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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 76:4 Ende von Sota identisch ist, ist ein weiterer Beweis dafür, daß dieser letztere nicht zu dem ihm voransgehenden Ausspruche R. Elieser's gezogen und als diesem angehörig betrachtet werden kann. Im babylonischen Talmud, Sanhedrin 97 a, wird der Ausspruch des Tannaiten R. Nechemia, wie das oft mit Baraithas der Fall ist, als Stütz? für den Ausspruch eines Amoräers angeführt. R. I i z ch a k, der berühmte Agadist, der am Ende des dritten und am Anfänge des vierten Jahrhunderts blühte und der namentlich als Tcadent palästinensischer Agada in Babylonien bekannt ist (s. Die Agada der palästinensischen Amoräer, II. 205—295), hatte nämlich gelehrt: „Der Sohn David's kömmt nicht eher, als bis das ganze Reich sich der „Minuth" zngekehrt haben wird." Unter dem „Reich" ist nach dem bekannten Sprachgebrauche das Römerreich zu verstehen und unter M i n u t h (nicht „Minoth", wie Fr. conseqnent schreibt) das Christent h u nt. Welche Häresie (denn das bedeutet eigentlich Minuth) ein älterer Zeitgenosse Eon staut in's des Großen außer dem Christenthum gemeint haben kann, wenn er ihr eiae solche Zukunft voraussagt und ihre Herrschaft als Vorbedingung der Ankunft des Messias nennt, wird auch Herr Dr. Fr. nicht angeben können. Erscheint doch der Ausspruch R. Jizchak's, und darauf habe ich in der von Fr. beanstandeten Aeußerung hingewiesen, fast wie eine Borhersagung der weltgeschichtlichen Thatsache, durch welche das Christenthum zur herrschenden Religion des Römerreiches und dieses christlich wurde. Der merkwürdige Ausspruch R Iizchak's ist aber, wie in den babylonischen Schulen durch Anführung der Baraitha R. Nechemia's festgestellt wurde, nicht sein Eigenthum. Was er als Vorbedingung der Ankunft des Messias nennt, steht unter den Vorzeichen des messianischen Reiches, wie sie R. Nechemia aufzählt und wie sie sich anderwärts anonym aufgezählt finden. Als Autor dieses Ausspruches über die Vorzeichen des Messias darf jedenfalls R. Nechemia gelten, wie denn ähnliche Aussprüche von seinen Zeitgenossen, den Tannaiten R. I e h u d a b. I l a i und R. N e h o r a i überliefert sind (s. Die Agada der Tannaiten II. 222, 382). Wenn mich nun Fr. fragt, ob ich glaube, daß „dieser Lehrer des zweiten Jahrhunderts unter „Minoth" das Christenthum gemeint haben könne", so lautet meine Antwort, daß ich allerdings genöthigt bin, das zu glauben. Ich sehe in der That keine andere Möglichkeit für die Auffassung dieses Spruches. Denn R. Nechemia kann doch, selbst in der von Fr. vertretenen, aber auf irrthümlicher Voraussetzung beruhenden Annahme, daß der Spruch auf eine alte vorchristliche Tradition zurückgeht, indem er den Spruch adoptirt und seinen Zeitgenossen predigt, unter dem Minuth nicht das Minäerthum früherer Jahrhunderte, den vorchristlichm Gnosticismus Fciedländer's gemeint haben, sondern vielmehr das, was in dem jüdischen Kreisen seiner Zeit und seiner palästinischen Heimat unter Minuth verstanden wurde. Daß man darunter wirklich, wenn auch nicht ausschließlich, das Christenthum, verstand, glaube ich in meinem Aussätze in der „krevue de Etucles Juives" zur Genüge gezeigt zu haben. Allerdings ist es viel auffallender, wenn R. Nechemia in der Mitte des zweiten Jahrhunderts, als wenn R. I i z ch a k am Anfänge des vierten Jahrhunderts die Weltherrschaft des Christenthums vorhersagt. Aber ist es etwa weniger auffallend, wenn - nach Friedländer's Annahme — R. Nechemia die Weltherrschaft irg'ud einer anderen Häresie, einer obscuren gnostischen Secte als Vorzeichen der messianischen Zeit nennt? Womit verringert sich die Dunkelheit des Spruches, wenn wir unter „Minuth" in demselben nicht das Christenthum verstehen? — R. Nechemia und nach ihm R. Jizchak sehen in der Christianisirung des römischen Weltreiches nicht etwa, wie wir es heute auf der Höhe weltgeschichtlicher Betrachtung thun können, eine Vorstufe für die Verwirklichung der messianischen Ideale; sondern es schwebt ihnen in der Herrschaft der „Minuth" die äußerste Bedrängniß Israels vor, welche der Ankunft des Messias vorauszugehen hat. Die feindselige Stellung des Christenthums gegenüber dem Judenthum war aber schon in der Mitte des zweiten Jahrhunderts genügend zum Ausdrucke gelangt; und so darf es nicht Wunder nehmen, wenn R. Nechemia mit divinatorischem Vermögen als einen der dunkeln Schatten, welche