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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4ö Dr. BIvch's Wochenschrift. Seite 731 - Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die Nedeblüthen Bielohlawek's. — Dom Meineid. — Rohling. — Auch ein Aberglauben. — Vereinfachte Justiz. — Das Derhör im Eisenbahncoupö. — Jüdische Gewölbefeuer. — Begrabene Millionen.) Die Abendausgabe des Verganiblattes vom letzten Dienstag reproducirte einen Artikel der Berliner „Staatsbürgerzeitung" über den Ritualmord und eilten Bericht über eine in Berlin abgehaltene Antisemitenversammlung. Die Staatsanwaltschaft hat dies's Abendblatt confiscirt, und es ist deshalb ans preßgesetzlichen Gründen nicht möglich, auf den Inhalt desselben näher einzugehen. Man kann sich aber eine beiläufige Vorstellung davon machen, wenn man daran denkt, daß die famose Rede, die Herr Bielohlawek, diese Carricatur eines Reichsrathsabgeordneten, im Musikvereinssaale gehalten hat, im Wortlaute veröffentlicht werden durfte, ohne daß die betreffende Nummer der Beschlagnahme verfiel. Herr Bielohlawek schilderte die Juden als eine Race, deren Solidarität eine eminente Gefahr für die Allgemeinheit bildet. Es seien, sagte er, unwiderlegliche Beweise für einen gemeingefährlichen Fanatismus dieser Race vorhanden, vor welcher die übrige Menschheit geschützt werden müsse. Der Mantel der christlichen Nächstenliebe sei von dem Zudecken jüdischer Schaudthalen schon ganz fadenscheinig. Es handle sich darum, sagte Herr Bielohlawek weiter, ob der Beweis dafür, daß es fanatische Juden gibt, welche Christenblut zu rituellen oder anderen Zwecken sich versbaffen, erbracht ist oder nicht. Die Antwort, obwohl sie auf Aller Lippen hängt, könne er nicht aussprrchen. Alle Juden seien bereit, selbst bei dem entsetzlichsten Verbrechen der Gerechtigkeit in die Arme zu fallen, wenn es sich um Glaubensgenossen handelt. Der Jude sei der Erbfeind aller Nationen, den alle gemeinsam bekämpfen. „Seit Jahrtausenden haben die arischen Völker sich gegen das Judenthum gewehrt, immer und immer wieder gelang es der unheimlichen Solidarität dieser Race, den Sieg davonzutragen. Wenn aber die christliche Bevölkerung jetzt stark bleibt, so stehen wir vor einem Wendepunkte der Geschichte! Das Blut von Polna, es schreit zum H immel! Das Judenthum hat sich nicht begnügt, uns in wirthschaftlicher Weise das Blut zu erpressen! Hunderttausende von ehrlichen, tüchtigen Existenzen wurden dnrch die jüdischen Praktiken in das Proletariat gestürzt, Moral und Sitte wurden corrumpirt, an allen Orten setzt uns der Jude den Fuß auf den Nacken. Das Vermögen des Judenthums hat sich in erschreckender Weise vermehrt; aber das Alles genügt ihnen nicht, es scheint jetzt, sie wollen auch noch unser frisches Lebe ns b lut! (Minutenlanger tosender Beifall.) Jetzt ist das Maßvoll! Wir rufen nicht nach Vertilgung, wir predigen keinen Mord an den Inden! O nein! Aber Eines verlangen wir, die Juden, die eine so exclusive Race bilden, müssen .unter ein Separatgesetz gestellt werden. Eine Race, welche Diebe, Berräther und Mörder in Schutz nimmt, kann nicht als gleichberechtigt anerkannt werden. Aber wenn es auch den jüdischen Millionen gelungen ist, den Verbrecher Dreyfus aus den Armen der französischen Justiz zu befreien, den Juden Hilsner werden sie nicht frei bekommen. Eher sollen alle Juden auf die Teufelsinsel kommen!" (Brausender, minutenlanger, stets auf's Neue sich wiederholender, frenetischer Beifall. Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.)" Das Alles konnte man in dem nicht confiscirten „Deutscheck Volksblatt" lesen, und wir beklagen uns auch nicht im Geringsten darüber, daß es nicht confiscirt worden ist. Wenn der Herr Staatsanwalt findet, daß das Alles noch keine Aufreizung zu Feindseligkeiten, noch keine Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Confession darstellt, so hat er vielleicht in Betracht gezogen, daß Herr Bielohlawek nicht ernst genommen werden darf, und daß diesen, Manne der Milderungsgrund einer vernachlässigten Erziehung zu statten komn,t. Der Herr Staatsanwalt vergißt dabei allerdings, daß der größte Theil der Leser des „Deutschen Volksblattes" auf einem eben so tiefen geistigen Niveau steht, wie Herr Bielohlawek, und daß sie die größten Dummheiten glauben, wenn sie ihnen hinlänglich oft wiederholt werden. Es ist also nicht unbedenklich, die Dummheit als Strafausschließungsgrund zu statuiren. Wenn also 'Alles das, was wir aus dem Speech Bielohlawek's citiren, zu sagen erlaubt ist, so wird man daraus auf den Charakter jener Berliner