Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 726 Dr. Bloch's WochenfchrM. Nr. 39 „Bruder. Du verwirrst meinen Verstand — sprich endlich klar, was ist vorgefallen?" „Wenn es denn sein muß, nun gut," keuchte Jacob, am ganzen Körper bebend. „Heute vor zehn Tagen hat sich Dein Schwiegersohn, der Mann Deiner armen Tochter, um zehn Uhr Vormittags in der hiesigen Cathedrale katholisch taufen lassen." „Allmächtiger Gott! Taufen lassen!" schrie Moritz Wiener entsetzt auf, nach der Lehne eines Sessels greifend, um nicht umsinken zu müffen. Er war aschfahl geworden, seine Haare sträubten sich, seine Knie schlotterten, seine Blicke hafteten stier an seinem Bruder, der, ebenfalls blaß, ihm gegenüberstand und kaum weniger aufgeregt schien als jener. „Getauft! Getauft!" rief Moritz einübers anderemal, das Gesicht mit den Händen bedeckend. „Gütiger Himmel, warum hast du es mir armen Vater gethan!" Er wimmerte unter dem tiefen Seelenschmerz, wie unter einer schmerzhaften Operation. „Weißt Du es gewiß, Bruder?" flüsterte er. „Leider nur zu gewiß, und mit mir ganz Krakau." „Und was hat ihn dazu getrieben?" „Ehrzeig. Er wollte avanciren und da ihm seine Religion ein Hindermß schien, hat er es demolirt. Er wollte einfach ein Geschäft machen; machte aber kein's. Als er mit dem Taufschein des Pfarrers vor dem Ober-Landesgerichtsp. äsidenten erschien, sagte ihm der alte, steife Herr: „Mir thut's sehr leid, daß Sie sich meinetwegen strapazirt haben; ich hätte Ihnen Vorhersagen können, daß ich den Religionswechsel aus egoistischen Zwecken für eine Charakterlosigkeit halte. Welches Vertrauen kann man in einen Menschen setzen, der seine Religion verschachert und seinen Gott verleugnet?" „Recht hat er!" rief Herr Moritz Wiener mit rollenden Augen. „Zehn Mal Recht. Ein im reifen Menschenalter getaufter Jud ist weder Christ noch Jud, und wenn man ihm das Wasser vom Jordan über den Kops leiten würde. Der Glaube kommt nicht durch einen lateinischen Spruch. Es gibt viele getaufte Juden, die in Schrecken und Roth „Schemah Israel" schreien und den Versöhnungstag verstohlen fasten. Es sind zerrissene, mit sich und der Familie überworfene Menschen, ohne moralischen Halt; die Vergangenheit in Scherben, die Gegenwart in Gewisienskämpfen, die Zukunft einsam bis ans Grab. — Alles bleibt zurück, was nah' und theuer war! —-Glaubst Du wohl, daß auch meine Tochter —?" „Ich hoffe nicht, erwiderte der Bruder auf die angstvoll gestellte Frage. Die alte Köchin Lea erzählte mir unter Thränen, daß, als Dein Schwiegersohn nachhause kam und seiner Frau in ganz unvermittelter, schonungsloser Weise mittheilte, daß er im Jntereffe seiner Beamtenlaufbahn zum Christenthum übergetreten, eine so heftige Scene zwischen den beiden Gatten ausbrach, daß Ernestine von Krämpfen befallen wurde, die die arme Frau ttef erschütterten und die Wehen beschleunigten. Sie war bei der Geburt des Kindes in Todesgefahr, die die Aerzte glücklich abwendeten. Die von ihnen dringend gebotene Schonung machte bis jetzt jede weitere Auseinandersetzung unthunlich; so der Sturm vorläufig ausgetobt. Was nun folgen wird, weiß ich nicht. Deine Tochter wird, zwischen der Liebe zu den Eltern und dem Gatten zu stehen, zwischen dem alten Glauben und der neuen Lehre zu wählen haben. Thue, was Du kannst, um sie Dir zu erhalten." Es entstand eine längere Pause; die beiden Brüder sahen einander fragend an, ohne zu sprechen; endlich nahm Moritz Wiener wieder das Wort. „Ich werde Alles thun was halbwegs möglich;" sagte er, „um Beide zu retten oder doch wenigstens mein Kind. Richtig! Weiß der alte Berger von der Katastrophe?" „Was fällt dir ein? Er? Er nähme sich das Leben, wenn er es wüßte? Kennst Du Nathan Berger nicht? Er ist kein Finsterling, aber ein wahrhaft frommer Jude, der nicht für Millionen abweichen und lieber den einzigen Sohn todt als bekehrt wiffeu würde. Willst Du ihn Herkommen lassen?" „Wenn alles Andere fehl schlägt, ja; welchen tiefen Schmerz ich chm auch beretten würde. Er würde es mir auch nicht verzeihen, ihn geschont zu haben. Der erste Weg aber, den ich in meiner Noch mache, ist, mir den Rath eines hochstehenden Mannes zu erbitten, der mir stets wohl wollte. Es ist eben der Ober-Landesgerichtspräsident