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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-13 · 41 (13.10.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
41 (13.10.1899)
Date
1899-10-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 7,: Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 41 Rede des Oberrabbiners Dr. Güdemann. Geehrte Versammlung! Es geschieht zum ersten Male, daß ich, was den Ort betrifft, außerhalb der Grenzen meines Berufes öffentlich rede, daß ich aber sachlich innerhalb dieser Grenzen verbleibe, wenn ich hier das Wort ergreife, ist wohl keine Frage, denn es handelt sich hier für uns darum, mit aller Entschiedenheit und Entrüstung der Beschuldigung entgegenzutreten, daß die Juden, oder selbst nur einzelne Juden Christenblut, Menschenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht haben oder gebrauchen. Nachdem diese hundertmal widerlegte Beschuldigung in einer zu trauriger Notorietät gelangten Gerichtsverhandlung zu neuem Leben erweckt, und außerdem ihre Thatsächlichkeit in einer in diesem Saale abgehaltenen Antisemitenversammlung auf unqualificirbare Weise behauptet wurde, ist es unser Recht und unsere Pflicht, und ganz besonders betrachte ich, der ich seit 33 Jahren das religiöse Lehramt in Ihrer Mitte ausübe, es als mein Recht und meine Pflicht, diese Beschuldigung als das zu bezeichnen, was sie ist: eine Kränkung des uns als einer anerkannten Confession gebührenden Rechtes auf die öffentliche Achtung, und eine niederträchtige, schamlose Fälschung der Wahrheit. (Lebhafter, langanhaltender Beifall). Erlauben Sie, daß ich die Begründung dieser Behauptung mit einem Citat aus einer Zeitschrift einleite. Es ist da von der Ihnen wohl noch erinnerlichen Mortara-Angelegenheit die Rede, und es wird anläßlich derselben gesagt: „Diese Angelegenheit beschäftigt seit einigen Monaten die zeitungslesende Welt. Der Fall ist wohl geeignet, den Unterschied zwischen Sonst und Jetzt bemerkbar zu machen . . . Millionen Christen nehmen Antheil an dem Eingriff in die Rechte einer einzelnen Familie, zahlreiche Petitionen werden wie in England und Frankreich, so auch im protestantischen Deutschland verfaßt; diplomatische Acte und öffentliche Aeußerungen einiger Staatsregierungeu sind nöthig geworden. Solch' allgemeiner Antheil an dem Schicksal eines jüdischen Kindes ist bei uns erst seit Kurzem möglich. Humanität und Sittlichkeit haben erst seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die confefsionelle Beschränktheit überwunden." Wiffeu Sie, woher dieses Citat stammt? Aus dem 51. Hefte des Jahrgaugs 1858 der „Grenzboten", die damals von Gustav Freytag und Julian Schmidt redigirt wurden. Und nun überlasse ich es Ihrer Beurtheilung, wie traurig sich das Jetzt gegenüber der Zeit vor 40 Jahren ausnimmt, und wie viel von dem einst von der Humanität und Sittlichkeit siegreich behaupteten Terrain, ich will nicht sagen confefsionelle Beschränktheit, sondern Unverstand, Rohheit und Bosheit wieder zurückgewonnen haben. (Lebhafter Beifall). Heute handelt es sich nicht um das Schicksal eines jüdischen Kindes, sondern die längst entschlafene Blutbeschuldigung wird wieder galvanisirt, um unsere altehrwürdige Religion als rückständig und gemeinschädlich nachzuweisen, und daraufhin alle ihre Bekenner in Oesterreich zu entrechten. Ich frage mich, ob ein Christ, der es mit seinem Christenthum ehrlich meint, dieser Verleumdung unserer Religion Glauben schenken kann. Er würde ja den Ast absägen, auf dem er selber sitzt. Auf dem Grabdenkmal des Papstes Julius ll. in Rvm befindet sich die Mosesstatue Michelangelo's, in Venedig gibt es eine Moseskirche, hier auf dem Franziskauerplatz und an der Front der Votivkirche steht die Statue Moses, und aus den fünf Büchern eben dieses Moses, aus der Thora, ist uns erst am heutigen Sabbath Früh vorgeleseu worden, wie Gott schon zu Noah sagte: „Wer Blut eines