Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nc. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift. seinen Ausführungen *u Grunde gelegt, trotzdem in den berüchtigten Processe von T-sza-Eszlar der Staatsanwalt mit flammenden Worten die Blutlüge als das furchtbare Product fanatischen Aberglaubens verdammt und selbst in Bulgarien vor einigen Jahren bei einer ähnlichen traurigen Gerichtsverhandlung der öffentliche Ankläger pflichtgemäß dasselbe gethan hat. — Der Vertreter der Privatbetheiligten (stürmische Entrüstungskundgebung), welchem nach der Strafproceßordnung lediglich das Recht zustand, seinen Geldanspruch zu stellen und zu begründen, hat eine geradezu blutrünstige Brandrede gegen die gesummte Judenschaft gehalten, welche die Blutbeschutdigung zum Gegenstände hat (anhaltende Entrüstungskundgebung) dieser Mensch — nicht gedacht soll seiner werden in diesem Saale — (allseitige Zustimmung) hat, gleich dem Herostratus des Alterthums welcher, um über Nacht berühmt zu werden, den glänzenden Gottestempel in Brand steckte, mit frecher Hand Humanität, Wahrheit, und alle idealen Güter im Gerichtssaale besudelt. (Abermalige stürmische Entrüstungskundgebung.) Ich hoffe, daß die czechische Nation in ruhigen Tagen nicht zögern wird, den Namen dieses Mannes aus ihrer Geschichtsschreibung zu tilgen, und erinnere Sie meine Herren daran, daß zur Ehre dieser Nation erst vor einigen Tagen ein hervorragender Professor der czechischen Universität in Prag (Hochrufe auf Massaryk) in eindringlichen Worten sein Volk öffentlich beklagt hat, weil es zum Hohne auf die Cultur und den Fortschritt am Ende des 19ten Jahrhunderts der Blutlüge sein Ohr geliehen. (Zustimmung.') Wenn wir nun noch die Thatsache würdigen, daß bei Verkündigung des Todesurtheils ein tausendstimmiger Jubel erscholl, so wird wohl die Behauptung gerechtfertigt erscheinen, daß wir einer geradezu barbarischen Procedur gegenüberstanden. (Rufe: Wo war der Vorsitzende?) Sie fragen nach dem Vorsitzenden meine Herren: Nun denn :Jch st ehe nicht an zu erklären, daß nach der geltenden Strafproceßordnung der Vorsitzende diese beklagen swerthen Ausschreitungen nicht dulden durfte und kann mir sein Verhalten nur als Wirkung des vorhandenen Terrorismus erklären. (Zustimmung.) Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in all diesen empörenden Thatsachen nur die Früchte der antisemitischen Bewegung in Oesterreich während der letzten 20 Jahre zu erblicken sind. (Tosender Beifall.) Die Judenhetze wurde von einer ganzen Reihe von Regierungen leider geduldet. (Stürmische Zustimmung.) Man hat die ganze antisemitische Bewegung eine wirthschaftliche nennen wollen, einen angeblichen Kampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden. Weit gefehlt! Wirthschaftlich ist diese Bewegung nur in dem Sinne, daß die wenigen Führer, welche das irregeleitete Volk in den Abgrund der Finsterniß locken, von dieser Judenhetze leben, daß sie nur durch dieses Schwindelgewerbe zu Reichthum, Ansehen, Stellen, Aemtern, Besitz und Palästen (Rufe: Vergani) gekommen sind. (Lebhafter Beifall.) Diese Führer, welche vor Jahren ganz unbekannte Individuen waren. Als im vorigen Jabre die Plünderungen und Excesse von Neu-Sandec in Galizien im Parlamente discutirt wurden, da sprach der verflossene Ministerpräsident, daß die Juden gleichberechtigte Bürger seien, daß der Staat die Pflicht habe, alle Bürger ohne Unterschied der Confession und Nationalität zu schützen, daß ein Jeder, welcher diesen Grundsatz der Gleichberechtigung vor dem Gesetze in Zweifel ziehe, auf einer niedrigen Culturstufe stehe. Wahrlich, sehr schöne Worte! (Rufe: Auf dem Papier.) Wenn wir fragen, was ist geschehen, um diese Worte seither in Thaten umzusetzen, so lautet die Antwort hierauf: Kuttenberg! (Stürmischer, langanhaltender Beifall). Das bisherige Verhalten der Regierung in den letzten 20 Jahren ist umso unbegreiflicher, als unsere antisemitischen Gegner ja bei dem wüsten Racenkampfe allein nicht stehen bleiben, sondern auch staatliche Einrichtungen, die Behörden, die Richter, und Beamten beschimpfen, insoferne diese ihren niederen Zwecken nicht dienen wollen. Gleichwie die Straßen von Wien, so wurde bisher ungestraft das ganze politisch sociale, wirthschaftliche und gesellschaftliche Leben aufgewühlt und mit tiefem Ekel sehen wir hier und dort die Spitzhaue der Zerstörer in unermüdlicher Thätigkeit. Der schrankenlose Terrorismus hat alle Gebiete des öffentlichen Lebens unheilvoll beeinflußt! Wir Juden aber sind doch vor dem Gesetze gleichberechtigte Staatsbürger, welche ihre Pflichten treu erfüllen, und dem Staate mit Gut und Blut treu ergeben sind, welche aber auch ihre Rechte energisch in Anspruch nehmen müssen. Wir Juden, die Bekenner einer Religion, für welche