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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Block's Wochenschrift. Seite 765 confiscirt. Letzten Sonntag wurden auf dem Wege von Polnisch- Ostrau czechische autographirte Flugzettel gefunden, die mit Bezug auf den Kuttenberger Proceß antisemitische aufreizende Aeußerungen enthielten. Diese Thatsachen gaben dem Cultusvorstandeder hiesiegen israelitischen Gemeinde Veranlassung, sich einem Proteste der Wiener israelitischen Cultusgemeinde anzuschließen, welcher gegen die systematische Verhetzung der Bevölkerung gerichtet ist. Der Protest wird den Ministern des Inneren, der Justiz und des Cultus zugemittelt. Ueberdies werden an die mährische Statthalterei und an die schlesische Landesregierung Eingaben gerichtet, in welchen ersucht wird, der antisemitischen Propaganda, welche siir die öffentliche Ruhe und Ordnung immer gefährlicher erscheint, entschieden entgegenzutreten. („Ostrauer Zeitung".) München. Der „Mg. Zeitung" wird aus Paris geschrieben : Das alte Haus Rothschild in der Rue Laffitte, dessen großer Park sich bis an die Rue Lafayette ausdehnt und dort die Reihe der großen Geschäftshäuser und Miethkasernen durch eine lange geheimnißvolle Gartenmauer unterbricht, trägt seit einigen Tagen eine große Inschrift, wonach Jeder das Innere besichtigen darf, der Spiegel, Holzschnitzereien und andere Zimmerdecorationen zu erwerben wünscht, die zum Theil aus der Zeit herrühren, wo die Königin H o r t e n s e, die Stieftochter und Schwägerin Napoleons, hier residirte. Die antisemitische Presse nannte diese öffentliche Feilbietung einen Scandal, der wieder einmal beweise, daß selbst die reichsten Israeliten einen kleinlichen Krämergeist besitzen. Es stellte sich jedoch alsbald heraus, daß die Inschrift keine Erfindung der Rothschild war, da der jetzige Besitzer des Hauses, der im Auslande lebt, dieses an eine Gesellschaft verkauft hat, die nach dessen Abbruch das seit 50 Jahren im städtischen Centrum liegende Grundstück nützlicher verwenden will. Was ferner die historischen Erinnerungen betrifft, womit die Affiche die Käufer anlockt, so braucht man da umsoweniger über Vandalismus zu klagen, als das Haus schon in den Dreißiger-Jahren einen so starken Umbau erfahren hat, daß die Königin Hortense heute keinen einzigen Raum mehr erkennen würde. Das Verschwinden des Hauses, wo Napoleon III. im Jahre 1808 geboren wurde, ist durchaus nicht zu bedauern. Berlin, 9. October. Die Repräsentantenversammlung hat gestern die Frage des jüdischen Religionsunterrichtes an den öffentlichen Schulen sehr eingehend erörtert. Bedauerlicherweise zeigte sich dabei, daß den Herren Repräsentanten der Gegenstand erstaunlich fremd ist, daß fast keiner von ihnen das Schulwesen anders als aus den allerpersöulichsten Erfahrungen kennt. Jede Mittheilung, die über diesen engen Rahmen hinausgeht, ist ihnen eine Offenbarung, der sie ohne die Möglichkeit alsbaldiger sachlicher Prüfung gegenüberstehen. Die Folge davon ist, daß die Berathungen nicht von der Stelle rücken, daß nach stundenlanger Erörterung weder Ziel noch Weg sich zeigt. Im vorliegenden Falle ging es nicht bester. Der Referent schlug eine Anzahl Resolutionen vor, die darauf gerichtet waren, den Religionsunterricht in den öffentlichen höheren Schulen über die ganze Schul-, zeit ausdehnen zu lassen, und namentlich seine völlige Gleichstellung mit dem christlichen Religionsunterricht in den Zeugnissen^ wie bei den Schulabgangsprüfungen durchzusetzen. Es konnte keinem Zweiiel unterliegen, daß diese Ziele wünschenswerth seien; die allgemeine Zustimmung war den Anträgen gewiß. Da erhob sich der Vorstandsvorsitzende, um Wasser in den Wein der Begeisterung zu gießen. Er erklärte mit kaum noch höflichen Worten, daß der Vorstand mit nutzlosen Resolutionen nichts anfangen könne, daß die vorgeschlagenen Resolutionen theils Unmögliches, theils Unrechtes verlangten, und daß der Vorstand keiner Anregung seitens der Repräsentantenversammlung bedurft habe, um im Interesse des jüdischen Religionsunterrichtes das Mögliche zu thun. Zwei Vorstandsmitglieder hätten sogar eine Audienz im Cultusministerium gehabt. Freilich sei nichts erreicht worden. Doch das beweise nur, daß sich nicht mehr erreichen laste. Auch die Einsetzung eines Jnspicienten für den Religionsunterricht in den verschiedenen Schulen habe man in Aussicht genommen, das heißt, man habe daran gedacht; aber man sei nach reiflicher Erwägung zu dem Ergebniß gekommen, daß man erst den geeigneten Jnspicienten haben müste, ehe man sich daran gehen dürfe, seinen Thatigkeitsbezirk zu umschreiben. Diese Ausführungen wirkten auf die Repräsentanten so erschütternd, daß die Resolutionen gar nicht erst weiter in Betracht gezogen wurden, und daß der