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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 735 Lohn geben? Wird der Tag unserer Befreiung näher rücken? Warum sollen wir Antisemiten sein? Welchen Grund hätten wir, Robin dem Shylock vorzuziehen. Ist es vielleicht angenehmer, von Herrn Geyer aufgefressen zu werden, als von Moses Geyermaun? Wir haben nichts in der Synagoge zu suchen, aber wir haben tiefes Mißtrauen gegen „unsere liebe Frau von der Fabrik". Die ungerechte Herrschaft des Geldes — das ist das Uebel. Wir sind Feinde des jüdischen Capitals wie die des christlichen. Wir sehen ruhig zu, wie sich Jud und Christ ums Brod raufen. Mag Jacob den Peter berauben oder der Peter seine Hände in die Taschen des Juden stecken, was geht das uns an! Aber sehr gerne würden wir sehen, wenn sich die Reichthümer in den Händen einiger Weniger concentriren. Am Tage der großen Abrechnung wird unsere Arbeit dann eine umso einfachere sein. (Figaro.) Eine Episode aus dem Leben Gras Ludwig Batthyanyi's,;u dessen fünfzigstem Todestage am 6. Ortober. (Von einem alten Honvsd.) Mit Anfang des Jahres 1849 wurden unweit des Dorfes K a r a k o im Eisenburger Comitate, ohue bestimmten strategischen Zweck, nur weil sich hier aus einer früheren Zeit, in welcher dieser ganze Theil Ungarns Jahrhunderte lang ein Kampfplatz war, Üeberreste einer Befestigung vorfanden, ein kostspieliger Schanzenbau aufgeführt, von versprengten Wiener Legionären geleitet, mit einer kleinen Honved-Abtheilung bemannt und einigen hölzernen Kanonen armirt. Es herrschte daselbst ein lustiges Campagneleben, trotz der babylonischen Sprachenverwirrung zwischen den paar stockungarischen Officieren und deutschen Studenten. Im Austausch der Gefühle wußten sie sich schon gegenseitig zu verständigen. Ihre philisteriöseste Unterhaltung war eine Fahrt nach dem nur eine Wegstunde entfernt gelegenen Marktflecken Jänoshäz. Im großen Wirthshans daselbst hielt die patriotische Jugend des Ortes ihre Orgien. Die ungarischen Fünfguldennoten wurden wie Fidibusse aus den Taschen gezogen, der feurige Somlyoer floß in Strömen und eine echte Zigeunerbande spielte ohne Unterlaß den Kossutymarsch auf, klagend und tröstend, daß das härteste Herz in unnennbare Gefühle sich auflösen mußte. Den Hauptbestandtheil dieser Jugend bildeten Israeliten. Sie vernachlässigten ganz ihre Geschäfte und opferten ihre letzten Kreuzer diesen Zusammenkünften, wobei sie die Dolmetscher zwischen den Magyaren und Deutschen machten. Um die Mitte April ungefähr bekam dieses Wirthshaus eine neue Anziehungskraft für die Karakoer Besatzung durch das Erscheinen einer jungen Dame, die sich hier einquartirte und jedesmal dem tollen patriotischen Treiben im Speisesaal beiwohnte. Sie war wunderschön, von zartem, schlanken Wüchse, aber kalt und stolz wußte sie jede Annäherung an sie fernzuhalten. In einem schwarzen Kleide bis an den Hals zugeknöpft und einem Kossuthhut mit einer großen rothen Feder geschmückt auf dem dichten Haargeflechte, saß sie immer in einer Fenstervertiefung und schaute regungslos in die brausende Fluth jugendlicher Begeisterung. Jeder Versuch, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, mißlang. Trotz des Zaubers, den sie auf Alle ausübte, war in sie doch eigentlich verliebt nur ein Einziger, der sich noch immer mit seinem Studentennamen „Phöbus" nannte und durch seine abenteuerliche Kleidung, halb Legionär, halb Honvöd, seine absonderliche Natur verrieth. Er wurde von Tag zu Tag trübsinniger und verschlossener und mied endlich alle Kameraden. Die Nachricht von der Einnahme Ofens hatte die Wogen der Begeisterung in diesen patriotischen Unterhaltungen natürlich noch gehoben. Aber die schöne Dame war jetzt nicht mehr immer dabei zugegen. Man begnete ihr oft im Walde oder in den nahegelegenen Ortschaften. Niemand wußte, mit wem sie dort verkehrte. Daß sie Patriotin sei, zu der Bewegung und deren leitenden Persönlichkeiten in irgend einer Beziehung stehe und in JLnoshäz ein politisches Ereigniß abwarte, vermuthete Jeder, doch wußte keiner darüber Bestimmtes. An einem der letzten Apriltage wurde ein langer Zug invalid gewordener Pferde, von einigen kaiserlichen Soldaten begleitet, durch Jänoshäz geführt. Es galt somit für ausgemacht, daß die Etappenstraße für die Trümmer der Ofener Besatzung nach Oesterreich hier durchgenommen werden wird. Die räthselhafte Dame mußte mit dieser Gewißheit wichtige