Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 40 (6.10.1899)
- Date
- 1899-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ Centrslorgan Kr die gefammken Interessen des Iudenthums. Wien, 6. Ortober 1899. ■ Ml - Erscheint joden Freitag. Brief-Adresse: Wien» II.. Untere Augartenstraße 1 a. Telegramm-Adresse: Vloch'Z Wochenschrift, Wien. Inhalt. Leitartikel: Ein Oesterreichischer Judentag. — Die Kennzeichen der jüdischen Race. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die Missionäre über die Blutlüge. Ein bestialischer Mord. Der Mädchenmord in Polna. Zur Blutliige. Herrn Dr. W. Bacher, Professor am Rabbiner-Seminar in Budapest. — Gespräche über Antisemitismus. — Eine Episode aus dem Leben Graf Ludwig Batthyanyi's, zu dessen fünfzigsten Todestage am 6. October. — Ripley über die Anthropologie der Juden. — Rabbiner Dr. Julius Fürst. — Correspond enzen: Wien. Wiener-Neustadt, Prag, .Kolin, Lemberg, Krakau, Berlin, London. — Vermischtes: Wien, Baden, Krems, Innsbruck, Mährisch-Weißkirchen, Neutitschein, Prag, Tarnow, Budapest, Wagstadt, Gr.-Becskerek. — Feuilleton: Tour und Retour. — Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. V. ft. Postsparrasten-Nmr Clearingverkehr j Ar. 810.976. | Kcdaction und Administration: Wien TI., Untere Vunnrtcuocr. 1a. Telephon - Nr. 14.847 &===========* — -* vrrugsprris für Srstrrrrich- Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzeleremplare 25 kr. lür’a Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. « - -- - - ~ ■ ■ -M Jahrgang HI Ein Oesterreichischer Judentag. Die Lage der Juden in Oesterreich erfüllt unsere Glaubensgenossen mit Kummer und Besorgniß. Daß die bürgerliche Gleichberechtigung, welche durch das Staatsgrundgesetz den Juden gewährleistet sein sollte, im praktischen Leben tagtäglich verletzt und mit Füßen getreten wird, daran haben wir uns bereits gewöhnt, und wir haben es leider bereits gelernt, diesen Gegensatz zwischen Gesetz und Wirklichkeit mit Resignation zu ertragen. Unseren Feinden genügt aber die Zurücksetzung ihrer jüdischen Mitbürger nicht, sie sind längst bereits zur positiven Verfolgung übergegangen, und unter den Augen der Behörde betreibt der Antisemitismus eine gegen die Rechtssicherheit, gegen die Ehre und gegen die Existenz der Juden gerichtete verbrecherische Agitation. Die Polnaer Affaire und die nichtswürdige Hetze, zu welcher dieselbe ausgebeutet wird, hat den Charakter und die Ziele der antisemitischen Bewegung wieder klar gezeigt. Mit allen Mitteln der wissentlichen Verleumdung, mit der Verbreitung des Aberglaubens, soll dahin gewirkt werden, daß die Bevölkerung von Furcht und Abscheu vor den Juden erfüllt werde. Im Gerichtssaale durfte ein antisemitischer Agitator, ohne paß er deshalb auch nur zur Ordnung gerufen worden wäre, die Juden als eine Gemeinschaft von Menschen hinstellen, die den Christenmord als eine fromme Hand'ung betrachten und durch welche das Leben jedes einzelnen Christen stündlich bedroht erscheine. Diese Meinung wird durch Wort und Schrift im Volke verbreitet, und das Gesetz, welches die Beleidigung einer anerkannten Confession und die Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen einzelnen Classen der Bevölkerung unter Strafe stellt, wird nicht gehandhabt. In öffentlichen Versammlungen und in der antisemitischen Presse wi d in der zügellosesten und aufreizendsten Sprache das Judenthum als eine Gefahr für das Volk geschildert, vor welcher man sich schützen müsse. Die Juden insgesammt werden als Verbrecher und Beschützer des Verbrechens hingestellt, als Mädchenhändler und als Verführer, als Diehe und als Betrüger, als Fälscher, Brandstifter und Mörder. Die Aufforderung, die Juden wirthschaftlich zu boycottiren, wird immer stürmischer erhoben, obgleich der oberste Gerichtshof eine solche Agitation als unsittlich und verbrecherisch gebrandmarkt hat. Die antisemitische Verfolgung, bisher auf wirthschaftlichem und politischem Gebiete wirksam, greift sogar auf das Gebiet der Rechtspflege hinüber und bedroht die Unabhängigkeit und Unbefangenheit der Justiz. Die Verhetzung hat einen derartigen Umfang angenommen, daß in einem Theile der christlichen Bevölkerung tatsächlich ein intensiver Haß gegen dir Juden hervorgerufen wurde, daß die empörendsten gegen die gesammte Judenschaft gerichteten Verleumdungen Glauben finden, und die Vorgänge in Pilsen, wo plötzlich wie auf Verabredung Tausende von Menschen gegen die Juden und vor dem jüdischen Tempel demonstrirten, sind symptomatisch für die Stimmung, die namentlich in Böhmen erzeugt wurde, und welche für die Zukunft das Schlimmste befürchten läßt. Es ist ein unerträglicher Zustand, daß Bürger eines Rechtsstaates schutzlos jedem Angriff auf ihre Ehre und ihre Religion vreisgegeben sind, und daß sie immer von Neuem beunruhigt und verfolgt werden dürfen. An die Juden tritt die gebieterische Pflicht heran, gegen die Fortdauer und die weitere Entwicklung dieser unerträglichen Zustände solidarisch vorzugehen. Aus dem Kreise unserer Leser sind der „Oesterreichischen Wochenschrift" zahlreiche Zuschriften zugekommen, in welchen den Besorgnissen über die weitere Gestaltung der Verhältnisse Ausdruck gegeben wird. Wenn es bereits dahin gekommen ist, daß wegen eines Verbrechens, das einem einzelnen Juden zur Last gelegt wird, Hunderte unbescholtener Familien an den Bettelstab gebracht werden, weil sie inmitten einer aufgehetzten fanatisirten Bevölkerung nicht ihr tägliches Brod verdienen können, weil sie sich ihres Lebens nicht sicher fühlen und ihre langjährigen Wohnsitze verlassen müssen, dann wäre es unverantwortlich von der österreichischen Judenschaft, diese Ereignisse zu unterschätzen und der Zukunft mit fatalistischem Gleichmuth entgegenzusehen. Einer höchst