Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 728 Dr. Bloch's Wochenfchrifk« Nr. 39 „Der infame Lump war sackgrob gegen mich gewesen", schrie der Bürgermeister, „ich muß dieser Canaille einmal den Herrn zeigen, sonst steigt sie mir noch auf den Kopf". „Und als sein Sohn, der sich, sein Weib und seine fünf Kinder redlich durch die harte Arbeit des Steinklopfens ernährt, für seinen Vater bei Ihnen bat, und er endlich heftig wurde, ließen Sie dem armen aber ehrliebenden Mann 25 Stockschläge appliciren." „Sie sind nicht mein Richter; ich habe nicht die Pflicht mich vor Ihnen zu entschuldigen, aber aus Rücksicht auf Ihren Stand und aus persönlicher Achtung für Sie, Herr Pfarrer, sage ich Ihnen, daß der Steinklopfer Hans Urzmann mich beschimpfte und bedrohte, ich mußte ihn bestrafen, und Sie sollten es noch als eine Güte von mir betrachten, daß ich ihn, weil er seine Familie durch seiner Hände Arbeit ernährt, nicht ins Loch stecken, nur körperlich züchtigen ließ, am zweiten Tage war der Kerl schon wieder bei seiner Arbeit." (Fortsetzung folgt.) Literatur. ,,Doctor Leopold Zunz,, (eine Monographie, hebräisch) von S. P. Rabinowitz. War sch a u, Verlag A ch i a s s a f. Dem Genius unseres Volkes entgeht keine einzige Generation. Die großen Männer, die das Judenthum erhalten, sterben niemals ganz aus. In der tiefsten Erschlaffung seines geistigen Lebens geht immer wenigstens von Einem wieder der Weckruf aus; bei der höchsten Zerstörungswuth an dem Hergebrackiten und Ueberkommencn stellt sich jedesmal mindestens Einer in die Bresche, um zu erhalten und zu retten, was noch möglich ist, und die Schäden auszubessern. Wie bei einer Wage niemals eine Schale sinken kann, ohne daß die andere steigt, so hat der Jndifferentismus Begeisterung geweckt, die Vergessenheit alles jüdischen Wissens zur Wiederbelebung desselben bis auf den letzten Pajut geführt, die größte Charakterlosigkeit die treueste jüdische Gesinnung erzeugt, so ist, mit einem Worte, aus den „Berliner Juden" Leopold Zunz hervorgegangen. Wer kann begreifen die Wunderkraft des Judenthums! Aus dem Geist der Reform in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, der das Heiligste niederriß, die Bibel für Menschenwerk erklärte, das nach Zeit und Umständen gestaltet werden kann, die Tradition ganz verwarf und die Bethätigung des Glaubens auf einen dem protestantischen Cultus nachgeäfften öffentlichen Gottesdienst beschränkte, hat sich Leopold Zunz entwickelt. Ein Kind jener Zeit, Anfangs mit Begeisterung der - Reform zugethan, mit-Holdheim und Geiger ein Trifolium bildend, wurde er, wie Akiba von den dt®'? pcsra NV^>V .später der Erretter des Judenthums vor Verfall, der „Begründer der jüdischen Wissenschaft". Der Verfasser der vorliegenden Monographie ist ein begeisterter Verehrer Zunz' als konservativen. Er greift aus seinen Werken Alles heraus, was von dieser Gesinnung Zeugniß gibt und läßt zumeist ihm selbst das Wort. Er entrollt dem Leser ein Bild von jener Aufklärungsepoche und zeigt, wie in einem Wandelponorama, alle die Personen, die in derselben einen Namen batten, die mitwirkten an der Zerstörung und an der Erhaltung, die Kämpfenden beider Lager, bis endlich das böse Princip das Feld behauptete und über die Verwüstung dann Zunz' Sonne herableuchtet von der Zinne der jüdischen Wissenschaft. Das Buch ist reich an zeit- und culturgeschichtlichen Daten, Von seinen acht Capiteln wollen wir als Beweis dieser seiner Reichhaltigkeit nur den Inhalt eines und zwar gleich des ersten Capitels reglstriren. Dieses erste Capitel enthält: die jüdischen Gemeinden in den deuffchen Ländern vor hundert Jahren; der Wandel im religiösen und gesellschaftlichen Leben innerhalb des ersten Viertels dieses Jahrhunderts, die Jeschibaths von Ezekiel Landau in Prag und P. H. Horwitz (Haflaah) in Frankfurt am Main; der Ucbergang von inniger Religiösität zum Jndifferentismus; die Ursachen dieses Wechsels; die politischen und gesellschaftlichen Zustände der Juden in Deutschland zur Zeit der französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege; David Friedländer und die Generation der Schule Mendelsohn's; die Uebertritte zum Christenthum; die Jugend Zunz'; der Zustand der damaligen Schulen; die Lage der Juden Deutschlands, speciell Preußens nach dem Frieden und unter der „Heiligen Allianz"; die ersten Tempel mit „geregeltem" Gottesdienste in Westphalen und Berlin; Zunz als Prediger in dem Berliner Tempel und als Freund im Hause Henriette Herz'. Ebenso und auch noch