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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 746 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 40 andere Fähigkeiten zu gutem Ziele führen können. Fürst Leopold von Dessau, der jetzt allerdings schon ein Dritteljahrhundert todt ist, war einer der berühmtesten Feldherrn, und doch war er einer der rohesten und unwissendsten Fürsten seiner Zeit, und konnte kaum lesen und schreiben. Nicht unmöglich wär's, daß wenn Lorenzens Hochmuth und Ueberhebung in die richtige Bahn gelenkt würden, ein vorwärts drängender Ehrgeiz in ihm geweckt würde, und er es als Soldat zu etwas bringen könnte." Pfarrer Willibald war ein kluger Mann. Wenn er es beabsichtigte, vermochte er die bitterste Wahrheit in irgend einer Weise zu versüßen, und trotz seines Zornes mußte Golzinger doch erkennen, daß er ihm in wohlwollender Absicht einen guten Rath ertheile. Bei näherem Bedenken mochte er wohl auch erkennen, daß es in seines Sohnes Interesse gelegen sei, sich mit dem geistlichen Herrn nicht zu verfeinden und sprach: „Herr Pfarrer, Sie haben eben keine Kinder, Sie fühlen es nicht, wie ein Vater sein leibliches Kind liebt. Ich wünsche, daß mein Lorenz hoch stiege, und ich bin leider ein Bürgerlicher, als solcher kann aber mein Sohn nur als Jurist zu einer hohen Stufe cmporklimmen. Bei dem Militär kann er fast gar nicht avanciren. Man wird in unserer Armee selten einen bürgerlichen Officier finden, aber daß es im ganzen österreichischen Heere keinen bürgerlichen Stabsofficier, keinen Major gibt, daraus möchte ich ein Jurament oblegen. Ich weiß das genau, meiner Frau Schwestermann ist ein Baron und jetzt ein Major in Pension, er hat als verschuldeter Lieutenant meine Schwägerin ihres Reichthums wegen geheiratet, der kennt die Verhältnisse in der Armee genau." „Die Verhältnisse, die Sie soeben angedentet haben, können sich leicht ändern. Vergessen Sie nicht, daß jetzt Kaiser Josef in Oesterreich regirt. der ein Menschen-, und daher auch ein Bürger- und Bauernfreund ist, ein Fürst, dessen Streben dahin gerichtet ist, dem Talente, wo er es auch findet, oder Rücksicht auf Geburt und Abstammung, die freie Bahn zu öffnen." Es trat in dem Gespräche eine kurze Pause ein, endlich meinte der Bürgermeister: „Also Sie sind fest und unabänderlich entschlossen, meinen Lorenz nicht mehr zu unterrichten?" „Gewiß, aber Sie brauchen sich darüber nicht zu grämen, es ist in der That hierbei nichts verloren, Lorenz würde von meinem Unterrichte nichts profitiren." „Dann hätte ich nur noch die Bitte an Sie zu richten, hochwürdiger Herr, nicht zu erzählen, daß Sie den Unterricht meines Sohnes aufgeben. Ich würde glauben lassen, ich hätte mich bezüglich meines Sohnes anders resolvirt, ich hätte ihn zum Militärstande bestimmt und gelehrtes Wissen wäre nur ein überflüssiger Ballast auf seiner Lebensbahn." „Ich bin kein Schwätzer, Herr Bürgermeister", erwiderte der Pfarrer. „Ich bin gewiß der Letzte, der ohne zwingende Nothwendigkeit etwas spricht, das einen Andern schädigen könnte. Aber auch ich habe eine Bitte an Sie. In Ihres Sohnes und in Ihrem eigenen Interesse, ersuche ich Sie, Ihren Sohn strenger zu halten, er bedarf einer starken, unnachsichtigen Hand, ihn auf die richtige Bahn zu lenken. Namentlich muß ich Sie bitten, ihn vor einem Verbuche Michael zu mißhandeln oder zu beleidigen, nachdrücklichst zu warnen. Es könnte dies nur zu Ihres Sohnes Nachtheil ausfallen. Michael ist ihm, wie ich mich heute zu überzeugen Gelegenheit hatte, an Kraft überlegen und ich müßte bei einer Wiederholung der heutigen häßlichen Scene, auf eine strenge, exemplarische Züchtigung Ihres Sohnes dringen, und würde ihn auch Ihre Stelluug vor einer solchen nicht zu schützen vermögen!" * * * Bürgermeister Golzinger kam in höchst verdrießlicher Stimmung heim. Sein Muttersöhnchen Lorenz war, er mußte sich die Wahrheit trotz seiner Affenliebe zu diesem, gestehen, ein Taugenichts in des Wortes vollster und richtigster Bedeutung. Er hatte bisher in seinem Lorenz ein Spiegelbild seiner eigenen Jugend zu erblicken geglaubt; aber er selbst war als Knabe wohl einer heilloser, zu allen schlechten Streichen aufgelegter Gassenjunge, ein Schrecken aller schwächeren Kinder, aber er war wenigstens ein begabter Bursche gewesen; — und jetzt muße er inne werden, daß sein Sohn nur alle seine schlechten, aber keine seiner guten Eigenschaften besitze. Der Bursche hatte ihm nach allen Richtungen hin Verdruß und Schande bereitet. Jetzt erkannte er erst, daß er trotz seiner Klugheit von speichelleckerischen Schmeichlern