Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Dloch's Wochenschrift. Seite 759 tischen Schandthaten der letzten Zeit, wo sind denn unsere Anatole Krance, Zola, Trarieux geblieben? Die Versammlung, die im Musikvrreinssaale abgehalten wurde, damit feierlich, vor aller Welt, und in der denkbar überzeugendsten Weise gegen die Lügen Einsprache erhoben werde, mit denen ungestraft die jüdische Religion überschüttet werden konnte — der Gebrauch des Wortes Ritualmord allein schließt schon die empörendste und lügenhafteste Beleidigung in sich ein — war aber nicht nur eine Protestversammlung in diesem. Sinne, sie war zugleich eine vor aller Welt erhobene Anklage gegen unsere „Jntelectuellen", die nicht den Muth fanden, wie die französischen Jntelectuellen, der Unpopularität zu trotzen, selbst die Gefahr der Verfolgung auf sich zu nehmen auch ihre Stellungen als Professoren zu verzichten oder sich aus den Aemtern von feilen Ministern jagen zu lassen, ihre Orden hinzuwerfen und nur der Wahrheit die Ehre zu geben und für den Verfolgten einzutreten. So muß denn hier die kleine Zahl der Juden allein für ihre Ehre eintreten. Sie thaten es, mit der nur der echten Ueberzeugung innewohnenden Begeisterung, mit den flammenden Worten des Rechtes und der Gerechtigkeit, mit der ganzen sittlichen Entrüstung, die ihnen der Abscheu vor Lüge und Falschheit einflößt. Wir zweifeln nicht, daß ihre Stimme gehört werden wird, auch wenn gleich wir nicht zu hoffen wagen, daß die bethörte,- betrogene Menge sofort vom Jrrwahne ablassen wird, die Wahrheit wird sich dennoch Bahn brechen. Und wenn diese Versammlung keinen anderen Erfolg hätte, als den Staat und die Gesellschaft an ihre Pflicht zu mahnen — auch dann wäre sie nicht vergeblich gewesen. Den Juden ruft sie aber zu, sich zu wehren, auf sich selbst zu achten, den Feinden die Zähne zu weisen, vor den unverläßlichen Freunden sich zu hüten. Selbst ist der Mann und auch eine Minderheit kann si:gen, wenn nur das Recht auf ihrer Seite ist. -I. L. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ter Meineid Canonicus in Prag und seine neuen Lügen. Sehr geehrter Herr Redacteur! Die Notiz im Briefkasten Ihres geschätzten Blattes vom 6. d. M. bezüglich Rohling veranlaßt mich, zur Steuer der Wahrheit folgende Episode Ihnen mitzutheilen, deren Thatsächlichkeit in hiesiger Stadt jeder gern bestätigen wird, und in der Rohling wieder seine Rolle spielt. Als die neuerbaute Synagoge hierorts eingeweihc werden sollte, lud der Cultusvorstand den Bürgermeister der Stadt ein, die feierliche Eröffnung des Tempels vorzunehmen, was dieser jedoch über Beschluß des freisinnigen, hussitischen Caslauer Stadtrathes ablehnen mußte. Die Begründung dieses G e h a b e u s w a r eine erbetene Auskunft des Rohling, worin dieser etwa Folgendes schrieb: „Im Talmud steht: Wenn Inden ein neues Haus oder einen Tempel bauen, so müssen sie es, respective ihn von einem Goj, gleichbedeutend mit Sclave (böhmisch olrok) öffnen lassen. Da die Caslauer Inden also den Bürgermeister offenkundig als otrok auffassen, so sei die active Betheiligung keineswegs zu gestatten." Und der Bürgermeister öffnete tvirklrch nicht! Natürlich ist das eine schamlose Lüge. Eine solche Talmudstelle existirt nicht und hat sich der Prager Canonicus in seiner bekannten und bewährten Fälschermanier zu diesen Behufe eigens erdichtet Noch eine Thatsache, mit welcher freilich Rohling nicht in erwiesenem Zusammenhang steht, welche aber auch viele Ihrer Leser interessiren dürfte, will ich mittheilen. Nach der famosen Urtheilssällung im nahen Kuttenberg erhielten mehrere bei jüdischen Familien bedienstete Mädchen Briefe zugesandt des Inhalts, sie mögen sich nicht niederlegen, da sie in der Nacht geschlachtet würden, nicht nur alle Rabbiner und Schächter (das ist selbstverständlich), sondern alle Juden seien Mörder und der Schreiber Losung müsse lauten: Tausendmal verflucht sei der (nicht wiederzugebende Attribute) Stamm Israels. Unterzeichnet: „Der christlich-antisemitischer Verein Omladina zum Schutze christlicher Mädchen." Man hat diese Briefe der Gendarmerie übergeben. Zum Schluffe sei bemerkt, daß am Marktplatze als Sinnbild der fortschrittlichen Gesinnung die Statue Ziztä’ä prangt, gleichwohl aber jede Woche ein anderer jüdischer Geschäftsladen mit Eisenlack beschmiert wird. Der Proceß in Straubing vor hundert Jahren. Straubing, diese Nieder-Bayrische Stadt an der Donau, in welcher dieser Tage der Pfarrer M o o s a u e r wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit, begangen