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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 734 3vo Bloch's Wochenschrift Nr.40 nation des Herrn. Bossuet lobt sie, wie es kein Rabbiner gewagt hätte. Aber nach Jesum Christum ist alles anders, da haben sie das größte Verbrechen begangen, da sind sie die Verfluchten. Der Verräther Judas wird zum Symbol ihrer ganzen Race gemacht. Zweifelsohne machen auch Sie ihnen den Tod Ihres Gottes zum Vorwurf! Madame C e s a i r e: Da habe ich in einem sehr gut geschriebenen Artikel gelesen, daß Jesus gar kein Jude war, daß er aus dem Lande der Vornehmen stammte, ein Arier war. Ich habe wohl daran gezweifelt, aber ich war recht froh, daß man mir darüber Gewißheit gab. Prof. Bergeret: Sie glauben, Madame, daß Jesus kein Jude war? Was sangen Sie dann mit den beiden Genealogien an, durch welche Lucas und Mathäus den Messias dem Stamme Davids entsprießen lassen, um die Weißsagungen als erfüllt darzustellen? Madame C e s a i r e: Ich fange gar nichts damit an. Ich bin nur froh, daß Jesus Christus kein Jude war. Herr R o m a u c e y : Ich bin auch ein Judenfeind, aber nicht aus confessionellen Gründen. Ich mache ihnen zum Vorwurf, daß sie Cosmopoliten sind und den Cosmopolitismus halte ich für die größte Gefahr, die Frankreich bedrohen kann. Prof. Bergeret: Wenn es heißt Cosmopolit sein, daß man unter allen Völkern seinen Wohnsitz hat, dann sind die Juden freilich Cosmopoliten von Natur und Neigung. Sie waren es immer. Sie waren es, noch bevor Titus „der Gütige" diese natürliche Neigung begünstigte, indem er Judäa in eine Wüstenei verwandelte. Man müßte aber doch erst untersuchen, ob die Juden nicht die Fähigkeit haben, sich an ihr Adoptivvaterland anzuschmiegen. Man muß doch anerkennen, daß die Juden in Frankreich Franzosen, in Deutschland Deutsche sind und in Deutschland anerkennet man wohl, daß die Juden in Frankreich Franzosen sind. ' Herr Romancey: Die Juden haben kein Vaterland, sie sind Agioteure, Speculanten, sie gehen systematisch darauf aus, die Christen zu plündern. Das springt in die Augen. Prof. Bergeret: In Frankreich leben 80.000 Juden. Alle sind doch nicht Agioteure. Die Mehrzahl ist sogar arm. Als ich an einem Sommerabend den Faubourg St. Antoin passirte, sah ich auf den Bänken rings um einen mit Bäumen bewachsenen Platz, eine Gruppe zerlumpter Juden. Greise, Weiber, Kinder, Mädchen mit schwarzem Haar, sie saßen aneinandergepreßt und ließen im Glanze der zahllosen Sterne eine antike Noch in orientalischer Größe erkennen. Diese Armen hatten den ganzen Tag gearbeitet, sei es bei kleinen Gewerbsleuten, sei es als Trödler, die alte Kleider feilboten. Ich glaube sie waren ihrer Religion treuer ergeben, als die reichen Judenbarone, die einen so breiten Platz in der Gesellschaft einnehmen. Und sie gingen gar nicht darauf aus, die Christen systematisch zu plündern. Seither habe ich auch in der Provinz gelebt und ich weiß nicht, was aus den Juden im Marais geworden ist. Aber ich habe Juden kennen gelernt, die ihr Leben den Wissenschaften weihten, die durch ihre Arbeiten Frankreich zur Ehre gereichten, das ihr und unser Vaterland ist. Der Eine ist einer der ersten Hellenisten der Welt, ein anderer hat die größten Entdeckungen in der Assyrologie gemacht; ein Dritter hat mit bewunderungswürdiger Methode die Gesetze der Sprache entdeckt. In allen Zweigen menschlichen Wissens begegnet man Juden. Die sind doch dem Handel ebenso fern wie Abulasta der Kabbalist, der sich den tiefsinnigsten Berechnungen widmete, nicht um seines Vermögens willen, denn er besaß gar nichts, sondern um den Ziffernwerth des Namen Gottes kennen zu lernen. Herr Romancey: Die Juden, die sich auf die Wissenschaft beschränken, gehen mich nichts an. Ich greife nur die jüdische baute tluauee an, die aus Ueberlieferung und aus Interesse cosmopolitisch ist. Prof. Bergeret: Haben etwa die katholischen Banken andere Sitten? Ich zweifle. Ich sehe nicht, daß das Börsenspiel der Christen ein Anderes wäre, als das der Juden. Madame C e s a i r e : Ich habe in Minenpapieren viel Geld verloren. Mein Geld haben jetzt die Juden. Ich kann mich darüber gar nicht trösten. Wenn es mir von Christen geraubt worden wäre, so wäre mir das nicht so peinlich. Kann man nicht ein Gesetz gegen die Juden machen? Sie, Genosse Möllmann, was meinen Sie dazu? Wir haben zwar nicht dieselben Anschauungen über Religion und Politik. Sie wollen die Aufhebung des Cultusbudgets, das