Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Bloches in Polen, dessen Bewohnerschaft nur eine Durchschnittsgröße 1°62 m. erreicht (wobei die Inden allerdings eingerechnet sind-, ist die D'.'.'^schnittsgröße der Juden geringer als die der Slaven, und obwohl die Größe ganz offenbar im Zusammenhänge steht mit dem Grade des Wohlstandes, sind doch die wohlhabendsten Juden noch etwas kleiner als die ärmsten Polen. Doch finden sich auch Widersprüche. Im Westende von London sind die sehr wohlhabenden Juden durchaus nicht kleiner als die Engländer. Schon in der fruchtbaren Ukraine sind sie größer als im ärmeren Litauen. Das deutet darauf, daß die Kleinheit ein Erzeugniß der ungünstigen Verhältnisse, nicht ein ursprünglicher Charakter des jüdischen Stammes ist. Ripley läßt die Frage offen. Angesichts der Thatsache aber, daß die echten Semiten des Orients alle groß gewachsen sind, scheint er aber doch der Annahme nicht abgeneigt, daß die heutigen Juden thatsächlich gegenüber ihren Vorfahren an Größe eingebüßt haben. Er sucht den Hauptgrund in dem frühen Heiraten und sieht in dem „Schadchen", dem Heiratsvermittler, den schlimmsten Feind der russischen Juden. Mit der Kleinheit Hand in Hand geht eine geringe Lungencapacität. Normalerweise muß der Brustumfang eines normalen Mannes die Hälfte seiner Körperhöhe erreichen oder übertreffen. Bei den Juden ist das, wie zuerst Majer und Kopernicki für die Galizier nachwiesen und seitdem mehrere Forscher bestätigt haben, fast nie der Fall, auch bei den englischen nicht, wie die Messungen von Jacobs ergaben. Hier handelt es sich wohl zweifellos um die Folge langdauernder ungünstiger Verhältnisse. Damit steht aber in schroffem Widerspruch das bekannte hohe Durchschnittsalter, daß die Juden erreichen. Ihre Sterblichkeit ist in Amerika nur halb so hoch wie die durchschnittliche. Von 100 Amerikanern überschreitet die Hälfte nicht das 47. Lebensjahr; bei den Juden das 71. Von 1000 Kindern sterben bei den Amerikanern 453 vor dem siebenten Jahre, bei den Juden nur 217. Dabei sind die Juden in New-Iork durchschnittlich sehr arm, leben unter sehr schlechten sanitärischen Verhältnissen und üben das nichts weniger als gesunde Schneiderhandwerk aus. Ripley sucht einen Hauptgrund dafür in den strengen Vorschriften des mosaischen Gesetzes über die Fleischbeschau; doch kann das für die Kindersterblichkeit kaum m Betracht kommen, und die armen Juden genießen überhaupt nur wenig Fleisch. Mehr mag die frugale Lebensweise Mitwirken und namentlich die Enthaltsamkeit gegenüber dem Alkohol. Dann auch die Beschäftigung, die vor Unglücksfällen ziemlich geschützt ist. Die angebliche Immunität gegen Infektionskrankheiten ist durch neuere Beobachtungen nicht bestätigt worden; Cholera, Diphtheritis, Fieber richten auch unter den Juden erhebliche Verheerungen an. Auffallend ist die Häufigkeit geistiger Störungen. Nach Lombroso ist sie in Oberitalien fast viermal so groß wie unter den Christen, während Selbstmord merkwürdigerweise äußerst selten ist. Die modernen Juden scheiden sich seit alter Zeit in zwei große Gruppen, Sephardim und Aschkenasim; die mittelalterliche Legende bezeichnet die ersteren als Nachkommen des Stammes Juda, die letzteren als die von Benjamin. Die Sephardim sind der südliche Zweig; zu ihnen gehören die sämmtlichen spanisch redenden Juden, die nvrdafrikanischen, die der Balkanhalbinsel und kleine Colonien in London und Amsterdam, die sich für vornehmer halten als ihre Stammesgenosfen und sich völlig von ihnen abschließen. Sie sind auch äußerlich sehr verschieden. Bogt hält nur die Sephardim für Semiten. Sie sind nach Weisbach schlank, ausgesprochen langköpfig, das Gesicht ein langes Oval, die Nase gebogen und vorspringend, aber dünn und fein; Haar und Augen sind meist dunkel, aber gar nicht selten auch rothblond. Einen blonden Sephardi nahm Rembrandt zum Typus seines Christus. Der Aschkenas ist dagegen in jeder Beziehung plumper, sein Mund größer, die Nase dicker, besonders an der Spitze; die Lippen sind voll und sinnlich, das Gesicht breiter, der Kopf überhaupt kurz und rund. Was sagen nun die modernen Schädelmessungen zu diesen traditionellen Unterschieden? Messungen gibt es von etwa 2500 Juden. Nur bei den türkischen Sephardim, die Jkow gemessen, und bei einigen Schädeln aus dem Daghestan geht der Index bis 74 herab, sonst liegt er überall zwischen 80 und 83, Das ist ein sehr erheblicher Unterschied von allen semitischen Stämmen, auch den Arabern, die sich alle mehr oder minder dem negroiden Typus nähern und besonders durch einen vorspringenden