gröblich über seinen Sohn getäuscht worden war. Die Lehrer an der städtischeil Schule, die von ihm abhingen, hatten, wenn auch nicht die Sitten und den Fortgang, so doch die Fähigkeiten und Anlagen seines Sohnes hochbelobt, ihn in dem Wahne gelassen, Lorenzens Gassenbübereien und Schelmenstreiche wären nur entschuldbare Auswüchse eines überregen Geistes, und wenn er einmal die Turbulenz der Knabenjahre abgestreift haben und zur Einsicht gelangt sein werde, werde er auch all den Witz und Scharfsinn, den er jetzt freilich nur auf übermüthige Streiche verwende, in besserer Weise zur Aneignung von Wissen verwerthen, und in den spätern Knabenjahren, durch rasche Auffassung das Versäumte nachholen. Und nun hatte ihm Pfarrer Willibald erklärt, sein Sohn sei ein total unfähiger Bursche. Es war seit der Geburt seines einzigen Kindes sein Lieblingsgedanke gewesen, ihn einst Jurisprudenz studiren zu lassen, und er hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, es noch zu erleben, ihn auf einer hohen Stufe der Beamtenhierarchie zu erblicken; — und nun war der schöne Traum des eitlen Vaters zerronnen. Bei weiterem Bedenken trat zu der Sorge für die Zukunft noch die Befürchtung mit dem Grafen Andrassy in einen unangenehmen Conflict zu gerathen. Sein Bube hatte den jungen Officier in unverantwortlichster Weise geschädigt, hatte seine Lieblingspferde in grausamster Weise gequält. Mit einem heißblütigen, jungen Magnaten, welcher einer der ersten ungarischen Familien angehörte, war in jener Zeit kein Scherz zu treiben. Der Lieutenant war vollkommen berechtigt, von dem knickerigen Golzinger vollen Ersatz für den ihm von dessen Sohne zugesügten Schaden zu beanspruchen, und dieser konnte sich bei der seltenen Schönheit der beschädigten Pferde, welche überdies pretium affectionis sehr hoch taxirt werden, konnten auf eine sehr großen Summe belaufen, auch konnte Graf Andrassy eine exemplarische Züchtigung seines Sohnes verlangen, und so tyrannisch Golzinger gegen unter ihm Stehende war, ebenso kriecherisch und furchtsam benahm er sich einem hochadeligen Herrn gegenüber. Zu alledem hatte „der dumme Lorenz," wie der erboste Golzinger seinen;onst geliebten, verzogenen Sohn in seinen Gedanken das erstemal nannte, diesmal seine Gassenbüberei nicht einmal genial durchgeführt, er war bei seiner Thierquälerei in flagranti betreten worden und hatte eorain popolo einen scharfen Peitschenhieb ins Gesicht erhalten. „Herr Gott im Himmel!" mußte der Bürgermeister unwillkürlich halblaut ansrufen, „was das ein anderer als der junge Graf Andrassy gewesen wäre, ich hätte den Coujon halb oder ganz todtprügeln lassen!.... und der neunjährige Judenjunge hatte, wie der glaubwürdige Pfarrer berichtete, dem um vier Jahre ältern, „gutgenährten, langen, dicken Jungen", so bezeichnete er ihn in seinen ärgerlichen Gedanken, die Reitpeitsche entrissen, zerbrochen und aus dem Fenster geworfen. Wenn sein schwarzes, steinernes Herz einer dankbaren Regung fähig gewesen wäre, hätte er noch die lästige Verpflichtung gehabt, den „landstreicherischen Judenbuben", so titulirte er Michael in seinen Gedanken, dafür dankbar zu sein, daß er seinen Sohn nicht tüchtig durchgewammst hatte. Einem unedlen Menschen ist nichts bedrückender, als das Gefühl der Ohnmaßt, als wenn auch verdiente Zurechtweisung nicht durch zugesügtes Leid vergelten zu können. Golzinger hätte am liebsten dem Grafen Andrassy, dem Pfarrer und dem kleinen Michael alles erdenkliche Böse zugefügt. Aber der junge Magnat war seiner Rache völlig unerreichbar, der Pfarrer durch seine Stellung vor seinem Grimme geschützt, ja sogar der kleine Judenknabe schien seiner Machtsphäre dadurch entrückt, daß Pater Willibald erklärte, ihn vor jeder Unbill zu schützen. Sein Zorn fand in dem Momente keinen wünschenswerthen Ableiter und lenkte sich gegen seinen ursprünglichen Willen auf seinen Sohn. Alles erschien ihm heute an diesem strafwürdiger als sonst. Wenn sich sonst Lorenz in der Schule bei einer Schelmerei in unverschämtester Weise herausgelogen, hatte er nichts dagegen eiuzuwenden, aber ihn selbst hätte er nicht in solcher Weise belügen sollen nnd so entlud sich Golzinger's volle Zornesschale auf Lorenzens schuldig Haupt; und es trat das Erstemal in seinem Leben ein Ereigniß ein, das früher eingetreten nur förderlich hätte einwirken können, nämlich zu Lorenzens namenloser und unangenehmster Ueberraschung prügelte ihn sein Vater mit musterhafter Gründlichkeit durch, und Lorenz schrie als wenn er am Spieße stäke. (Fortsetzung folgt.)

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