Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021318--09235-3033655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 40 Dr. B^och's Wochenschrrfk. Seite 743 Budapest. Der „Theologische Verein" der Landesrabbinerschule zu Budapest hielt am i. d. M. seine coustituirende Generalversammlung. Zum Vorsitzenden wurde N. Blumgrund, zum Secretär I. Friedmann, zum Cassier B. Edelstein und als Ausschußmitglieder I. Silberfeld und H. Urbach gewählt. Wagstadt. Am 1. October l. I. hat Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Max Schornstein unsere Gemeinde verlassen. Derselbe folgte der Berufung nach Leitmeritz. Wir verlieren in ihm nicht nur den gediegenen Prediger und Seelsorger, sondern auch den Erzieher und gewissenhaften Lehrer unserer Jugend. Möge ihm in seiner neuen Gemeinde jene Liebe und Verehrung zu theil werden, die er hier während seiner nahezu fünfjährigen Amtswirksamkeit im vollstem Maße besessen hat. Die hiesige Gemeinde wird ihm stets für sein hingebungsvolles Wirken, seine Herzensgüte und Förderung ihrer Interessen eine freundliche Erinnerung bewahren. Sein Abschied gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung, die ihren Ausdruck in einer von den in Wagstadt und Umgebung wohnhaften Gemeindemitgliedern besuchten würdigen Abschiedsfeier sowie , in der Begleitung eines großen Theiles der Gemeindemitglieder stattfand. Gr.-Beeskerek. Bei der Seelengedächtnißfeier hielt unser Oberrabbiner Dr. Moriz Klein eine gedankenreiche Rede und gedachte der vor kurzem verstorbenen Zierden der jüdischen Wissenschaft, Israel Hildesheimer's und David Kaufmann's, deren Verdienste der Redner in begeisterten Worten pries. Feuilleton. Tour- und Aeknuv. Von Leo H e r z b e r g - F r ä n k e l. (Schluß.) Als die beiden Brüder in die Wohnung Berger's traten, war dieser bereits zu Hause und begrüßte mit sichtbarer Beklemmung den Schwiegervater. Der junge Mann gab sich alle Mühe, unbefangen zu erscheinen und eine freundliche Miene zu affectiren; es gelang ihm aber nicht. Er hatte nicht den Muth, den beiden Herren ins Auge zu blicken. Namentlich war es die Anwesenheit des Onkels Jacob, der ihm nie sympathisch war und dessen rücksichtslose Gradheit er stets fürchtete. Deshalb erschien er heute mehr als sonst duckmäuserisch und hinterhältig. Weder der Schwiegervater noch der Onkel reichten dem jungen Beamten die Hand. Nach stummen Gruß sagte Herr Moritz Wiener: „Ich möchte mit meiner Frau und Tochter einige Minuten allein fein; bitte daher mit meinem Bruder auf Dein Zimmer zu gehen und dort zu warten, bis ich ebenfalls hinkomme." „Darf ich nicht zugegen sein, während Sie mit meiner Frau sprechen?" frug Berger. „Nein. Ich will nicht mit Frau Berger, sondern vorerst mit meiner Tochter Ernestine sprechen und da kann es Dinge geben, bei denen dritte Personen überflüssig sind," erwiderte Herr Wiener, die Stirne runzelnd. „Ich möchte nämlich verhüten, sagte Jener, daß meine Frau, sechs Tage nach einer schweren Entbindung, etwa aufgeregt werde." „Meine Liebe ist älter als die Deine, erwiderte Herr Wiener, uneigennützer und rücksichtsvoller, überdieß ist die Mutter zugegen, deren Zärtlichkeit wohl der Deinen gleich kommen dürfte." Und ohne sich in eine weitere Verhandlung einzulassen, trat er in das Zimmer seiner Tochter, die Thüre hinter sich schließend. Aengstlich blickten Frau und Tochter dem Eintretenden entgegen, dessen Aufregung sich unverkennbar im Gang, Haltung und Miene manifestirte. „Sarah", sprach er mit vibrirender Stimme seine Frau an, „ich habe etwas sehr Ernstes, sehr Bedeutungsvolles mit Ernestine zu besprechen; sie muß jedoch in ihrem jetzigen Zustand besonders geschont werden. Versprich mir vollständig ruhig zu sein, was Du auch hören mögest oder gehe aus dem Zimmer, drüben findest Du meinen Bruder und Deinen Schwiegersohn." „Mein Gott, Moritz Du erschreckst mich!" rief die arme Frau, kreidebleich und zitternd. „Was ist vorgefallen?" „Gutes jedenfalls nicht, aber Du mußt vernünftig sein, da die fatale Sache besprochen werden muß." Er setzte sich aufs Bett der jungen Frau, die noch blässer als früher, keines Wortes fähig war und glühenden Auges zum Vater emporblickte, von dessen unendlicher