Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021317--09218-3033637- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9tr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Se»te 727 Synagoge wieder einzunehmen. Mein Einschreiten wäre unchristlich, unklug und unqualificirbar. Ich kann Ihnen zu meinem lebhaften Bedauern nicht helfen, aber rathen, die Sache nicht allzu tragisch zu nehmen. Bei Euch Inden gibt es ja einen Rückweg, um den wir Euch beneiden : die Scheidung, Der Schritt Ihres Schwiegersohnes gibt ja Anlaß genug, die Ehe zu lösen, oder die drohende Lösung der Ehe kann ihn zur Umkehr bestimmen. Diese ist zwar nicht Fair und würde ihn unmöglich machen, bleibt ihm aber unverwehrt. Schließlich kann Herr Dr. Berger auch aus dem Justizdienste austreten, ohne verhungern zu müssen. Er kann Advocat werden, er kann die Landwirthschast betreiben oder irgendwo hingehen, um von schwiegerväterlicher Gnade als Rentier zu leben. Mehr kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen, als ein herzliches Lebewohl." Vor dem Justizpalast wartete Jacob Wiener der Rückkehr seines Bruders; er erkannte in seiner Miene, daß er keinen besonderen Erfolg hatte. „Nun?" frug er. „Mehr als einen Rath konnte ich nicht erwarten und nach seiner Ansicht gibt es hier zwei Wege, entweder Rückkehr und Austritt aus der Beamtenlaufbahn oder Scheidung der beiden Gatten. Ich werde eine bei ihm, das zweite bei ihr versuchen. Du wirst mir doch beistehen, den Menschen zu bezwingen oder meine Tochter zu bestimmen, ein Band zu zerschneiden, das nicht länger bestehen darf?" (Schluß folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von G a b r i c l. (Fortsetzung.) „Sie beurtheilen Jedermann milde", erwiderte der Bürgermeister, „den säbelklirrenden Husareulieutenant, den nichtsnutzigen Judenbuben, nur meinen armen Knaben hassen und verfolgen Sie in unchristlicher Weise. Der kleine Saujude darf weder ohne noch durch irgend eine Veranlassung meinen Sohn ins Gesicht schlagen, sonst wird's ihm trotz Ihrer versteckten Drohungen gegen mich übler ergehen, als es ihm und Ihnen, Hoch- Würden, lieb wäre!" „Ich muß Sie dringendst auffordern", erwiderte der Pfarrer, in dem sich trotz aller natürlichen Milde und durch langjährigen Bestrebungen angeeigneter Ruhe, doch der gerechte Zorn zu regen begann, „sich solcher gemeiner, pöbelhafter Ausdrücke wie „Saujud" nicht nur in meiner Gegenwart, sondern überhaupt zu entschlagen. Ich bin zu dieser Ermahnung als Ihr Seelenbirte berechtigt, mehr als das, geradezu verpflichtet. — Doch da Sie nicht zu wissen scheinen, in welcher Weise Ihr nichtsnutziger Range zu dem tüchtigen, aber wohlverdienten Hiebe kam, will ich Ihnen diese für Sie wichtige Mittheilung nicht vorenthalten. Der junge Graf Andrassy hatte von seinem Großvater mütterlicherseits, dem Grafen Lankronowsky, einen Viererzug herrlicher, ganz kleiner, polnischer Pferde zum Geschenke erhalten. Der junge Graf fährt heute früh wie alltäglich durch die Stadt, und läßt seinen Wagen unter der Obhut seines Leibheiducken Janos vor dem Hause des Regimentscommandanten, dem er einen Besuch abstattet, stehen. Das prächtige Gespann besitzt für alle Welt, namentlich aber für jüngere Leute nnd Kinder eine große Anziehungskraft, und bald sind die Pferdchen und Janos, der sein Pfeifchen schmauchend, bei diesen steht, von einem großen Kreise umringt. Die lammfrommen Pferdchen lassen sich von Jedermann streicheln, empfangen auch von Einem oder dem Andern ein Stückchen Zucker, das sie mit Behagen kauen. Plötzlich kömmt nun auch Ihr Lorenz des Weges hergeschlendert, bleibt bei dem Wagen stehen, drängt die Andern, namentlich die kleinern Kinder weg und macht sich um Janos, der sich eben mit Stahl und Stein Feuer schlägt, zu schaffen. Ihr Lorenz ist kaum eine Minute anwesend, als sich, wie durch Zauberer, plötzlich die friedliche Scene ändert. Das Handpferd, das bisher ruhig wie ein Lämmchen dagestanden, geberdet sich plötzlich wie rasend, schlägt aus, beschädigt das andere Pferd. Der junge Graf, der mit den Töchtern oes Obristen am Fenster steht, eilt herunter, um nachzusehen, was seinem Lieblingspferde geschehen sei, und auch der Curschmied der Escadron, derizufällig am Ringe steht, betheiligt sich an der Untersuchung, welche mit Hilfe einiger handfesten Handwerksgesellen, welche das Pferd am Zügel und an den Fesseln