist. Er behauptet: alle Religionsgenossenschaften geben Bibeln gegen ihn (den Juden) heraus und sagen die schlimmsten Dinge von ihm (den Juden), aber wir hören nicht seine (des Juden) Seele. Diese Behauptung trifft nicht bei der christlichen Religion noch in seiner Bibel zu. Was für welche historische Thatsachen über Juden im

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