Hinterkopf ausgezeichnet sind. Nur die nordafrikanischen Juden scheinen sich in dieser Hinsicht den Wochenschrift. Seite 707 Arabern anzuschließen. Die sonstigen Sephardim unb alle Asmkenasim sind ausgesprochene Kurzköpfe. Haben sie ihre Schädelbildung verändert, oder waren die Semiten ursprünglich kurzköpfig, und sind die Araber ausgeartet? Ripley schließt sich Jkow an und entscheidet sich für die erstere Hypothese. Demnach wären über neun Zehntel aller Juden von ihren semitischen Vorfahren in der Schädelbildung so verschieden, wie nur irgend möglich und die reine semitische Abstammung der Juden überhaupt eine Mythe. Renan hat Recht, wenn er schon 1883 aussprach, daß die Bezeichnung Jude wenigstens für die Aschkenasim eine ethnographische Bedeutung nich? mehr habe. Auch Lombroso erklärt die modernen Inden nach ihrer Schüdelbildung eher für arisch, als semitisch. — Es bängt des zweifellos vielfach von direkter Vermischung ab. Seit der zweiten Zerstörung des Tempels in Jerusalem haben die Juden keinen Staat mehr gebildet, aber sie haben noch vielfach Proselyten gemacht und der Verheiratung eines bekehrten Heiden mit einer Jüdin stand nichts im Wege. Von einem Rassenhaß war damals noch keine Rede. Die von verschiedenen Concilien erlassenen strengen Verbote der Mischheiraten, wie 538 und 580 in Toledo, 743 in Rom, beweisen, daß solche damals noch nicht selten waren. Erst das spätere Mittelalter und die Einschließung der Juden in Ghettos machte ihnen ein Ende. In Ungarn berichtet noch 1229 ein Erzbischof, daß viele Juden mit christlichen Frauen lebten und daß Bekehrungen zu Tausenden vorkämen. Sklavinnen waren natürlich völlig schutzlos, ihre Kinder wurden Juden. Ob die Träger des Namens Cohn (Cohen, Cahn u. dergl.) sich reiner erhalten haben und wirklich Nachkommen der Söhne Arons sind, steht dahin. ' Aber auch die außer der Schädelbildung für jüdisch gehaltenen Eigenthümlichketten trügen. Durchaus nicht alle Juden sind brünett. Unter den polnischen und russischen Juden machen sie reichlich zwei Drittel aus, unter den Sephardim und namentlich unter den Juden in Elsaß-Lothringen sind Blonde noch häufiger, auch die englischen Juden sind vielfach blond. Die echten Semiten sind dunkel, und es ist charakteristisch, daß die Jüdinnen durchschnittlich dunkler sind als die Männer; das weibliche Geschlecht hält den Typus zäher fest als das männliche. Ein Hauptkennzeichen des Juden ist nach allgenieiner Ansicht die krumme Nase. Nach genauen Untersuchungen von Majer und Kopernicki ist diese aber bei den polnischen Juden durchaus nicht häufiger, als bei den Polen; dasselbe Resultat erhielt Weißenberg bei den südrussischen Israeliten. Der Charakter der jüdischen Nase, die unzweifelhaft vorhanden ist, liegt nicht im Profil, sondern in der Bildung der Nasenflügel; Jacobs vergleicht sie ganz richtig mit einer 6, löscht man das innere Ende der Linie aus, so verschwindet schon viel vom jüdischen Charakter; aber erst wenn man die untere Linie horizontal führt erlischt er ganz. Neben dem dunkeln Haar ist diese Bildung am meisten charakteristisch für den Juden. Auch die Augen sind eigenthümlich. Die dicken Brauen treten ungewöhnlich nahe zusammen, die Lider sind voll, die Augen groß, dunkel, glänzend; sie machen häufig den Eindruck einer gewissen Schwere, die im günstigen Falle träumerisch, melancholisch, gedankenvoll, im ungünstigen schläfrig, oder bei halbgeschlosfenen listig wirkt. Constant sind auch die vollen Lippen; die untere ist häufig schnutenartig vorgezogen. Ripley möchte auch Werth auf eine gewisse Weitläufigkeit der Zahnstellung legen. Freilich, sobald wir ins Detail gehen und Einzelfälle vornehmen, werden alle Kennzeichen unsicher, selbst der Unterschied zwischen Sephardim und Aschkenasim gerätb ins Schwanken und wird vielleicht nur durch die Verschiedenheit einer oberen von einer unteren Classe bedingt. Aber die Thatsache, daß eine jüdische Physiognomie existirt, steht außer Zweifel. Wird sie ganz durch die Züge bedingt, oder auch theilweise durch den Ausdruck? Im ersteren Falle könnten wir sie als erblich betrachten, im letzteren als zum guten Theile erworben, als einen „Ghetto-Ausdruck", wie ihn Jacobs bezeichnet hat. Haben langjähriger Druck, Verfolgung, ein verzweifelter Kampf ums Dasein gegen Menschen und Verhältnisse in der Natur ihre Wirkung zweifellos ausgeprägt. w ai um nicht auch im G e s i ch t sausdruck? Die Juden haben also keine beständige Kopfform; sie können somit ans Rasseneinheit keinen Anspruch machen; die Schädelbildung stimmt durchschnittlich überall mit der der um-