halten, vorgenommen wird und es stellt sich heraus, daß Ihr grausamer Bube dem Pferde ein Stück brennenden Züudschwammes unter den Schweif gesteckt hat." „Konnte mau beweisen, daß Lorenz der Thäter war?" „Abgesehen davon, daß es in der ganzen Stadt keinen Menschen gibt, der so grausam ist, ein Thier in solcher Weise zu quälen, einem Menschen muthwilliger Weise einen so großen Schaden zuzufügen, verrieth er sich schon dadurch, daß er der Einzige war, der, während alle Umstehenden das arme Pferd bedauerten, in ein unbändiges schallenves Gelächter ausgebrochen war, und ..." „Das beweist gar nichts!" schrie der Bürgermeister. „Als Janos Ihren Lorenz etwas näher untersuchte, fand er, daß er noch ein Stück brennenden Schwamm in der Hand hielt, das Lorenz ihm geschickt weggeschnippt hatte, und daß er offenbar auch dem andern Pferde unter den Schweif schieben wollte. Der junge Graf gerieth in Zorn, entriß ihrem Lorenz die Reitpeitsche, versetzte ihm einige wohlverdiente Hiebe, von denen ihn einer zufällig ins Gesicht traf, warf ihm die Reitpeitsche vor die Füße und ließ den Taugenichts dann laufen. Ich billige diese Art von Selbsthilfe nicht, aber sie ist bei einem jungen, feurigen, schwer gereizten Menschen zu entschuldigen und Sie, Herr Bürgermeister, können herzlich froh sein, daß der heißblütige Ungar Ihren Sohn uud Sie so leichten Kaufes aus dem abscheulichen Handel ließ. Sie sind für Ihren Sohn verantwortlich und der Lieutenant hätte mit großen Ersatzansprüchen an Sie herantreten können. Das herrliche Pferd kann durch die grausame Büberei Ihres Sohnes zu Grunde gehen, auch das Nebenpferd wurde beschädigt, die Wagendeichsel wurde gebrochen. Sie hätten eine sehr erkleckliche Summe zu zahlen gehabt. Und noch Eins, wenn Gras Andrassy daraus bestanden wäre, hätte Ihr Sohn mit einer ziemlichen Zahl von Ruthenstreichen gezüchtigt oder gar einige Zeit in eine Corcectionshaus gesteckt werden müssen. Sie hätten dies nicht zu verhindern vermocht; Sie sind wohl Bürgermeister, aber die Familie Andrassy ist bei Kaiser Josef sehr beliebt, und mit dem Hof- und Staatskanzler, Fürsten Kaunitz, verwandt und befreundet. — Als Lorenz zu mir kam, war mir diese häßliche Geschichte noch unbekannt, und ich suchte ihn so gut als möglich zu beruhigen. Dann erst fiel es mir auf. daß er in höchst unpassender Weise mit einer Reitpeitsche gekommen, ich befahl ihm, diese in eine Ecke zu stellen, sich neben Michael zu setzen und diesen nicht beim Unterrichte zu stören." „Aus Allem und Jedem ersehe ich," unterbrach ihn der Bürgermeister erbittert, „daß Sie den Judenknaben meinem Sohn vorziehen und ihn bei den Unterrichtsstunden als nebensächlich behandeln." Der Pfarrer nickte mit dem Kopfe als wolle er sagen: es ist genau so! und fuhr laut fort: „Ich hatte den Unterricht kaum wieder ausgenommen, als ich von Neuem unterbrochen wurde, der alte Wenzel llrzman kam, um sich über Sie, Herr Bürgermeister, zu beschweren . . ." „Seit wann ist es Sitte, daß man den Bürgermeister beim Pfarrer verklagt. Wollen sie hier in W. eine Art von Inquisition etabliren? Hüten sie sich Pfarrer! Der Kaiser Josef, auf den Sie sich bei jedem zweiten Worte berufen, ist hierarchischen Uebergriffen nicht hold!" „Sorgen sie sich nicht um mich," entgegnete der Pfarrer würdevoll. „Das was Sie gegen den Greis ausgeübt, hätte, Sie dürfen es glauben, wenn es zur Kenntniß des Kaisers gelangte, noch weit weniger dessen Beifall erlangt. Der einundachtzigjährige Mann erzählte mir, was ohnehin in der ganzen Stadt bekannt ist, daß Sie, Herrn Bürgermeister, ihn, als zu seinem Amte untauglich, entlassen haben, ohne dem greisen, gebrechlichen Manne nach sechzigjährigem, harten Dienste einen Kreuzer Pension zu gewähren." „Es hat sich in den Acten nichts davon vorgefunden, daß man ihm bei seiner Anstellung eine solche zugesagt hat; ich kann und will die Stadt nicht mit nutzlosen Ausgaben belasten." „Nutzlose Ausgaben!" rief der Pfarrer mit einem verächtlichem Lächeln. „Der alte Mann versuchte es zuerst Ihr Herz durch bewegliche Worte zu rühren, er frug Sie, ob es recht und billig wäre, daß er und sein altes blindes Werb betteln gehen oder verhungern sollten, und als Sie hartnäckig blieben, ihn bitter kränkten, und der alte schwer gereizte Mann Ihnen Vorwürfe machte, ließen Sie den Greis acht Tage in einem dumpfen Loch bei Wasser und Brod sitzen."