Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021317--09214-3033633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 39 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 723 zeugung vvn der Unschuld des Dreyfus gekommen ist und welche Schritte er gethan hat, um die öffentliche Anerkennung dieser Unschuld zu erzielen, das hat er in Rennes einem Collegen, dem Pariser Berichterstatter der „Jndöp. beige", Jean-Bernard ausführlich erzählt: Wie ich dazu gekommen bin, Dreyfus für unschuldig zu halten? Auf die einfachste Weise von der Welt. Sie wissen, daß ich Israelit bin, wenigstens der Geburt nach. Ich habe mich viel mit semitischen Studien beschäftigt und habe eine große Zahl jener Ritual-Processe geprüft, die gegen die Juden angestrengt worden sind und die alle mehr oder weniger den Haß, die Lügen und Fälschungen aufweisen, denen wir im gegenwärtigen Processe begegnen. Sie erinnern sich, daß die Antisemiten eine Hetze gegen die Juden in der Armee betreiben. Man bedurfte eine Sanction der Hetze, und diesem Zwecke diente der Proceß Dreyfus. Sobald ich die Verhaftung des Dreyfus erfuhr, stellte ich als Psycholog zu meiner persönlichen Information eiue Untersuchung an; ich erforschte die Lage der Familie, ihr Vermögen, ihren Ruf u. s. w., und bemerkte sofort, daß das Motiv zu dem Verbrechen mangle. Ich brauche Sie nicht an den alten Rechtsspruch zu erinnern, den Bertulus kürzlich auf der Zeugenbank erwähnt hat: „Wo kein Motiv ist, da ist auch kein Verbrechen." Ncw-Borker Kanzelredner über Dreyfus Verurtheilung. New-Aork, 11. September 1899. Die Verurtheilung des Hauptmannes Dreyfus durch das Kriegsgericht in Rennes hatten gestern verschiedene englische Kanzelredner zum Thema ihrer Predigten erkoren, unter ibnen auch Rev. Madison C. Peters von der Bloomingdale Kirche an Broadway und 68. Str. Zu seinem Text hatte der Geistliche gewählt Jesaia 59, 14 und 15: „Darum ist auch das Recht zurückgewichen und Gerechtigkeit ist ferne getreten; denn die Wahrheit fällt auf der Gaffe und Recht kann nicht einhergehen; und die Wahrheit ist dahin; und wer vom Bösen weicht, der muß Jedermann's Raub sein. Solches stehet der Herr, und gefällt ihm übel, daß kein R-cht ist." Den Proceß des Artillerie-Hauptmanns charakterisirte der Pfarrer einleitend als eine Travestie der Gerechtigkeit und eine Vergewaltigung der Humanität, und fuhr dann fort: „Aber Gott ist gerecht, die Rache ist sein und eines Tages wird er Frankreich zwischen den Mühlsteinen seines Zornes zermalmen. Friedrich der Große schon hätte erklärt, daß die Unterdrückung der Juden noch nie einem Lande irgendwelchen Nutzen gebracht." „Frankreich ladet die Nationen der Welt zur Beschickung seiner Welt-Ausstellung ein und diejenigen, welche Gerechtigkeit lieben, ja, die Juden allein, bleiben sie ihrer Ueberzeugung getreu, können diese Ausstellung in ein Fiasko verwandeln. Als bei Ausbruch des spanisch-amerikanischen Krieges wir Frankreich für seine Sympathie mit Spanien damit straften, daß wir uns weigerten, seine Producte zu kaufen, da wechselte das Volk, bei der ihm eigenen Flatterhaftigteit, gar rasch seine Stellung. Ein erfreuliches Zeichen der Zeit ist", fuhr der Geistliche fort, „daß die Humanität der Welt Frankreich zwang, Dreyfus einen zweiten Proceß zu geben. Das Weltgewissen, wenn von einem solchen gesprochen werden kann, verlangt, daß alle Menschen billig behandelt werden und das große Interesse, welches dem Proceß von allen Seiten entgegengebracht wurde, zeigt, daß die Gerechtigkeit noch nie zuvor ihrer selbstwegen so geliebt wurde, wie gerade jetzt. Die Juden von Frankreich haben trotz der erbarmungslosen, teuflischen Verfolgung, welcher sie beständig ausgesetzt waren, sich ebenso um die Fahnen des Kaiserreiches, wie um die der Republik geschaart, wann immer das Vaterland in Gefahr war. Massena, dessen richtiger Name Manasse war, einer von Napoleon's Marschällen, war ein Jude und wurde von ihm „Das Kind des Erfolges" genannt. Dreyfus war zum Generalstab abcommandirt, weil er auf der Kriegsschule außerordentliche Fähigkeiten an den Tag legte. Er war der erste Jude, dem diese Ehre zu Theil wurde, aber nicht der erste jüdische Officier — der französischen Armee. Im Jahre 1892 dienten 