Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 41 (13.10.1899)
- Date
- 1899-10-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 41 Br» Blvr^s Wochenschrift. Seite 753 des Blutes von der Polnaer Leiche Näheres erfahren will, so wende er sich nur an die Redacteure des „Deutschen Volks blattes". Im „Deutschen Volksblatt" (vom 25. September, Seite 4) war Folgendes zu lesen: „Die Nachricht, daß das Blut der Ermordeten zu rituellen Zwecken aufgefangen und per Eisenbahn mitgenommen worden sei, wurde uns von vollständig verläßlicher Seite und in der verbürgtesten Weise mitgetheilt." Wenn die Redacteure des „Deutschen Bolksblattes" „von vollständig verläßlicher Seite und in der verbürgtesten Weise" hierüber Mittheilungen erhalten, so wird das dem Herrn Pfarrer Deckert auch kein Geheimniß bleiben und es erscheint uns räthselhast, daß die k. k. Staatsanwaltschaft von den Herren nicht das Zeugniß hierüber abverlangt. Wir haben sonach zu der Bermuthung Ursache, daß diese Herren über den Polnaer Mord und den Verbleib des Blutes mehr wissen, als sie bis jetzt verrathen haben. In der Nummer des°in Shanghai (China) erscheinenden „O st a s i a t i s ch e n Lloyd" vom 10. Juni 1892, steht Nachstehendes zu lesen: „In W u s i e h, einer Stadt, die etwa 20 deutsche Meilen von Shanghai liegt und der Mittelpunkt der Seidencultur Kiangsus ist, sind unter dein Volke während der letzten Wochen wieder zahlreiche Gerüchte über vorzunehmende Ausschreitungen gegen die christlichen Missionen laut geworden. Bekanntlich wurden in Wusieh im Sommer v. I. die katholischen Missionsgebäude, sowie Kirchen niedergebrannt. Zn der unruhigen Stimmung haben die Gerüchte Anlaß gegeben, daß die Missionare einen großen Balken in der im Bau begriffenen Kirche anbringen werden, der zuerst mit dem Blute von 300 Kindern bemalt sein muß. Hört man irgendwo von einem Kinderdiebstahl, so heißt es sofort, daß dieselben an die Missionare^ zu besagtem Zwecke verkauft worden sind. An den Straßenecken Wustehs fand man Placate angeschlagen, welche besagten, daß so und so viele Kinder für Missionsuvecke gestohlen worden seien. Eines dieser Placate war folgenden Inhalts: Es ist wahr, daß d i e K atholiken dieses Platzes ihre Häscher altssenden, um anderer Leute Kinder zu st e h l e n u n d a u s lohnen die Essenz ihrerLebenskraft zu ziehen. Falls Eltern nicht achtsam sind, wird es ihnen schlecht gehen. Gutes Volk, vervielfältigt solche Placate und schlagt sie überall an. (Sitte Unzahl von Kindern ist bereits auf diese Art umgekommeu. O Himmel, nimm diese Höllenhunde, rotte diese Bestien aus! Die verfluchten Beamten dürfen es nicht wagen, die Fremden zu bestrafen." Die Beamten haben von ihren Vorgesetzten strengen Befehl bekommen, die Christen zu beschützen; Proklamationen gegen die Verbreitung dieser Placate sind erlassen und verschiedene Schuldige bereits eingefangen worden, die zur Strafe in Ketten in den Straßen paradiren müssen, um den Hals den Holzkragen tragend, auf dem geschrieben steht: „F ü r d a s E r fi n d e n v o n grundlosen Ger üch ten, um das Volk a ufz uh etzen." So straft man in China die „Erfinder des Blutmärchens". Wenn man bei uns „gegen die handwerksmäßigen Blutlügner" mit derselben gerechten Strenge vorginge, wie viele der AWldorfer Helfershelfer würden sodann frei herumlaufen? Jedenfall hätten wir — keinen Proceß Hülsner in Oesterreich. Der israelitische Cultusvorstand, speciell Herr Vicepräsident Dr. Alfred Ster n, hat sich durch Einberufung und überaus würdige Leitung dieser großen Versammlung den Dank des Wiener Judenthums erworben. * * Die Versammlung im Musikvereinssaal war in der That eiv imposante Kundgebung des Wiener Judenthums. Weit mehr al dreitausend Personen hatten der Einladung der Cultusgemeind Folge geleistet. Sie konnten Alle nicht Platz finden in dem Rieser parquet des Musikvereinssaales und auf den mit Menschen dick gefüllten Galerien, und Hunderte mußten unverrichteter Dinc ^bim Eingangsthore umkehren. Die zerbrochenen Fensterscheibe des Portals zeugen von dem gewaltigen Ansturm der Einla Begehrenden. Die Sicherheitswache mußte aufgeboten werden, m dem Andrang von allen Seiten zu wehren. Von 7,7 Uhr an ergoß sich der Menschenstrom in de Saal, und bald waren alle Sitz- und Stehplätze besetzt. Rebe der Borstehung der Cultusgemeinde und den Rednern des Abend sah man auf der Estrade zahlreiche