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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 756 Dr. Blocht Wochenschrrfl. Nr. 41 Kirchenfürst, wie es ja früher vorgekommen ist, und wie es noch neulich die streng kirchliche „Kölnische Volkszeitung" gethan hat, sich wohl hätte bewogen finden können, das christliche Volk über die Grundlosigkeit dieser Beschuldigung, unter welcher ja auch die ersten Christen so viel gelitten haben, zu belehren. Gelten doch die Vorschriften des Alten Testaments 3. B. M. 19, 16 „Du sollst nicht stille dastehn bei dem Blute deines Nächsten", und das. 5,1 „Wenn er nicht Zeugniß sagt, ladet er eine Schuld auf sich" auch für die christliche Geistlichkeit! Indem man uns den „Ritualmord" zuschiebt, vergießt man thatsächlich unser Blut, wogegen wohl der eine oder andere einflußreiche christliche Geistliche hätte einschretten können und sollen. Und wenn ich auch zu ihrer Entschuldigung annehme, daß ihnen die Furcht vor dem antisemitischen Heerbann zu vorsichtigem Schweigen Veranlassung gegeben hat, so gibt es ja genug unabhängige Christen von Intelligenz und Ansehn, die wohl ftir uns hätten Zeugniß ablegeu können, zumal ja viele von ihnen in jüdischen ' Häusern verkehren, und das Judenthum aus eigener Anschauung kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben. Aber es scheint, daß sie es mit dem Studenten Brander in „Auerbachs Keller" halten: „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch seine Weine trinkt er gern." (Lebhafter Beifall.) Bei den deutschen Kaiserkrönungen rief der kaiserliche Herold aus: „Ist kein Dalberg da?" Wegen des hohen Ansehn's dieses Geschlechtes. So hat sich uns Juden angesichts dieser infamen Blutbeschuldigung die Frage auf die Lippen gedrängt: „Ist kein Zola da?" Aber die Frage war eine vergebliche. Da muß ich sagen, daß es vor 500 Jahren hier in Wien bester bestellt war. Da lebte hier zur Zeit des schwarzen Todes ein Geistlicher, Conrad v. Megenberg, und er schrieb in seinem „Buch der Natur", der ersten deutschen Naturgeschichte, über die Anklage, daß die Juden die Brunnen vergiftet hätten, folgende Worte: „Wahrlich, ob etliche Juden das thälen, das weiß ich nicht.... jedoch weiß ich das wohl, daß ihrer zu Wien so viel waren, wie in keiner Stadt, die ich wüßt in deutschen Landen, und daß sie da also sehr stürben, daß sie ihren Friedhof erweitern mußten und zwei Häuser dar zu kaufen. Haetten sie sich nun selber vergiftet, das waer eine Thorheit gewesen." Der Mann hat die Sache von der praktischen Seite aufgesaßt, aber durch seine vernünftige Bemerkung gewiß Manchen aufgeklärt. Heute aber sind wir, da außerhalb unseres Glaubenskreises sich kein Mund zur Bezeugung der Wahrheit aufthut allein auf uns selber angewiesen. Das macht aber nichts. Wix werden es auch allein mit den Antisemiten aufnehmen. Sie wollen die Blutlüge galvanisiren, aber sie galvanisiren uns. Indem sie an unseren Lebensnerv rühren, an unsere Religion, befeuern sie nur unseren Eifer und unseren Entschluß, wie ein Mann für unsere Religion, wie für unsere Ehre und unser Recht einzustehen. Ich führe Ihnen noch einen Satz aus der erwähnten Abhandlung Gustav Frey ta g's von dem Judenknaben Simon Abeles an: „Die jüdische Religion hatte schon siebzehnhundert Jahre bestanden, bevor der erste Christ getauft wurde." Und sie besteht noch! Blicken Sie aber zurück in unsere Geschichte! Als Antiochus Epiphaues den Juden an ihren Lebensnerv, an ihre Religion rührte, da schossen gleich Meteoren die Makkabäer, die Mutter mit den sieben Söhnen auf. Diese Gestalten der Seelengröße, der Ueberzeugungstreue und des Opfermuthes, an denen auch die Christen sich erbauen, hat das Judenthum aufzuweisen. Was aber hat der Antisemitismus aufzuweiseu? Er ist die Düngerstätte, wo, wie der vorliegende Fall zeigt, veraltete und verrottete Borurtheile ausgegraben werden, die man im Volke verbreitet und deren giftiger Hauch die Lust wie die Gesinnung verp.'stet (Lebhafter Beifall.) Harren wir daher muthig aus in der Wahrung unserer Rechte und in der mannhaften Bertheidigung unserer Religion, so werden wir durch diesen Kampf, den