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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 758 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 4t hindurch daran gearbeitet hat. um Oesterreich von der Tortur zu befreien. (Beifall.) Wir müssen uns aufcaffen und unsere Sache, wo und wie wir es auf gesetzlichen Wege können, selbst führen denn wir sind ja gewöhnt, die Gesetze treu zu beobachten. Schon sind große und kleine Judengemeinden in Oesterreich in flammenden Protesten hervorgetreten, aber jeder Einzelne von uns, muß bei jeder Rechtskränkung oder Rechtsverweigerung den Rechtsweg betreten bis zu den ober st en Behörden hinauf — u n e r m ü d l i ch u n d u n a u f h ö r l i ch. (Beiiall.) Wir dürfen nicht mehr den Eindruck machen, daß wir uns feige verkriechen und zufrieden scheinen, wie im Zeitalter des gelben Fleckes geduldet zu werden, sondern wir müssen laut und vernehmlich die volle Gleichberechtigung vor dem Gesetze immer und überall verlangen. (Zustimmung.) Wir geloben daher, den Kampf um unsere Gleichberechtigung mit vollster Hingebung unermüdlich zu führen. Gefahren, Schwierigkeiten und Gegnerschaft sollen uns nur noch eifriger machen. Wir wollen jeden Erfolg als ein Vorzeichen endlichen Sieges unserer gerechten Sache, jedes Mißlingen als einen Antrieb zu neuen Anstrengungen betrachten. Verleumdung, Feindschaft, Verspottung erwarten und verachten wir. Ich entsinne mich der herrlichen Worte, welche eine der größten englischen Staatsmänner bei ähnlichem Anlässe vor 60 Jahren gesprochen. Als der Ritter in Tasso sein Schwert erhebt, um den Zauber des verhexten Waldes zu brechen, umringen ihn Gestalten von Riesen, schreckliche Stimmen bedrohen ihn, der Wind brüllt, der Himmel verdunkelt sich, die Erde zittert unter seinen Füßen, aber der Schlag geschieht — in unserem Falle die strenge und gerechte Handhabung der geltenden Gesetze — und sofort erscheint die Sonne wieder, der Sturm läßt nach und heulend fliehen die Dämonen von dem Orte fort, welchen sie nicht länger besudeln können. (Beifall.) Wir haben geschworen, den unheimlichen Zmber eines schändlichen Treibens zu vernichten und durch keinen Sturm, welchen die schlimmsten Künste unserer Feinde heraufbeschwören können, wollen wir uns von diesem Unternehmen abwendig machen lassen! Nicht anders soll dieser Kamps enden, als mit einem entscheidenden Siege der Grundsätze der Ehre, der Humanität und der Gleichberechtigung, Grundsätze, welche allein dem Staate wahrhaften Wohlstand und der Negierung Rahm verleihen können. Und so lassen Sie uns denn zuversichtlich das Walten der Männer von der neuen Regierung abwarten, welche als österreichische Beamte seit jeher gewohnt sind, die Gesetze in Treue zu beachten, zu schützen. Lassen Sie uns aufölicken zu der leuchtenden Gestalt des vielgeliebten Kaisers, dessen erhabene Gesinnung nicht nur seine eigenen Völker sondern alle gesitteten Nationen der Welt mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllt, dessen edler Sinn und Herzensgüte alle getreuen Bürger mit gleicher Liebe umfaßt, welcher Nation, welcher Religion sie auch angehören. Die väterliche Fürsorge des Monarchen hat sich erst vor Kurzem in ruhmvoller Weise bei den Bestrebungen, seinem Reiche den nationalen Frieden zu geben, bethätigt. Die Juden sind noch von Stolz und Dank erfüllt von den noch vor wenigen Wochen erfolgten Versicherungen landesväterlicher Huld und Gnade des verehrten Kaisers. Lassen Sie uns in unserem heiligen Kampfe um volle Gleichberechtigung immer neue Stärkung schöpfen aus dem Wahrfpruche unseres geliebten Monarchen: „Mit vereinten Kräften." (Lebhafter Beifall). Die Resolution. Dr. Alfred Stern: Ich habe als Vorsitzender den glänzenden Ausführungen der beiden Redner nichts hinzuzufügen. Kehren wir zurück zum Ausgangspunkt der heutigen Versammlung. Als solchen bezeichnete ich die Frage, welche jetzt so actuell ist: Dürfen die Juden als Verbrecher und Mörder von religionswegen bezeichnet werden? (Stürmische Rufe: Nein!) Dieses Nein wollen Sie nun sprechen. Ich bitte Sie, folgender Resolution durch Erheben von den Sitzen Ihre Zustimmung zu ertheilen: „Durch die im Kuttenberger Gerichtssaale von dem öffentlichen Ankläger in verhüllter, von dem Vertreter der Privatbetheiligten in unverhüllter Form gegen die jüdische