Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 744 Dr. Bloch's Wocheufchrifl. Nr. 40 Zwei schwere Thränen rollten dem armen Vater in den ergrauenden Bart, während Frau und Tochter heftig schluchzten. „Und er?4lispelte Ernestine. „Soll einsam den Weg gehen, den er eingeschlagen;" erwiderte Wiener. „Hat er den Jammer bedacht, den er über seine Eltern, der Frau, über diese selbst gebracht, als er aus Ehrgeiz oder aus Eitelkeit den unseligen Schritt des Uebertritts gethan? '' Man hörte die junge Frau noch leise weinen, dann sagte sie mit schwacher erregter Stimme: „Es ist Alles wahr, was Du gesprochen, eben so daß das Glück meiner theuren Eltern an meinem Entschlüsse hängt, und sie meinen Verlust viel schwerer werden verwinden können, als mein Mann — doch sage mir lieber Vater, gibt es gar keinen anderen Ausweg?" „Möglich; bevor ich ihn jedoch versuche, will ich Deiner sicher sein." Ernestine streckte die eine Hand dem Vater, die andere der Mutter entgegen. „Euer Kind bleibt bei Euch," sagte sie entschlossen. Erleichtert aufathmend, wie wenn er einer Gefahr entronnen, stand Herr Wiener auf, küßte herzhaft seine Tochter und begab sich in das Zimmer, in welchem er seinen Bruder und Schwiegersohn wußte. Dort , standen beide in einer Fensternische und blickten schweigend in die Straße hinunter; offenbar kampf- und redemüde; offenbar resultatlos der Eine; unnachgiebig der Andere. Jacob Wiener deutete dem Bruder durch ein Achselzucken an, daß er nichts ausgerichtet. Armin blieb unbeweglich; die Augen gesenkt. „Versuch' Du es, sagte Jacob, seinen Platz verlassend; ich kann mit diesem Starrkopf nicht fertig werden. Ich habe keine Autorität; ich bin blos der arme Onkel. Meine Vernunftgründe sind zu Ende und zu Schanden." Ein routinirter Schauspieler hätte seinem Gesichte nicht rascher einen veränderten Ausdruck geben können, als der schlichte Mann, der eben von der erregten Unterredung mit seinem Kinde kam, die so viele Thränen kostete, es that. Er trug die vollste Ruhe zur Schau und blickte mit beinahe boshafter Freude auf seinen Schwiegersohn, als er zum Bruder sprach. „Kannst Dir jede Aufregung ersparen lieber Bruder, sagte er, es verlohnt sich die Mühe nicht. Seit ich meine Tochter wieder habe, ist dieser Mensch für mich ein Fremder. Sollen seine Eltern um ihn trauern; uns geht er nichts mehr an. Armin fuhr erschrocken auf. „Seit Sie ihre Tochter wieder Habens?" frug er bestürzt. „Seit meine Tochter zwischen Eltern und Gatten gewählt und zu Gunsten der Eltern entschieden, denn als nunmehrige Mutter weiß sie, was Eltern einem Kinde sind und was ein Kind chnen schuldet für all die Mühe, die Sorge, die Liebe, die Opfer, die niemals aufhören und niemals lästig werden. Es ist ausgemacht, Ernestine kehrt ins väterliche Haus zurück, woran sie Niemand hindern kann, hörst Du wohl. Niemand; auch nicht Derjenige, der bis jetzt ihr Gatte war. Und Du gehst den selbstgemähtten Weg weiter, ohne eine Jüdin mitzuschleppen, die Dir nur unbequem und hinderlich sein kann. Adieu, Herr Justizminister!" „Hat Ihnen meine Frau erklärt, mich zu verlassen?" frug Armin leise und zaghaft. „Nein; nicht Deine Frau; aber meine Tochter. Gewiß hast Du kluger, speculativer Mann, nicht in Betracht ziehen können, daß Ernestine, ein gutes Kind ohne Gleichen, ihre alten Eltern nicht würde zu Tode betrüben und Jammer bringen wollen auf die Urheber ihrer Tage, die Wächter ihrer Jugend, die unermüdlichen Sammler und Sparer für ihre Zukunft? Dachtest Du, daß Ernestine Vater und Mutter verlassen und Dir auf Irrwege folgen werde, weil es Dir gefiel. Familie und Glauben preiszugeben und in eine Dir verschlossene Stellung gewaltsam einzubrechen? Sie liebt Dich, das ist leider richtig, sie trennt sich nur ungern vom Vater ihrer Kinder; noch schwerer, noch schmerzlicher wär ihr aber eine ewige Trennung von uns, die wir diese unglückselige Situation nicht geschaffen." War es ein Seufzer oder ein Auffchrei, der sich der Brust des jungen Mannes entrang, der sich wie gebrochen in einem Lehnstuhl sinken ließ und mit beiden Händen verzweiflungsvoll nach dem Kopfe griff? Herr Wiener sah die vernichtende Wirkung, welche seine Worte auf seinen Schwiegersohn äußerten und fuhr nach einer kurzen Pause, mit weniger Härte in Miene und Stimme fort: „Es gäbe noch einen Ausweg die Katastrophe zu beseitigen und das häusliche Glück vor Zertrümmerung zu