Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Bloch's Dorl;enfchrM« Seite 745 Stamm die begangene Feigheit wettmachen und ein treuer Sohn seines Volkes sein, so wahr mir Gott helfe." „Amen!" sagten die beiden älteren Herren, selig vergnügt in das Zimmer der ängstlich harrenden Wöchnerin tretend. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) „Ich habe dem alten Manne versprochen", fuhr Pater Willibalo zu reden fort, „ihm sein Recht, seinem Sohn, so weit das eben erreichbar, Genugthuung zu verschaffen . . . Herr Bürgermeister, ich muß Sie dringend bitten, dem alten Manne die kleine Pension, die ihm gebührt, auszuzahlen, er ist in seinem vollen Rechte; auch muß ich Sie ferner recht sehr bitten, dem alten Wenzl als Ersatz für die harte Gefängnißhaft drei Gulden, dem Steinklopfer Hans aber fünf Gulden Schmerzensgeld zu bezahlen." „Weiter haben Sie keine Wünsche?" schrie Golzinger ironisch wüthend. „In dieser Angelegenheit noch einen, nämlich den, daß Sie die beiden Mißhandelten recht herzlich um Verzeihung bitten; — aber diesen Wunsch werden Sie mir gewiß nicht erfüllen. „Darin haben Sie vollkommen recht!" erwiderte der Bürgermeister giftig. „Glauben Sie in der That, daß ich Ihrem anderen Wunsche entsprechen, den beiden groben Lumpen ein schönes Stück Geld aus meiner Tasche zahlen werde?" „Davon bin ich überzeugt; Sie werden mich nicht zwingen, eine Klage gegen Sie bei der Oberbehörde einzubringen. . Eine Untersuchung dieser Angelegenheit würde Ihnen weder zur Ehre noch zum Nutzen gereichen." Der Bürgermeister erkannte, daß es dem Pfarrer mit seiner Drohung voller Ernst sei, er durfte diese Angelegenheit, in welcher er in jeder Beziehung so incorrect als möglich gehandelt, nicht ans die Spitze treiben und er sprach nach kurzem Bedenken: „Ich bin ein reicher Man, mir kommt's Gott Lob auf acht Gulden nicht an, ich werde den Hungerleidern die Paar lumpigen Gulden schenken.Ich möchte mich nicht gerne mit dem elenden Plebs gemein machen, und werde sobald ich nach Hause komme, die acht Gulden herüber schicken, ich bitte Sie, den Leuten das Geld als ein Geschenk von mir zu übergeben. Auch was die Pension betrifft, will ich nicht eigensinnig sein, und die Stadtkasse anweisen, dem ehemaligen Nachtwächter, trotzdem er jetzt gar nichts mehr leisten kann, sein Gehalt nach wie vor auszuzahlen." „Ich will diese Vermittlung gerne übernehmen", sprach Pater Willibald, „und somit wäre nun die eine Angelegenheit, wegen welcher ich Sie als Bürgemeister und Privatmann anging, erledigt. Ich gehe nun zu der zweiten über, die Sie als Vater betrifft, und die Sie selvst in Anregung brachten. . . Während mir Wenzl Urzmann seine Leiden vorbrachte, hatte sich , wie ich durch die dünne Thür deutlich vernehmen konnte, zwischen den beiden Knaben ein lebhaftes Gespräch entwickelt, den ersten Theil hörte ich noch während der Nachtwächter sprach, und als ich diesen dann durch die Hinterthür meines zweiten Zimmers entließ, blieb ich horchend an der Thüre stehen, um zu hören, wie sich die beiden Knaben weiter benehmen würden. Ich hatte nun wieder Gelegenheit zu erkennen, daß meine schlechte Meinung von Lorenz eine gerechtfertigte sei und die Ruhe und den Charakter Michael's zu bewundern." „Sie sprechen von dem Judenburscheu mit eben so viel Liebe und Enthusiasmus, als von meinem Lorenz mit Abneigung und Verachtung", meinte der Bürgermeister bitter. „Ich spreche von jedem, wie er es verdient. Lorenz sprach ganz unvermittelt, während er die Reitgerte aus der Ecke holte und sie durch die Luft sausen ließ. „Weißt Du, was das ist?" „O, ja," hat Michael erwidert, „das ist eine Reitpeitsche." _ „Aber weißt Du auch, weshalb ich sie heute mitgenommen? frug Lorenz von Neuem. „Nein, das weiß ich nicht," lautete Michael's Antwort. „Um Dich, wenn wir fortgehen, halbtodtzuprüzeln!" Der Ton, in dem Ihr Sohn sprach, schloß offenbar jeden Scherz aus, und Michael sprach: „Ji. warum willst Du mich den halbtodtprügeln? „Ich habe Dir ja nichts zu Leide gethan, Dich nie beleidigt." „Das möchte ich Dir auch nicht wünschen," hatte Lorenz hohnvoll daraus geantwortet und war fortgesahren: „Mein Vater zwingt mich zur Stunde hierher zu gehen und ich muß ihm ja doch zuweilen gehorchen. Ich will aber mit keinem Juden zusammen lernen, nicht neben einem Juden sitzen, nicht mit einem Juden in einem