Erwartungen verbinden. Denn ihre innere Aufregung spiegelte sich von jetzt au in ihren sonst so kalten Gesichtszügen. Ihre Augen glänzten, ihre Wangen glühten, die Statue erhielt Leben. Voller Unruhe ging sie öfters nach dem am westlichen Ende des Ortes gelegenen halbverfallenen Schlosse und verlor sich in dem wilden Gestrüppe, von welchem es umgeben war. Niemand wagte es, chr zu folgen, sie zu belauschen oder auszuspähen. Uebrigens war in dieser aufgeregten Zeit jeder Einzelne sich selbst ein Räthsel und wußte die Geheimnisse Anderer zu achten. Zwei Tage nach dem Durchzuge der invaliden Pferde kanl ein Trupp österreichischer Officiere verschiedener Waffengattungen im elendsten Zustande hier an und unterblieben aus Zartgefühl an diesem Tage alle patriotischen Kundgebungen im Wirthshause. Tags darauf wieder in einer späten Nachmittagsstunde verkündeten mächtige Staubwolken die Ankunft von Cavallerie. Hinter einem bedeutenden Detachement derselben fuhr ein armseliger Bauernwagen, in welchem auf einem Strohbündel zwei Männer saßen, die apathisch vor sich hinschauten. Hart nach dem Wagen ritt wieder eine starke Abtheilung von Soldaten. — So bewegte sich der Zug zum C o m i t a t s h a u s e, welches in Jänoshäz auf einem großen freien Platze steht. Vor dem Comitatshause commandirte der Führer und beide Abtheilungen ritten spalierförmig auf, daß der Wagen inzwischen zu stehen kam. Der ganze Ort war Anfangs stiller Zuschauer dieses militärischen Schauspiels. Als ob aber ein unsichtbarer Geist der Menge etwas zuflüsterte, entstand plötzlich ein leises Gemurmel, das jäh in den Entsetzensschrei überging: „Graf Batthyanyi!" Er war's, die elendere Gestalt von den zwei, die im Wagen saßen, und durch die Bewegung des Volkes aufgeschreckt, wandte er sein Haupt empor und ließ das blasse Angesicht in seiner ganzen Dulderglorie sehen. In diesen! Augenblicke aber erscholl die Stentorstimme des Commandirenden: „Meine Herren! Ich habe den strengen Befehl, bei dem ersten Versuche, den Grafen Batthyanyi zu befreien, ihn auf der Stelle niederschießen zu lassen und ich werde mich daran halten." Wieder ein leises Gemurmel, dann dumpfes Schweigen, und während der Wagen mit seinen Insassen in das Thor des Comitatshauses fuhr und dasselbe militärisch besetzt wurde, zerstreute sich die Menge, niedergeschlagen über das Schicksal des großen Patrioten. Allmälig rückte die Nacht heran. Es war eine sternenlose grausige Nacht. In Jänoshstz selbst herrschte Grabesstille; aber von der Ferne vernahm man Bewegung, Tritte von Menschenmassen, tauchten Lichter auf, wie von Fackeln." Es war, kurz gesagt, der Landsturm von den nahegelegenen Batthyanyi'schen Gütern zur Befreiung ihres Herrn. Wer ihn aufgeboten und organisirt hatte, wußte Niemand. Aber derselbe unsichtbare Geist, der es gethan, mußte nach der Drohung des Commandanten sein Werk wieder zerstört haben. Das ferne Menschengetümmel rückte nicht näher, und es war schon nach Mitternacht. In einem Extrazimmer des großen Wirthshauses saß Phöbus angekleidet, die Ellenbogen auf dem Fensterbrette, deu Kopf zwischen den Händen und starrte in die düstere Nacht hinaus. Da klopfte es leise an das Fenster und vor ihm stand wie eine Schicksalsgöttin die geheimnißvolle Dame, der Gegenstand seiner verzehrenden Sehnsucht. „Sie lieben mich?" „Bis zum Wahnsinn!" „Wollen Sie der Liebe Sold, so folgen Sie mir!" Durch die finstere Nacht schlichen gespenstisch zwei Gestalten dem Comitatshause zu. Eine Weile darauf knallten Schüsse. Die Bevölkerung ward aufgeschreckt, alles rannte durcheinander, aber Niemand konnte Aufschluß geben. Man harrte auf den Tagesanbruch. In der ersten Morgenstunde herrschte unter der Eskorte wieder Bewegung. Nach mehreren Commandoworten saß sie in zwei Reihen marschfertig auf den Pferden. Aus dem Hofe des Comitatshauses fuhr der Bauernwagen, auf welchem neben seinem Leidensgenossen, einem jüdischen Schneider aus Pest, Graf Batthyanyi saß. Als das Volk seiner ansichtig wurde, machte es wieder seinem Schmerz durch ein Gemurmel Luft. Batthyanyi richtete sich aber im Wagen auf, zog die Mütze vom Kopfe und sprach mit vernehmbarer Stimme die denkwürdigen Worte: „Meine Herren! ich bitte keine Gewalt zu meiner Befreiung anzuwenden, mich muß die Gerechtigkeit befreien!" Darauf setzte sich der Zug in Bewegung und das Volk sah resignirt seinem Helden nach.

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