bewahren. Kehre nach kurzem Ausflug zurück. Die Beamtenlaufbahn wird Dir, dem getauften Juden, der keine besondere Genialität mitbringt, keine Lorbeern bieten und Deine Lebensbedürfnisse findest Du reichlich bei mir, wenn Du Deine Thätigkeit, Deinen Fleiß der Bewirthschaftung meines Gutes, dem Feldbau, der Viehzucht, der Brennerei, der Forstökonomie widmest. Du würdest damit nicht in fremde Dienste, in eine untergeordnete Stellung treten, sondern ein Vermögen verwalten helfen, das in nicht mehr ferner Zukunft Deiner Frau und Deinen Kindern zufallen wird. Dein unbedachter Uebertritt ist nur hier, im engen Kreise bekannt; in unserm stillen, entlegenen Orte kennt ihn kein Mensch; Niemand ahnt ihn. Du brauchst Dich dort nicht zu verstecken. Die kurze Episode wird sehr bald versunken und vergessen sein. Keiner von uns wird sie je berühren. Willst Du rückkehren? Du findest offene Arme und die unverkürzte Liebe Deiner guten Frau." Der schwere Seelenkampf, den Dr. Berger, während sein Schwiegevater sprach, kämpfte, drückte sich auf seinem Gesichte aus. Die Stimme schien ihm zu versagen und erst nach langer Pause, die sämmtlichen Anwesenden lute eine Ewigkeit erschien, hauchte der junge Mann mühselig die Worte hervor: „Ja; ich will." „Was willst Du?" „Den Dienst aufgeben und zum alten Glauben zurückkehren, Vater." „Gott sei Dank, der Dir dies eingegeben," rief der glückliche Schwiegervater, den Gatten seiner Tochter umarmend. „Bruder, reich ihm die Hand." „Gerne", sagte Herr Jacob Berger, seinem Neffen den Arm entgegenstreckend. „Ein reuiger Sünder ist dem Herrn mehr werth als zehn ungeprüfte Fromme. Aber glauben S'e nicht, lieber Neffe, daß sie ein großes Opfer brachten und eine große Carrwre anfgegeben haben. Sie hätten auch in der neuen Richtung kein hohes Ziel erreicht. Die Zeiten sind vorüber, wo fromme Vereine mit großen Kosten und ganzen Ladungen von Bibeln und Traktätchen, Missionäre aussandten, um eine Judenseele einzufangen; Könige und Fürsten dem Geköderten Pathe standen und ihm den Weg zum angestrebten Ziele ebneten. Gegenwärtig ist es anders geworden und für uns orthodoxe Inden weit besser. Gegenwärtig wird ein getaufter Jude nicht mehr übergoldet und dem Adelsstände einverleibt; im Gegentheile, er wird von den Gassenbuben in Lumpen und Gassenbuben im Salonanzug mit Hep! Hep! bis in die dritte Generation verfolgt. Die Thüren schließen sich ihm vorne und rückwärts — er steht allein — hinter ihm ist versunken, was ihm früher angehörte und dem er angehörte — vor ihm stehen fremde, kalte, böswillige, mißgönnische, engherzige Menschen, mit feindlichem Sinn. Eine eisige Welt umfängt ihn, wie das Polarmeer einen fremden Eindringling und selbst Weib und Kind stimmen nicht ganz mit seinen Anschauungen und seinem Gemüthe. Diese Jsolirtheit mitten im Gewimmel, dieser Racenkampf mitten im Frieden; die Tücke, die Verlogenheit, die Verworfenheit, die Verrohung der ins Barbarenthum versunkenen Antisemiten, haben den Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts unter uns gar viele Märtyrer gemacht, aber auch das Judenthum gekräftigt, gekittet, die Solidarität und das Gefühl der Zusammengehörigkeit gehoben und die Desertion vermindert. Bleibt doch jeder vernünftige Mensch lieber zu Hause, in seiner engen Stube, bei einem kargen Mahle, als sich ein ungebetener, scheel angesehener Gast in einen knurrenden und murrenden Kreis einzudrängen. Nun ist es auch bei uns nicht gar so schlecht. Ein gemeinsames Band umschließt unseren ganzen Stamm in seiner weltweiten Zerstreuung. Unser fleckenloser Adel reicht durch Jahrtausende hinauf bis zu den Erzvätern und unsere Religion ist die Stammutter aller Religionen, welche die moderne Welt beherrschen, wie unsere Humanität die älteste ist, da sie schon zu einer Zeit leuchtete, als man den Götzen Menschenopfer schlachtete, Sclaven wie wilde Thiere in den Wäldern jagte und Menschenleer zu Ehren Gottes auf Scheiterhaufen röstete." Die beiden Hörer nickten zustimmend. Dr. Berger erhob sich, wie wenn Jemand einen bösen Traum abschütteln und sich ermuntern will und reichte die eine Hand dem Schwiegervater, die andere dem Onkel. „Es war eine Verirrung und Verwirrung des Geistes", sagte er, „nun bin ich wieder zurecht und im Kreise der Meinen, um mit ihnen zu dulden, zu kämpfen, zu siegen oder zu unterliegen. Ich werde durch kräftiges Eintreten für Religion und