Wolkowski, der vor etwa zwanzig Jahren als simpler Bezirksrichter von Milinowsce in meinem Hause wohnte und mit uns sehr angenehm und auf dem Fuße der Gleichheit verkehrte, er ist ein liebenswürdiger, vorurtheilsloser, gebildeter Mann. Hätte er gewußt, daß Berger der Mann meiner Tochter ist, er würde gewiß etwas für ihn gethan haben; da er Ernestine als Kind sehr gerne hatte. Ich will ihm die Sache ganz offen auseinandersetzen und seine Ansicht hören." „Wenn er in seiner jetzigen Stellung und nach so langer Zeit Dich nicht längst vergessen hat!" „Wo denkst Du hin? Als vor einigen Jahren sein Bruder, der bei uns Notar war, starb, und der Präsident zum Leichenbegängnisse kam, da besuchte er mich sofort und bat mich, seiner verwitweten Schwägerin beim Verkauf ihres Hauses beizustehen. Ich kann mich ganz ruhig an ihn wenden." „Dann thu's, ich werde Dich in der Vorhalle erwarten." Der Präsident des Oberlandesgerichtes, Geheimrath Ritter von Wolkowski war eine schlanke, aristokratische, etwas steife Figur, mit feinem, intelligenten Gesichtszügen, kleinen, klugen Augen und vornehmem Wesen. Stets im Frack, mit weißer Binde, glatt rasirt und äußerst sauber, machte er deu Eindruck eines höheren englischen Staatsbeamten oder Diplomaten. Als Wiener eintrat, hielt der Präsident noch die Karte in der Hand, die der Saaldiener überreichte und lächelte in freundlichster Weise dem Eintretenden entgegen. „Ah, Sie sind es, lieber Herr Wiener! Da studiere ich eben Ihre Karte ohne zu wissen, ob Sie's sind oder ein Anderer dieses Namens; denn diesen Namen tragen Hunderte Ihrer Religionsgenossen und Ihres Vornamens konnte ich mich nicht gleich entsinnen; es ist auch schon lange her, seit wir uns gesehen. Sie müssen doch zuweilen geschäftlich nach Krakau kommen, lassen sich aber niemals bei Ihrem alten Einwohner sehen. Es muß auch jetzt was besonderes sein, das Sie zu mir führt. Was gibt's also lieber Herr?" „Ein Familienunglück, Excellenz." „Sagt' ich es, daß was Wichtiges Sie zu mir geführt haben müsse?" „Verzeihung, Excellenz, wenn ich den Uebertritt meiner Tochter zum Katholicismus als ein Unglück bezeichne; natürlich nur vom Standpunkte des conservativen Juden. Bei uns wird über einen Abtrünnigen wie um einen Todten geweint und Trauer angelegt. Excellenz kennen meinen Schwiegersohn? Dr. Berger — hier beim Bezirksgericht —" „Der? Der ist Ihr Tochtermann? Nun also, jetzt weiß ich, was Sie drückt." „Der junge Mann hat sich, um vorwärts zu kommen, neulich taufen lassen —." „Jawohl;" bemerkte der Präsident mit einem ironischen Lächeln; „das ist das neue Heilverfahren bei Stellenbewerbungen gegen Durchfall." „Er wäre ja als geborener Katholik auch noch nicht weiter gekommen; seine Qualification ist nicht besonders hervorstechend; aber es ist eigentümlich, jeder akademisch gebildete Jude, der die Taufe nimmt, glaubt sofort den goldenen Kragen erlangen zu müssen, und daß er uns durch seinen Eintritt in unsere Glaubensgemeinschaft besonders beglückt hat." „Aber ich bitte, Excellenz, es war doch nicht nothwendig für meinen Schwiegersohn, den höchsten Einsatz in dieser Hauffespeculation zu wagen; seine Frau ist meine einzige Tochter, seine Stellung somit für ihn keine Existenzfrage und aus bloßem Ehrgeiz seine Ueberzeugung, seine Familie, seine Vergangenheit aufgeben, ist gewissenlos und verwerflich." Der Präsident nickte zustimmend. „Meine Frau," fuhr Wiener fort, „überlebt's kaum, meine Tochter wird's kaum verwinden und ich selbst werde, wenn sie denn doch bei ihrem Manne bleiben will, ein kinderloser Mann sein, der in letzter Stunde sein mühselig erworbenes Vermögen, um es nicht diesem Abtrünnigen zu hinterlassen, in fremde Hände streuen müßte." „Ich würde Ihnen gerne helfen, wenn ich könnte und dürfte, lieber Herr Wiener." „Wer sonst Excellenz?" „Sehen Sie mein Bester, ich für meine Person lege gar keinen Werth auf einen Zuwachs an Convertiten, die aus wohlerwogenen bestimmten Absichten in die christliche Kirche flüchten und aus dem religiösen Bekenntnisse ein Geschäft machen; aber Sie können mir doch nicht zumuthen, einen mir unterstehenden Beamten zu befehlen, von der kaum überschrittenen Schwelle der Kirche umzukehren und seinen alten Sitz in der