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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-10-06 · 40 (6.10.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
40 (6.10.1899)
Date
1899-10-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 730 Nr. .40 Vr. Bloch's Wochk».schrlfL beachteuswertheu ^Anregung aus unserem Leserkreise Folge gebend, schlagen wir Hiemil die Einberufung eines österreichischen Judentages vor, welcher über die Lage d er Iud en in Oesterreich und über die geeigneten Mittel berathen soll, um der bürgerlichen und politischen Rechtsunsicherheit der österreichischen Juden vorzubeugen. Wir halten den österreichisch-israelitischen G e m e i u d e b u n d für competent, diesen ö st e rreichischen Juden tag einzuberufeusiund der Gemeindebund wird dadurch nicht nur seine Wichtigkeit und Existenzberechtigung erweisen, sondern sich agch den Dank der Juden in der ganzen Welt erwerben. Zeigen wir, daß wir die uns täglich und stündlich zugefügte Schmach, die unablässige Verfolgung unserer Glaubensgenossen, die boshafte Schädigung unserer Existenz, die Herabwürdigung unserer Religion und die Besudelung unserer Ehre nicht länger zu dulden gewillt sind. Eine Million österreichischer Juden soll durch ihre Delegirten auf dem österreichischen Judeutage laut und feierlich Protest erheben gegen die unwürdigen, mit der Cultur und mit der Menschlichkeit unvereinbaren Vorgänge, deren Schauplatz Oesterreich geworden ist^ Die Kennzeichen der jüdischen Rare. Von Dr. M. L. Ster n. Noch einmal feffelt das in Frankreich zum schmählichen Abschlüsse gelangte Schauspiel unser geistiges Auge und fordert unsere Betrachtung heraus. „Konnte ich wissen", sprach der ehemalige Kriegsminister Mercier, „daß sich eine ganze Race mit Kapitän Dreyfus solidarisch erklären werde?" Damit aber hat es seine guten Wege. Mehr als andere gerechte Menschen aller anderen Racen haben sich ja die Juden mit der großen Generalstabsastaire doch nicht beschäftigt. Die Juden standen nur hier wie überall in der Reihe derer, die für Recht, Wahrheit und Gerechtigkeit kämpften. Eine andere Frage jedoch mußte dem General Mercier viel näher liegen: Ist es billig, daß eine ganze Welt böswilliger Feinde und ein großer einflußreicher Theil der Clericalen alle Juden für solidarisch mit dem Kapitän Dreyfus oder dem recht fraglichen Mörder Hilsner aus Polna in Böhmen erklären? Da hier wie dort die Antisemiten so leidenschaftlich in der Sache austreten, so ist offenbar die Judenfrage in beiden Fällen gewaltsam herbeigezogen. Diese uns aufgezwungene Solidarität bedeutet für uns zwar eine große Gefahr, aber für den Fall Dreyfus können wir sie heute schon unbedenklich acceptiren und im Falle Hilsner kann es uns wenigstens, wie immer auch die Geschichte abschließeu dürste, zur großen Genugthuung gereichen, daß wir außer Solidarität mit der Race eines Doctor B a x a und jener Gruppe sind, welche in seinem Gefolge einherläust. Dreyfus ist und bleibt doch Jude, so viele moralische Schwächen ihm auch nachgewiesen sein worden mögen, so schwach auch die Banden sein dürsten, die ihn noch mit der sittlich so hoch stehenden jüdischen Religion verbinden. Dreyfus verräth sich als Jude durch die unverfälschten Kennzeichen seiner Race, die um so augenfälliger hervorstechen, als die Kehrseite derselben bei seinen Gegnern und bei den Ausbeutern der Polnaer Mordgeschichte zur Folie dienen. Ein Wort war es vorzüglich und ist es immer noch, welches während der vier Jahre der Dreyfusaffaire wie ein ergreifender Weheruf die Welt durchtönt, ein großes echt jüdisches Wort! Das Wort „Ehre!" Ich muß die Qual der Deportation standhaft ertragen, sprach der Jude, ich kann mir nicht den Tod geben, ich muß auch die unverdiente Schmach der öffentlichen Degradation über mich ergehen laffen, ich muß dem drohenden Wahnsinne auf der Teufelsinsel ins Angesicht schauen, ich muß die doppelten Ketten, die Pallisaden, die meiner Sehnsucht den Anblick' des Meeres entziehen, ertragen, denn meine Unschuld muß noch an den Tag kommen, die Ehre meiner Kinder muß gerettet werden. Und so tönt dieses Wort fort und fort, es bleibt sein ewiger Jammerruf die schrecklichen vier Jahre hindurch in allen Briefen, in allen Bittgesuchen an den Präsidenten, an den Kriegsminister, an den Generalstabschef! Meine Ehre, meiner Kinder Ehre, ein Wort, für welches die grausamen Machthaber, die Antifemsten allesammt, absolut kein Verständniß zu haben scheinen. Welches ist das unverkennbare Zeichen der jüdischen Race? Lehrt schon der warmherzige, feinfühlende Talmud: Bajschanim! Nachanim! Gomle Ehaffadim! Schamhaftigkeit! Barmherzigkeit! Menschlichkeit! „Wer frech und schamlos ist, kein Ehrgefühl im Leibe hat, der stammt nimmermehr von den Vätern Abraham, Jsak und Jacob her, dessen Väter standen sicher nicht am Berge Sinai, als die große Lehre der Menschlichkeit daselbst verkündet wurde." Und in der That beruht der ganze moralische