reichhaltiger an wissenswertstem geschichtlichen Stoffe sind die anderen sieben Capitel. Die Darstellung zeichnet sich durch treffliche Anordnung des Materials, durch Eleganz des Styls und Feinheit des Ausdruckes im Neuhebräischen aus. Das Buch ist allerdings in erster Linie für die Juden des Ostens geschrieben, die noch in Zunz nur den „Berliner" sehen und ihn nun von einer besseren Seite kennen lernen sollen; allein es ist auch für jeden hebräischkundigen „Europäer" eine genußreiche Lectüre und eine Zierde jeder Bücherei, denn der renommirte Verlag „Achiassaf" hat sein Bestes in der typographischen Ausstattung desselben geleistet, der das wohlgetroffene Bild Zunz' die Krone aufsetzt. Briefkasten. N. Cb. Die meisten Ihrer Bemerkungen sind zutreffend, eignen sich aber nicht zur Veröffentlichung. N. W. in S. Die.Degradirnng besteht vorläufig zu Recht und nur die Ceremonie wurde dem Verurteilten nachgesehen. Erst die Rehabilitirung, an welcher nicht zu zweifeln ist, wird auch diese Folge des ungerechten Urtheils beseitigen. A. L—g. Das Blatt des Herrn K. H. Wolf hat da an Blödsinn mit dem Verganiblattc concurrirt. Es brachst einen blutrünstigen Artikel, der entschieden den „Ritualmord" als eine historisch feststehende Thatsache hinstellte. M. N. Die antisemitische Meute lügt bewußt. B u s ch h o f f, der in der Xantener „Ritualmordaffaire" als Angeklagter erschien, wurde nicht wegen „mangelnder Beweise" freigesprochen, sondern wie der Erste Staatsanwalt ausdrücklich betonte, weil seine Unschuld klar und unzweifelhaft erwiesen war. M. N. Die Arbeit ehrt nach talmudischer Auffassung den Menschen am höchsten. Die Palästinenser bezeichneten die Arbeit als das Salz des Reichthnms, welches alles Gut vor Verwesung schützt. A. B—r. Sie fragen uns, warum Dr. Lueger, wenn er ein so überzeugter Gegner des Nitualmord-Märchens ist, dieser seiner Ansicht nicht in der ihm ergebenen Presse Ausdruck verleiht. Sie fragen sehr naiv. Das wäre ja höchst ehrenhaft und anständig gehandelt. V. 9t—g. Sie dürfen ruhig annehmen, daß Pfarrer D e ck e r t, der so sehr für die mittelalterliche Tortur schwärmt, unter deren Nachhilfe sich eventuell auch als den Mitschuldigen Hilsner's bekennen würde. A.. W. Kein Geringerer als Fürst Bismarck sagte einst: „Es ist kein Ausdruck mehr mißbraucht worden, als das Wort Volk. Jeder hat das darunter v rstanden, was gerade in seinen Kram paßte, gewöhnlich einen beliebigen Hansen von Individuen, die es ihm gelungen war, für seine Ansicht zu gewinnen." I. W. Professor Strack citirt aus Lombroso's Buch „Der Verbrecher" zahlreiche ähnliche Fälle, darunter auch folgenden: „Zwei Schwestern . aus Lrianoon, die eine 45, die andere 47 Jahre alt, waren reich und hatten kein anderes Geschäft als den Kirchenbesuch. Eines Morgens meldete die ältere Schwester der jüngeren, Gott wäre ihr ihm Traume erschienen und hätte verlangt, daß sie zum Zeichen der Liebe für ihn sich opfern möge. Die andere findet das ganz recht, willigt darin ein, sich Gott zum Opfer zu bringen, läßt sich mit einem Rasirmesser Hände und Füße abschneiden und stirbt. . . . Ihre Schwester sammelt das Blut als Reliquien, schmückt den Leichnam sorgfältig, und geht sodann zum Notar, dem sie ihren Traum und den Schwestermord vorträgt und ein Testament hinterlegt, wonach alle ihre Werthpapiere verbrannt werden sollen." A. N. Ganz richtig bemerkt. Ein witziger Franzose sagte Aehnliches: „Wer zu oft den Hut vor dem Pöbel zieht, stellt seinen Kopf einem gefährlichen Tyrannen blos." Miles. Ein Neffe der berühmten Philantropin Elise Herz, geb. Lämel, der k. k. Oberlieutenant Jerusalem Edler von S a l e m s f e l d, hat sich durch eine muthige Waffenthat im Jahre 1859 besonders ausgezeichnet. H. S. in T. Sch. Se. Majestät der Kaiser ist kein Fachmann in theologischen Fragen. Wir bitten um Entschuldigung. K. in L. Der Vorschlag, an den Papst sich zu wenden, wurde vor Jahren von einem Magdeburger Rabbiner angeregt, von der gesammten öffentlichen Meinung des Judenthums mit Recht abgewiesen. Dr. K. in Jungb. Ueberholt durch die Ereignisse. E. Morawetz in Patzau. Das dürfte kaum irgend einen Erfolg erzielen. Wir ersuchen unsere geschätzten tAbonnenfen um rechtzeitige Sinsendung der laufenden tAbonnemenfsgebühr, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. %ur Cinsendung der Beträge wolle man die beigetegfen Post-Checks benützen. Die ^Administration. Herausgeber: Dr. Josef S. Bloch. — Verantwortlicher Redacteur: Robert Wolf. — Druck von Beck & Sohn. Wien. VITl.