Menschen vergießt, durch Menschen soll sein Blut vergossen werden, denn im Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht." Und dieses Bild Gottes, welches unsere Religion in jedem Menschen erblickt, denn zu Noah's Zeit hat es noch keine Juden und keine Christen gegeben, sollte eben diese Religion zu tödten gestatten, noch dazu um der Religion willen? Welcher Christ, der da weiß, daß das neue Testament an der Brust des Alten genährt ist (lebhafter Beifall), könnte diese Behauptung, ich möchte sagen, diesen Muttermord wagen, oder ihn uns zumuthen? Uns, denen die Thora das heiligste Palladium ist, zu dessen Vertheidigung nie ein Tropfen Christenblut vergossen wurde, wohl aber Ströme von Judenblut den Rhein und die Donau hinuntergeflossen sind. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Sie aber, meine Herren, mögen aus diesen Thatsachen schließen, wie es mit dem Christenthum derer bestellt ist, was für Stützen und Patrone des Christenthums und des christlichen Volkes diejenigen sind, welche die Lüge der Blutbeschuldigung heute wieder verbreiten und dadurch die Axt an die' gemeinsame Wurzel des Christenthums wie des Judenthums legen. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Wenn ich mich aber für die Grundlosigkeit dieser Beschuldigung auf das christliche Gewissen berufe, so thue ich das nicht invita Minerva, sondern ich thue es unter Zustimmung der höchsten christlichen Instanzen, nämlich der Päpste. Ich verweise Sie zu diesem Zwecke auf die Schrift: „Urkundliche Beiträge über die Stellung der Päpste zu deu Juden. Mit Benutzung des päpstlichen Geheimarchivs zu Rom." Von Moritz Stern, Kiel 1893. Ich führe daraus blos die Kundgebung des Papstes Gregor X. vom Jahre 1272 an, die aus Orvieto, und gerade vom heutigen Kalendertage, vom 7. October, datiert ist. Er bewilligt in der Einleitung den Juden die von ihnen erbetene Vertheidigung und Hilfe, wie er wörtlich sagt, aus der Sanftmuth christlicher Frömmigkeit, den Spuren unserer Vorgänger sel. Andenkens Calixtus, Eugenius, Alexander, Clemens, Celestin, Jnnocenz und Honorius folgend und fährt dann fort: „Da es sich zuweilen ereignet, daß Christen ihre eigenen christlichen Knaben weglhun und dann den Juden von ihren Feinden znr Last gelegt wird, daß sie diese Knaben verstohlen auf die Seite bringen und tödten, und deren Herz und Blut opfern, während die Väter dieser Knaben ödere andere Christen aus Feindseligkeit gegen die Juden diese Knaben heimlich verbergen, damit sie diese Juden kränken und als Entgelt für ihre Befreiung von Quälereien von diesen Juden eine Geldsumme erpressen können, und fälschlichst betheuern, daß die Juden diese Knaben auf die Seite gebracht und getödtet hätten, und daß Juden das Herz und das Blut dieser Knaben opfern, während doch ihr Gesetz dieses bestinimt verbietet und ausdrücklich erklärt, daß die Juden nicht opfern, und Blut nicht trinken sollen, selbst nicht vom Fleisch solcher Thiere, die gespaltene Hufe haben, was von Juden, die zum christlichen Glauben bekehrt wurden, an unserem Hofe wiederholt anerkannt worden ist, trotzdem aber durch solchen Anlaß sehr viele Juden sehr oft widerrechtlich gefangen gesetzt und gehalten wurden: „So bestimmen wir, daß Christen in diesem Falle und aus diesem Anlaß ni cht ge h ört werden sollen, und befehlen, daß die aus solchem frivolen Anlaß gefangen gesetzten Juden aus dem Kerker befreit und fernerhin aus derartigem frivolen Anlaß nicht wieder gefangen genommen werden sollen, es sei denn, was wir aber nicht glauben — quod non credimus — daß sie auf frischer That — m flagranti crimine — ertappt würden." (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Aehnliche Kundgebungen sind in der erwähnten Schrift enthalten von den Päpsten Jnnocenz IV. und Martin V., außerdem liegen solche vor von Cardinälen, Bischöfen, Königen, Fürsten

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