Gehalt und der ganze consessionclle Bestand der Juden doch nur auf solchem Schamgefühle. Der Jude bleibt ja immer Mensch und als solcher wie jeder Andere allen sittlichen Gebrechen unterworfen, aber es ist schon das Aeußerste, daß er auch jedes Ehrgefühl verliert. Selbst der schlechteste Jude hat sobald das „sich schämen" noch nicht verlernt. Hilsner wird als ein sittlich ganz verwahrlostes Geschöpf geschildert, aber selbst dieser fand bei der Gerichtsverhandlung noch das stolze Wort: „Wenn ein Jude auch das Schlechteste anstellt, einen Mord begeht er nicht." Und sein „Geständniß" nach der modernen Galgentortur, das künstlich in Scene gesetzt wurde, als gerade der große Lärm aller Verständigen über das absolut unverständliche Verdict der Kuttenberger Geschworncn begann - welcher Anständige wagt es noch davon zu sprechen? General Mercier dagegen ist wahrlich kein Jude. Kein Funken von Ehrgefühl hat ihn, der nicht zu richten berufen war, abgehalten, den Richtern zu Rennes statt Thatsachen anzuführen, das Urtheil förmlich zu dictiren. Die Erde hat sich vor Schmach und Scham nicht zu seinen Füßen aufgethan, als er das Bekenntnis; ablegen mußte, er habe durch geheime Unterbreitung gefälschter Documente das Urtheil des ersten Gerichtes beeinflußt, er brach nicht vernichtet zusammen, als ihm die falsche Zeugenaussage unter Eid öffentlich nachgewiesen wurde. Desgleichen Oberst Maurel, Roget, Zurlinden, die 5 Richter, Carrier und mit diesen Esterhazy im Bunde, sind Alle keine Juden mit den Kennzeichen des Erbarmens, des Ehrgefühles und der Schamhaftigkeit. In Polna und Kuttenberg wird eine nicht mehr zu beschämende Scandalgeschichte in aller Oeffentlichkeit aufgeführt. Wer sind da die Juden? Alle Diejenigen, die sich nicht schämen, vom „Deutschen Volksblatt" und von Dr. Baxa, dem Kuttenberger Geistesheroen, sich ein Licht aufstecken zu laffen über ein verrostetes Märchen, das schon im Mittelalter schmählich eingesargt, von den Päpsten, von der Wissenschaft geächtet wurde, sind es wahrlich nicht. Ein Lump ist Jeder, wäre es auch ein Machthaber noch so hoch im Range, wer uns oder sich selbst überreden will, daß er noch an dieses Märchen glaubt. Denn so blöd sein, wirklich daran zu glauben und doch in der Welt etwas mitreden wollen, das selbst ist schon eine Lumperei. Es zeigt durchaus nicht von Schamgefühl auf Grundlage des Märchens als Thatsache ein Urtheil zu schöpfen und dann von dem Urtheile selbst wieder auf die Thatsache zurückzuschließen. Das ist kein Proteron hüsteron mehr, das ist ein Proteron hüsteron und hüsteron Proteron zugleich. Doch Diejenigen, die während der ganzen peinlichen Untersllchungszeit und während der aufregenden Gerichtsverhandlung im Vertrauen auf eine österreichische Rechtssprechung stille, bescheiden und ehrenhaft beiseite standen, die schweigend fast ohne Klage die Brutalitäten eines aufgehetzten Pöbels erduldeten, stch's gefallen ließen, daß ihnen Buben beim Vorübergehen das Schneiden am Halse mit der Hand nachahmend zeigten, die wie von Wölfen angefallene Lämmer traurig ihre ihnen lieb gewesene Heimat fliehen mußten, und die erst dann empört aufschreien, da dieser Dr. Baxa sich erdreistete, ihren altehrwürdigen Glauben, ihre reine Humanitätslehre, ihre erhabene Religion der Sittlichkeit und ihre ergreifend schöne Gotteslehre zu beschimpfen — das sind die Juden mit deni charakteristischen Kennzeichen ihrer Race! Run wir werden sehen, wie sich die Regierung aller dieser protestirenden jüdischen Gemeinden, die alle im vollen Nimbus der Ehrenhaftigkeit und Ehrbarkeit, des Patriotismus für das Vaterland und der gepriesensten Loyalität für den Landesvater dastehen, herzhaft annehmen werde. Wir werden sehen, ob in Oesterreich ungestraft in dem einen verkommenen Hilsner die vornehmsten jüdischen Künstler, die ruhmreichsten Gelehrten, Tausende der rechtschaffensten Handwerker, Tausende der segensreichsten Industriellen, gute Schriftsteller, Aerzte, Doctoren, Handeltreibende, hohe jüdische Beamte, tapfere Soldaten, Säulen des österreichischen Wohlstandes und Ruhmes beschimpft und geächtet werden dürfen. Aber auch der Reichsrath ist wieder in Sicht und die Gemeinde der Ehrenmänner ist auch außerhalb des Judenthumes Gott sei dank durchaus nicht so klein, als es die mehr lauten als zahlreichen Lumpen vermuthen, und sie werden nicht' versäumen, durch unermüdliche Interpellationen den Ministern den Empörungsruf so lauge in die Ohren zu rufen, bis diese Stellung zu nehmen sich schließlich veranlaßt fühlen. Nicht die Gefahr der Verjudung, wie die Antisemiten heulen, droht uns am Ende des 19. Jahrhunderts, sondern die Gefahr der Entjudung, das ist die Erniedrigung der jüdischen und christlichen Religion zugleich, die ja beide eines Ursprunges, beide auf Ehrbarkeit gegründet sind. Rom ist ja eben schon im „Offervatore Romano" für unsere und seine Ehre eingeschritten.

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