man uns allein überläßt, nicht blos uns, sondern auch der Wahrheit dienen, der Wahrheit, die kein jüdisches und kein christliches Gepräge trägt, sondern die nach dem schönen Worte unserer Weisen das „Siegel Gottes" ist. (Lebhafter lang anhaltender Beifall, der sich immer wieder erneuerte. Redner wird allseitig beglückwünscht.) Nachdem der Beifallssturm sich allmälig legte, nahm Cultusvorstand Dr. Heinrich Steger das Wort. Rede des Cultusvorstehers Dr. Steger. „Wenn ich zur Besprechung der ungeheuerlichen Vorgänge und Erscheinungen schreite, welche anläßlich des in jüngster Zeit in Kuttenberg durchgeführten Mordprocesses zu Tage getreten sind, so will ich von vornherein unseren Standpunkt feststellen, um kein Mißverständniß seitens Wohlwollender und keinen Anlaß zu neuerlichen Begeiferungen seitens Uebelwollender wachzurufen. Die Frage ob in dieser cciminalistisch-räthselhaften Angelegenheit ein Jude den Mord begangen, ob der Angeklagte schuldig sei oder nicht, wird von uns dem competenten Richter allein überantwortet, und wir erklären laut und feierlich: So schmerzlich uns der Nachweis der Thäterschaft eines Juden als eines verirrten Glaubensbruders berühren muß, wir selbst würden und müßten ihn zehnfach verdammen, hätte er ja nicht nur allein die allgemeine Rechtsordnung durchbrochen, sondern in der heutigen drangvollen Zeit seinen Glaubensgenossen unheilvollen Schaden zugefügt. Glücklicherweise lehrt die Statistik, daß in den seltensten Fällen die Hand des Juden zum Angriff auf das Leben des Nebenmenschen sich erhebt. Indessen, auch ein Jude kann einen Mord begehen. Was uns bei Besprechung der Vorgänge mit tiefster Empörung erfüllen muß, das ist die infame Behauptung unserer Widersacher, daß der Angeklagte gemordet hat, weil er Jude ist. Mit dieser Behauptung hat sich der grause Schlund des Mittelalters weit aufgethan und das Schreckgespenst der Blutbeschuldigung an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts ausgespieen. Sie werden von mir bei Besprechung des Kuttenberger Processes nicht erwarten, daß ich das Für und Wider des Beweisganges in den Kreis der Erörterungen ziehe: Noch ist in dieser Sache nicht das letzte Wort gesprochen und deshalb maß insbesondere der Rechtsanwalt vor den Pforten des Gerichtes selbst dann auch Halt machen, wenn die schmutzigen Wellen des Antisemitismus sie bespritzen. Monate hindurch wurde am Orte des Gerichtes, welches ruhig und objectiv die Untersuchung pflegen sollte, eine maßlose Hetze, entfesselt, Zeitungen, Broschüren und Ansichtskarten, in welchen der gesammten Judenschaft der empörendste Schimpf angethan ist, wurden massenhaft im Publikum verbreitet und nur in sehr vereinzelten Fällen wurde (fast immer zu spät) über Einschreiten der Betroffenen die Coufiscation angeordnet. Ein sogenanntes antisemitisches Rechtsschutzcomite (Pfuirufe) war in Kuttenberg etablirt — es ist wirklich, schwer, bei diesem Namen ein Hohngelächter zu unterdrücken — ein Comits, welches die Zeugen beeinflußt (neuerliche Entrüstung) die Wahrheit verdunkelt und sein Unwesen so weit getrieben hat, den Bruder des Angeklagten in eine Schänke zu locken, um ihm Mittheilungen zu erpreßen. (Pfuirufe.) Die Landbevölkerung wurde in hellen Schaaren für die Tage der Gerichtsverhandlung nach Kuttenberg aufgeboten, und ein antisemitisches Rachecorps trieb während der Verhandlung unausgesetzt im Gerichtssaale sein Unwesen, ohne daß dagegen vom Platze des Vorsitzenden aus die gesetzlichen Disciplinarmittel in Anwendung gebracht wurden. (Rufe: Leider.) Der Vertheidiger (Beifall), welcher sein Amt muthvoll führte, wurde mit Hohn und Verdächtigungen überschüttet, ja er mußte durch Wache geschützt werden. Und nun frage ich Sie meine Herren: Kö nn en Sie sich i n d ies em m i tte l a l t e rlichen Milieu eine objective Rechtsfindung der Geschwornen denken, welche als einfache Volksrichter einer so unerhörten Terrorisirung gegenüberam wehrlose st ensind. (Rufe: Nie!) Der Vertreter der Anklage hat in zwar verhüllter und verblümter Weise, aber doch verständlich genug die Blutschuldigung

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