Glaubensgemeinschaft erhobene Blutbeschuldigung ist unser altehrwürdiger Glaube in seinen Grundlehren beschimpft, unsere Menschenwürde und unsere bürgerliche Ehre besudelt worden. In dem Gefühle tiefster Empörung erheben wir heute an dieser Stelle versammelten österreichischen Staatsbürger jüdischer Confession lauten Protest gegen die uns angethane Schmach, die zugleich eine Erniedrigung der Wahrheit, der Gerechtigkeit und Humanität und eine Erschütterung der Rechtsgrundlagen unseres geliebten Vaterlandes bedeutet. Gleichzeitig fordern wir als unser staatsbürgerliches und natürliches Recht, daß die Regierung durch volle Anwendung desGesetzes solchen lügenhaften, barbarischen und fluchwürdig e n B e s ch u l d i g u n g e n e n t g e g e n t r e t e." (Langanhaltender Beifall. Die ganze Versammlung erhebt sich.) Vorsitzender Dr. Stern: Die Resolution ist einstimmig angenommen. Ich schließe die Versammlung. Zar Versammlung im Musrkrvereinssaale. Im Kampfe um sein Recht und seine Ehre, im Kampfe um die Wahrheit, hat der jüdische Franzose Dreyfus in den Kreisen seiner katholischen und protestantischen Mitbürger die eifrigsten und uneigennützigsten Vertheidiger gefunden. Schriftsteller und Gelehrte, Staatsmänner und Industrielle, Abgeordnete und Soldaten nahmen sich des einzelnen Juden an, weil ihnen Recht und Wahrheit und die Vertheidigung der gekränkten Unschuld höher galt, als ein verfälschtes Staats- und Standesinteresse, weil ihnen die Ehre ihres Staates und ihrer Nation untrennbar erschien von der Ausübung allmaltender Gerechtigkeit. In Oesterreich führt nicht ein Jude den Kampf um sein Recht, um seine Ehre, um seine staatsbürgerliche Stellung — alle Juden müssen ihn führen^ alle werden verdächtigt und beschuldigt, gegen Alle wird ein Vorwurf erhoben, wie er nichtswürdiger und erlogener gar nicht ersonnen werden konnte — wo sind denn unsere Akademiker, die sich des verfolgten Rechtes annehmen würden, wie Anatole France, wo sind unsere Schriftsteller. die mit flammenden Worten die Ruchlosigkeiten geißelten, wie Emil Zola; wo sind unsere Senatoren, die wie Trarieux und Scheurer-Kestner für die Wahrheit eintraten, wo sind unsere politischen und journalistischen Führer, die, wie Jaures und Preffense das Wort ergriffen gegen Niedertracht und Lüge zur Vertheidiguug der Wahrheit? Das ist der kennzeichnende Unterschied zwischen Frankreich, in welchem fünf Ministerien über den Rechtsfall, der einen unschuldig verfolgten Juden betraf, stürzen mußten, bis eine wahrhaft ehrliche Regierung dem Rechte wenigstens freien Lauf ließ und wenn es gleich die Ungerechtigkeit nicht ganz aufhalten konnte, doch durch einen Gnadenact kundgab, daß es die Verfolgung des Unschuldigen nicht weiter gestatte, und Oesterreich wo tagtäglich die fanatisirendsten Brandartikel, die empörendsten Verleumdungen gegen die Juden nicht blos als Nation, sondern als Religionsaenossen veröffentlicht werden dürfen, ohne daß sich eine Hand rührt, um die Lüge niederzuschlagen. Wir wissen ganz wohl, welche staatlichen Mittel zur Verfügung stünden, um die Verbreitung von Lügen unmöglich zu machen, werden doch solche Mittel oft angewendet, um die Verbreitung der Wahrheit hintanzuhalten. Ferne seines von uns sie anzurufen. Solche Mittel müssen aus freier Initiative ergriffen werden, und nicht auf Anrufung, weil die Staatsautorität leidet, wenn seine Gesetze schamlos mit Füßen getreten werden dürfen, wenn das was für den Einen gilt, für den Anderen nicht Recht sein soll; weil das Rechtsbewußtfein im Volke erstickt wird, wenn dieses sieht, wie frech gelogen werden darf, ohne daß eine autoritative Stimme sich erhebt, welche dem Lügner Schweigen gebietet; weil eine förmliche Rechtsverwirrung Platz greifen muß, die zu argen Consequenzen führen kann, wenn man einer Religionsgenoffenschaft ungestraft Dinge imputiren darf, die mit ihren Lehren in direktestem Widerspruch stehen. Nicht blos der Angefallene hat das Recht sich zu wehren, es ist Recht und Pflicht der Gesellschaft zu verhüten, nicht blos, daß man von Räubern im Walde überfallen, sondern auch daß die Ehre eines Menschen, die Ehre einer Religionsgenoffenschaft in den Koth getreten werde. Wie hat aber die Gesellschaft diese Pflicht geübt, gegen die antisemi-

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