dem Lichte der messianischen Zeit vorausgehen werden, auch den Sieg der Minuth" nennt. Budapest, 8- October 1899. Wilhelm Bacher. Correspondenzen. Wien. (Ein P r o t e st m e e t i n g.) Der politische Volksverein berief für Dienstag Abends in den großen Saal des „Hotels Coutineutal" eine Protestversammlung gegen die Blutbeschuldiguuz anläßlich des Polnaer Processes ein. Die Versammlung war massenhaft besucht, und lange vor Beginn mußte der Zugang zum Versammlungssaale durch Ordner abgesperrt werden. Der Saal und die Galerien waren bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Während der Versammlung wurde ein Theilnehmer ohnmächtig und mußte aus dem Saale getragen werden, was einige Aufregung verursachte. Aus zahlreichen Gemeinden Böhmens und Mährens waren Zustimmungs-Telegramme eingelaugt. Unter Anderen wohnte Reichsrathsabgeordneter Hofrath K a r e i s der Versammlung bei. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden Herrn E l tbogen ergriff, stürmisch acclamirt, Rabbiner Dr. Bach aus Ottakring das Wort zu seinem Referate. Er sagte: Mit aller Entrüstung müsse das gesummte Judenthum .gegen die Beschuldigung des Blutrituals p otestiren. Da man bei der Leiche der Hr u-z a nur wenig B:ut vorfand, mußte es abgezapft worden sein; da es abgezapit wurde, mußte es von Juden abgezapft worden sein. Das ist die Log'k der Antisemiten. Dieselbe Logik verfolgt man dem Talmud gegenüber. Weil man nicht weiß, was darinnen steht, folglich steht alles Schlechte darin. Die ganze jüdische Lehre legt feierliche Verwahrung ein gegen die ungeheure Lüge des Blutrituales. Wie konnte es aber geschehen, daß an einer Stelle, wo im Namen des allverehrten und geliebten Schützers des Rechtes Gerechtigkeit gesprochen wird, vom Leiter der Verhandlung, der das Gesetz beschworen hat, Dinge zugelassen wurden, die gegen das Gesetz gesprochen wurden? (Stürmischer Beifall.! Fünf Percent der Bevölkerung wagt man es zuzurufen, daß sie von religiouswegen Mörder sind! (Stürmische Pfui-Rufe.) Der Redner schloß mit folgenden Worten: Ein Blutrituale zu beweisen, ist unmöglich, dagegen steht der Schwur von Rabbinern, vor denen man Achtung haben muß, daß das R.tuale nie besohlen wurde, nie geübt wurde, nicht befohlen und nicht geübt wird. Wir nehmen den Kampf auf, den Kampf um das Recht, um Gerechtigkeit und um die Wahrheit. (Stürmischer, langauhaltender Beifall und Händeklatschen.) Herr Rappaport bespricht einzelne Details der Proceßführung gegen Leopold H i l s n e r. Wir Juden, sagte der Redner, wollen strenges Recht; wenn Hilsner schuldig ist, soll er bestraft werden. Wir wollen aber nicht, daß aus einer Rechtssache eine Rechtskomödie wird. (Stürmischer Beifall.) Der Redner theilte ferner mit, er habe erfahren, daß das Gericht eine Untersuchung gegen die Mutter uuv den Bruder der Hruza eröffnet habe. (Rufe: Hört!), allein man muffe vorläufig vorsichtig im Urtheile sein, da es fraglich fct, ob es zu einer Klage gegen Beide kommen werde. Der Redner schloß mit den Worten: Das Judenthum müsse sich organisiren. das sei die Lehre, die es von Polna zu ziehen habe. (Stürmischer Beifall.) Dr. Ascher verlas sodann die im Musikvereinssaale beschlossene Resolution, welche unter stürmischem Beifalle einstimmig angenommen wurde. Anschließend hieran theilte Dr. Fuchs mit, daß er heute von einer hohen Persönlichkeit aus Böhmen wichtige Mittheilungen über den Polnaer Mord erhalten habe, die er (aber vorläufig geheimzuhalten versprochen habe. Das eine könne er aber sagen, daß in zweimal vierundzwanzig Stunden die Sache vollständig enthüllt sein werde. Der Justizminister sei über diese Angelegenheit bereits hinreichend informirt und Zhabe diesbezügliche Weisungen an den Prager Oberlandesgerichts-Präsidenten ergehen lassen. (Bewegung. Langanhaltender Beifall.) „Wir find," sagte der Redner, „bisher ruhig geblieben und werden auch den weiteren Gang des Pcoceffes in Ruhe abwarten." (Stürmischer Beifall.) Nachdem noch ein Redner die Mittheilung gemacht hatte, daß übermorgen in B r ü n n in derselben Angelegenheit ein großes Protestmeeting stattfiuden werde, wurde die Versammlung geschloffen. Czernowitz. Samstag, den 30 September 1899 fand im großen Rathhaussaale zu Czernowitz eine von mehr als tausend Personen besuchte, vom Reichsrathsabgeordneten und Gemeinderathe Doctor Benno Straucher einberufene Volksversammlung statt.

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