im Beichstuhl, in der Schule und beim „Versehen" sterbenskranker Frauenspersonen, zu zwölf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurtheilt wurde, — dieses Straubing spielt eine große Rolle in der mittelalterlichen Leidensgeschichte der Juden. In Straubing und den nahegelegenen Orten brachen zuerst die Judenverfolgungen in Deutschland beim ersten Kreuzzuge am Ende des XI. Jahrhunderts aus. In Straubing und seiner Umgebung entstand 1285 zum erstell Mal die Ritualmordlüge. Und in diesem schwarzen Winkel Bayerns wurde der Wahnwitz von der Hostienschändnng ausgeheckt, der zu dem schrecklichsten aller Judenmassacres Mrte, dem von Deggendorf, einem Städtchen unweit Straubings, wo man zum ewigen Gedächtniß dieser gottgefälligen That eine Kirche erbaute, welche, vom Papst mit reichlichem Ablaß ausgestattet, mit ihren wunderthätigen Hostien, ihrer jährlich einmal geöffneten Gnadenpforte und ihren Bildern, die das Andenken an die Greuelscenen lebendig erhalten, eine der berühmtesten Wahlfahrtskirchen geworden ist. Judengemeinden gibt es in dieser schönen Gegend nicht mehr und auch sonst hat sie in geographischer Beziehung nicht viel Bemerkenswerthes, außer der großen Anzahl Klöster und den Anstalten für Cretins fast in jedem Orte daselbst. Bor mehr als hundert Jahren hat Straubing durch einen Proceß ähnlich dem der vorigen Woche von sich reden gemacht. Ein zeitgenössischer Schriftsteller, Wilhelm Ludwig Wekhrlin, erzählt denselben folgendermaßen: Zu Neuberg lebte ein Bauernpaar friedlich beisammen, als auf einmal die Kühe keine Milch mehr gaben und die Magd behauptete, die Großmutter sei eine Hexe. Bald glaubten es alle im Dorfe und die junge Frau lief nach Straubing zu den Franziskanern. Nur wenige Häuser werden damals in und um Straubing gewesen fein, wo man nicht Hexenzettel um ein Pfund Butter da geholt hätte. Der Hexen-Pater führte die junge Frau in seine Zelle, wartete ihr mit dem stärksten Bier auf und hörte ihr Anliegen. „Bäurin, Bäurin", sagte er, „da muß was anderes Schuld sein, als die Alte, — seid ihr mit eurem Mann zufrieden?" „O von ganzem Herzen". „Thut er auch, versteht mich recht, seine Schuldigkeit. — — —" „Ach, Euer Hochwürden (voll Scham) nun ja, Euer Hochwürden." — „Hm! hm! (nimmt sie bei der Hand) Weib! Weib!" „Aber um Gotteswillen, Hochwürdiger Herr, Sie werden mich doch nicht für die Hexe halten?" „Nun das nicht — Nein — aber — macht einmal euer Mieder auf". — „Ach Hochwürden, was denken's? — ist ja ä Schand". — „Ich kann euch nicht anders helfen". „Nun in Gottes Namen — aber wenn's ä Mensch sehet! — „Ach. wie ich mich schäme." — „Ei, was schämen!" — Und nun fiel der geistliche Faun über die unschuldige Betrogene her. — — — — — — — — — „Jetzt seid ihr frei von allem Zauber, ihr und eure Kühe, nun kann 'keine Hexe mehr bei." — „Gott vergelt's Euer Hochwürden." — Und als er sie endlich entließ, sagt er ihr: „Sobald ihr heimkommt, geht in den Stall, da werdet ihr die Hexe treffen, prügelt sie, bis ihr Blut sehet und mit diesem Blute bestreicht die Euter". Die arme Betrogene taumelte berauscht nach Hause, fand die Alte im Stalle, schlug sie und da kein Blut floß, schlug sie solche — todt. Der Rausch verflog und die Arme fiel in Ohnmacht. Das Amt zog sie ein, der Proceß dauerte drei Monate und das Urtheil war: Hinrichtung mit dem Schwert, Zuchthaus der Magd — und der ehrwürdige Pater? Von dem war keine Rede. Glücklicher Weise verlangten zwei abwesend gewesene bessere Räthe Einsicht in die Acten. Die Revision trug auch auf Einziehung des Paters an, aber es hieß, der Hexen-Pater sei nicht mehr im Kloster. Fünfzig Mann ins Kloster gelegt, schafften ihn am zehnten Tage bei. Das Urtheil lautete nun: der Pater ist zehn Jahre von Messelesen suspendirt und eingesperrt im Kloster bei Wasser und Brot. (?) — Die arme betrogene Bäuerin aber ist frei und die lange Gefangenschaft wird ihr zur Strafe augerechnet. Ob es damals in Straubing auch einen Jungfernbund gab, der sich für die Unschuld des Paters einsetzte, wie bei dem jüngsten Processe daselbst für den Pfarrer Moosauer, erzählt die Geschichte nicht. Zum Fall Moosauer schreibt die „Arbeiterzeitung". Als der Bericht über)den Proceß gegen den Pockinger Pfarrer Moosauer vorlag, da faßte uns eine lebhafte Neugierde, was da wohl die österreichische clericale Presse zur Erläuterung und Entschuldigung des Falles würde vorzubringen haben. Die Thaten dieses seltsamsten aller „Seelsorger" schreien zum Himmel. Durch Jahrzehnte hat Pfarrer