die Ehrfurcht vor Jahrtausenden spricht, einer Religion, 2dte . r>7 welche trotz unseliger Drangsalirung ihre Reinheit bis Heute bewahrt hat, einer Religion, deren innerstes Wesen in dem leuchtenden Ausspruch gipfelt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", einer Religion, deren größter Prophet die Summe jüdischer Lehre in den einen Spruch zusammengedrängt: „Thue Gutes." Uebe Gerechtigkeit", einer Religion, die fast zweitausend Jahre vor der Taufe des ersten Christen ihre gesicherten Städte, glänzenden Tempel, ihre Flotte von Handelsschiffen, ihre Staatsmänner, ihre Dichter und Forscher hatte, wir Juden die Bekenner einer Religion, deren 10 Gebote das köstlichste Brevier der menschlichen Gesittung allüberall geworden sind, wir dürfen nicht abseits im Winkel stehen und ängstlich warten, bis irgend Jemand einige matte Worte zu unserer Vertheidigung spricht. Wir leben im Zeitalter der I u d e uv e r f o I g u n g und wenn dieser Ausdruck zu stark erscheinen mag, dann möchte ich sagen, daß nicht im Wesen der Sache, sondern nur im Gr ade ein Unterschied zwischen deui existire, was heute geschieht und im Mittelalter geschehen konnte. Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn gemeinnützige Anstalten wie der Volksbildungsverein, die Freiwillige Rettungsgesellschast, Waisenvereine und Siechenanstalten nur deshalb begeifert und nicht subventiouirt werden, weil sie nicht vollkommen „judenrein" sind! Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn arme Judenkinder, welche durch Talent und Fleiß allgemein belobt werden, die einzige Hoffnung ihrer mit Nahrungssorgen ringendeu Eltern unschuldige Kinder, mir deshalb keine Schulgeldbesreiung erlangen können, weil sie Juden sind! (Bewegung.) Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn jüdische Beamte, Lehrer und Lehrerinnen, welche an Schulen angestellt sind, die auch mit jüdischem Gelde gebaut und erhalten werden (demonstrativer Beifall), mit einem Hungerlohne, ohne Hoffnung auf Beförderung, darben müssen! Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn man uns Fremdlinge nennt, die mit allen Fasern unseres Herzens an unserem theueren Baterlande hängen, die darin mit ihrem Berufe, ihren Verwandten, ihren Beziehungen, ihren Freunden wurzeln, deren Wiege hier gestanden, sowie die Wiegen unserer Väter bereits hier waren. (Beifall.) Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn sogenannte Witzblätter hier erscheinen dürfen, welche unaufhörlich die gesammte jüdische Bevölkerung beschimpfen und verhöhnen? Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn der Vater vor den Kindern, der Dienstgeber vor den Bediensteten, die Hausfrau vor den Dienstmädchen scheu erröthen muß? Ist es endlich nicht eine Judenverfolgung, wenn vermöge des berüchtigten Schulerlasses versucht wird, die Schulkinder nach Bekenntnissen zu sondern und schon dem zarten Kindergemüthe die traurige Wahrheit beizubringen, daß die Staatsbürger in Oesterreich nicht gleichgehalten sind. (Zustimmung.) Wahrlich? Dieses alles bedeutet, daß wir im Zeitalter der Judenverfolgung leben und wenn in Wien bisher nicht ernstere Ausschreitungen vorgekommen sind, ist dieses nur dem gediegenen Kern d er Bevölkerungzuverdanken, sowie der Thatsache daß das Reichsvolksschulgesetz seit drei Decennien gewirkt hat. (Beifall.) Bei Fortdauer all' dieser traurigen Momente erscheint der Bestand des Rechtsstaates in Frage gestellt. (Lebhafte Zustimmung.) Und die Männer der Regierung mögen sich darüber keinen Augenblick täuschen. Unsere Abgeordneten in- und außerhalb des Parlaments haben bisher mit wenigen ruhmvollen Ausnahmen kein Wort darüber gesprochen, daß die Gleichberechtigung der Staatsbürger nicht hergestellt sei. Und doch sollte man meinen, daß es für einen wirklich freisinnigen Abgeordneten kein wichtigeres Thema für die öffentliche Besprechung geben dürfte als dieses. (Sehr richtig! Lebhafter Beifall.) In den letzten Tagen sind langathmige Rechenschaftsberichte allseitig den Wählern erstattet worden, in welchen in langathmiger Weise das nationale Gezänke breitgetreten wurdeaber mit keiner Silbe ward der _ furchtbaren Gefahren gedacht, welche dem Staate durch die Gefährdung der Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetze drohen. Und doch sollte man meinen, daß diese Frage der Gleichberechtigung weit wichtiger ist, als die Frage, ob da und dort ein czechischer oder deutscher Nachtwächter angestellt werden soll. (Heiterkeit.) Nunmehr wollen w i r reden und nicht mehr zu reden aufhören! Wir Juden, die auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, der Kunst, der Wissenschaft Großes und Rühmliches geleistet haben, die Oesterreich schon vor mehr als 100 Jahren einen Josef v. Sonnenfels gegeben haben, der sein ganzes Leben