Artikel und Reden schließen können, deren Veröffentlichung hier die Preßbehörve strafbar findet. Dessenungeachtet bedauern wir, nicht wenigstens die saftigsten Stellen aus denselben citiren zu dürfen; sie würden zeigen, mit welchen Mitteln die Antisemiten kämpfen. Das Eine ist vielleicht zu erwähnen gestattet, daß als Gewährsmann für die Blutbeschuldigung noch immer der meineidige Professor Rohling citirt wird und der von ihm erfundene Rabbi Moldauer. Mit diesem Rabbi Moldauer hat es nämlich das folgende heitere Bewandtniß. In Rumänien erschien seinerzeit eine anonyme Schmähschrift gegen die Juden. Rohling besprach dieses unbedingt von einem Nichtjuden herrührende Pamphlet als die Schrift eines „moldauischen Rabbiners" oder eines „Rabbiners aus der Moldau", und wandelte schließlich diese mystische Gestalt in einen Rabbi Moldauer um, der thatsächlich niemals existirt hat. Das ist alles im Processe Rohling-Bloch gerichtlich erwiesen worden. Dieser von Rohling erzeugte rabbinische Homuncnlus ist auf diese Weise in jene schmutzige Literatur übergegangen, zu deren Koryphäen Rohling, Brimanus, Paulus Meyer, Pfarrer Deckert und ähnliche Ehrenmänner zählen, und bildet einen ebenso kräftigen Beweis für den Ritualmord, wie der ebenfalls immer wieder angeführte Proceß in Xanten, bei welchem bekanntlich der Angeklagte freigesprochen wurde, und zwar nicht blos, weil seine Schuld unbewiesen blieb, sondern weil im Gegentheil, wie der Staatsanwalt ausdrücklich erklärte, seine Unschuld bewiesen wurde. Trotzdem bleibt natürlich der Knabenmord in Xanten noch immer ein von dem freigesprochenen Schächter verübtes Ritualverbrechen und wird es für alle Zeiten bleiben, so lange es antisemitische Fälscher und so lange es abergläubige Menschen gibt, die den Ernst Vergant für einen Ehrenmann halten. * -i- * Die zwei Juden, die Leopold Hilsner als seine Mitschuldigen bezeichnete, befinden sich in Haft. Sie sollen ihr Alibi nachgewiesen und Hilsner soll mittlerweile sein Geständniß widerrufen haben mit der Angabe, er habe in seiner Todesangst, weil ihm ein Zellengenosse einredete, es werde schon der Galgen für ihn errichtet, falsche Angaben gemacht, um sein Leben zn retten. Ob diese Meldungen richtig sind, oder nicht, wird sich Herausstellen, und weder das Schicksal des verurtheilten Hilsner noch das seiner eventuellen Mitschuldigen hätte für das Judenthum irgendwelche allgemeine Bedeutung, wenn das Verbrechen im Bcezinawalde nicht zur Judenhetze und zur Verleumdung ihrer Religion sructificirt worden wäre. Charakteristisch aber ist, daß von dem Augenblicke an, wo diese angeblichen Mitschuldigen dem Gerichte eingeliefert wurden, die Verhafteten bei den Antisemiten auch schon als die „jüdischen Mordgesellen" galten, deren Schuld überhaupt nicht erst geprüft zu werden braucht. Nach antisemitischen Begriffen arbeitet die österreichische Justiz überhaupt mit einem veralteten, viel zu complicirten Apparat, mit einem Gerichtshof, Geschworenen, Zeugen, Staatsanwalt und Vertheidigern. Wozu das? Zu einem Proceß gegen einen Juden braucht man nur zwei Dinge: Den Juden und den Galgen. Jnsolange freilich diese wünschenswerthe Vereinfachung und Verwohlfeilung des strafgerichtlichen Verfahrens gegen Juden gesetzlich nicht eingeführt ist — und das ist ebenfalls eine Folge der vom „Deutschen Volksblatt" bekämpften Pultdeckel-Politik — ist es vielleicht doch zweckmäßig, die Justiz von antisemitischen Kundgebungen frei zu halten. Ein reizendes Genrebild sind die vom „Deutschen Volksblatt" mit Behagen geschilderten Scenen bei der Einlieferung der „jüdischen Mörder." Hunderte von Menschen lauerten ihnen auf, riefen ihnen Drohungen und Verwünschungen zu. Mau leuchtete den Delinquenten mit Zündhölzchen ins Gesicht, um ihre Mörderphysiognomien genau zu sehen und als sie endlich der Gefahr, gelyncht zu werden, dadurch entgingen, daß sie hinter der Pforte des Zuchthauses verschwanden, da äußerte die vor dem Gefängnisse angesammelte „Volksseele" laut ihre Befriedigung darüber, daß der Mörder die verdiente Strafe harrt. In welchen Worten diese laute Befriedigung Ausdruck fand, können wir uns denken, und für die Verhafteten, falls sie wirklich ihr Alibi nachgewiesen haben sollten, wird die ausgestandene Angst immer eine angenehme Erinnerung sein. Eine alte Anekvote erzählt von einem Reisenden, der sich in einer öden Gegend verirrt hat und plötzlich einen Galgen sieht. Hocherfreut rief er aus: „Gott sei dank, ich bin in einem civilisirten Lande!" Damit sollen die verhafteten Juden, falls sie

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