Liebe sie überzeugt war. „Ernestine", sprach er sie an, ihre schmalen, zarten Hände ergreifend und sie in die seinigen schließend; „Ernestineleben, ich weiß nun Alles, was alle Welt vor mir wußte und was mir der Ober-Landesgerichts-Präsident soeben bestätigte. Ich weiß auch, daß der fluchwürdige Schritt keinen andern Erfolg, als die Mißachtung der Vorgesetzten und Collegen batte und ihn die Liebe Deiner und seiner Eltern kosten werde. Mein Vorgehen in dieser Jammersache hängt von Deinem Verhalten ab. Die Entscheidung liegt in Deiner Hand. Du mußt zwischen Deinen Eltern und Deinem Mann wählen — bleibst Du bei ihm, so haben wir unser Kind für dieses und das zukünftige Leben verloren, oder Du trennst Dich von diesem schlechten Menschen ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Charakter und kehrst in das elterliche Haus zurück, wo Dich und Deine Kinder die liebevollste Zärtlichkeit umgeben wird, wo —" „Um des Himmels Willen, Moritz — ich halt's nicht länger aus — sagt mir, was vorgefallen!" rief Frau Wiener. „Wirst Du ruhig sein, Weib? Wenn Du es noch nicht errathen. werde ich's Dir sagen; doch beherrsche Dich unseres Kindes wegen. Unser lieber Schwiegersohn hat sich, um rascher steigen zu können —" „Großer Gott!" „Taufen lassen." „Geschmatt?!" kreischte die bestürzte Frau. „Geschmatt! Und wie geschmatt! In der Kathedralkirche bei helllichtem Tage, durch den Erzbischof und seine Gehilfen!" Der schmerzliche Aufschrei der Mutter, der wie der Ton eines zerifsenen Herzens klang, machte die Tochter erbeben. Irr und wirr blickte die unglückliche Frau auf den Gatten und die Tochter, die ihrerseits das fahle Aussehen einer Leiche hatte. „Getauft! Der Mann meiner goldenen Esterjammerte sie wieder und wieder. „Der Himmel wird uns an diesem Räuber, an diesem Mörder, der unser Leben vergiftete, zwei Familien ins Unglück stürzte und eine junge Frau elend macht, rächen." „Lieber Vater" - begann Ernestine mit schwacher thränenecstickter Stimme — liebe Mutter —" „Rege Dich doch nicht auf, liebes Kind!" unterbrach sie Herr Wiener. Schau Dich an, wie schwach Du bist. Höre mich ruhig an, ganz ruhig und antworte kurz mit Ja oder Nein, denn das viele Sprechen muß Dir schaden. Sieh' Du bist ja an der ganzen Sache gewiß unschuldig. Ich weiß ja bestimmt, daß Du niemals Deine Zustimmung zu diesem, aus dem niedersten Streberthum hervorgegangenen Act gegeben hättest. Du hättest nie zugegeben, daß eine unübersteigliche Kluft zwischen Dir und Deinen Eltern entstehe, wie er sie zwischen sich, den Seinen und Deinen entstehen ließ — aber, liebe Tochter, Du hättest sofort das Haus verlassen sollen, aus dem der alte Gott gejagt wurde, um einem Bilde Platz zu machen." „Es blieb keine Zeit, Eltern, es blieb gar keine Zeit" — hauchte die junge Frau — „weder zum Denken, noch zum Handeln. Als mir Armin die Mittheilung machte, traten sofort die Wehen ein und der Arzt warnte vor jeder Aufregung als Lebensgefahr." „Nun gut, mein Kind; jetzt aber mußt Du Dich entscheiden. Du stehest vor zwei entgegengesetzten Wegen. Der Eine führt Dich au der Seite Deines Mannes in ein fremdes Leben unter Fremde, die meist feindliche Menschen, abseits von Deinen Eltern und allen Jenen die Dich liebten und Dir theuer waren. Der Ort wo Deine Wiege stand, die heilige Scholle Erde, in der die Gebeine Deiner Vorfahren ruhen; das Gotteshaus, in welchem Du gebetet und Deinem Manne angetraut wurdest, versinken hinter Dir und Du zwingst Dich zu glauben, was Dein gereifter Sinn nicht fassen kann. Ein neuer Tempel thut sich Dir auf; Du mußt andere Feste feiern, und Gebote befolgen, die Dir nicht heilig sind. Die trauernden Eltern sind fern und was Dich umgibt ist fremd und kalt. Selbst Dein Gatte ist schroff und verbittert, weil er sein Ziel verfehlt, weil seine Collegen ihn verspotten, weil seine Vorgesetzten ihn abweisen, weil seine bisherigen Bekannte und Verwandte ihn meiden, Unfriede und Reue sein Gemüth umdüstern. — — — Der zweite Weg, der Dir offen steht, ist die Rückkeht ins Haus Deiner Eltern, in den alten Kreis, in die gewohnten Verhältnisse. Dn würdest nicht bei unserm Leben verwaist unv wir nicht verlassen sein anr Abend unseres verdämmernden Daseins."