300 jüdisch Officiere in der französischen Armee und von den jüdischen Generälen waren zu nennen: See, Brisac, Lambert, Alsares, Abraham und Fribourg. Rev. Dr. W. S. Crowe ließ sich über das gleiche Thema in der „Church of the Eternal Hope" wie folgt aus: „Es ist schrecklich. Ich kann nicht begreifen, wie ein solches Urtheil möglich war. Ich persönlich halte Dreyfus für unschuldig; es ist indeß möglich, daß Beweismaterial vorhanden. . das nie bis in unser Land gedrungen. Es ist indeß begreiflich, daß, nachdem Jemand von Generälen verurtheilt, derselbe von einer Anzahl von Capitänen auf keine Freisprechung zu rechnen hat. Wir in diesem Lande haben immer mehr von den Massen als von den Classen gehalten. Wir haben Stellung genommen für die russischen Bauern dem Adel gegenüber, für die Irländer gegen die englische Regierung und jetzt für Dreyfus gegen die französischen Generäle." In Anwesenheit des bekannten Evangelisten Moody und einer Anzahl Repräsentanten der Congregationalisten-Kirche von Großbritannien fand gestern Abend in der Plymouth-Kirche zu Brooklyn eine Versammlung statt, die sich zu einer Kundgebung für den des Verrathes an seinem Baterlande schuldig befundenen Capitän Dreyfus gestaltete. Die erwähnten englischen Geistlichen weilen in Amerika, um dem internationalen Concil ihrer Secte in Boston beizuwohnen. Nachdem Rev. Moody in einigen einleitenden Worten den Dreyfus als den Märtyrer seiner Race hingestellt hatte, verlas Rev. G. W. Cowper Smith Namens seiner englischen Collegen eine Erklärung, worin er seinem Schmerz und Erstaunen über die Rechtsbeugung Ausdruck gab und den Wunsch aussprach, die französische Nation möge der Entscheidung des Kriegsgerichtes seine Zustimmung versagen. Diese Erklärung war von sämmtlichen Collegen unterschrieben. Ihm folgte Rev. Porter von der Plymouth-Kirche mit einer ähnlichen Resolution, die er zur Annahme empfahl. Auch in seinen Worten dominirte das Staunen über die neuerliche Verurtheilung des jüdischen Officiers und auch er wünschte, eine höhere Autorität möge das Urtheil umstoßeu. Chicago. Die Nachricht von Dreyfus' Verurtheilung gefiel nicht I. B. Wright von der F. B. Wright Eisenfabriksgesellschaft. Nachdem er die Neuigkeit in der Abendzeitung gelesen hatte, fuhr er nach der Niederlage des S. V. Farwell & Co., wo er eine Anzahl Männer beschäftigt hatte, Eisenconstructionen anzustreichen. Zwei dieser Leute, Andrew Rontell und Louis Perier, welche hoch oben auf einer Leiter arbeiteten, schrien Gonspuez Dreyfus und Yive 1’Armee. Gelegentlich wechselten sie ihr Programm und sangen die Marseillaise. „Gleich kommet herunter von Oben", schrie der Chef, oder ich werde Euch conspueziren ..." die Männer kamen herunter. „Entfernt Euch von hier augenblicklich" schrie Herr Wright im aufgeregten Ton. „Ich werde nie mehr Leute anstellen, die einer Nation angehören, die die Juden so behandeln, wie Frankreich es thut. Ihr seid fertig mit mir. Von heute werde ich Chinesen, Irländer, Philipiner oder Hottentotten anstellen, irgend eine Race nur keinen Franzosen. Keinen mehr von Ihnen. So ein Mann bin ich." Herr Wright ging dann zu Ogden, Sheldon Hos Waarenhaus, wo eine andere Anzahl Leute an der Arbeit waren und entließ Mat La Crost und Louis Arnold, Franzosen, welche in seinem Dienste waren. Einer von ihnen war ein wenig langsam, den Platz zu verlassen und es half ihm die große Zehe seines Chefs Schuhsohle. Leopold Arnold und M. Dolquist, zwei weitere Franzosen, welche für die Firma arbeiteten, waren ebenfalls beschäftigungslos, sobald Herr Wright sie ausfinden konnte. „Ich werde nie wieder einen Franzosen anstellen. Ich werde den Juden so viel Arbeit als möglich geben. Die Franzosen sind eine Gesellschaft von Vampyre. Dieses Land ist kein Ort für sie." So schrie Herr Wright, als er seinen Zweck ausgeführt hatte. Liverpool. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird unsere Stadt, die zweitgrößte des Reiches Großbritannien, im nächsten Jahre einen jüdischen Bürgermeister haben. Die conservative Majorität des Gemeinderath es hat die Candidatur zum Lord Mayor Mr. Louis S. Cohen angeboteu und dieser den Antrag angenomrnen. Seine Wahl ist fast sicher.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.