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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 732 Dr. Blvch's Wochenschrift- Nr. 40 unschuldig sein sollten, sich trösten; die Drohungen und Beschimpfungen aus der Volksmenge. die sie begrüßte, waren doch nur Aeußerungcn antisemitischen Rechtsgefühls, und wer solche Vorgänge als unwürdig tadelt, muß es sich dann gefallen lassen, daß er als Beschützer jüdischer Landstreicher bezeichnet wird, der sich mit mnthmaßlrchen Mördern „solidarisch erklärt". Erfreulich ist es dagegen zu sehen, wie viele freiwillige Helfer sich dem Gerichte bei der bekannten Aufgabe, die Wahrheit zu erforschen, zur Verfügung stellen. Aus der Rede des Herrn Bielohlawek haben wir erfahren, welche Verdienste ein bekannter Apostel der Wahrheit, der Ernst Schneider, jener „College" vom „Deutschen Volksblatt" und das Rechtscomitö von Polna um den Proceß Hilsner sich erworben haben. Der Detective des „Deutschen Bolksblattes" hat bereits früher zwei Mitschuldige Hislner's franco Kuttenberg geliefert und das erforderliche Zugehör an Agnoscirungszeugen beizustellen sich erboten. Wenn diese Mitschuldigen zufällig zur Zeit des Mordes eingesperrt waren oder krank im Spital gelegen sind, so kann der ehrenwerthe Herr „Schriftleiter" nicht dafür und ändert nichts an seinem „Wunderblick des Rabbi". Auch bei der Escortirung des Wassermann von Kolin nach Kuttenberg war ein freiwilliger Gerichtshelser thätig, nämlich nach der Mittheilung des Antisemitenblattes ein „Herr Revisor". Dieser befragte den Häftling im Coupe über die Affaire von Polna. Wassermann g e st a n d, daß er seinerzeit in Polna gewesen sei, leugnete ober, daß er irgendwie an dem Morde der Agnes Hruza theilgenommen Hobe. Wassermann sagte schließlich, auch er wisse, daß ihn der Galgen erwarte. Wir sehen also, daß ein Beschuldigter bei uns nicht zu warten braucht, bis er dem Untersuchungsrichter vorgeführt wird, der ihn unter Beobachtung aller gesetzlichen Vorschriften vernimmt und aus dessen cvrrecte Amtshandlung man sich verlassen kann. Ein Herr Revisor verhört ihn vielmehr schon im Eisenbahncoupe, und vas Protokoll über dieses Verhör erscheint sodann im „Deutschen Volksblatt". * * * Vom Schwurgerichte in Straubing wurde ein Pfarrer- Namens Johann M o s a u e r wegen Verbrechens wider die Sittlichkeit, begangen an sechs seiner Obhut anvertrauten Schülerinnen, sowie wegen Anstiftung zum Meineide, zu zehn Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurtheilt. Die Verhandlung entrollte ein Bild der entsetzlichen Verkommenheit, von welcher fast die ganze Pfarre des Herrn Mosauer ergriffen war, und der Staatsanwalt nannte diesen Geistlichen einen moralischen Brunnenvergifter, der ganze Generationen moralisch ruinirte, der den Beichtstuhl, die Kanzel, die Schule, seine heilige Mission in schändlichster Weise zur Fröhnung seiner niederträchtigen Gelüste mißbrauchte. Es wäre ehrlos, aus den Verbrechen eines alten Wüstlings eine andere Folgerung abzuleiten, als daß es in jedem Staude und in jeder Confession entartete Individuen geben kann. Man stelle sich aber vor, was doch auch möglich ist, daß ein jüdischer Rabbiner solche Verbrechen begangen hätte. Wie ginge es da über die' Juden her! Das wäre für die antisemitische Preßmeute ein europäischer Sensationsproceß geworden, bei welchem Vergani seine Schriftleiter natürlich zur Erforschung der Wahrheit und zur Controle der Justiz hinausgeschickt hätte, und die Schriftgießerei, die dem „Deutschen Volksblatt" die Lettern liefert, hätte neue Ausrufungszeichen von einer bisher nie dagewesenen Größe erzeugen müssen. Das wäre kein gewöhnlicher, sondern ein jüdischer Verbrecher gewesen — ha! Sind doch überhaupt alle Verbrechen „jüdisch" und es hat uns sehr erheitert, im „Deutschen Volksblatt" eine neue Rubrik eingeführt zu sehen unter dem Titel: „Zum Capitel von jüdischen Gewölbefeuern". * * * Allmälig macht sich aber in einem Theile der Wiener Bevölkerung und zwar nicht etwa blos bei den Juden, der Argwohn geltend, daß die Potenzirte Judenhetze einen bestimmten Zweck hat, nämlich den, die durch die zahllosen Mißbräuche der christlichsocialen Partei erschütterte Position der Antisemiten für die nächsten Gemeindewahlen zu stärken und die Aufmerksamkeit von den Mißerfolgen auf communalem Gebiete abzulenken. Da wäre es sehr angezeigt, an die riesigen Dummheiten öfter zu erinnern, um nicht einen schlimmeren Ausdruck zu gebrauchen, welche die Majorität des Gemeinderathes auf dem Gewissen hat. Zur rechten Zeit ist da die vielbesprochene Brochure „Begrabene Millionen" erschienen, die