angesehene Advocaten, Aerzt Industrielle und Kaufleute, Biele, der feierlichen Veranlassun Rechnung tragend, schwarz gekleidet. In den Logen und auf de Galerien saßen viele Damen. Es war eine Monstreversammlun erzener Art, wie sie die constitutionelleAera in Oesterrreich noch nick sah, weil die Wogen des confessionellen Hasses in diesen fünfzi Zähren noch nie so hoch empor geschlagen haben. Die würd« voll und doch so eindringliche Beredsamkeit des geistlichen Ober Hirten der Wiener Judengemeinde, die markigen Worte des Vorsitzenden und des zweiten Redners weckten in der Versammlung ein stürmisches Echo, das sich oft zum minutenlang währenden Beifallssturm steigerte. Dramatisch war der Augenblick, als der Ober-Rabbiner, die Rechte zum Schwur erhoben, unter höchster Spannung der Zuhörer den feierlichen Eid leistete, daß die Blutbeschuldigung ein lügenhaftes Märchen sei. Und als zum Schluffe der Versammlung des Kaisers gedacht wurde als des obersten Hüters und Wahrers von Recht und Gesetz, da erhoben sich die Anwesenden wie Ein Mann. Hüte und Tücher wurden geschwenkt, und ein dreimaliges, tausendstimmiges Hoch machte den Saal erzittern. Als Regierungsvertreter war Polizei-Commissär Johann Lauter anwesend. Dem ungestörten Verlauf der interessanten feierlichen Versammlung, die in eine geharnischte Resolution ansklang, entsprach das äußere Bild in den Straßen um den Mufikvereinssaal. Begrüßungsrede des Gemeinderathes Dr. Stern: In Folge Erkrankung des sehr verehrten Präsidenten der israelitischen Cultusgemeinde, kais. Rath Klinger, welcher bedauert an der heutigen Sitzung nicht theilnehmen zu können, fällt mir die ehrenvolle Aufgabe zu, Namens des Vorstandes Sie herzlichst zu begrüßen und danke ich Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen. Es hat — wie Ihnen bekannt — unmittelbar nachdem der Proceß in Kuttenberg mit allen seinen Begleit-Erscheinungen stattgefunden hatte, der Cultusvorstand im Vereine mit dem Rabbinate einen feierlichen Protest erhoben, welchen er amtlich zur Kenntniß des Ministerpräsidenten, des Justizministers, des Cultusministers und des Statthalters von Niederösterreich und auch durch die Journale zur öffentlichen Kenntniß brachte, einen feierlichen Protest gegen die in jenen Proceß hineingetragene tendenziöse Beschuldigung, daß das Judenthum oder irgend eine jüdische Secte den Ritualmord oder den rituellen Gebrauch von Menschenblut lehre oder übe oder jemals gelehrt oder geübt habe. Diese einstmals wider uns erhobene Anschuldigung, welche nun zu neuem Leben zu erwecken versucht wird, ist — ich reproducire hier wörtlich den Ausspruch eines hervorragenden christlichen Theologen, Professors Siegfried in Jena — nicht etwa ein harmloses Märchen, sondern nichts Anderes als eine Erfindung der Bosheit, welche von der Dummheit geglaubt wird! (Beifall.) Dieses versuchsweise neuerweckte Vorurtheil ist der letzte Ueberrest jener finsteren Geschichtsepoche, welche ihr sprechendes Spiegelbild findet in dem fluchwürdigsten Werke, das die Menschheit aufzuweisen hat, in dem Malleus maleficarum, dem Hexenhammer, der Tod und Schrecken verbreitete und Hunderttausende schuldloser Opfer zum Scheiterhaufen führte. — Das waren die Ritualmorde, vor deren Erinnerung heute noch die Menschheit schaudernd das Antlitz verhüllt. (Stürmischer Beisall.) Was wir hier Vorhaben, was wir wollen, was hier laut werden soll? Der Schrei nach Recht! Ich möchte den Gegenstand unserer Besprechung hier in die Form der Frage kleiden: Dürfen die Juden als Verbrecher, als Mörder von Religionswegen erklärt werden? (Stürmische Rufe: Nein!) Die Antwort hieraus, wie sie nicht allein von Juden, wie sie überhaupt von allen anständigen, gebildeten Leuten aller Confessionen zu geben ist, kann nur sein: ein entschiedenes Nein! Und dieses Nein, welches in Form einer Ihnen vorzulegenden Resolution wir Tausende von Juden hier sprechen werden, soll nicht verhallen in diesem Saale; es soll hinaushallen in unsere große herrliche Vaterstadt, in die weiten Gaue unseres Vaterlandes, überallhin, wo noch die Empfindung, der Sinn für Gerechtigkeit lebt, für Gerechtigkeit, die nicht nach dem Gefallen oder Mißfallen von Parteien schielt und nicht durch Vorurtheil und böse Triebe sich beeinflussen läßt. (Stürmischer Beifall.) Ich bitte nun den Herrn Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, das Wort zu ergreifen.