Antragsteller sich begnügte, sür seine Resolutionen ein „Begräbniß erster Elaste", das ist die Verweisung an einen Ausschuß zu erbitten. Und so geschah es. Der Ausschuß wird in stillen Sitzungen die Religionsunterrichtsfrage besprechen, und dann wird Alles beim Alten bleiben. Die Haltung des Vorstandsvorsitzenden ist geradezu unerhört. Er hat Jahrzehnte hindurch den jüdischen Religionsunterricht förmlich systematisch vernachlässigt. Wenn es mit diesem Unterricht in den letzten Jahren bester geworden ist, so ist das nicht das Verdienst des Vorstandes, der nichts gethan hat, er wäre denn behördlich dazu gezwungen worden. Das Unterrichtsministerium ist es gewesen, das gegen das Widerstreben des Gemeindevorstandes oem jüdischen Religionsunterricht in den Volksschulen obligatorischen Charakter gegeben und in den höheren Lehranstalten wenigstens saculativ eingeführt hat. Wäre es nach dem Vorstand gegangen, wir hätten noch immer 8000 jüdische Kinder in Berlin, denen es an religionsunterrichtlichen Unterweisung fehlt. Daß regierungsseitig nicht alsbald alle wünschenswerten Einrichtungen getroffen worden sind, ist doch kein Grund, auf diese Wünsche zu verzichten. Wenn der Vorstand bei einer Audienz „im Cultusministerium" nicht erreicht hat, was er wollte, so braucht deswegen doch die Gemeinde noch nicht auf ihre Wünsche zu verzichten. Ist der Vorstand zu vornehm, den Versuch zu erneuern, so muß er eben gehen. Im Uebrigen ist es mehr als fraglich, ob dieser Versuch in der richtigen Weise und namentlich ob er in der wünschenswerthen Richtung unternommen worden ist. Es gibt Unterhändler, deren Geschick sich einzig darin offenbart, daß sie ärgere Ziele wirksam verfolgen, als die ihnen vorgezeichnet find. Der Vorstand würde nicht gewagt haben, so aufzutreten, wie er gethan, wenn er nicht der Meinung wäre, daß er mit den „Liberalen" wie mit botmäßigen Untergebenen umspringen dürfe. Schwerlich ist es schon vorgekommen, daß unabhängige erwachsene Menschen sich so schulmeisterlich behandeln ließen, ohne auch nur ein Wort der Gegenrede zu wagen. Auch die Conservativen unter den Repräsentanten schwiegen. Sie waren eben nicht besser unterrichtet als die Liberalen und dem Vorstand gegenüber find sie von jeher sprachlos. Breslau, 1. October. Die Herren Rabbiner Dr. Rosenthal und Docent Dr. M. Braun haben die Absicht, zur Erinnerung an D a v i d Ka u f m a n n bei der ersten Wiederkehr seines Sterbetages ein Gedenkbuch herauszugeben. Aus dem großen Kreise seiner gelehrten Freunde fiub bereits zahlreiche wissenschaftliche Beiträge dazu in Aussicht gestellt. Ein Lebensbild des Heimgegangenen soll das Buch eröffnen. Zur vollen Würdigung seines Entwicklungsganges und seiner Wirksamkeit bedarf es einer eingehenden Kenntuißnahme von seinen hinterlassenen handschriftlichen Aeußerungen. Die genannten Herren richten darum an seine Freunde und Verehrer, die mit ihm in Briefwechsel gestanden haben, die Bitte, ihnen diejenigen Briefe, die für des Charakterbild und die wissenschaftliche Bedeutung des Entschlafenen von Werth sind, zur Benutzung zu überlassen und dieselben an die Adreffe des Hern Dr. Braun, Herausgebers der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums", einzusenden. Für die unversehrte Auf- Wbewahrung und Zurückerstattung wird Sorge getragen. Mailand, im September. Graziadio Jsaia Ascoli beging unter reichen Ehrenbezeugungen, an denen auch König Humbert sich betheiligte, seinen siebzigsten Geburtstag. Der Gefeierte ist einer der hervorragendsten Sprachforscher der Gegenwart und zugleich ein treuer Sohn unseres Bekenntnisses, deffen Interessen er, wo sich ihm Gelegenheit bietet, zu fördern bemüht ist. Ursprünglich für den Kaufmannstand bestimmt. wandte er sich schon als Knabe dem Sprachstudium zu und brachte es ohne jegliche Anleitung so weit, daß er bereits im sechzehnten Lebensjahre eine vortreffliche Arbeit über das Frilaulsche veröffentlichen konnte. Im Jahre 1861 an die hiesige aeaclemia di scienze e lettere als Professor der Sprachwissenschaften berufen, entwickelte er eine wahrhaft erstaunliche wissenschaftliche Thätigkeit, welche das Hebräische, Arabische, Griechische, Lateinische, Deutsche Italienische, Französische, Englische und Spanische umfaßt und sich zumal auf dem Gebiete der Sprachenvergleichung. auf welchem er bahnbrechend gewirkt, bewegt. Ascoli ist correspondirendes Mitglied der Akademien in Mailand, Rom, Madrid, B e r l in, (seit 1887). Wien, Budapest, Petersburg, Paris und Ritter zahlreicher Orden. Im Jahre 1889 wurde er durch das besondere Vertrauen des König Humbert in den Senat berufen. Seine dankbare Heimatsftadt legte der Straße, in welcher er wohnt, seinen Namen bei. Prost Ascoli, welcher

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