wäre eine schreckliche Ungerechtigkeit, ein Raub. Sie sind für die Vergesellschaftung des Capitals. — Nicht wahr, so nennt man das? Genosse W o l l m a n n : Ja wohl, meine Gnädige. Madame C e s a i r e: Das ist doch eine abscheuliche Sache. Als man eine Einkommensteuer einsühren wollte, bin ich fast krank geworden. Wahrhaftig. Ich habe die Frau eines Ministers gekannt. Sofort habe ich sie aufgesucht. Ich habe mich ihr zu Füßen geworfen und habe ihr gesagt: Madame, erlauben Sie Ihrem Gatten nicht, eine solche Infamie zu begehen. Ich sage Ihnen das nur, damit Sie wissen, wie wenig unsere Anschauungen übereinstimmen. Aber Sie sind doch ein Franzose, ein Francose von Race, von Abstammung, von altem Stoff. . . . Genosse Wollmann:Jch bin der Sohn eines Schusters von La Billette und einer Milchfrau aus Salaiseau. Madame C e s a i r e : Also! Empfinden Sie nicht auch einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen die Juden? Stößt Sie nicht alles an ihnen ab, ihre Art zu reden, wie ihr Aussehen? Genosse W o l l m a n n : Entschuldigen Sie, liebe Frau. Ich habe keinerlei Empfindlichkeiten. Nachdem ich meine Schulen absolvirt hatte, bin ich in die Redaction einer socialistischen Zeitung eingetreten. Ich schreibe fürs Volk und denke wie das Volk. Der Genosse Proletarier haßt Niemanden wegen seiner Nase. Und dann erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, er ist auch frei von dem Aberglauben, der die Bürgerlichen dumm und schlecht macht. Er. glaubt nicht, daß der Jude ein schmieriges Gesicht, Hörner an der Stirne und hinten einen Schweif hat, daß er am Charfreitag aus dem Nabel Blut schwitze und rituelle Morde an Kindern begeht. Er weiß wohl, daß es auch habsüchtige Juden gibt, die sich durch Wucher und Agiotage bereichert haben und nur an Gewinn denken. Aber er weiß auch, daß es Juden gibt, die nur die Gerechtigkeit üben und die ihr Leben der Befreiung der Proletarier weihen. Mit der Verschiedenheit der Racen gibt er sich gar nicht ab, das sind Chimären, während er auf dem Boden der Wirklichkeit lebt und im harten Kampfe mit der Nothwendigkeit. Madame C e s a i r e : Sieh da! Es gibt aber doch antisemitische Arbeiter. Ich habe sie selbst gesehen vor dem militärischen Club defiliren, am Tage der großen Kundgebung. Genosse W o l l m a n n : Reden Sie sich doch nicht so etwas ein. Das Proletariat kümmert ' sich gar nicht um den Antisemitismus. Das hat andere Hunde zu prügeln. Herr Romancey: Die semitische Frage, lieber Herr Wollmann, ist eine Lebensfrage für Frankreich. Ich bin Grundeigenthümer und Landwirih. Ich spreche als Fachmann. Genosse Wollmann: Dann ist es ein Kampf zwischen der Grundaristokratie und der Finanzaristokratie. Ein Krieg unter den Besitzenden. In den hat sich der Arbeiter gar nicht einzumischen. Herr Romancey: Der Antisemitismus hat aber noch andere tiefe Ursachen. Prof. Bergeret: Davon bin ich überzeugt. Der politische und sociale Antisemitismus, der sich an den religiösen anhängt mit Hilfe der Ralliirten des Herrn Meline und der journalistischen Mönche des „Croix", wird nicht blos von der Agrarieraristokcatie genährt, die sich gegenüber der ausländischen Concurrenz nicht erhalten kann, immer ärmer wird und sich erschöpft, sondern auch von der Kleinbürgerschaft, die zurückgeblieben ist, nur im alten Schlendrian fortlebt, und sich den neuen erweiterten Formen der Industrie und des Handels nicht anzuschließen vermag. Alle diese Leute leiden und stürzen sich dann auf den Juden, dem es gut geht und der nicht immer frei ist von Uebermuth. Genosse Wollmann: Das ist alles Gewäsche. Man schreit „Nieder mit den Juden" und will doch die Republik stürzen und andere an ihre Stelle setzen. Die schöne Welt beginnt das Bedürfniß zu empfinden, unter dem König gewinnbringende Geschäfte zu betreiben. Sie hat im Goldminenkrach furchtbar viel verloren. Die Goldminen, das war das Panama der Aristokratie. Herr Romancey: Es ist doch eine Thatsache, daß uns der Jude auffrißt. Aber nur Geduld. Wir haben schon Energie. Man wird schon eines Tages Mittel finden, ihn an der Gurgel zu packen und nackt hinauszuwerfen. Genosse Wollmann: Sehr gut! Sobald sie Israel beraubt und davongejagt haben werden und sobald Rothschild sein Haus um einen Eselswerth verkauft haben wird, — werden dann die Arbeiter besser daran sein? Wird das capitalistische Regime vorteilhafter werden? Werden die Arbeitgeber uns mehr

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