Zimmer sein; und da denk' ich, wenn ich Dich tüchtig dnrchwalke. wird Dir die Lust vergehen, wieder hierher zu kommen, und Du wirst den Platz räumen!" Ich war über die Roheit Ihres Sohnes empört, aber ich bezwang mich, ich wollte sehen, wie sich Michael Klein diesem brutalen Angriffe gegenüber benehmen würde; nöthigenfalls konnte ich ja rasch eintreten. Zu meinem nicht geringen Erstaunen bewahrte der neunjährige Knabe eine geradezu bewundernswürdige Ruhe, die mau für Mutlosigkeit hätte halten können, wenn nicht der weitere Verlauf der Begebenheit bewiesen, daß er sein Recht mannhaft zu vertreten weiß, und sich seiner relativ großen Körperkcaft vollkommen bewußt war. „Weshalb aber willst Dn neben keinem Juden sitzen? frug er. „Weil alle Juden Hallunken sind. Du bist ein Hallunke, Dein Pflegvater ist ein Schuft, Deine Mutter war eine Landstreicherin, Dein Vater.Michael hatte Ihren Sohn unterbrochen. „Was Du von mir sprichst, ist mir gleichgiltig, denn ich verachte Dich, Du bist ein dummer, böser, unwissender Junge, aber meine Eltern im Grabe und meinen Pflegevater lasse ich nicht beschimpfen; .... ich verlange, daß Du deine Worte widerrufst!" Ihr Lorenz schäumte vor Wuth. Der ungezogene Junge vergaß daran, daß er den kleinen vaterlosen Knaben, der ihn nicht mit einer Silbe, nicht mit einer Miene beleidigte, in den Menschen, die ihm die liebsten auf der Erde, deren Erinnerung ihm heilig war, tödtlich verletzte, er glaubte Jedermann ungestraft mit Füßen treten zu dürfen, sich selbst aber hielt er für unverletzlich unv rief: „Daß ich hier in der Wohnung des Pfarrers bin, soll mich nicht abhalten. Dich für Deine Unverschämtheit zu züchtigen", und bei diesen Worten machte er Miene, mit der Reitpeitsche aus Michael einzudringen. Jetzt öffnete ich rasch die Thüre, aber Michael bedurfte meiner Hilfe nicht; er sprang ans Lorenz zu, entriß ihm die Reitpeitsche und hielt sie einen Moment drohend gl gen ihn gerichtet. Schon fürchtete ich, er würde sie auf Lorenz niedersausen lassen, dieser hatte die Züchtigunng wohl verdient und kein Mensch hätte das schwergereizte Kind zu tadeln vermocht, wenn es sich von seinem gerechten Unwillen hätte hinreißen lassen, aber er sprach : „Siehst Du, Lorenz, ich bin stärker als Dn, ich habe Dir die Reitpeitsche entrissen und könnte Dich schlagen, aber in unserer heiligen Bibel steht: Du sollst Dich nicht rächen, Du sollst nicht vergelten; — und ich will mich nicht rächen; aber damit es Dir nicht noch einmal gelüsten möge, mir mir Deiner Reitpeitsche zu drohen, zerbreche ich sie und werfe sie zum Fenster hinaus," und ließ sofort seinen Worten die That folgen Ich aber sagte Lorenz, daß er nie mehr die Schivelle meines Zimmers betreten solle. Sie, Herr Bürgermeister, erinnern sich wohl, daß ich Ihnen ausdrücklich erklärt habe, daß wenn Lorenz mir Verdruß bereiten, unaufmerksam sein, nichts lernen, oder sich mit Michael nicht vertragen sollte, ich seinen Unterricht sofort abbreche. Alle diese ungünstigen Voraussetzungen sind eingetroffen, und ich bin somit meines Versprechens frei und ledig ... Ich habe Ihnen, so leid es mir auch thut, weh gethan. Gestatten Sie mir, Herr Bürgermeister, Ihnen zur Entschädigung hierfür, in der besten Absicht einen Rath zu ertheilen. Lorenz ist für den gelehrten Stand vollkommen ungeeignet. Es fehlen -ihm hiezu alle Vorbedingungen. Ec besitzt weder Talent noch Lust noch Willen hierzu. Wenn Sie auf Ihren Absichten beständen, würden Sie nur nutzlos Zeit und Geld verlieren, und müßten schließlich doch von Ihrem Vorsatze abstehen. Wenden Sie Ihren Sohn einem Lebensberufe zu, in welchem er seine andern natürlichen Anlagen bester verwenden kann. — Lasten Sie ihn etwa Landwirth, Kaufmann oder Soldat werden, namentlich würde ich ich Ihnen zu letzterem rathen. Er ist kräftig, dreist, waghalsig, das sind Eigenschaften, die, wenn weise geleitet, das richtige Material für einen tüchtigen Soldaten geben. Auch würde er bei diesem Stande gezwungen sein, den hohen Grad von Ungebundenheit, dem er sich ergibt, abzulegen und würde Gehorsam und Subordination gegen seine Vorgesetzten lernen. Allgemeine Bildung ist zwar überall förderlich; aber, wenn ich mir auch kein Urtheil über einen Stand, der meinem so ferne steht, erlauben darf, scheint es mir doch, daß bei den gegenwärtigen Verhältnissen des Kriegswesens, auch