jeder Wiener, der für die Angelegenheiten unserer Stadt auch nur das geringste Interesse hat, kaufen und lesen sollte Kostet nur zehn Kreuzer; billiger und bequemer kann man die Gasfrage in ihrer Totalität nicht studiren, als in dieser Brochure hiezu die Gelegenheit geboten ist. Da wird in aller Ruhe, in actenmäßiger Darstellung, mit Ziffern und Belegen nicht etwa behauptet, sondern bewiesen, daß Dr. Lueger und seine Partei die Stadt Wien um mehr als 50 Millionen muthwillig, um ihrer Parteileidenschaft zu fröhnen uud um Versprechungen einzulösen, die sie in der Wahlagitation leichtfertig gemacht beschädigt haben. Die Broschüre wird in allen Buchhand-, lungen verlangt und hat riesiges Aufsehen gemacht. Das „Deutsche Volksblatt" hat sich sehr ungerne herbeigelassen, Notiz davon zu nehmen, und da es in der Sache selbst nichts zu antworten wußte, griff es ein einzelnes Capitel heraus, in welchem die bekannte Abmachung besprochen wird, die Dr. Teltscher und Dr. Kienböck getroffen haben. Es handelt sich um die bekannte Provisionsgeschichte, und da ruft das Berganiblatt pathetisch aus, der Autor möge doch jene Gemeinderäthe nennen, die sich von der Englischen Gesellschaft haben bestechen lassen. So lange er das nicht thue, treffe auf ihn das Motto der Brochure zu: „Den schlechten Mann muß man verachten, der nie bedacht, was er vollbringt". So stehen aber die Dinge nicht. Die Brochure deutet einen Verdacht gegen Gemeinderäthe nicht einmal an. Der chriftlichsociale Parteiführer und Reichsrathscandidat, Pater D i t t r i ch, der war bereit, sich bestechen zu lassen, um seinen Einfluß bei der christlichsocialen Partei zu fructlficiren, und Herr Dr. Kienböck war ebenfalls zu einer so schönen Mission bereit. Damit allein ist schon die Bestechlichkeit einzelner christlichsocialer Parteigrößen nachgewiesen und man muß, wenn von Käuflichkeit und Bestechlichkeit die Rede ist, nicht gerade an den Gemeinderath Lehvser, sondern man kann auch an Herrn Ernst Vergani denken. Gerade diese letztere Figur zeigt freilich, wie unrichtig das aus Schillers „Glocke" geholte Motto der Brochure „Begrabene Millionen" ist. Vergani bedenkt nämlich immer genau, was er vollbringt, und doch muß man ihn verachten. Robert Wolf. Die Missionäre über die Blutliige. In den Vierziger-Jahren erschien eine. von 58 getauften Juden, darunter der anglikanische Bischof von Jerusalem, erlassene Erklärung, die lautete: „Wir Unterzeichneten, von Geburt Juven, die noch als Erwachsene im Glauben und Ritus des Judenthums gelebt haben, jetzt aber durch Gottes Gnade Glieder der Kirche Christi sind, erklären feierlich, daß wir niemals, direct oder indirect, davon gehört haben, geschweige denn selbst davon wissen, daß unter den Juden der Brauch bestehe, Christen zu tödten oder Christenblut zu benutzen, und daß wir die früher io oft gegen sie vorgebrachte, jetzt wieder aufgelebte Beschuldigung für eine thörichte und fanatische Lüge halten." Der bekannte Juden- und Talmudseind Pfefferkorn mahnte im Jahre 1507 nach gründlicher Zurückweisung der Ritualmordsage die Christen: „Fliehet und vermeidet diese lächerliche, falsche, und, wenn Ihr es genau, betrachten wollt, uns Christen nicht wenig zur Verachtung gereichende Rede. Bleibet bei der Wahrheit, indem ihr solchen Wahn fallen laßt, o Christen! Wir wollen nicht etwas erdichten, das falsch ist und uns keine Ehre macht." Mit besonders kräftigen Worten hat sich auch Martin Luiher gegen dieses Blutlügenmärchen ausgesprochen. Man kann aus alledem ersehen, daß die Macht der Dummen und Niederträchtigen fester gefügt ist. die Gewalt des Vorurtheils größer, als die Kraft der Wahrheit und des Lichtes. * * * In der Bulle vom 5. Juli 1247: Lacrimabilem Judaeorum Alemanniae, die Jnnocenz JV. an die Bischöfe Deutschlands und Frankreichs richtete, heißt es: „Wir haben eine jämmerliche Klage der Juden in Deutschland erhalten, daß manche geistliche und weltliche Fürsten und Große gegen sie die verschiedensten Anklagen erdichten, um sie ungerechterwerse zu berauben. Obgleich die Heilige Schrift gebietet: „Du sollst nicht tödten", und den Juden verbietet, am Osterfest etwas Todtes §u berühren, beschuldigt man sie doch fälschlich, daß sie am Osterfeste das Herz eines getödteten Knaben genießen. Auch legt man, wenn irgend ein Todter gefunden wird, ihnen boshafterweise dessen Ermordung zur Last. Infolge solcher und anderer Erdichtungen wird gegen sie gewüthet, man beraubt sie ihrer Güter, ohne Anklage, o h n e G e st ä n dn i ß, ohne Beweis, so daß sie unter der Herrschaft

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